Romanische Kunst und Architektur
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EINLEITUNG |
Romanische Kunst und Architektur, früh- und hochmittelalterlicher
Kunststil, der vorwiegend in der Architektur zum Ausdruck kommt und in West-
und Mitteleuropa ab Beginn des 11. Jahrhunderts bis zum Aufkommen der
Gotik (in Frankreich 1144, in England 1174 und in Deutschland 1209) seine Blüte
erlebte. Der Begriff „romanisch” stammt aus dem Französischen und ist eine
philologische Begriffsschöpfung des frühen 19. Jahrhunderts. Er
charakterisiert ebenso Werke der Skulptur, der Monumentalmalerei und der
Schatzkünste dieser Epoche.
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VORROMANIK – VON DER SPÄTANTIKE BIS ZUM
AUSKLANG DER OTTONISCHEN KUNST |
Die meist aus dem nordeuropäischen
Raum stammenden Völkerschaften, die seit dem 3. Jahrhundert in das
Römische Reich hineindrängten, wurden von den Römern „gentes barbarae” genannt,
womit sie alle Völker bezeichneten, die weder Römer noch Griechen waren. Die
negative Befrachtung des Begriffs „Barbaren” ist erst im Mittelalter
entstanden. Nach dem Fall des Weströmischen Reiches (476) entfalteten sie in
den ehemaligen Grenzprovinzen eine eigene künstlerische Ausdrucksform,
gekennzeichnet durch die Verwendung von Tier- und komplizierten Flechtwerkmotiven,
die entweder parallel zu der noch weithin existenten römisch-antiken Kunst
bestand oder diese durchsetzte. Man nennt diese ornamentale Kunst, die sich vor
allem im Schmuck, in Ziergeräten und in Reliefs ausprägte und später auch in
die Buchmalerei eindrang, „Kunst der Völkerwanderungszeit” und verwendet damit
einen Notbegriff, um die Kunstübung der irischen Kelten, der anglischen
Sachsen, der Franken unter den Merowingern und der Westgoten in Spanien unter
einen Hut zu bringen.
Im Ursprungsland dieser
Völkerschaften, dem skandinavischen Raum, wurde die christliche Religion erst
im 10. und 11. Jahrhundert angenommen. Die in dieser Zeit entstehenden
Stabkirchen, von denen in Norwegen noch einige erhalten sind, knüpfen in ihrer
Holzbauweise daher in Konsequenz an die noch in situ erhaltenen, aus Holz
errichteten heidnischen Kultstätten an. Mit der zunehmenden zeitlichen (und
örtlichen) Entfernung von der lateinischen Klassizität entwickelten sich diese
Stammesstile zu Regionalstilen, ein Ablösungsprozess von der Antike, der im
7. Jahrhundert das eigentliche Ende der Spätantike herbeiführte.
Das bewusste Wiederanknüpfen an die
römische Reichsidee, die das geistesgeschichtliche Fundament des europäischen
Mittelalters bildete, führte unter dem fränkischen König Karl, der am
Weihnachtstag des Jahres 800 in Rom als Karl der Große zum römischen Kaiser
gekrönt wurde, zur Ausprägung der so genannten karolingischen Renaissance,
eigentlich eine umgreifende Bildungsreform, die sich unter ihrem Wortführer,
dem Angelsachsen Alkuin, das Ziel gesetzt hatte, das Römische Reich zu erneuern
(Renovatio Romani Imperii) und die Gesellschaft von ihren geistigen Grundlagen
her neu zu formen. Wenngleich diese Reform nicht in dem von Alkuin und Karl dem
Großen angestrebten Unfang gelang, hinterließ die karolingische Renaissance dem
Mittelalter doch zwei Legate, ohne die die Kultur der folgenden Epochen nicht
denkbar gewesen wäre und die in Ausläufern noch bis heute wirksam sind: Durch
Karls „Renovatio” erhielten Schriften und Bücher eine wichtige Funktion bei der
Errettung der Menschheit. In logischer Konsequenz wurden die Schreiber der
Hofschule angewiesen, überkommene christliche Schriften und Texte antiker
Autoren, die durch das Abschreiben in den Klöstern fehlerhaft geworden waren,
zu verbessern. Eine Reihe moderner Editionen klassischer Texte beruhen noch
heute auf diesen „emendierten” Abschriften; die Alkuin-Bibel, die Bereinigung
der Vulgata des Hieronymus, war das ganze Mittelalter hindurch der verbindliche
Bibeltext. Das zweite Legat war die Schaffung einer einheitlichen Schrift, der
karolingischen Minuskel auf der Basis der lateinischen Kleinschrift, welche die
Vielzahl unterschiedlichster Schriften ablöste, deren Verwendung sich oft nur
auf einzelne Klöster beschränkte.
