Christliche Kultur im frühen Mittelalter

Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Karen Jolly stellt in diesem Beitrag dar, auf welche Weise der Kulturaustausch zwischen der römisch-christlichen Tradition und den Kelten, den Germanen, den Skandinaviern und den Ungarn zur Stärkung Europas im frühen Mittelalter beigetragen und dazu geführt hat, dass diese Region auch nach dem Jahr 1000 dynamisch und einflussreich blieb.

Christliche Kultur im frühen Mittelalter

Das Frühmittelalter war für die europäischen Gesellschaften eine prägende Epoche. In verschiedenen Gebieten entstanden kleine Gemeinden und Königreiche. So entwickelte jede Region ihre eigene Identität mit einer charakteristischen Sprache und einer Reihe von Traditionen, in welchen Geschichtsverständnis und Wertvorstellungen ihren Ausdruck fanden. Da diese Regionen jedoch unter dem Einfluss der römisch-christlichen Kultur sowie der lateinischen Sprache standen, wuchs gleichzeitig eine gemeinsame Identität der einzelnen Gruppen als Mitglieder der christlichen Gemeinschaft des Westens. Durch diese gemeinsame Kultur unterschieden sich die Europäer von den benachbarten Völkern unter islamischer und byzantinischer Herrschaft.

Aus diesem Grund beschreiben frühe historische Zeugnisse, die meistens zu einem späteren Zeitpunkt von Angehörigen des Klerus verfasst wurden, die individuelle lokale Geschichte häufig im Zusammenhang mit den gemeinsamen christlichen Werten. In jenen frühen Berichten ist z. B. nicht nur von den Wanderungen, Erfolgen und Heldentaten der eigenen Vorfahren bei der Besiedelung Europas die Rede, sondern immer auch von der Bekehrung dieser Völker zum Christentum. Die Verschmelzung von römischen, christlichen und germanischen Elementen führte im frühen Mittelalter zur Bildung neuer kultureller Identitäten in Europa. Dieser Prozess wird von Wissenschaftlern als Ethnogenese bezeichnet (von griechisch ethnos: eine Personengruppe mit der gleichen Kultur; genesis: Entstehung). Selbst heute noch sind die Ergebnisse dieser europäischen Ethnogenese zu spüren.

Das Erbe der späten Antike

Europa entstand unter dem Einfluss des Römischen Reiches in der späten Antike. Diese Zeit des kulturellen Wandels im Mittelmeerraum dauerte ungefähr von 350 bis 600 n. Chr. Der Zerfall der römischen Macht machte den Weg frei für ein neues Europa im ehemals weströmischen Reich; in den arabischen Ländern entwickelte sich der Islam, und das Byzantinische Reich stärkte seine Position in Konstantinopel (heute Istanbul), der Hauptstadt der römischen Herrschaftsgewalt im Osten. Diese Umbrüche im Mittelmeerraum prägten das Gesicht Europas im Frühmittelalter.

Rom verlor an Bedeutung, und eine Welle neuer kultureller Strömungen erfasste ganz Europa. In diesem Zusammenhang wichtig wurde die Wanderung und Ansiedelung verschiedener germanischer Volksgruppen, der so genannten Barbaren, die zwar eine eigene Volksgruppe bildeten, jedoch auch mit den Überresten der römischen Kultur und mit den Kelten interagierten. Diese germanischen Stämme passten sich an die römisch geprägten Kulturen an, auf die sie bei der Völkerwanderung stießen. Dies geschah vor allem durch den Übertritt zum christlichen Glauben, der sich während des Römischen Reiches weit verbreitet hatte. Das Christentum war in der Tat der wichtigste Faktor, durch den das römische Erbe bewahrt wurde. Seine Bedeutung kommt sehr klar in den Geschichten aus jener Zeit zum Ausdruck, deren Protagonisten hauptsächlich heilige Bischöfe, Mönche und Nonnen sowie heldenhafte Krieger waren.

