| Luitpold-Gymnasium München Leistungskurs Kunsterziehung |
Frühstück im
Atelier Eduard Manet (1832-1883) 1868, Größe 118,3 x 154 m, Öl auf Leinwand, Neue Pinakothek, München von Alev Lenz, Jahrgangsstufe 12 |
| Das Bild gibt mir das Gefühl, einer in Gedanken erstarrten Situation beizuwohnen. Als Betrachter fühlt man in seinen Gedanken ebenso isoliert, wie die dargestellten Personen, deren Beisammensein so charakterisiert ist, daß jeder für sich ist, seinen Gedanken nachhängt. Regt einen das Bild dadurch vielleicht zum Nachdenken über sich selbst an, indem es keinen Einbezug in die Gedanken der anderen Personen bietet? Läßt diese Isolierung, diese „Uneinbezogenheit“ Freiraum zur Selbstreflektion oder fühlt sich der Betrachter einfach nur allein, vielleicht sogar beleidigt und wendet sich vom Bild ab? Ich, für meine Person, bleibe an diesem Bild hängen und lasse mich, gerade weil die an mir vorbeigehenden Blicke nicht unbedingt einladend wirken, von der melancholischen Stimmung forttragen. |
Manet malte dieses Bild
im Jahre 1868. Er nannte es „Le déjeuner dans l’atelier“. Das Bild ist,
wovon der Titel eher ablenkt, wohl ein Portrait des unehelichen Sohnes der
Pianistin Suzanne Leenhoff, Lèon Koella-Leenhoff, dessen Vater Manet
wahrscheinlich selber war. Zu sehen sind drei Personen, von denen ein
junger Dandy, Lèon, die Hauptfigur abgibt. Halb sitzt er, halb lehnt er an
der vorderen Tischkante. Alles andere ist ihm zu- und untergeordnet. Wie
zum Beispiel die beiden anderen Personen, ein
Zigarrenrauchernder Herr und eine Bedienstete, die beide im Hintergrund
stehen. Ebenfalls im Hintergrund, aber relativ auffällig im Gegensatz zu
dem Herrn und der Frau, befinden sich ein bunter, mit Vögeln verzierter
Blumentopf, sowie eine Fenstertür und eine Landkarte, die eher mit dem
Hintergrund verschwimmen. Stuhl und Tisch sind mit zahlreichen
Gegenständen stillebenartig gedeckt. Reste vom eben erst beendeten
Frühstück finden sich rechts auf dem Tisch und ein Ensemble historischer
Waffen, Helm und Säbel befinden sich links auf einem Sessel. Auf diesem
Sessel sitzt aber auch eine leicht zu übersehende, sich putzende Katze.
Nicht nur die Katze ist mit sich selbst beschäftigt, sondern auch die im
Raum befindlichen Personen. Der Herr raucht und bläst in einer stillen
Aktion Rauchwolken in die Luft. Ebenso Aktionsarm erscheint die
Bedienstete, die gerade mit einer Kaffekanne beschäftigt zu sein scheint.
Allen gemeinsam ist ein erstarrter Blick, der irgendwohin in
gedankenversunkene Ferne schweift. |
Die
Bildfläche erhält durch Betonung horizontaler und vertikaler Bildlinien
eine ruhige, statische Wirkung. Ganz deutlich wird diese Konstellation
beim Fensterrahmen und der Landkarte, die parallele Linien und rechte
Winkel zum Tisch ausbilden. Die Körper der drei Personen zerteilen als
vertikale Achsen die querformatige Bildfläche. Diese relativ strenge
Architektur reflektiert Ausgewogenheit, Ruhe und Richtigkeit der
Situation. Zahlreiche gebogene und runde Formen kontrastieren die
rechtwinklige Ordnung: der in der linken Bildecke lehnende Säbel, der
Helm, der Arm der Bediensteten und die Katze, die wirklich fast kreisrund
ist sowie die Köpfe und der große Topf für den Gummibaum. Ein exemplarisch wirkendes Bildelement für die von Manet offenbar
gewünschte Balance, aber auch Spannung der Komposition findet sich auf dem
Frühstückstisch. Das Messer als gerades, flaches, auch rechteckiges
Element steht im Gegensatz zur sich unmittelbar daneben befindenden
Zitrone, die durch ihre spiralenförmig aufgeschnittene Schale eine perfekt
Rundheit beschreibt. |
Die Ausrichtung des Gewehrs
und des Messers im Vordergrund des Raumes zielen beide nach hinten in den
Bildraum. Der Hintergrund enthält glatte, waagerechte und senkrechte
Linien, keine Form und Richtung suchenden Linien, den Stamm des
Gummibaumes, die Fensterbalken (quer und senkrecht ) und den Rahmen der
Landkarte an der Wand. Dadurch wirkt der Hintergrund geregelt und
aufgeräumt, fast langweilig. Der Vordergrund
bietet jedoch eine Verdichtung von Material und (Aus-)Richtungen. Das
Messer, das als Messer natürlich scharf ist, und das Gewehr, das ebenfalls
Bedrohung oder Gefahr ausstrahlt, bilden eine gewisse Spannung in Richtung