Die Bewahrung der klassisch-römischen
Tradition hatte sich nach dem Untergang des Weströmischen Reiches in die
ehemaligen Provinzen verlagert. Zentren, in denen sie noch bis an die Schwelle
des Mittelalters bestand, waren die Gegend um Rhein und Mosel, mit bedeutenden
Römerstädten wie Mainz und Köln, und Südfrankreich mit der Provence, wo der
lokale Adel fast zur Gänze „romanisiert” war. Große Hafenstädte wie Marseille
und die stark frequentierten Handelswege entlang der immer noch gut ausgebauten
Römerstraßen beförderten den Import von Kulturgütern aus Byzanz, der Erbin des
Römischen Imperiums, und aus dem Mittleren Osten, vor allem aus Syrien, und den
Austausch unter den Stammesgemeinschaften der Germanen, der Kelten und der
Völker Nord- und Osteuropas. Diese unterschiedlichen Traditionen verschmolzen
jedoch nicht wie in einem Tiegel zu einem einheitlichen Gebilde, das wir Romanik nennen, sondern bewahrten durchaus
ihre regionalen Eigenarten. Romanik ist
also kein einheitlicher Stil, sondern eine Formensprache, die sich – ähnlich
wie die „langue Romane” – aus dem Lateinischen entwickelt hat und der man die
Dialekte anmerkt.
Nach dem Tod Karls des
Großen (814) wurde das Frankenreich unter seinen Söhnen aufgeteilt. Die karolingische
Kunst findet ihren letzten Höhepunkt und Ausklang in der Regierungszeit
Karls des Kahlen (843-877). Nach einer etwa zwei Generationen umfassenden
„Dunklen Zeit”, die von kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Normannen
und Ungarn im Westen und im Osten geprägt wird, ist es Otto I., der Große,
der 936 mit der Krönung zum deutschen König in der Aachener Pfalzkapelle ein
bewusstes Zeichen setzt für die Wiederaufrichtung der Herrschaft Karls des
Großen in Anknüpfung an die Idee von einer höchsten Macht in der Nachfolge
Kaiser Konstantins. Die Epoche der Ottonen, der wir die bedeutendsten Werke der
Buchmalerei und der Architektur des frühen Mittelalters verdanken, geht mit dem
Tod Kaiser Heinrichs I. (1024) zu Ende. In dieser Zeit blühte in der
Loire-Gegend, in Katalonien diesseits und jenseits der Pyrenäen und in Burgund
bereits die Premier Art Romain, aus der die Romanik West- und Mitteleuropas erwuchs.
Die Auflösung des weströmischen
Kultur- und Wirtschaftsgefüges führte auch zum Verschwinden der antiken
handwerklichen Traditionen. Während diese in Byzanz ohne jeden Bruch bewahrt
wurden und im Grunde nach der Eroberung durch die Osmanen 1453 in die
islamischen Traditionen eingingen, fehlten im Westen erfahrene Architekten und
versierte Bauhandwerker, die in der Lage waren, große Versammlungsräume, wie
sie für die christliche Kirche benötigt wurden, zu decken oder gar zu
überwölben. Ausnahmen blieben die großen stadtrömischen Basiliken, errichtet
von den in der Stadt Rom noch ansässigen Bauleuten, die mit mächtigen offenen
Dachstühlen gedeckt waren, und die Kirchen- und Palastbauten, die der
italienische König aus ostgotischem Hause und von byzantinischen Gnaden,
Theoderich (Regierungszeit 492-526), in seiner Hauptstadt Ravenna errichten
ließ. Die Fähigkeit der römischen Architekten, polygonale oder runde Räume zu
überkuppeln, manifestiert sich im Ravenna Theoderichs im Baptisterium der
Arianer und in seinem Grabmal, einem zweigeschossigen, zehneckigen Bau mit
gewaltiger monolithischer Kuppel. Der Zentralbau von San Vitale über achteckigem
Grundriss war Stiftung eines Bankiers aus Ravenna (548 vollendet) und wohl von
byzantinischen Bauleuten errichtet. Karl der Große hielt sie (irrig) für die
Palastkirche Theoderichs und nahm sie als Anregung für seine Pfalzkapelle mit
oktogonalem Innenraum und sechzehneckigem Umgang in Aachen, die zusammen mit
der gesamten Pfalzanlage in nur 10 Jahren (790-800) entstand. Zu den
Errungenschaften der karolingischen Baukunst gehörte das Westwerk, eine
dreigeschossige Vorkirche mit Hauptkultraum im Obergeschoss, das in den
ottonischen Dreiturmgruppen und in den „Westriegeln” der Wehrkirchen des 11.
und 12. Jahrhunderts im östlichen Reichsgebiet weiterlebte.