In derselben Zeit hatten sich die Kelten, die während des Niedergangs der römischen Herrschaft und des Zustroms der Germanen im 5. und 6. Jahrhundert isoliert auf den Britischen Inseln lebten, eine lebendige christliche Klosterkultur bewahrt. Bei ihnen verschmolzen die keltische Sprache und Literatur mit lateinischem Gedankengut und Texten, woraus sich eine eigenständige christliche Kultur in zwei Sprachen entwickelten. Ein Ergebnis daraus war das Book of Kells, eines der herausragendsten Beispiele für Buchmalerei aus jener Zeit. Die traditionellen keltischen Geschichten berichteten von römisch-britischen Helden, vor allem von Mönchen und Nonnen, wie z. B. dem heiligen Patrick und der heiligen Brigid von Irland, die für ihren keltischen Mut ebenso verehrt wurden wie für ihre christliche Tugend. Die später entstandenen Sagen erzählen von großen Kriegsherren, wie z. B. dem sagenumwobenen König Artus. Gegen Ende des 6. Jahrhunderts jedoch hatten die germanischen Invasoren die Briten in die keltischen Randgebiete nach Irland, Wales, Cornwall und Schottland zurückgedrängt. Dennoch konnte das keltische Christentum in diesen Regionen nicht nur überleben, sondern prägte sogar die Kultur der Invasoren.

In jener Zeit machte die christliche Kirche ihren Einfluss in Politik und Kultur geltend. Die Bischöfe waren oft die einzigen gebildeten Führer in den Städten auf dem europäischen Kontinent. Sie versammelten ihre christlichen Gemeinden unter einem heiligen Schutzpatron, wie z. B. dem heiligen Martin von Tours, und traten mit den Herrschern der Germanen in Verhandlungen. So boten sie zuweilen einem jungen Oberhaupt väterlichen Rat für eine friedliche Regierungsführung an, oder sie ermutigten eine christliche Herrschersgattin, ihren Ehemann zu bekehren. In ländlichen Regionen, weit entfernt von den Städten, waren die Klöster Zufluchtsorte für Männer und Frauen, die gelobten, in Armut, Keuschheit und Gehorsam zu leben. Diese Mönche und Nonnen sorgten für die Förderung der Alphabetisierung, übten karitative Tätigkeiten aus und entsandten Missionare in abgeschiedene Gebiete. Die Missionare konnten zum Teil dadurch Erfolge verzeichnen, dass sie das römische Christentum an die germanischen Sitten und Gebräuche anpassten. So gab z. B. Papst Gregor der Große dem Abt Mellitus den weisen Rat, die ehemaligen Tempel in Kirchen umzuwandeln und neue religiöse Feiertage einzuführen, wobei er bemerkte, dass Menschen im Allgemeinen nach und nach zum Christentum übertreten würden, und zwar „durch kleine Schritte, nicht durch große Sprünge”. In dieser Hinsicht verfügen die unterschiedlichen Elemente der europäischen Kultur über eine gemeinsame Basis.

Die Entstehung der römisch-christlichen Gesellschaften der Germanen

Über mehrere Jahrhunderte hinweg drangen germanische Volksstämme in die westeuropäischen Gebiete des Römischen Reiches vor. Viele von ihnen gehörten dem römischen Militär an. Um das Jahr 500, als Rom keine faktische Macht mehr über den Westen ausübte, war Europa in verschiedene Regionen zerfallen, die unterschiedliche ethnische Gruppen beheimateten: Die Ostgoten besiedelten Italien, die Westgoten waren auf der Iberischen Halbinsel (im heutigen Spanien und Portugal) zu Hause, die Franken verbreiteten sich in Gallien (dem heutigen Frankreich) und die Angeln und Sachsen lebten auf den Britischen Inseln.

Die Volksgruppen, die in den stark römisch geprägten Gebieten Europas in der Nähe des Mittelmeers lebten, übernahmen Elemente aus dem römischen Staatswesen sowie den christlichen Glauben, wobei zu Anfang bei vielen germanischen Stämmen der Arianismus überwog, der später jedoch von der römischen Glaubensform in Europa verdrängt wurde. In Italien wurde die dort lebende römisch-christliche Bevölkerung in das ostgotische, arianische Königreich von Theoderich integriert, der von 493 bis 526 an der Macht war. Er veranlasste während seiner Herrschaft den Wiederaufbau einiger römischer Aquädukte. Auf der Iberischen Halbinsel regierten die arianischen Westgoten unter Anwendung des römischen Steuersystems erfolgreich eine römisch-christliche Bevölkerung. Unter der von 586 bis 601 währenden Herrschaft von König Rekkared traten die Westgoten zu der von ihren Untergebenen praktizierten römischen Form des Christentums über. Die beiden gotischen Königreiche wurden zwar später durch von außen kommende Mächte ausgelöscht, dienten jedoch für eine gewisse Zeit als Brücke zwischen der römischen und der germanischen Welt. Dies wurde zum Teil durch die Förderung von Gelehrten erreicht, etwa dem Philosophen Boethius, dem Staatsmann und Geschichtsschreiber Cassiodorus oder dem spanischen Theologen Isidor von Sevilla. Die philosophischen und enzyklopädischen Werke dieser Gelehrten dienten als Basis für die Verbreitung der lateinisch-christlichen Lehre bei den Germanen im Frühmittelalter.

