Barock (Kunst und Architektur)
|
1 |
|
EINLEITUNG |
Barock (Kunst und Architektur), (wahrscheinlich aus
dem portugiesischen barucca abgeleitet, als eine Juweliersbezeichnung
für unregelmäßig geformte Perlen) Stilrichtung der bildenden Kunst und
Architektur in Europa und den spanischen bzw. portugiesischen Kolonien im
Lateinamerika des 17. Jahrhunderts. Die Ausläufer sind bis gegen Mitte des
18. Jahrhunderts zu beobachten. Die letzte Periode wird aufgrund ihrer
anmutigen, verspielteren Ausprägung als Rokoko davon abgegrenzt. Erst im
19. Jahrhundert begann sich der Terminus auch als Epochenbezeichnung
durchzusetzen. Siehe Barock (Literatur)
Ausgehend von Italien kam der
Barockstil als Ausdrucksmittel eines gegenreformatorischen und absolutistischen
Repräsentationsbedürfnisses von katholischer Kirche und Feudaladel besonders in
den katholischen Ländern Europas zur vollen Entfaltung, während er in den
nordeuropäischen Ländern in Form eines barocken Klassizismus eine eigenständige
Ausprägung erfuhr. Im Zuge der Missionsbestrebungen des Jesuitenordens gelangte
er bis nach Lateinamerika, wo mit Salvador de Bahia in Brasilien eine ganze
Barockstadt entstand.
|
2 |
|
FRÜHBAROCK |
Der Barock hatte seine Wurzeln
in der italienischen Kunst der Hochrenaissance vor allem in der Stadt Rom im
ausgehenden 16. Jahrhundert. Der Wunsch nach mehr Klarheit und
Vereinfachung beflügelte zahlreiche Künstler, sich gegen den Manierismus mit
seinen antiklassischen Verzerrungen, Asymmetrien, Bizarrerien und grellen
Farben zu wenden. Annibale Carracci und Michelangelo Merisi, genannt
Caravaggio, waren die beiden führenden Vertreter der Malerei des Frühbarock.
Caravaggios Kunst stand besonders unter dem Einfluss von Michelangelo und der
Hochrenaissance. Seine Bilder zeigen Personen aus dem Volksleben, aber auch
heroische und einfühlsame Darstellungen religiöser und mythologischer Themen.
Die Schule, die sich um die Brüder Carracci bildete, kehrte zu Prinzipien der
Hochrenaissance – zu Klassizität und Monumentalität – zurück. Dieser auf
antiken Formprinzipien aufbauenden Richtung gesellte sich in Rom um 1630 der
Hochbarock hinzu, der im Allgemeinen als der charakteristischste der
Barockstile angesehen wird und sich durch überschäumendes Pathos, Theatralik
und ungezügelte Bewegung auszeichnet.
|
3 |
|
ITALIENISCHER BAROCK |
In Italien ist der Barock
in Malerei, Skulptur und Architektur eine Antwort auf den Manierismus, die
programmatisch 1563 auf dem Tridentiner Konzil formuliert wurde: Ziel der Kunst
sei es, durch Einfachheit den Glauben zu lehren und zu pflegen.
|
3.1 |
|
Italienische Barockmalerei |
Zu den einflussreichen Künstlern,
die sich an eine systematische Reform des manieristischen Stiles machten,
gehörten die Brüder Annibale und Agostino Carracci sowie ihr Vetter Lodovico
Carracci. Annibale hatte sich bereits in Bologna durch seine Fresken einen
Namen gemacht, als er 1595 nach Rom kam und beauftragt wurde, das Deckengemälde
(1597-1600) für die Galerie des Palazzo Farnese anzufertigen. Es wurde sein
bedeutendstes Werk und ein Angelpunkt in der Entwicklung des klassischen Stiles
der barocken Malerei. Noch in Bologna waren Guido Reni, Domenico Zampieri,
genannt Domenichino, und Francesco Albani Schüler der Carraccis gewesen, bevor
sie ebenfalls nach Rom gingen. Auch andere Vertreter des klassizistischen
Barock, etwa die französischen Maler Nicolas Poussin und Claude Lorrain, kamen
nach Rom, um dort zu arbeiten.
