Gotik
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EINLEITUNG |
Gotik, die unabhängigste Stilepoche
in der europäischen Kunstgeschichte seit der Antike, entstanden in Frankreich
(Île-de-France). Die Gotik dauerte von etwa 1130 bis zum Anfang des
16. Jahrhunderts an. Ihre stärkste Ausprägung fand sie in Architektur und
Plastik, doch wirkte sie auch in Malerei und Kunsthandwerk. Der – abwertende –
Begriff der Gotik (Goten = Barbaren) geht auf Giorgio Vasari zurück, der
damit die Kunst und Architektur der Renaissance von der des Mittelalters
positiv abzuheben suchte. Später wurde er auf jene Stilepoche bezogen, die der
Romanik folgte. Genauer wird zwischen Früh-, Hoch- und Spätgotik unterschieden.
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ARCHITEKTUR |
Am herausragendsten sind die
Leistungen der Gotik auf dem Gebiet der Baukunst, vor allem im Bereich des
Kirchenbaues. Vorläufer war hier die normannische bzw. die burgundische
Architektur.
In deutlichem Gegensatz zur Romanik
mit ihren Stilmerkmalen des Rundbogens, der massiven Bauweise und der kleinen
Fensterpartien ist die Architektur der Gotik durch Spitzbögen, hoch aufragende
(spitze) Türme, reiche Fassadenverzierung (Fialen, Kreuzblumen, Wimperge etc.)
und große, mit Maßwerk versehene Buntglasfensterfronten charakterisiert. Dieser
Aufbruch der Fassade wurde durch die Einführung des Kreuzrippengewölbes und den
Einsatz von Strebepfeilern ermöglicht: Dadurch wurden die Außenmauern, die
zuvor ausschließlich das Dach tragen mussten, durch ein ganzes Trägersystem
entlastet. Eine weitere architektonische Besonderheit der gotischen Kathedrale
bestand darin, den Innenraum nicht mehr streng zu untergliedern, sondern seine
Ganzheitlichkeit zu betonen.
Um einen einheitlichen Raumeindruck
zu gewährleisten, band die gotische Architektur die (ohnehin verkürzten)
Querschiffe enger an das Langhaus an. Dabei blieb die Grundstruktur der Basilika
– Hauptschiff, zwei Seitenschiffe, ein Querschiff, ein Chor mit Sanktuarium –
weitgehend erhalten. In der Frühgotik der Île-de-France wurde die Mauer mit
Hilfe von Arkade, Empore und Rundfensterzone bzw. Triforium (siehe unten)
viergeteilt, das zuvor gebräuchliche sechsteilige Gewölbe durch ein
vierteiliges ersetzt. Die hoch aufstrebende Bauweise der Gotik sollte den
Eindruck von Erhabenheit vermitteln.
In der Gotik kam vor allem
der Westfassade diese Aufgabe zu. Die typische gotische Westfassade besteht aus
drei vertikalen Abteilungen, die mit den drei Eingangsportalen korrespondieren.
Auf diese Weise wird außen die Aufteilung des Innenraumes gespiegelt. Die
Westfassade ist gewöhnlich von zwei Türmen überragt. Eine große Fensterrose
über dem Hauptportal bildet das optische Zentrum (siehe Rosette).
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2.1 |
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Frühgotik |
Die Phase gotischer Architektur
begann um 1130 mit dem Bau der Abteikirche von Saint-Denis am Rand von Paris.
Der Bau stand unter Aufsicht des Abtes Surger. Im Westbau und in der Choranlage
findet sich bereits hier jenes für die Gotik bestimmende Element des schlanken,
gewölbetragenden Säulensystems. Auch vermittelt das Fehlen von Trennwänden
zwischen den Chorkapellen in Saint-Denis ein neues harmonisches Raumgefühl, das
auf die Weitläufigkeit späterer Kathedralen vorausweist.