Träger der abendländischen Kultur
waren seit der Spätantike die Klöster, die in einem immer dichter werdenden
Netz die dünn besiedelten Gegenden Mittel- und Westeuropas überzogen. Klöster
sind, wie es der heilige Benedikt wollte, Häuser (domus), die sich durch
ihre verschiedenen Nutzungen der monastischen Gemeinschaft dienstbar machen. So
gibt es „Häuser” für die Bibliothek (die Keimzelle der Verbreitung von
Bildung), zum Schlafen (das Dormitorium), zum Essen (das Refektorium),
für die handwerkliche Arbeit (Werkstätten und Schreibstuben). Der Kreuzgang war
der Ort der Zusammenkunft, von dem aus sich diese Gebäudeteile erschlossen.
Klöster waren es auch, in denen die abgebrochene handwerkliche Tradition wieder
aufblühte: Vor allem die Zisterzienser taten sich am Ende der Romanik als Bauingenieure hervor. Bedeutende
vorromanische Klosterkomplexe waren im südwestdeutschen Raum angesiedelt, so
die Klöster auf der Insel Reichenau und in Sankt Gallen, dessen überkommener
Klosterplan uns eine Vorstellung von Ausmaß und Infrastruktur großer
klösterlicher Gemeinschaften dieser Zeit vermittelt.
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3 |
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ARCHITEKTUR |
Eine der größten Leistungen
der romanischen Architektur war die Überwölbung großer Räume in Stein (siehe
Bogen und Gewölbe). Der Hauptgrund für den Übergang zu Steingewölben war
die Notwendigkeit, eine Alternative zu den leicht brennbaren, offenen Dachstühlen
zu finden. Man experimentierte mit Tonnengewölben, seltener mit den aus Byzanz
kommenden Trompenkuppeln, und fand schließlich zur Lösung durch das
Kreuzrippengewölbe bzw. das Kreuzgratgewölbe: Die Einwölbung des Mittelschiffes
des Speyerer Domes mit einer Spannweite von 15 Metern (zwischen 1080 und
1106) vollzog sich annähernd gleichzeitig mit dem Neubau von Cluny. In der
Blütezeit des romanischen Stiles und insbesondere jener Ausformung, die sich in
Frankreich entwickelte, führte die Verwendung massiver Wände und Pfeiler als
Stützen für die schweren Steingewölbe zur Entwicklung eines Bauplanes, in dem
die gesamte Konstruktion als ein aus kleineren, miteinander verbundenen
Einheiten bestehender Komplex betrachtet wurde. Bei diesen Einheiten, die man
Joche nennt, handelt es sich um kreuzgewölbte Räume über rechteckigem oder
quadratischem Grundriss. In der Spätromanik waren diese Joche grundlegende
Bauelemente; rechteckige, voneinander abgesetzte Joche wurden zum Kennzeichen
der Romanik. Das Hauptschiff romanischer
Kirchen wurde im Vergleich zu früheren Bauten höher und schmaler gebaut, um die
das Gewölbe tragenden Wände (Obergaden) mit Fenstern versehen zu können.
Türen und Fenster waren gewöhnlich rundbögig geschlossen, klein und bisweilen
mit Bauplastik verziert, die gegen Ende der Romanik
zum Träger großer skulpturaler Programme wurde.
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3.1 |
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Italien |
In den einzelnen Regionen
Italiens bildete sich in der Romanik
eine Vielzahl unterschiedlicher Stilrichtungen heraus. Kennzeichnend für die
Lombardei sind das häufige Vorkommen des Kreuzgewölbes und die massive
Bauweise, bei der die großen Wandflächen durch architektonische Zierfriese
gegliedert werden. Zu den wichtigsten Bauten zählen die Kirchen Sant’Ambrogio
in Mailand und San Michele in Pavia (beide frühes 12. Jahrhundert).
Weitere Beispiele aus dem 12. Jahrhundert sind die Dome und Baptisterien
von Parma, Cremona, Piacenza, Ferrara und Modena.