Caravaggio, dessen in Rom
entstandene Werke wie Die Berufung und das Martyrium des heiligen
Matthäus (1599-1600, San Luigi dei Francesi, Rom) ihn zum führenden Maler
des römischen Naturalismus machten, war der Hauptrivale von Annibale Carracci.
Der Naturalismus breitete sich in den ersten Jahrzehnten des
17. Jahrhunderts durch Werke von Orazio Gentileschi und seiner Tochter
Artemisia, Bartolomeo Manfredi und Caracciolo, genannt Battistello, und später
durch die Arbeiten des französischen Malers Valentin de Boulogne, des
Niederländers Gerrit van Honthorst und des Spaniers Jusepe de Ribera in Italien
aus. Auch wenn der naturalistische Barock nach 1630 in Italien an Bedeutung
verlor, blieb er im übrigen Europa für den Rest des Jahrhunderts tonangebend.
Eine andere bedeutsame Entwicklung
in der Barockmalerei bahnte sich Ende der zwanziger Jahre des
17. Jahrhunderts an. Viele Künstler versuchten durch Lebendigkeit und
Dramatik in ihren Werken die Illusion eines grenzenlosen Raumes zu schaffen.
Zwischen 1625 und 1627 malte Giovanni Lanfranco die Kuppel von Sant’Andrea
della Valle in Rom mit dem Fresko der Himmelfahrt Mariens aus. Obwohl
der Arbeit, einem ersten Meisterwerk des Hochbarock, der Einfluss des
Renaissancemalers Correggio und seiner Kuppelfresken in Parma anzusehen ist,
waren zeitgenössische Betrachter überwältigt von ihrer illusionistischen
Wirkung. Lanfrancos Tätigkeit in Rom (1613-1630) und Neapel (1634-1646) gab
entscheidende Anstöße für die Entwicklung des Illusionismus in Italien.
Auch Pietro Berrettini, genannt
Pietro da Cortona, schuf eine meisterhafte illusionistische Freskenmalerei, wie
man am Deckengemälde (1633-1639) des Gran salone im Palazzo Barberini in
Rom feststellen kann. 1679 freskierte Giovanni Battista Gaulli, auch Baciccia
genannt, das Gewölbe der Kirche Il Gesù in Rom mit der Allegorie des Triumphs
des Namens Christi. Von 1691 bis 1694 arbeitete Andrea Pozzo an der Aufnahme
des heiligen Ignatius im Paradies, einem Deckengemälde in der Kirche
Sant’Ignazio in Rom. Hier zeigt sich der Hochbarock auf dem Gipfel einer
theatermäßigen Inszenierung und Dramatik.
|
3.2 |
|
Italienische Barockskulptur |
Die Gegenströmung zum Manierismus manifestiert
sich im Bereich der italienischen Skulptur erstmals in der Enthauptung der
heiligen Cäcilia (1600, Santa Cecilia in Trastevere, Rom) von Stefano
Maderno. Der Meister der römischen Barockskulptur aber war Gian Lorenzo
Bernini. Seine frühen überlebensgroßen Skulpturgruppen, Pluto raubt
Proserpina (1621-1622) sowie Apollo und Daphne (1622-1624, beide
Villa Borghese, Rom), zeichnen sich durch virtuose Behandlung des Marmors und
eine realistische, dramatische Spannung aus. Die Verzückung der heiligen
Teresa von Avila (1646-1652, Cornaro-Kapelle, Santa Maria della Vittoria,
Rom) zeigt eine pathetische Theatralik, die gleichsam ein Markenzeichen des
Barock ist. Der gewaltige Altarbaldachin (1624-1633) und die Cathedra Petri
(1657-1666) im Petersdom zeugen durch Monumentalität und kostbare Materialien
(Marmor und vergoldete Bronze) von der üppigen Pracht päpstlicher
Repräsentation. Bernini war ein Meister des individuellen Porträts. Seine
Marmorbüsten von Costanza Buonarelli (1635, Bargello, Florenz) und Papst
Innozenz X. (1647, Palazzo Doria-Pamphili, Rom) bezeugen dies. In
dieser Gattung war sein einziger Rivale der Bildhauer Alessandro Algardi.