Nach den Kathedralen von Sens
(begonnen 1130), Noyon (begonnen 1150), Senlis (begonnen 1155) und Laon
(begonnen 1160) entstand als Höhepunkt der Frühgotik in Paris die Kathedrale
Notre-Dame (begonnen 1163). In der frühgotischen Phase führte die Zufügung
eines vierten Stockwerkes, des so genannten Triforiums, zu einer
optischen Erhöhung des Innenraumes. Das Triforium besteht aus einem schmalen
Gang, der unterhalb des Lichtgadens (dem oberen, von Fenstern durchbrochenen
Teil des Mittelschiffes) und oberhalb der Seitenschiffarkaden in die Wand
eingefügt ist. Das Triforium ist durch seine eigenen kleinen Arkaden zum
Mittelschiff hin geöffnet.
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2.2 |
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Hochgotik |
Erstes Beispiel für die
Architektur der Hochgotik ist der nach 1194 begonnene Neubau der Kathedrale von
Chartres. Indem die Galerie des zweiten Stockwerkes fallengelassen und das
Triforium beibehalten wurde, entstand wieder eine vereinfachte dreistöckige
Gliederung. Zusätzliche Höhe gewährte ein emporragender Lichtgaden, der beinahe
die Höhe der Arkaden hatte. Der Lichtgaden selbst war in jedem Joch von zwei
hohen Spitzbogenfenstern durchbrochen, die eine Fensterrose überkrönte. Damit
war eine Gliederung des Innenraumes erreicht, die für alle späteren gotischen
Kirchen verbindlich wurde. Auch ist bereits in Chartres die für die Gotik
typische Ablösung der Freskenmalerei durch Glasmalerei vollzogen.
Höhepunkt hochgotischer Baukunst ist die
Kathedrale in Reims (begonnen 1210), die durch eine klar proportionierte
Gliederung und eine Vergrößerung des Lichtgadens besticht.
Bei der fünfschiffigen Kathedrale
in Bourges (begonnen 1195) hingegen ist der hehre Eindruck des Bauwerkes durch
eine Erhöhung der Arkadenwände erreicht. Die am steilsten aufragende gotische
Kathedrale ist die von Beauvais. Die Höhe des Innenraumes beträgt
48 Meter. Ein weiteres Beispiel für die hoch aufstrebende Architektur der
Hochgotik ist die Westfassade des Kölner Doms (begonnen 1248).
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2.3 |
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Rayonnantstil |
Die Kathedrale von Beauvais
wurde im Jahr der Thronbesteigung Ludwigs IX. von Frankreich (1226)
begonnen. Während seiner Regentschaft (bis 1270) trat die gotische Architektur
in eine neue Phase, die als Rayonnantstil (von französisch rayonnant:
strahlend) bezeichnet wird. Der Begriff bezieht sich auf die strahlenförmigen
Speichen etwa in den riesigen Fensterrosen der Kathedralen. Im Rayonnantstil
ging es denn auch weniger darum, die Raumhöhe zu vergrößern (im Gegenteil wurde
die Raumhöhe in den Folgebauten wieder zurückgenommen). Vielmehr sollte die
Helligkeit des Innenraumes durch eine weitere Auflösung der Wand gesteigert
werden. So ersetzten die Architekten des Rayonnantstiles die Außenwand des Triforiums
durch Glasfenster und Maßwerk. Nach 1232 wurde die Abteikirche Saint-Denis in
diesem Sinn umgebaut.
Am eindringlichsten gelang das
Projekt des Rayonnant in der zwischen 1242 und 1248 errichteten
Sainte-Chapelle auf der Pariser Île-de-la-Cité. Hier ragen die Fenster beinahe
vom Boden bis zu den Bögen des Gewölbes.
Das Buntglasfenster mit seinen
dominierenden Blau- und Rottönen avancierte so immer mehr zum wichtigen Element
gotischer Architektur. Dabei zeigten kleine Buntglasdarstellungen in den Kapellen
der Seitenschiffe zumeist Szenen aus der Bibel und dem Heiligenleben, deren
Detailreichtum sich dem Betrachter erst aus der Nähe offenbarte. Die Fenster im
Lichtgaden hingegen waren einzelnen Monumentalfiguren vorbehalten. Um 1270
wurde durch weißes (und grau bemaltes) Grisaille-Glas in Verbindung mit
farbigen, in helleren Tönen bemalten Fenstern eine gesteigerte Lichtwirkung
erzielt.