Toskanische Kirchen wirken weniger
mächtig, was größtenteils auf ihre Marmorverkleidung – oft in Schwarz-Weiß – in
geometrischen Mustern zurückzuführen ist. Die Kunstgeschichtsschreibung des
19. Jahrhunderts hat für diesen toskanischen Sonderweg die Bezeichnung
„Protorenaissance” eingeführt. So ist die Fassade der Kirche San Miniato al
Monte (1013 begonnen) in Florenz mit Marmor in schwarzer, grüner und weißer
Farbe inkrustiert. Ein Musterbeispiel mittelitalienischer Romanik ist der Komplex des Pisaner
Dombezirks mit Kathedrale ( 1063 begonnen), Baptisterium (ab 1153) und
Campanile (Schiefer Turm), einem frei stehenden Glockenturm (seit 1173). In der
architektonischen Bauplastik dominieren in Mittelitalien wie in den Basiliken
der Stadt Rom antike (Spolien) oder antikisierende Formen in Gestalt von
korinthischen Kapitellen, Akanthusfriesen und Eierstabarchitraven (San
Clemente, Oberkirche, 12. Jahrhundert, Rom).
In Süditalien, insbesondere in der
Region Apulien und auf Sizilien, entwickelte sich ein Stil, der byzantinische,
römische, arabische, lombardische und normannische Elemente in sich vereinte. Kennzeichnend
dafür sind geflochtene Spitzbögen und die verschwenderische Verwendung des
Mosaiks. Zu den bekanntesten Beispielen dieser nach dem Königreich
„siculo-normannisch” genannten Kunst zählen die Dome von Monreale und Cefalù
sowie die Cappella Palatina in Palermo, alle aus dem 12. Jahrhundert.
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3.2 |
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Frankreich |
Die normannische Baukunst in
Frankreich zeichnet sich durch eine große Bandbreite von Gewölbeformen aus.
Selbst in der Provence, einer Enklave konservativer Baugesinnung, waren die
Kirchenschiffe tonnengewölbt. In ihren Proportionen und baulichen Details
folgen diese jedoch am engsten von allen Kirchenbauten außerhalb Italiens
Vorbildern aus Rom. Der bedeutendste Kirchenbau der Romanik in der Provence ist Saint-Trophême in Arles, dem klassisch-antiken
Kanon folgend, dessen wesentliche Teile aus dem 12. Jahrhundert stammen.
An die Kirche schließt sich ein Kreuzgang an, mit dessen Bau 1183 begonnen und
der erst im 14. Jahrhundert fertig gestellt wurde.
Aquitanische Baumeister im Südwesten Frankreichs
entwickelten den von byzantinischen Vorbildern hergeleiteten Bautypus der
einschiffigen Kuppelkirche; eine Kreuzkuppelkirche mit fünf Kuppeln ist Saint
Front in Périgueux (1120 begonnen), weitere Kuppelkirchen sind die Kathedralen
von Cahors und Angoulême aus dem 12. Jahrhundert. Kennzeichnende Merkmale
dieses Baustiles sind Trompenkuppeln und Fassaden mit Blendarkaden, in denen
sich reiche Bauplastik entfaltet.
Die Baukunst der Auvergne, ein
provinzieller Ausläufer burgundischer Architektur, spielt insofern eine Rolle
in der Formierung der Romanik, als man
dort in den zahlreichen Pilgerkirchen, die große Menschenmengen aufnehmen
mussten, mit den unterschiedlichen Möglichkeiten der Wölbung experimentierte. Solche
Pilgerkirchen mit Chorumgang und Kapellenkranz sind Saint-Sernin (um 1080 bis
1120) in Toulouse und Saint-Martin (um 1000 bis 1150) in Tours. Saint Sernin in
Toulouse besitzt außerdem einen Vierungsturm und ein tonnengewölbtes
Mittelschiff.
In Burgund entstand der Typus
der tonnengewölbten dreischiffigen Basilika, die ihre Verbreitung den
Benediktinern von Cluny und den Zisterziensern von Cîteaux (1098 gegründet)
verdankt. Mit der Verbreitung dieser Orden weitete sich die burgundische Baukunst
über ganz Europa aus. Ein bemerkenswertes Beispiel des frühen romanischen
Baustiles in Burgund ist Saint-Philibert in Tournus mit seinem
zweigeschossigen, kreuzgewölbten Narthex, der die Entwicklung der
Zweiturmfassade einleitet. Eine weitere Klosterkirche von beeindruckender Größe
und Schlichtheit ist Saint Benoît-sur-Loire (im 12. Jahrhundert
vollendet). Die größte Kirche der Christenheit war die während der
Französischen Revolution zerstörte Kirche der Benediktinerabtei in Cluny
(Cluny III), deren Chor 1095 vollendet wurde und entscheidend die
normannische, lombardische und rheinische Baukunst beeinflusste.