Berninis Vierströmebrunnen
(1648-1651) auf der Piazza Navona in Rom bildet mit seinen gewaltigen Statuen,
die auf den Gesimsen ein prekäres Gleichgewicht finden, dem Obelisken und den
dramatisch inszenierten Wasserkaskaden einen Blickfang, der seinesgleichen
sucht. Der Brunnen ist einer der wichtigsten Typen des öffentlichen Monumentes
im Barock. Als Architekt baute Bernini die Kolonnaden (1656) des Petersplatzes
in Rom und Sant’Andrea al Quirinale (1658-1670).
|
3.3 |
|
Italienische Barockarchitektur |
Zu den wichtigsten Architekten
des Frühbarock gehört Carlo Maderno, der zwischen 1606 und 1612 die Errichtung
des Langhauses und der Fassade des Petersdomes leitete, mit dessen Vierung
Donato Bramante knapp 100 Jahre vorher begonnen hatte. Neben Bernini
zählen Francesco Borromini und Carlo Rainaldi zu den wichtigsten Vertretern des
italienischen Barock. Gemeinsam entwarfen sie Sant’Agnese (begonnen 1652) an
der Piazza Navona. Die aus- und einschwingende Fassade von Borrominis San Carlo
alle Quattro Fontane (1634-1641) in Rom könnte man wegen ihrer konvex-konkaven
Rhythmik, die den Aufriss des Innenraumes aufnimmt, als Inbegriff der
Barockarchitektur bezeichnen. Im frühen 17. Jahrhundert bauten Francesco
Maria Ricchino in Mailand und Baldassare Longhena in Venedig Kirchen in
Zentralbauweise. Longhenas Santa Maria della Salute (begonnen 1631) zeichnet
sich durch ihr extravagantes Äußeres und ihre exponierte Lage am Eingang des
Canal Grande aus. Guarino Guarini versah die Cappella della Santa Sindone
(Kapelle des Heiligen Grabtuches, 1667-1694) in Turin mit einer hohen Kuppel,
deren ausgeklügelte geometrische Formen auf islamische Vorbilder zurückgehen.
|
4 |
|
SPANISCHER BAROCK |
|
4.1 |
|
Spanische Barockmalerei |
Vincente Carducho aus Florenz trug
dazu bei, in Spanien einen antimanieristischen Malstil im Sinn der
Gegenreformation einzuführen. Juan Sanchez Cotan und Juan van der Hamen waren
Meister des realistischen Still-Lebens. Sie vereinten niederländische Einflüsse
mit Caravaggios Malstil. In Valencia vertrat Francisco Ribalta unter dem
Einfluss Tizians und Jusepe de Riberas einen naturalistischen Barockstil.
Sevilla und Madrid entwickelten sich zu den beiden wichtigsten Zentren des
spanischen Barock. Im frühen 17. Jahrhundert lassen sich typische Merkmale
des Barock bei Werken von Juan de las Roelas, Francisco Pacheco und bei
Francisco de Herrera dem Älteren feststellen.