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2.4 |
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Verbreitung der gotischen Architektur |
Von Frankreich aus verbreitete
sich die Gotik fast in ganz Europa. 1221 wurde die Kathedrale von Bourges zum
Vorbild einer Kathedrale im spanischen Toledo, im frühen 14. Jahrhundert
dann von Bauwerken in Palma de Mallorca, Barcelona und Gerona.
In Deutschland, Italien und
Skandinavien konnte sich die Gotik nur langsam durchsetzen. Doch nahm die
deutsche Spätromanik gotische Elemente auf. Verbreitung fand die Gotik in
Deutschland vor allem durch die Zisterzienser. Erstmals wird der Einfluss
französischer Architekten beim 1209 begonnenen Magdeburger Dom deutlich. Rein
hochgotisch sind die Trierer Liebfrauenkirche (begonnen 1235) und die Marburger
Elisabethkirche (begonnen 1235). Doch ist mit ihren Grundrissen eine spezifisch
deutsche Form der Gotik gefunden. Weitere Beispiele deutscher Gotik sind das
Straßburger Münster (begonnen 1236), der Kölner Dom (begonnen 1248), die
Erfurter Barfüßerkirche (begonnen 1291), die Dominikanerkirche in Colmar
(begonnen 1283) und das Münster in Freiburg im Breisgau (begonnen 1250),
welches auf das Triforium verzichtete und die Einturmfassade etablierte. Im
nördlichen Europa setzte sich die so genannte Backsteingotik durch, die
ihren Namen durch das dort verwendete Material erhielt.
In Italien wurde die Gotik
durch Ordensbauten wie San Francesco in Assisi (im Auftrag der Franziskaner,
begonnen 1228) und Santa Maria Novella in Florenz (im Auftrag der Dominikaner,
begonnen 1279) begünstigt. Die Dome von Florenz, Siena und Orvieto bezeichnen
einen Zwischenschritt auf dem Weg von der italienischen Romanik zu den Anfängen
der Renaissancearchitektur eines Filippo Brunelleschi.
In England zeigt sich der
Einfluss der französischen Gotik im Chorbau der Kathedrale von Canterbury und –
Mitte des 13. Jahrhunderts – in Westminster Abbey (begonnen 1245), die
nach dem Vorbild der Kathedrale von Reims erbaut wurde. Tatsächlich entwickelte
sich in England eine ganz eigene Ausformung der Gotik ohne das für die
Architektur des Festlands typische Streben nach Vertikalität. Stattdessen
betonte der Stil des so genannten Early English (1175-1250) die
Horizontalstruktur des Bauwerkes. Auf den Kapellenkranz im Chor wurde
verzichtet, teils wurden zwei unterschiedlich aufgebaute Querschiffe verwendet.
Die Architekturauffassung des Early
English zeigt sich beispielhaft in der Kathedrale von Salisbury (begonnen
1220). Im so genannten Decorated Style (um 1250-1350) bildete sich in
England eine verschwenderische Ornamentik heraus, die sich gänzlich unabhängig
von der französischen Gotik entfaltete, so etwa im Angel Choir (1256)
der Kathedrale von Lincoln und in der 1322 begonnenen Innenverzierung der
Kathedrale von Ely.
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PLASTIK |
Die gotische Plastik war
zunächst architekturgebunden. Zentrale Bedeutung erlangten die teils
überlebensgroßen Figurationen in der Laibung zu beiden Seiten des
Portaleingangs der Kathedralen. Im Gegensatz zu den rein heilsgeschichtlich
(eschatologisch) bezogenen Figuren der Romanik sind hier auch Gestalten des
Alten und des Neuen Testaments, biblische Szenen sowie Heiligendarstellungen zu
sehen.