Im 6. und 7. Jahrhundert entstanden auf ähnliche Weise aus dem komplexen Zusammenspiel zwischen den römischen, christlichen und germanischen Kulturen im fränkischen Gallien und auf den britischen Inseln neue regionale Identitäten. Der fränkische Historiker Gregor von Tours aus dem 6. Jahrhundert brachte in seiner Chronik Historia Francorum (Geschichte der Franken) den Erfolg seines Volkes mit dem Übertritt der Herrscher zum Christentum in Verbindung. Dieselbe Auffassung vertrat im 8. Jahrhundert der englische Geschichtsschreiber Beda Venerabilis in seiner Abhandlung Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum (Kirchengeschichte des englischen Volkes). So hatten sowohl der König der Franken, Chlodwig, als auch Ethelbert, König von Kent, Ehefrauen christlichen Glaubens, die auf den Übertritt ihrer Ehemänner zum Christentum Einfluss nahmen. Beide Monarchen wurden außerdem von Bischöfen und Missionaren, die der Papst entsandt hatte, zu diesem Schritt bewegt.

Die Werke von Gregor und Beda gingen über die reine Beschreibung dieser Mischung von eigener Kultur und römischem Christentum hinaus – sie spielten auch eine aktive Rolle in der Ethnogenese der Franken und Engländer. Mit seinen Schriften schuf Beda einen gemeinsamen Hintergrund für die gemischte Gruppe germanischer Stämme, die separate Königreiche auf den Britischen Inseln gründeten. Er entwickelte eine englische Identität, die speziell auf das Christentum zugeschnitten war. Die christlichen Könige und ihre Nachfolger mussten immer noch um den Erhalt ihrer Herrschaftsgewalt gegen andersgläubige Nachbarn kämpfen, Gregor und Beda jedoch sahen die daraus resultierenden regionalen Schlachten aus der langfristigen Perspektive göttlichen Schicksals und schilderten diese als ruhmreiche Siege der guten Christenkönige, die selbst im Angesicht des Todes über die schlechten Heidenkönige triumphierten.

Das Erbe der Karolinger

Das herausragendste Beispiel für die Synthese der germanischen, römischen und christlichen Kulturen ist das Reich der Karolinger, das dem europäischen Kontinent zwischen 750 bis 850 eine kurze, aber prägende Zeit der Einheit und Zentralisierung brachte. Der Ursprung der karolingischen Dynastie lag in einer Allianz zwischen den Franken und dem Papsttum begründet und zeigte auf eindrucksvolle Weise die durch die Verbindung zwischen der christlichen Herrschaft und der Stammesgewalt entstandene kulturelle Synthese. 751 setzte Pippin III., der Jüngere, unter Billigung des Papstes den merowingischen König der Franken ab. Nach seiner erfolgreichen Machtübernahme wurde Pippin durch den englischen Mönch Bonifatius, der mit der Unterstützung des Papstes für die Reformierung der fränkischen Kirche eintrat und die Sachsen in Germanien missionierte, zum König der Franken erklärt. Pippin, der im Jahr 754 von Papst Stephan II. gesalbt und somit in seiner königlichen Macht legitimiert wurde, drang nach Italien vor, besiegte in seinen Feldzügen die Langobarden, die den Papst bedrohten, und überließ ehemalig langobardische Gebiete dem Heiligen Stuhl. Diese Allianz zwischen den Interessen des Papsttums, der Klöster und der Monarchie setzte sich unter der Herrschaft von Pippins Sohn, Karl dem Großen, fort, der die Macht der Franken festigte und ihr Herrschaftsgebiet nach Süden und Osten hin ausdehnte. Den Höhepunkt seiner Macht erreichte Karl 804 in der gewaltsamen Niederwerfung der Sachsen, die unter Zwang zum christlichen Glauben übertreten mussten.