Francisco de Zurbarán, der sich
1629 in Sevilla niederließ, wurde in seinem Frühwerk von flämischer
Druckgraphik beeinflusst, doch sind seine späteren barocken Kompositionen in
ihrem unmittelbaren und realistischen Zugang zu religiösen Themen tief
bewegend. Zurbarán arbeitete fast ausschließlich für Klöster. Später machte
sich in seinem Werk der ausgleichende Einfluss des Bartolomé Esteban Murillo
bemerkbar.
Schon 1603 wurden in Sevilla
Werke von Caravaggio gezeigt. Ihre Popularität ist zum Teil verantwortlich für
die starken realistischen Tendenzen, die das Werk eines der größten spanischen
Barockmaler charakterisieren: Diego Velázquez y Silva. In Sevilla schuf dieser
Werke wie Die alte Köchin (1618, National Gallery of Scotland,
Edinburgh). 1623 ging er als Porträtmaler Philipps IV. an den Madrider
Hof. Den Höhepunkt seiner Porträts bildet das Werk Las Meninas (1656,
Prado, Madrid), auf dem die königliche Familie mit der Infantin Margarita,
Mitglieder des Hofstaates und der Maler selbst dargestellt sind. Velázquez
schuf auch historische und mythologische Gemälde und arbeitete als Architekt
und Entwerfer von Dekorationen.
Zwei weitere wichtige Künstler der
Generation von Velázquez stammten ebenfalls aus Andalusien: Alonso Cano und
Murillo. Cano (auch Bildhauer und Architekt) wurde bekannt durch seine
naturalistische Wiedergabe nackter Körperpartien, wie bei Christus in der
Vorhölle (vermutlich 1650, County Museum of Art, Los Angeles). Murillo
spezialisierte sich auf sentimentale Genrebilder und Darstellungen der
Unbefleckten Empfängnis. Bedeutendster Künstler des Spätbarock war Juan de
Valdés Leal, dessen zwei Vanitas-Allegorien, für das Hospital de la
Caridad in Sevilla, durch die morbide, realistische Darstellung von Skeletten
und verwesenden Leichen graueneinflößend wirken. Zur letzten Generation
madrilenischer Barockmaler gehören Francisco Rizi, Juan Carreño de Miranda und
Claudio Coello, deren Kompositionen sich am italienischen Hochbarock
orientierten.
|
4.2 |
|
Spanische Barockskulptur |
Die Skulptur des spanischen
Barock ging im Wesentlichen aus der mittelalterlichen Holzbildhauerei hervor.
Realismus und Detailgenauigkeit waren typisch für die spanische Holzskulptur,
die in der Regel vielfarbig gefasst und mit Glasaugen, echtem Haar und Kleidern
versehen wurde. Zu den bedeutenden Werken der spanischen Skulptur zählen
geschnitzte Altaraufsätze von beachtlicher Größe und Figurenreichtum, deren
Schöpfer Bildhauer-Architekten waren. Gregorio Fernández, der zumeist in
Valladolid tätig war, gilt als bedeutendster Bildhauer Zentralspaniens, während
der Süden durch Juan Martínez Montañés und Juan de Mesa aus Sevilla sowie Pedro
de Mena und Alonso Cano aus Granada repräsentiert wird.
|
4.3 |
|
Spanische Barockarchitektur |
Die spanische Architektur des
Frühbarock setzte den strengen Stil des Klosterpalastes von El Escorial
(1563-1582) bei Madrid fort, so im Palast Buen Retiro in Madrid (begonnen 1631,
heute zerstört). Canos Fassade für die Kathedrale von Granada (1667 entworfen)
enthält zwar klassische Elemente, weist aber in ihrem plastischen Dekor bereits
auf das Rokoko hin. Die prachtvollsten Barockbauten finden sich in Andalusien.