Ihren Ausgang nahm die
Entwicklung der gotischen Plastik von Darstellungen am Portal der Kathedrale
von Chartres (1145-1155), die mit den sie tragenden Säulen korrespondieren. Sie
prägten auch das Figurenensemble an der Kathedrale von Santiago de Compostela
(vollendet 1188), eines der zentralen Werke des mittelalterlichen Spanien.
Ebenso wichtig für die
Entwicklung der gotischen Plastik ist die Figurengruppe der Kathedrale von
Senlis (um 1170), die, da mit dem Säulenschaft nicht länger verbunden, die
Einzelgestalt sich verselbständigen ließ. Dennoch blieb auch hier die
Verknüpfung von architektonischem Raum und plastischer Skulptur erhalten.
Der Bezug zum Raum wird
auch ablesbar in der Gestaltung des figürlichen Faltenwurfes, der gegenüber dem
Körper eine neue Gewichtung erfuhr. War die klassische Skulptur durch eine
harmonische Gestaltung beider Momente geprägt, so führte bei der gotischen
Plastik die Überbetonung des Gewands zu einem gleichsam schwingenden
Gesamteindruck. Was sich vom Körper erkennen lässt, ist ununterscheidbar vom
Faltenwurf der Kleidung, die ihn umhüllt. Selbst in der Darstellung von
Nackten, wie in den Statuen von Adam und Eva im Bamberger Dom (um 1237), ist
der Körper auf ein abstraktes Minimum reduziert.
Die Plastiken der Kathedralen
von Notre-Dame-de-Paris (um 1210), Amiens (nach 1225) und Reims (um 1240)
schließlich befreien sich weitgehend von ihrer architektonischen Gebundenheit
und scheinen, noch ans Bauwerk geknüpft, aus ihm herauszutreten.
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3.1 |
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Verbreitung der gotischen Plastik |
Gemeinsam mit ihren architektonischen
Neuerungen beeinflusste die französische Gotik auch die Plastik in ganz Europa.
Allerdings erfuhr sie zahlreiche Variationen. So richtete sich in Italien das
Hauptaugenmerk nicht länger auf die Figurationen der Portale. Mit gotischen
Anleihen entwickelten Künstler wie Giovanni Pisano und Lorenzo Ghiberti ihren
eigenen Stil. Auch in England war die Anzahl von plastischen Elementen begrenzt
(bedeutend allerdings die Fassade der Kathedrale von Wells und einige Grabmäler
des 13. Jahrhunderts).
Vornehmlich im Westen Deutschlands
entstanden zahlreiche bauplastische Meisterwerke in der Tradition der
französischen Gotik, zunächst vor allem zur Gestaltung der Innenräume. Beispiel
hierfür ist der Bamberger Dom mit dem Bamberger Reiter (um 1240), der
ersten Reiterstatue in der westlichen Kunst seit dem 6. Jahrhundert. Auch
die Stifterfiguren im Dom von Naumburg (um 1250) sind bemerkenswert. Bedeutende
Portalfigurationen wurden in Deutschland erst seit Ende des
13. Jahrhunderts geschaffen (Straßburg, Köln, Regensburg). Ihre
Architekturgebundenheit verlor die deutsche Plastik im 14. Jahrhundert.
War in Italien bereits die Renaissance vorherrschend, so schuf man in
Deutschland noch zahlreiche Werke im Stil der Gotik. Die Schreinaltäre von
Künstlern wie Tilman Riemenschneider und Veit Stoß sind hierfür beispielhaft.
