Klassizismus
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EINLEITUNG |
Klassizismus, allgemeine Bezeichnung
all jener Kunstströmungen, die sich bewusst auf antike Vorbilder berufen. In
diesem Sinne sind im 16. Jahrhundert architektonische Richtungen in
Frankreich (Classicisme) sowie in England und den Niederlanden (Palladianismus)
als klassizistisch zu bezeichnen. Auch der Neoklassizismus und Historismus Ende
des 19. Jahrhunderts haben klassizistische Tendenzen, ebenso die ironisch
zitierende Architektur der Postmoderne.
Im Besonderen bezeichnet der
Begriff des Klassizismus eine in Europa und Nordamerika vorherrschende Stilepoche
zwischen 1750 und 1830, zu der Biedermeier, Directoire, Empire und Louis-seize
gehören. Ziel dieser Strömung war es, die intime Verspieltheit des Rokoko und
die Überladenheit des Spätbarock zugunsten einer „klassischen” Formstrenge zu
überwinden. Mehr als nur eine Wiederbelebung der Antike, steht dieser
Klassizismus im engeren Sinne u. a. mit den revolutionären Ereignissen in
Frankreich (siehe Französische Revolution) und Nordamerika in
Zusammenhang. Er hatte somit auch eine ideologische Funktion, indem er das
demokratische Ideal der griechischen Antike, welches man in der antiken Kunst
reflektiert sah, zum Ausdruck bringen sollte. Aber auch die absolutistischen
Fürsten fanden in der Architektur des Klassizismus eine repräsentative
Monumentalität vor.
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REZEPTION DER ANTIKE |
Im 18. Jahrhundert wuchs das
Interesse am Altertum, nachdem die archäologischen Ausgrabungen in Herculaneum
1738 und Pompeji 1748 neue Erkenntnisse über die antike Kunst erbracht hatten.
Die Rom-Euphorie des 17. Jahrhunderts wurde von einer neuen
Griechenland-Begeisterung überlagert. In England veröffentlichten die
Archäologen James Stuart und Nicolas Revett ihre Studie Antiquities of
Athens (1762). Mit der Ankunft der Elgin Marbles in London 1806 wurden
erstmals griechische Kunstwerke der Blütezeit nach Europa gebracht. Dies löste
in England und in den USA die Mode des so genannten Greek Revival aus. Johann
Joachim Winckelmann pries die „edle Einfalt und stille Größe” griechischer
Kunstwerke und prägte mit seinen Gedancken über die Nachahmung der
Griechischen Wercke in der Mahlerey und der Bildhauer-Kunst (1755) das
idealisierte Antikebild der deutschen Klassik nachhaltig. Wichtige
architekturtheoretische Schriften zur Etablierung des Klassizismus legten
Marc-Antoine Laugier (Essai sur l’architecture, 1753) und Jacques
François Blondel (Architecture française, 4 Bde., 1752-1756) vor.
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ARCHITEKTUR |
Seine wichtigsten Leistungen
erbrachte der Klassizismus im Bereich der Baukunst. Typisch wurde eine auf
Symmetrie angelegte Konzeption mit durch Säulenformationen geprägten
Vorderfronten (Kolossalordnungen).
In der Frühphase des Klassizismus
schuf Jacques-Ange Gabriel zwischen 1769 und 1773 das Petit Trianon in
Versailles. Das Pariser Panthéon nach Entwürfen von Jacques-Germain Soufflot
ist das herausragende Beispiel eines frühklassizistischen Kirchenbaues. Etwa
zeitgleich mit Gabriel setzte sich mit der Landhausarchitektur von William
Chambers und Robert Adam der klassizistische Baustil in England durch. Mit
seiner reichhaltigen Ornamentik blieb der so genannte Adam Style jedoch
weiterhin dem Rokoko verhaftet. Beispiele des Frühklassizismus in Deutschland
sind das von Friedrich Wilhelm Freiherr von Erdmannsdorff geschaffene Schloss
Wörlitz in der Nähe von Dessau (1769-1773), Friedrich Gillys Entwurf eines
Denkmals für Friedrich den Großen (1796) oder das von Carl Gotthard Langhans in
Berlin erbaute Brandenburger Tor (1788-1791). Als städtebauliches Gesamtkonzept
ragt Simon Louis Du Rys neues Kassel mit dem Museum Fridericianum (1769-1776)
heraus.