Ein typisches Beispiel ist das Hospital de los Venerables Sacerdotes
(1687-1697) nach einem Entwurf von Leonardo de Figueroa. Im übrigen Spanien
dominiert der wild-üppige Dekorationsstil der Architektenfamilie Churriguera,
der besonders in Barcelona, Madrid und Salamanca zu sehen ist.
|
5 |
|
BAROCK IN LATEINAMERIKA |
Im 17. Jahrhundert orientierte
sich die Kunst in der Neuen Welt am Vorbild der Iberischen Halbinsel. Zu den
wichtigsten Zentren im spanischen Teil Amerikas gehörten Mexiko, Guatemala
(besonders die Stadt Antigua) und Peru (Cuzco und Lima). Die brasilianische
Kunst wurde von Portugal bestimmt. In der Malerei waren Caravaggio, Zurbarán
und Murillo besonders einflussreich. In den Bildern der Cuzcoschule verbanden
sich einheimische mit europäischen religiösen Motiven. Skulpturen der indigenen
Bevölkerung bildeten einen wesentlichen Bestandteil der Innenausstattung und
äußeren Gestaltung der mehreren hundert Barockkirchen, die damals in allen
Teilen der spanischen Kolonien im Stil der Churriguera erbaut wurden.
|
6 |
|
DER BAROCK NÖRDLICH DER ALPEN |
|
6.1 |
|
Flämischer Barock |
Der Begriff des „flämischen
Barock” ist weiterhin synonym mit dem Werk Peter Paul Rubens, das in seiner
frühen Phase von so unterschiedlichen italienischen Malern wie Caravaggio, den
Carracci und Michelangelo beeinflusst ist. Deutlich wird dies besonders an
Bildern wie Raub der Töchter des Leukippos (1615-1616, Alte Pinakothek,
München). Rubens und seine Werkstatt schufen religiöse und mythologische
Gemälde, deren Auftraggeber aus ganz Europa kamen. Das Spätwerk des Malers
bildet mit seiner reichen Farbgebung, den dynamischen Kompositionen und den
üppigen Formen des weiblichen Körpers einen Höhepunkt des Barock nördlich der
Alpen. Es manifestiert sich in den 21 monumentalen Leinwandbildern des Zyklus
des Lebens der Maria de’Medici (1621-1625, Louvre, Paris). Rubens’
bedeutendster Schüler war Anthonis van Dyck. Er malte bedeutende Porträts von
Königen und Adeligen, wie das von Karl I. im Jagdrock (1635,
Louvre, Paris).
Jacob Jordaens und Adriaen
Brouwer machten sich besonders mit der Darstellung des Bauerngenres einen
Namen, ein Thema, dem sich auch David Teniers und der Niederländer Adriaen van
Ostade widmeten.
Flämische Barockbildhauer ließen sich
häufig von der italienischen Kunst inspirieren. François Duquesnoy arbeitete
zur gleichen Zeit wie Bernini in Rom und schuf in der Vierung des Petersdomes
die Kolossalstatue des Heiligen Andreas (1633). Auf italienische
Einflüsse und auf Rubens gehen die Skulpturen des Artus Quellinus zurück.
|
6.2 |
|
Niederländischer Barock |
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts
orientierten sich viele Niederländer wie Hendrik Goltzius nach wie vor am
Manierismus. Caravaggios Barockstil wurde in den Niederlanden bekannt, nachdem
einige Künstler, darunter Gerrit van Honthorst und Hendrik Terbrugghen, aus
Italien in ihre Heimat zurückgekehrt waren. Ab etwa 1620 hatte der Naturalismus
in Utrecht Fuß gefasst. Frans Hals schuf zwischen 1620 und 1640 Porträts, die
durch ihre deftige Pinselführung und Ungezwungenheit auffallen. Die
Nachtwache (1642, Rijksmuseum, Amsterdam), eigentlich ein Gildenporträt,
wurde von Rembrandt, dem größten niederländischen Barockmaler, geschaffen. Von
seiner Hand stammen zahlreiche Bildnisse, historische, mythologische und
religiöse Darstellungen und Landschaften von unglaublicher Virtuosität, deren
berühmt gewordene Hell-Dunkel-Effekte Generationen von Künstlern beeinflusst
haben. Unübertroffen war Rembrandt auch als Radierer.