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4 |
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KUNSTHANDWERK |
Während des gesamten 13. Jahrhunderts
war das französische Kunsthandwerk von den Vorstellungen der gotischen
Architektur beherrscht. So ahmen etwa die Miniaturen, die die Bibles
moralisées (Bibelbilderbücher) illustrieren, bewusst die Malereien der
Kirchenfenster nach. Auch im Psalter Ludwigs IX. (nach 1255) wurden
Ornamente nach den Ziergiebeln der Sainte-Chapelle gestaltet. Ab etwa 1250
wurden Monumentalstatuen und Elfenbeinfiguren in diesem gotischen Stil
geschaffen, so etwa die Elfenbeinstatuette der Madonna mit Kind (um 1265) aus
der Sainte-Chapelle. Die großen metallenen Reliquienschreine der Zeit nach 1260
haben die Form kleiner Kirchen im Rayonnantstil und sind mit Querschiff,
Fensterrose und Giebelfassaden ausgestattet. In der Hochgotik entstanden einige
besonders kostbare Goldschmiedearbeiten, ebenso Kleinkunst aus Bergkristall,
Bronze, Messing, Kupfer und Holz. Dabei handelte es sich zumeist um Geräte für
den liturgischen Gebrauch (Kelche, Kreuze, Reliquiare etc.). Künstlerische
Zentren waren Paris, Limoges, London, Köln, Florenz, Siena, Genua und Venedig.
Um 1300 begann sich das
Kunsthandwerk zu emanzipieren. Die Buchmalerei erhielt durch Jean Pucelle in
Paris neues Gewicht. In seinem Brevier von Belleville (um 1325) fügen
sich Schrift, Illustration und Ornamentierung zu einer einheitlichen Komposition,
die zum Vorbild späterer Künstler wurde. Noch wichtiger war, dass Pucelle die
bisher flächige Darstellung überwand und stattdessen die Illusion von
Dreidimensionalität vermitteln konnte.
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SPÄTGOTIK |
Seit Mitte des 14. Jahrhunderts
entwickelten sich in ganz Europa zahlreiche gotische Nationalstile, die sich
vom französischen Vorbild abzulösen verstanden. Hierzu gehörten in Deutschland
die deutsche Sondergotik, in England der Perpendicular Style und
in Portugal der Emanuelstil. In Frankreich (wie in den Niederlanden) wird die
Spätgotik als Flamboyant bezeichnet.
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5.1 |
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Malerei |
Die Spätgotik entwickelte eine
Bildersprache, bei der sich gotische Elemente mit solchen der italienischen Renaissance
vermischten (siehe Internationale Gotik). Zwischen 1370 und 1400 schufen
Buchkünstler am Hof des Duc de Berry Miniaturbilder, die Vorläufer des
Tafelbildes wurden. Unter Philipp III. und Karl dem Kühnen wurden Burgund
und die Niederlande zu Hochburgen der Miniaturmalerei. Auch entstanden prächtig
illustrierte Stundenbücher. In Italien wiederum entstanden herausragende
Fresken, die – wie im Fall der Fresken Giottos – die Renaissancemalerei
beeinflussten. Die Miniaturbilder der Brüder von Limburg wiederum wirkten auf
das Schaffen Jan van Eycks, dessen Werk die Sichtweise des Mittelalters
überwand.
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5.2 |
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Bildhauerei |
Die spätgotische Skulptur ist stark
von italienischen Einflüssen bestimmt. Um 1400 schuf Claus Sluter für Philipp
von Burgund einige der bedeutendsten plastischen Werke der Spätgotik, so die
Muttergottes am Mittelpfeiler des Portals zu Philipps Grablegekirche, die
Kartause in Champmol nahe Dijon. Ausgeprägt gestaltete Sluter vor allem die
Gewänder der Figurationen (begonnen 1385). Die überlebensgroßen
Kreuzigungsfiguren seines Mosesbrunnens (1395-1404) trugen dazu bei, der
Spätgotik zu einem neuen Stil (dem Schönen Stil) des
15. Jahrhunderts zu verhelfen.
In Deutschland bildet das Werk von
Tilman Riemenschneider, Veit Stoß und Adam Kraft das Ende der spätgotischen
Plastik.