des Jungen. Die Raumillusion erreicht Manet damit, daß die im Hintergrund stehenden Dinge und Personen verschwimmen, wie beim fotografischen Effekt der begrenzten Schärfentiefe. Somit bildet er eine Distanz zwischen den Personen aus. Das Gesicht des Jungen steht im Vordergrund und ist detailiert und sehr gut zu erkennen. Die Personen sind hintereinander aufgereiht und bilden etwas kulissenhaftes auf engem Raum. Es wirkt alles wie ein Bühnenbild für den monumental, fast in Bildmitte aufgestellten Jungen. Ein Horizont, oder Linien die zu einem Fluchtpunkt führen, sind in diesem Bild von keinem geometrischen Gegenstand beschrieben. Der Blick kann sich
Linien suchen, Linien die in den Raum hineinführen. Angefangen bei dem
Jungen, weiterführend über die Bedienstete und den alten Mann zum
Blumentopf. Abschließend zur Wand. Linien die der Größe und Raumordnung
der Dinge folgen. So verhält es sich mit dem Horizont. Er bildet sich kurz
unterhalb der Augen des Jungen und der Bediensteten, ist aber nicht
eindeutig festzustellen. Diese Augen liegen auf gleicher Höhe, da sie aber
über den Betrachter hinwegblicken macht man den Horizont, somit den
Standpunkt des Betrachters und seine Augenhöhe, unmittelbar unter den
Augen fest. Eine wichtige Rolle spielen eben diese Blicke und Augen
bezüglich des Betrachters. Da kein Augenkontakt zu den frontal auf den
Betrachter orientierten Personen im Bild besteht, fühlt sich der
Betrachter etwas verloren. Sein Blick kann sich nirgends festhalten. Er
verläuft möglicherweise von den hellen Punkten des Bildes über das Gesicht
des Jungen, das Gesicht der Bediensteten, den Blumentopf, die Tischdecke,
die Hand des Mannes hinweg zu den dunklen Flächen die man genauer
betrachten muß; doch bietet keiner dieser Punkte halt. Nichts nimmt
direkten Bezug zum Betrachter auf. Der Blick des Jungen schweift über ihn
hinweg, wodurch zusätzlich noch ein leicht arroganter Touch entsteht. Die
Bedienstete scheint uns anzusehen, doch verliert sich ihr Blick ebenfalls.
Zwar in Richtung des Betrachters, aber auf den Jungen gerichtet, durch ihn
hindurchblickend. In einer ebenso melancholischen Weise wie auch der Junge
durch seine scheinbare Arroganz beschrieben ist. Der Raucher sieht nicht
einmal in unsere Richtung. Sein Blick verliert sich entlang des
Zigarrenrauches zum linken Bildrand hin. Ersichtlich ist nun daß nichts
Bezug auf den Betrachter nimmt, daß nicht einmal die Personen im Bild
zueinander Bezug aufnehmen. Ihre Blicke sind nachdenklich verloren. Sie
stehen für sich allein und lassen somit auch den Betrachter
allein. Diese melancholische, ruhige, erstarrte Stimmung wird zusätzlich von der Katze betont. Sie wendet sich von uns ab und ihrem Hinterteil zu. Ihr Putzen macht uns, durch das Wissen, daß Katzen sich nur bei Ruhe putzen, erneut auf den nachdenklichen ruhigen Stillstand des Bildes aufmerksam. Der Betrachter allerdings ist von dieser Situation distanziert, ja gar ausgeschlossen, und fühlt sich verloren. |
Diese Eindrücke werden
nicht nur durch die Anordnung der Personen und ihrer melancholischen
nachdenklichen Blicke, sondern auch durch die Wahl der Farben unterstützt.
In der Mitte stellt der Junge einen schwarzen Farbklecks dar. Er bildet
den dunklen Hauptton im Bild. Die hellen Stellen, der Frühstückstisch, die
Hand des Mannes, das Gesicht des Jungen, das Gesicht der Bediensteten und
der Blumentopf, eventuell noch der Knauf des Gewehres, bilden, wie schon
erwähnt, erste Augenfänger für den Betrachter und akzentuieren durch ihr
optisches Hervortreten auch die eigentliche dunkle Farbwahl. Man könnte
sagen; die Ausnahme bestätigt die Regel. Die Wahl der Farbe hebt aber auch
den Jungen als Hauptthema hervor. Bei ihm sind die stärksten und reinsten
Farben gewählt und er ist am detailliertesten durch diese Farben
formuliert. Die Farben sind auch in den Bereichen Hell/Dunkel am
„unvermischtesten“ ( siehe verschwommene Farben und Farbübergänge bei der
Bediensteten ), bilden somit den stärksten Kontrast aus und ziehen große
Aufmerksamkeit auf sich. Die Farben vermischen sich eben nicht, wie sie es
bei den im Hintergrund stehenden Dingen und Personen
tun, um deren Hintergründigkeit zu betonen. Manet ist beim Malen und
Gestalten des Jungen sehr fein und sehr genau vorgegangen.