In Frankreich entwarf Claude
Nicholas Ledoux 1771 den Pavillon der Comtesse du Barry in Louveciennes,
zwischen 1785 und 1789 dann eine Reihe von Pariser Stadttoren. Sein an einer
stereometrischen Formensprache ausgerichteter Plan der idealen Salinenstadt
Chaux ist typisch für die französische Revolutionsarchitektur Ende des
18. Jahrhunderts. Diese leitet zur zweiten Phase des Klassizismus über,
welche sich nach 1800 noch stärker an der Antike orientierte und in der
städtebauliche Projekte immer stärker in den Vordergrund traten. So arbeiteten
nach der Kaiserkrönung Napoleons 1804 Charles Percier und Pierre François
Fontaine daran, Paris zur Hauptstadt Europas umzugestalten. Zu diesem Zweck
imitierten sie nicht nur in ihren Schloss- und Palastanlagen die Opulenz der
Architektur der römischen Kaiserzeit. Im so genannten Empirestil gehalten sind
der von Jean-François-Therèse Chalgrin nach griechischem Muster konzipierte Arc
de Triomphe (begonnen 1806) sowie die Champs-Elysées, entworfen von Fontaine
(1806). Auch in anderen europäischen Metropolen wurde das Stadtbild im Sinne
des Klassizismus verändert, so in München (durch Leo von Klenze), Karlsruhe
(durch Johann Jakob Friedrich Weinbrenner) oder Sankt Petersburg (durch
Andrejan Dmitrijewitsch Sacharow). Einer der bedeutendsten deutschen
Architekten dieser Phase war Karl Friedrich Schinkel.
In England führte John Nash
den Klassizismus in die Städteplanung ein. Deutlich griechisch inspiriert sind
seine im Regency Style gehaltene Fassadengestaltung in der Londoner Regent
Street (begonnen 1812) sowie sein Royal Pavilion in Brighton (1815-1823). Das
von Robert Smirke zwischen 1823 und 1847 erbaute British Museum ist ein
weiteres bedeutendes Beispiel klassizistischer Baukunst in England.
In den USA war der klassizistische
Federal Style zwischen 1780 und 1820 vorherrschend. An Robert Adams orientiert,
entwarf etwa Charles Bulfinch sein Massachusetts State House in Boston
(vollendet 1798). Das Maison-Carrée wiederum, ein römischer Tempel aus dem
1. Jahrhundert im französischen Nîmes, war Vorbild für Thomas Jeffersons
State Capitol Building in Richmond, Virginia (1785-1789). Neben Jefferson ist
Pierre Charles L’Enfant für die städtebaulichen Erweiterungen von
Washington D.C. im Sinne des Klassizismus verantwortlich.
In den zwanziger Jahren des
19. Jahrhunderts integrierte der klassizistische Baustil verstärkt
Elemente der italienischen Renaissancearchitektur, so dass sich die Grenzen
zwischen Spätklassizismus, Neorenaissance und Historismus zunehmend
verwischten. Durch den Einsatz neuer Baumaterialien begann eine Phase zuvor nie
gekannter architektonischer Vielfalt. Die Zeit nach 1820 wurde besonders von
Architekten wie Gottfried Semper (Dresden), Friedrich von Gärtner (München),
Georg Ludwig Friedrich Laves (Hannover), Kaspar Frederik Harsdorff (Kopenhagen)
und Charles Robert Cockerell (England) dominiert.
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MALEREI |
Eines der Zentren der
klassizistischen Malerei war Rom, wo Johann Joachim Winckelmann Künstler wie
Anton Raphael Mengs um sich versammelte, der mit seinem von Winckelmann
angeregten Deckenfresko in der Villa Albani, Parnass (1761), das erste
richtungweisende Werk der klassizistischen Malerei schuf. Seine Arbeit wiederum
beeinflusste Maler wie H. F. Füger und Angelica Kauffmann. Zwischen
1760 und 1765 vollendete Gavin Hamilton fünf Gemälde nach Homers Ilias
und brachte damit den Klassizismus nach England. Vom Romaufenthalt des
amerikanischen Malers Benjamin West (1760-1763) zeugt sein Gemälde Agrippina
landet in Brundisium (1766, Yale University Art Gallery, New Haven), das
antike Architekturrudimente in die Darstellung integriert. Als klassizistische
Landschaftsmaler taten sich u. a. Jacob Philipp Hackert und Joseph Anton
Koch hervor.