Charakteristisch für die Kunst Jan
Vermeers um die Mitte des 17. Jahrhunderts waren die Schaffung einer
psychologischen Atmosphäre und eine meisterhafte Beherrschung des Lichtes. Die
für ihn typische Art des sorgfältigen Entwurfs und seine subtile Farbgebung
wurden oft nachgeahmt, blieben aber unerreicht. Landschafts- und Tierbilder,
Still-Leben und Architekturdarstellungen wurden nun wichtige Zweige der
niederländischen Barockmalerei.
Bis etwa 1650 herrschte in der
niederländischen Skulptur der Manierismus vor. Flämische Bildhauer machten dann
in den Niederlanden den Barock populär. Zu nennen ist hier Quellinus, der für
die innere und äußere Ausstattung des Amsterdamer Rathauses verantwortlich war.
Baubeginn für das von Jacob van Campen entworfene Gebäude, in dem sich jetzt
der königliche Palast befindet, war 1648. Es zeigt die damals tonangebende
Vorliebe für einen Klassizismus, der durch die im Druck erschienenen Entwürfe
des italienischen Baumeisters Andrea Palladio inspiriert war.
|
6.3 |
|
Englischer Barock |
Die englische Barockmalerei stand
ganz unter dem Einfluss von Rubens und van Dyck, die eine ganze Generation von Porträtmalern
prägten, während die Bildhauerei von italienischen und flämischen Künstlern
angeregt wurde. Der Architekt Inigo Jones studierte die klassizistischen Bauten
des Andrea Palladio in Italien, deren Einfluss man seinem Banqueting House
(1619-1622, London) ansieht, dessen spektakuläres Deckengemälde – die Allegorie
vom Krieg und Frieden (1629) – von Rubens stammt. Der Baumeister Sir
Christopher Wren bereiste Italien. Seine Pläne für die Saint Paul’s Cathedral
(begonnen 1675, London) zeigen, dass er sich mit Bramante, Borromini und
anderen italienischen Architekten auseinander gesetzt hatte. Wren, der für den
Wiederaufbau Londons nach dem Stadtbrand von 1666 verantwortlich war,
beeinflusste in den folgenden 100 Jahren die Entwicklung der Baukunst in England
und den amerikanischen Kolonien wesentlich.
|
6.4 |
|
Französischer Barock |
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts
war die am Manierismus orientierte Schule von Fontainebleau nach wie vor mit
Aufträgen zur Ausstattung des Schlosses beschäftigt. Die Ausschmückung der
Dreifaltigkeitskapelle mit Gemälden (1619) durch Martin Fréminet stand dabei
unter traditionellen Vorzeichen.
Der Manierismus prägt auch das
druckgraphische Werk von Jacques Callot und Jacques Bellange. Die Nachtstücke
von Georges de La Tour mit Kerzenbeleuchtung verweisen dagegen auf Caravaggio.
Die naturalistische Richtung des Barock wurde von Künstlern wie Valentin de
Boulogne vertreten, der in Italien gelebt hatte, und von jenen, die den flämischen
Realismus kennen gelernt hatten, etwa den Gebrüdern Le Nain oder Philippe de
Champaigne.
Von entscheidender Bedeutung für
die Geschichte der französischen Barockmalerei ist der Klassizismus im Werk von
Nicolas Poussin. Zwar verbrachte dieser die meiste Zeit seines Lebens in Rom,
doch hatte er wie sein Landsmann Claude Lorrain größten Einfluss auf die Kunst
seiner Heimat. Gegen Ende des Jahrhunderts bildeten Klassizismus und Hochbarock
in den Deckenfresken von Charles Le Brun im Schloss von Versailles eine
Synthese. Den spätbarocken Bildern Antoine Coypels sieht man sehr deutlich den
Einfluss von Rubens an, besonders jenen Werken, die für die königliche Kapelle
in Versailles entstanden.