Die nachdenkliche, melancholische, gedämpfte Stimmung der Personen spiegelt sich in der Farbwahl wieder. Vor allem durch den dunklen Raumabschluss ( Wand ). Es entsteht durch diese Farbwahl eine gedämpfte Stimmung, aber auch eine Ruhe, die nicht nur über dunklen Ton erklärbar ist, sondern durchaus auch physisch zu begründen: Dunkle Töne tun dem Auge nicht weh, reizen es nicht. Man kann sie lange anschauen. Die hellen Akzente, die Licht von der rechten Seite her beschreiben, wirken etwas auffrischend in dieser melancholisch gedämpften Stimmung. Auch lenkt die Farbwahl den Blick des Betrachters in den Raum hinein, von der Lichtquelle her bis zum abschließenden Blumentopf. Dieser trägt erneut bei zur Auffrischung des Ganzen. Man könnte annehmen, daß er, als festes Dingsymbol sozusagen, die normal Situation beschreibt (das normale Leben, eine Pflanze verkörpert ja irgendwo auch das Leben), die, den bunten Farben nach zu urteilen, eher fröhlich ist, und läßt diese erstarrte Situation als Ausnahme erscheinen. |
| Auf dem Bild sind drei
Personen zu erkennen. Die Hauptperson ist, wie schon erkannt, der Junge.
Er ist der typische Dandy. Er verbindet Eleganz und Lässigkeit durch seine
Haltung genauso wie durch schicke, aber lockere Kleidung. Er ist, so nimmt
man an, der uneheliche Sohn Manets, den er schon des öfteren gezeichnet
und germalt hat. Die weiteren Personen sind in den Hintergrund gerückt und
damit eher unwichtig. Die Bedienstete ist eben nur eine Bedienstete die in
Gedanken verloren ist. Allerdings könnte man ihr auch eine etwas
wichtigere Rolle zusprechen, die durch die Katze im Bild unterstützt wird.
Die Katze, die das mystische und geheimnissvolle in der Frau
repräsentiert, könnte einen auf die Idee bringen, daß dem männlichen
Übergewicht im Bild ein weibliches Gegengewicht kontrastiert werden
sollte. Der Raucher hingegen unterstützt durch seine Ruhe und sein nachdenkliches Rauchen, die Stimmung im Bild. Er bläßt den Rauch in den Raum hinein, wie es alle drei mit ihren Gedanken zu tun scheinen. Als Modell ist zunächst der Malerkollege Monet gesessen, später dann der Maler Auguste Rouselin. Durch die identifizierbaren Personen erhält das Bild auch eine biografische Dimension. Alle drei stehen, sitzen und lehnen in erstarrter, aber nicht ungemütlich scheinender Position und strahlen nachdenkliche Ruhe aus.Selbst die Katze, die zwar in putzender Bewegung ist, strahlt das aus. Katzen putzen sich nur, wenn es ruhig
ist und sie sich wohl fühlen. Der ungewöhnlich bunte Blumentopf verdient
Beachtung. Er hellt das Bild auf und läßt auf einen normalerweise
lebhaften Alltag schließen. Außerdem finden wir noch ein für ein
Frühstückszimmer ungewöhnlich drapiertes Waffenstillleben. Die Spannung
die hier von ausgeht wurde schon beschrieben, ebenso die
Kullissenhaftigkeit, Theatralik der ganzen Situation. Man könnte es hier
noch in Verbindung bringen mit dem Charakter des Hausherren. Es ist ein
Versatzstück für militärsche Ordnung, eventuell Erziehung, da die Waffen
wie Requisiten für den Jungen wirken. Historisch orientiert. Auch könnte
das Gewehr zur Jagd dienen, was in Frankreich ein bürgerliches Recht ist.
Natürlich bietet nicht nur das Waffenstillleben Rückschlüsse auf einen
gut Bürgerlichen, wohlhabenden Familienstand. Der junge Dandy, wie schon
erwähnt, eine gehaltene Bedienstete und das üppige Frühstück. Austern mit
Zitrone, Kaffee und ein scheinbar alkoholisches Getränk stehen für guten
Geschmack und französischem Gourmetverhalten gehobenen
Standes. |
| Alles in allem zeigen uns
diese Bildgegenstände in ihrem Zusammenwirken durch Farbe und in ihrer
Anordnung einen scheinbar geregelten, ordentlichen und geschmackvollen
Haushalt, in dem für einen Moment -den meiner Meinung nach Manet perfekt
zum Ausdruck gebracht hat- der Zwang zur stilvollen Repräsentation, wie
man ihn halt so empfindet als gut bürgerlicher Franzose, umgewandelt wird
in einen kurzen melancholischen Moment, der zur Besinnung und zur
Konzentrarion auf sich, nach Innen, führt. Die Außenwelt gerät für einen
Moment in Vergessenheit. Genau das passiert auch, wie am Anfang gemutmaßt, mit dem Betrachter. |
| Literatur:
Manet bis Van Gogh, Hugo von Tschudi und der Kampf um die Moderne; Herrausgegeben von Johann Georg Prinz von Hohenzollern und Peter- Klaus Schuster; Prestelverlag, Katalog zur Austellung 1996-1997. |