Klassizistische Strenge und klare
Farbgebung charakterisieren das Werk Jacques-Louis Davids, eines der
bedeutendsten Exponenten der klassizistischen Malerei. Ein typisches Beispiel
seiner Historiengemälde ist Der Schwur der Horatier (1784, Louvre,
Paris), der in statuarisch-pathetischem Gestus einen heroischen Patriotismus
glorifiziert und dabei die klassizistische Forderung nach Logik und Klarheit in
der Bildkomposition exemplarisch ins Bild setzt. Ein bedeutender Schüler Davids
war Jean Auguste Dominique Ingres. Vom französischen Klassizismus war auch das
Werk des Amerikaners John Vanderlyn geprägt, der 1808 von Napoleon eine
Auszeichnung für sein Gemälde Marius meditiert auf den Trümmern von Karthago
(1807, M. H. de Young Memorial Museum, San Francisco) erhielt.
Nach 1790 ließen sich die
Maler des Klassizismus von den flächigen Figurensilhouetten der griechischen
Vasenmalerei inspirieren. Neben Amus Jakob Carstens war der Engländer John
Flaxman ein bedeutender Vertreter dieser Richtung. Dieser schuf 1793 schlichte,
zweidimensional wirkende Umrissillustrationen für Ausgaben von Homers Ilias
und Odyssee, welche auf Tiefe und illusionistische Lichtmodellierung
gänzlich verzichteten. Er beeinflusste besonders die Nazarener, William Blake
oder Ingres, wie dessen Frühwerk Achill empfängt die Abgesandten Agamemnons
(1801, Musée de l’École Nationale Supérieure des Beaux-Arts, Paris) belegt.
Formal ist auch der Schweizer
Johann Heinrich Füssli dem Klassizismus verpflichtet, wenngleich der von
Irrationalismus und Visionen geprägte Inhalt seiner Bilder den Idealen dieser
Epoche (wie Klarheit, Rationalität etc.) häufig zuwiderläuft.
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PLASTIK |
Mitte des 18. Jahrhunderts
entfernten sich die französischen Bildhauer Edmé Bouchardon, Michel-Ange Slodtz
und Guillaume Coustou der Jüngere zunehmend von der durch die Barockskulptur
Gian Lorenzo Berninis geprägten Tradition. Klassizistische Skulpturen entstanden
auch im Kreis um Winckelmann, zu dem u. a. der Schwede John Tobias Sergel
sowie die Engländer Thomas Banks und Joseph Nollekens gehörten, die den
Klassizismus in ihrer Heimat verbreiteten. Der herausragende Vertreter der
klassizistischen Bildhauerkunst jedoch war der Italiener Antonio Canova, der
sich 1780 Winckelmanns Kreis anschloss. Er schuf bedeutende Marmorplastiken,
wie die anmutige Skulpturengruppe Amor und Psyche (1787, Louvre, Paris)
oder Theseus und der tote Minotauros (1781-1782), wo er bezeichnenderweise
die Ruhe des Sieges anstelle der Dynamik des Kampfes darstellte.
Canovas einflussreichster Schüler war
der Däne Bertel Thorvaldsen, der ebenfalls zum Freundeskreis der Deutschrömer
gehörte und durch zahlreiche internationale Aufträge zur Verbreitung des
klassizistischen Stiles beitrug, der durch die Vermittlung Horatio Greenoughs
bis in die USA, durch Iwan Petrowitsch Martos schließlich nach Russland
gelangte. Zu den wichtigsten Vertretern der klassizistischen Skulptur in
Deutschland gehörten Johann Heinrich von Dannecker, Johann Gottfried Schadow
und Christian Daniel Rauch.
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KUNSTHANDWERK |
Zahlreiche klassizistische Künstler
taten sich auch mit kunsthandwerklichen Entwürfen hervor. So stellte etwa
Robert Adam um 1760 Möbel nach griechischem bzw. römischem Muster her. Als Style
étrusque fand Adams Formensprache am Hof Ludwig XV. großen Anklang und
wurde zum eleganten Louis-seize-Stil weiterentwickelt. Flaxman entwarf
klassizistisches Geschirr in blauem Wedgwood-Porzellan.
Percier und Fontaine wurden
von Napoleon I. mit der Innendekoration der alten Königsresidenzen
beauftragt, für die sie u. a. Möbel, Porzellan und Tapisserien entwarfen
und damit stilbildend in ganz Europa wirkten.
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