Karl der Große wurde in ganz Europa zum Vorbild eines Christenkönigs, wenngleich sein Reich nur von kurzer Dauer war. Sein Hofbiograph Einhard schuf ein bleibendes Bild von ihm, wobei er besonders die Verbindung zwischen christlicher Pietät und militärischer Stärke sowie die Bemühungen Karls hervorhob, nach dem Vorbild des Römischen Reiches wieder eine zentralisierte Regierungsgewalt zu schaffen. Dieses Bild sollte die Nachfolger Karls des Großen zur Nachahmung anregen. Karls Residenz in Aachen symbolisierte als „neues Rom” die Verlagerung des Zentrums der christlichen Macht in den Norden, weit weg vom Mittelmeerraum.

Am Weihnachtstag des Jahres 800 krönte Papst Leo III. Karl den Großen im Petersdom in Rom zum Kaiser. An seiner Krönung – sowie an den verschiedenen Interpretationen dieses Ereignisses – wird die Stärke der Verbundenheit zwischen den römisch-christlichen und germanischen Interessen ersichtlich. Durch diese Zeremonie wurde nicht nur Karl der Große vom Status des Königs zum Kaiser erhoben, auch die Rolle des Papstes gewann an Bedeutung, da er allein dadurch, dass er die Kaiserkrönung vorgenommen hatte, automatisch eine höhere Macht besaß als der Kaiser selbst. Diese Ansicht vertraten zumindest die Anhänger des Papstes, die der Meinung waren, dass der Papst zu Recht seine geistliche Macht über die weltliche Herrschaftsgewalt zum Ausdruck brachte. Karl der Große und seine Gefolgsleute hingegen sahen den Kaiser eher als mächtigen Beschützer der Kirche, der den Papst in Italien gegen seine Feinde verteidigte. Ihrer Ansicht nach wurde der Status des Papstes nur dank der gottgegebenen militärischen Macht Karls des Großen gesichert. Diese Spannung zwischen der römischen Kirche und den Herrschern der germanischen Staaten sollte noch über Jahrhunderte hinweg anhalten.

Die Verbindung der römisch-christlichen Traditionen sowie der Führungsrolle der Kirche mit der Stärke der germanischen Kriegerfürsten schuf während der Karolingerzeit das nötige, wenngleich zerbrechliche Gleichgewicht zwischen aggressiven Mächten und friedlichen Invasoren. Weitaus wichtiger jedoch war die Tatsache, dass aus dieser Verbindung in den kommenden Jahrhunderten neue Königreiche und dynamische Kulturen hervorgingen.

Neue Invasionen und Ethnogenese: Wikinger, Magyaren und Muslime

Im 9. Jahrhundert wurde das labile Gleichgewicht zwischen römisch-christlichen und germanischen Traditionen durch den bisweilen heftigen Zustrom neuer Volksgruppen gestört. Diese Völker wurden durch ähnliche Faktoren in die europäische Gesellschaft integriert, die auch schon bei früheren Immigrationswellen wirksam waren, so z. B. durch Besiedlung oder den Übertritt zum herrschenden Glauben. Die Zuwanderung führte zu einer weiteren Phase der Ethnogenese: In den europäischen Grenzregionen entwickelten sich neue Identitäten, die im Zentrum gelegenen Königreiche definierten sich neu. Die Tatsache, dass die älteren staatlichen Gebilde auf den Britischen Inseln, in Frankreich und Deutschland nach diesen Einfällen ihr Gleichgewicht rasch wiederfanden, unterstreicht die Stärke der früheren Verschmelzung römischer, christlicher und germanischer Traditionen.