Die Skulpturen von Pierre
Puget reflektieren ebenfalls den römischen Hochbarock, während François
Girardon und Antoine Coysevox mit ihren Monumentalskulpturen für den König in
der Tradition des Klassizismus stehen. Girardons Gruppe Apollo und die
Nymphen (1666-1672) in der Thetisgrotte von Versailles zeugt von der
französischen Vorliebe für eine keusche Version antiker Vorbilder.
Das Schloss von Versailles
(begonnen 1669), das für Ludwig XIV., den Sonnenkönig, von Louis Le Vau,
André Le Nôtre und Charles Le Brun erbaut wurde, ist das bedeutendste Bauwerk
des französischen Barock. Seine ausgewogen proportionierten klassischen Formen,
die weitläufigen Gartenanlagen und die schwelgerische Pracht des Interieurs
verherrlichen die Macht der Monarchie. Die Anlage ist von vielen europäischen
Herrschern nachgebaut worden. Ein vergleichbares Vorhaben war die Erweiterung
(1667-1674) des Louvre durch Le Vau, Le Brun, Claude Perrault und andere
Baumeister.
|
6.5 |
|
Deutscher und österreichischer Barock |
Einschneidende Ereignisse wie der Dreißigjährige
Krieg (1618-1648) in Deutschland und die türkische Invasion in Österreich
verzögerten die Ausbildung der Barockkunst in diesen Ländern. Hier kam der
Spätbarock erst ab 1700 zu einer glanzvollen Entfaltung. Herausragende deutsche
Barockmaler waren Adam Elsheimer, der 1600 nach Rom ging, dort die klassische
Malerei studierte und von den italienischen Malern beeinflusst wurde, und
Johann Liss, der 1621 nach Venedig reiste und in Italien arbeitete. Johann
Baptist Zimmermann und Cosmas Damian Asam, letzterer von Pozzo in Rom
ausgebildet, waren die bekanntesten Freskenmaler ihrer Zeit.
Die deutsche und österreichische
Bildhauerkunst des 17. Jahrhunderts orientierte sich nach wie vor an der
Spätgotik beziehungsweise am Manierismus. Der Überlinger Altar (1613-1619) von
Jörg Zürn zeugt von der Kontinuität der alpenländischen Holzschnitzkunst. Der
Altar der Lutherischen Pfarrkirche in Insterburg (1623) von Ludwig Münstermann
zeigt Einflüsse des Manierismus.
Balthasar Permoser aus Kammer bei
Traunstein übernahm Stilelemente des italienischen Hochbarock und wurde zum
führenden Barockbildhauer in Dresden, wo seine Skulpturen für die von Matthäus
Pöppelmann geschaffene Erweiterung des Dresdner Schlosses (Zwinger, begonnen
1711) zum prachtvollen Erscheinungsbild des gesamten Komplexes beitrugen.
Auch in Wien erhielt die
Barockarchitektur wie in Dresden große Förderung durch den Hof. Der Baumeister
Johann Bernhard Fischer von Erlach stellte mit seinem Meisterwerk, der Wiener
Karlskirche (1716-1737), unter Beweis, dass er die italienischen Vorbilder
gekonnt umzusetzen verstand.
Andreas Schlüter, der 1699 das
Berliner Stadtschloss vollendete (1950 gesprengt), und von Knobelsdorff, der
das Schloss Sanssouci in Potsdam und die Berliner Oper baute, waren die größten
preußischen Barockbaumeister. Der bedeutendste Barockbau Süddeutschlands dürfte
die Würzburger Residenz sein, die nach Plänen von Balthasar Neumann errichtet
wurde und Deckengemälde von Tiepolo aufweist.
Microsoft ® Encarta ® Enzyklopädie Professional 2005. © 1993-2004 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.