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5.3 |
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Architektur |
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5.3.1 |
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Flamboyantstil |
Ihren Ausgang nahm die
Flamboyant-Architektur (nach französisch flamboyant: flammend) nach 1380
im Werk des französischen Hofarchitekten Guy de Dammartin. Seine endgültige
Ausprägung jedoch erfuhr sie erst nach dem Ende des Hundertjährigen Krieges
(1453), das einen Aufschwung der Bautätigkeit in ganz Frankreich zur Folge
hatte. Der Flamboyantstil zeichnete sich durch eine überschwengliche
(flammende) Ornamentierung aus. Die Innenräume der Kirchen wurden durch die
Abschaffung der Kapellen (selbständige Kulträume) stark vereinfacht, Pfeiler zu
gemauerten Stützen reduziert. Der Verzierungsschwerpunkt lag beim Gewölbe,
dessen Rippen ein Netzwerk komplizierter Muster bildeten. Das Maßwerk bestand
aus züngelnd-flackerndem Fischblasenornament.
Seine letzte Blüte erlebte der
Flamboyantstil zwischen 1500 und 1540. In dieser Zeit entwarfen Martin
Chambiges und sein Sohn Pierre eine Reihe eindrucksvoller Fassaden nach seinen
Vorgaben, darunter die Westfassade der Kathedrale von Troyes und die Fassaden
der Kathedralen von Senlis und Beauvais.
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5.3.2 |
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Deutsche Sondergotik |
Unter dem Eindruck der
Arbeiten Peter Parlers (Gewölbe des Hochchores im Prager Dom, um 1375)
entwickelte sich in Deutschland ein spätgotischer Nationalstil heraus, der im
15. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte. Charakteristisch für diese deutsche
Sondergotik sind eine spärliche Außenfassade, große Dächer und schlanke
Pfeiler, die in das komplexe System des Rippengewölbes münden. Im Innenraum der
Gebäude erwecken zahlreiche Durchblicke in der Diagonalen den Eindruck von
Einheitlichkeit. Die Zeit der deutschen Sondergotik ging Anfang des
16. Jahrhunderts zu Ende.
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5.3.3 |
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Perpendicular Style |
In England entstand am Ausgang
des Decorated Style eine spätgotische Architektursprache, die auf
Klarheit und Rechtwinkligkeit ausgerichtet war. Charakteristisch für den so
genannten Perpendicular Style ist die gleichzeitige Betonung der
Vertikalität sowie der Horizontalität des Bauwerkes. Auch wurden schlanke
Stützen und große Fenster verwendet, die in der Senkrechten unterteilt waren.
Seinen Höhepunkt erfährt der Perpendicular Style im Entwurf der Kapelle
des King’s College in Cambridge (begonnen 1443) durch die Verwendung neuer
Fächergewölbe. Ein frühes Beispiel war die Kathedrale von Gloucester
(1337-1357).
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5.3.4 |
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Weltliche Gebäude |
In der Spätgotik wurde nicht
nur die kirchliche, sondern auch die weltliche Architektur vom neuen Baustil
geprägt. So entstanden im 14. Jahrhundert etwa in Belgien zahlreiche
Rathäuser, zum Teil mit hohen Glockentürmen, in spätgotischer Manier, etwa in
Ypres (vollendet 1380, zerstört 1915), Louvain (1448-1463) und Oudenaarde
(1526-1530). In England und Frankreich entstanden im letzten Viertel des
15. Jahrhunderts spätgotische Schlösser und Paläste. Ein frühes Beispiel
des Flamboyantstiles ist die Innenraumgestaltung des Schlosses des Grafen von
Poitiers (1388).
In Frankreich entstanden vom Ende
des 15. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts zahlreiche Schlösser im
Flamboyantstil, so in Amboise (1483-1501), Blois (1498-1515) und Josselin. Ihr
auffälligstes Merkmal sind die so genannten Lukarnen, erkerförmige
Dachfenster. Beim Justizpalast von Rouen (1508) sind diese Lukarnen von eigenen
kleinen Strebebögen flankiert. In Venedig sind der Dogenpalast (begonnen um
1345) und das Ca d’Oro (begonnen um 1430), in London schließlich der Hampton
Court (1515-1536) vom Stil der Spätgotik geprägt.
Siehe Architektur; romanische
Kunst und Architektur; Bildhauerei; Kunst und Architektur der Renaissance;
Neugotik
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