Die Neuankömmlinge strömten aus drei Richtungen nach Europa und verbreiteten allerorts Angst und Schrecken. Die nomadisierenden Magyaren kamen aus den Steppen Asiens im Osten (diese Region umfasst das heutige Kasachstan und den Südwesten Russlands), ließen sich in Ungarn nieder und traten schließlich zum christlichen Glauben über. Muslimische Plünderer fielen aus dem Mittelmeerraum im Süden in die europäischen Küstengebiete ein. Die Wikinger aus Skandinavien kamen mit ihren Schiffen aus dem Norden. Letzterer Gruppe gehörten dänische, schwedische und norwegische Krieger ohne Landbesitz an. Sie waren dafür bekannt, dass sie auf den Britischen Inseln sowie in den Küsten- und Flussregionen des europäischen Festlandes plünderten, Handel trieben oder hohe Tribute von den ängstlichen Bewohnern dieser Landstriche forderten. Schließlich gründeten manche Wikingerstämme auch Siedlungen und lebten mit der ortsansässigen Bevölkerung zusammen. So erbauten die Wikinger Dublin, kolonisierten Island und erkundeten Grönland sowie die umliegenden Gebiete. Sie errangen außerdem die Macht über den Osten Englands, gründeten das Herzogtum Normandie in Nordfrankreich und legten den Grundstein des Kiewer Reiches in Russland.

Als Reaktion auf diese Einfälle kam es in Europa zunächst zu Aufsplitterungen. Jede Region ging neue Bündnisse ein und entwickelte andere Identitäten. Das ehemalige Karolingerreich zerfiel in eine frankophone und eine germanophone Region. Dies wurde im Jahr 842 an den in zwei Sprachen geleisteten Straßburger Eiden ersichtlich. Ein Jahr später wurde mit dem Vertrag von Verdun das Reich Karls des Großen in drei Königreiche aufgeteilt, die später in kleinere, regionale Machteinheiten zerfielen. In Deutschland waren die unabhängigen Herzogtümer mit der Entstehung der Dynastie von Otto dem Großen konfrontiert, der die Kaiserkrone von Karl dem Großen für sich beanspruchte. In Frankreich waren die Fürsten und Grafen mächtiger als die Monarchie, da sie ihre lokalen Identitäten festigten, so beispielsweise in der Normandie oder in Burgund. Viele Königreiche brachen auseinander; die ehemals zersplitterten Königreiche Englands hingegen schlossen sich unter Alfred dem Großen, König von Wessex, zusammen, der von 871 bis 899 regierte. Nach einem deutlichen Sieg über den dänischen Herrscher Guthrum legte Alfred in einem Vertrag die Grenzen und Gesetze für den Danelaw im Nordosten Englands fest. Alfred übernahm bei der Taufe Guthrums sogar die Rolle des Paten, wodurch symbolisiert werden sollte, dass die Wikinger nun in England integriert waren.

Trotz dieser Spaltungen und Umstrukturierungen kam es nicht zu einer Auflösung der europäischen Identität. Vielmehr trugen die Faktoren, die den Erfolg der frühen germanischen Königreiche bedingt hatten, nämlich die Verschmelzung der römisch-christlichen Kultur mit den Traditionen der Invasoren, zur Entstehung einer gemeinsamen europäischen Identität bei.

Das Netz der sozialen Beziehungen der germanisch-christlichen Völker wurde im Allgemeinen durch eine Sippe bzw. Hausgemeinschaften gebildet, die am selben Ort lebten. Persönliche und hierarchische Bande von Zusammenhalt und Schutz, wie z. B. bei den alten Oberhäuptern der Germanen und ihren Kriegern, vereinten die ersten Sippen im Mittelalter, die aus dem Hausherrn mit Frau und Kindern sowie anderen Familienmitgliedern, Leibeigenen und Bediensteten bestanden. Auf ähnliche Weise sahen die Christen auch Jesus Christus als Herrn und dessen Gläubige als Leibeigene, die sich gegenüber Kirche und Gemeinschaft loyal verhielten. Theoretisch existierte zu jener Zeit bereits eine vielschichtige, harmonische Hierarchie, die alle Gesellschaftsschichten umfasste – die Krieger, die meistens dem Adel angehörten, den Klerus und die arbeitende Klasse der Bauern. Wie nach christlicher Vorstellung Gott über verschiedene Gruppen von Engeln herrschte, gestaltete der Adel die Beziehung zwischen Herren und Vasallen, an deren Spitze ein König von Gottes Gnaden stehen sollte. Die unterste Stufe bildeten die Bauern, die das Land des Gutsherren bestellten. Die Klöster, in welchen die Menschen lebten, die ihr Leben ganz dem Glauben widmeten, symbolisierten das ideale Umfeld für ein Leben ohne weltliche Elemente. Auf länderübergreifender Ebene wurde die Hierarchie der Kirche durch den Papst, Bischöfe und Priester gebildet, die Gottes Herrschaft auf der Erde vertreten sollten.

Im wirklichen Leben jedoch waren die lokalen Faktoren sowie persönliche Bande stärker als diese theoretische Ordnung. Zwischen den Adligen, die in derselben Region lebten, herrschte eine starke Konkurrenz, und häufig kam es auch zu Konflikten mit den Vertretern der Monarchie. Bischöfe, Äbte und Äbtissinnen standen in den Diensten des Adels, dem das Land gehörte. Sie verwalteten im Namen ihrer Gemeinden große Besitzungen und unterhielten dadurch engere Beziehungen zu den ortsansässigen Herrschern als der weit entfernt lebende Papst. Der typische Dorfpfarrer war meist verheiratet und im Allgemeinen kaum gebildeter als seine Gemeinde, die aus Bauern bestand. Auch befand er sich wie diese in den Diensten des Grundherren, der ihn zu sich genommen hatte. Die selbständigen lokalen Gemeinschaften – wie sie z. B. in einem Kloster, einem Bischofssitz, dem Haushalt eines Großgrundbesitzers, auf einem Bauernhof oder am Hof des Königs existierten – funktionierten wie eine Großfamilie, verfügten über eine interne Rangordnung und wurden durch Treue und Gehorsam gegenüber dem Oberhaupt der Gemeinschaft zusammengehalten. Diese Sippen, die ein Beispiel für das tägliche Überleben durch gegenseitige Abhängigkeit darstellen, spiegelten in einer Art Mikrokosmos die Struktur des gedachten Universums wider – die Menschen lernten die göttliche Ordnung der Welt anhand des Lebens in der eigenen Gemeinschaft kennen.

Die Blüte von Wissenschaft und Kunst

Die Veränderung der politischen Landschaft in Europa brachte eine neue Vielfalt der Künste und Wissenschaften mit sich. Literatur, Wissenschaft und Kunst wurden zudem durch den Austausch zwischen den römisch-christlichen, keltischen und germanischen Traditionen beeinflusst. Viele kulturelle Eigenheiten tradierten sich so von den gotischen Königreichen der Spätantike und aus dem Keltenreich über Jahrhunderte hinweg. Sie überdauerten die verschiedensten Veränderungen und blühten dank lokaler Rückbesinnungsbewegungen immer wieder auf. Als Beispiele für die Wiederbelebung der alten Traditionen dienen u. a. die von den Kelten angeregte nordumbrische Renaissance im 8. Jahrhundert in England, das erneute Aufblühen der karolingischen Kultur im 9. Jahrhundert, die Reformbewegung unter Alfred und seinen Nachfolgern im 9. und 10. Jahrhundert in England sowie die Wiederentdeckung der Zeit Ottos im 10. Jahrhundert in Deutschland. Diese Renaissancewellen brachten eine hoch entwickelte Kultur der Wissenschaften und Künste hervor, die in prachtvoll illustrierten Manuskripten, verschlungenen Steinmonumenten sowie reich verzierten Schreinen und Kirchen zum Ausdruck kam.

In den durch die Iren gegründeten nordumbrischen Klöstern aus der Zeit Bedas erlebten Literatur und Illustrationskunst keltischen und germanischen Stils eine Blütezeit. Bibeltexte und klassische Literatur, die in Latein und der heimischen Sprache verfasst waren, wurden mit exakten geometrischen Mustern, gewundenen Weinranken und Tierköpfen verziert. Karl der Große veranlasste den angelsächischen Gelehrten Alkuin von York, der in Nordumbrien ausgebildet worden war, ein Bildungsprogramm zur Wiederbelebung und Standardisierung der karolingischen Kultur durchzuführen. Für diesen Zweck verfasste Alkuin eine genaue Ausgabe der Bibel und entwickelte eine neue, gut lesbare Schrift, die als karolingische Minuskel bekannt wurde und die Grundlage der modernen Typographie bildet. Um Bildung für alle Menschen zugänglich zu machen, förderte König Alfred sowohl das altenglische als auch das lateinische Schrifttum. Das Ergebnis dieser Bemühungen wird an dem umfangreichen Erbe aus Bibelübersetzungen, Predigten, Biographien von Heiligen und Gedichten ersichtlich.

Dank der Förderung von Bildung am königlichen Hof sowie durch Kirchenschulen und die Schreibstuben in den Klöstern blieben römisch-christliche Literatur und Lehre über das gesamte Frühmittelalter hinweg nicht nur erhalten, sondern erlebten in manchen Zeiten und Orten außergewöhnliche Hochphasen und entwickelten sich in ganz neue Richtungen. Im 9. Jahrhundert beschäftigte sich der am karolingischen Hof lebende irische Gelehrte Johannes Scotus Erigena, der sowohl Latein als auch Griechisch beherrschte, mit der neuplatonischen Philosophie. In Deutschland führte der Hofgelehrte Gerbert von Aurillac unter Otto II. und Otto III. die Lehre des Islam aus Spanien ein. Die belesene Benediktinerschwester Roswitha von Gandersheim verfasste zur selben Zeit Gedichte und Theaterstücke im klassischen griechisch-römischen Stil.

Die germanisch-christliche Kultur brachte außerdem ein ganzheitliches, holistisches Weltbild hervor, nach dessen Auffassung die Natur von spirituellen Kräften durchdrungen war. Aus der holistischen Perspektive war die Welt voller Geheimnisse und wurde durch eine inhärente Ordnung gelenkt, deren Ursprung Gott war. So konnten beispielsweise durch die sorgfältige Beobachtung des Himmels Ebbe und Flut sowie die Jahreszeiten mit himmlischen Erscheinungen in Verbindung gebracht werden und dadurch die Richtigkeit der Schöpfung Gottes bestätigen. Invasionen und Überschwemmungen, die die Ernte zerstörten, symbolisierten hingegen den Bedarf an moralischen Reformen oder spiritueller Erneuerung. Der Klerus interpretierte konkrete und allegorische Botschaften Gottes sowohl anhand der Bibel als auch durch die Natur. Die einfachen Menschen riefen die göttliche Macht auf direktere Art und Weise an, indem sie sich z. B. an heilige Brunnen oder an Reliquienschreine von Heiligen wandten und kirchliche Rituale ausübten. Die germanischen Bräuche und die christliche Liturgie vermischten sich und brachten Heilmittel gegen Beschwerden und Probleme hervor, die durch unsichtbare Feinde wie Elfen und Dämone verursacht wurden. Die alten Beschwörungsformeln weckten zusammen mit christlichen Gebeten die heilende Wirkung von Kräutern auf die gleiche Weise wie die Worte des Priesters bei der Messe Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi verwandelten. Auf unzählige Arten verschmolzen die germanischen Bräuche mit der christlichen Kosmologie der römischen Theologen und führten so zur Entstehung einer dynamischen und flexiblen Auffassung des Lebens.

Europa bei Anbruch des 2. Jahrtausends

Um das 10. Jahrhundert hatten sich in Europa verschiedene kulturelle Identitäten entwickelt. Diese verfügten über unterschiedliche Wurzeln und eigene Sprachen, wiesen jedoch auch gemeinsame Züge auf. So verwendeten sie alle Latein für Wissenschaft und Lehre und basierten auf den Grundsätzen des römischen Christentums.

Mit dem Herannahen der Jahrtausendwende machten sich viele Menschen Gedanken über den Zusammenhang zwischen dem zeitlich begrenzten Leben auf der Erde (das so genannte Menschenreich) und der Ewigkeit des Reiches Gottes. Manche Menschen interpretierten Kriege und Hungersnöte als Zeichen für das bevorstehende Jüngste Gericht. Andere wiederum predigten eine moralische Umbesinnung zur Abwendung einer Katastrophe. Die Tatsache, dass das europäische Christentum nach dem Jahr 1000 eine neue, dynamische Entwicklung nahm, zeigt die Macht dieser Glaubensrichtung sowie die Stärke der Ethnogenese der europäischen Identität im Frühmittelalter, die auf den Säulen der römischen, christlichen und germanischen Traditionen der Vorfahren der europäischen Völker ruht.

Zum Autor: Karen Jolly ist außerordentliche Dozentin für Geschichte an der University of Hawaii in Manoa. Sie ist die Autorin von Tradition and Diversity: European Christianity in a World Context to 1500 sowie von Popular Religion in Late Saxon England: Elf Charms in Context.

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