Normannische Baumeister adaptierten
lombardische Wölbtechniken und entwickelten einen eigenen Gewölbestil, bei dem
der Schub von Strebebögen abgeleitet wird. Im Kernland Frankreichs, der
Île-de-France, wurden die neuen Gewölbetechniken und die Fassade mit zwei hohen
Flankentürmen von den Normannen übernommen, die die Grundlage für die
Entwicklung des frühgotischen Baustiles bildeten. Saint-Denis bei Paris markiert
den Ausgangspunkt der Gotik mit seinem zwischen 1140 und 1144 unter Abt Suger
errichteten Neubau des Chores.
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3.3 |
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Deutschland |
Die Architektur der Romanik in Deutschland erwuchs aus der ottonischen
Baukunst. Romanische Kirchen wurden hier häufig in großen Dimensionen geplant,
doch die außerhalb des Rheinlands errichteten kirchlichen Bauten aus dieser
Zeit weisen selten gewölbte Mittelschiffe auf. Die großen rheinischen Dome
besaßen offene Dachstühle, die später durch Steingewölbe ersetzt wurden. Der
Kaiserdom in Speyer (Einwölbung des Mittelschiffes 1080-1106) und der Mainzer
Dom (Rippengewölbe im Mittelschiff um 1200) zeigen ein Kreuzgewölbe über
quadratischem Grundriss. Viele rheinische Kirchen sind Doppelchoranlagen mit
Kleeblattapsiden und besitzen mehrere Türme. Charakteristische Beispiele sind
Maria Laach und Sankt Aposteln in Köln. Im östlichen Reichsgebiet breitete sich
die Romanik auch in den Kirchen von
Paulinzella (1132 geweiht), Königslutter (1135 gegründet) und in der
Prämonstratenserkirche von Jerichow (1155 vollendet) aus.
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3.4 |
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Anglonormannische Baukunst |
Nach der Eroberung Englands
durch die Normannen 1066 wurde die Vorromanik, von der nur wenige Zeugnisse
erhalten geblieben sind, durch den anglonormannischen Baustil abgelöst.
Zahlreiche gewaltige normannische Kathedralen entstanden in der relativ kurzen
Zeitspanne zwischen 1120 und 1200. Die Hauptschiffe dieser Kirchen wurden mit
offenen Dachstühlen gedeckt, die später häufig, wie in der Kathedrale in
Durham, durch Gewölbe ersetzt wurden. Die Seitenschiffe waren kreuzgewölbt.
Weitere Kennzeichen der normannischen Architektur sind dicke Mauern und
kräftige Pfeiler, ein oblonger Grundriss, gerader Ostabschluss, zwei Querhäuser
und tief in die Fassade eingeschnittene Hauptportale mit Zickzack- und
Schnabelfriesen.
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3.5 |
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Spanien |
Aus vorromanischer Zeit haben sich
in Spanien eine Reihe von Kirchen des 9. Jahrhunderts erhalten, die unter
der Regierungszeit König Alfonsos II. von Asturien errichtet wurden.
Frühchristliche und byzantinische Kirchenbauten beeinflussten die Architektur
von San Tirso und San Julian in Oviedo sowie Santa María und San Miguel in
Naranco, die aus der Zeit um 800 bis 850 stammen. Islamische Einflüsse
durchsetzten diese Tradition im Laufe des 10. Jahrhunderts. Im
11. Jahrhundert wurden zahlreiche Architekturformen, die sich in
Südfrankreich herausgebildet hatten, für die Kirchen entlang des
Wallfahrtsweges nach Santiago de Compostela übernommen, wo die Gebeine des
Apostels Jakobus des Älteren im 9. Jahrhundert in einem spätantiken
Mausoleum aufgefunden worden waren. Die Hauptschiffe waren mit Tonnengewölben,
die Seitenschiffe mit Kreuzgewölben überdeckt. Zu den typischen Bauten dieser
Zeit zählen die Collegialkirche San Isidoro in León (11. Jahrhundert), die
Alte Kathedrale in Salamanca (Baubeginn um 1140) und die Kathedrale in Santiago
de Compostela (um 1075 bis 1128), die bedeutendste Wallfahrtskirche des
Abendlandes und das schönste Beispiel romanischer Baukunst in Spanien.
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4 |
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SKULPTUR |
Kleinplastiken aus Elfenbein,
Bronze und Edelmetallen aus der vorromanischen Epoche zeigen Einflüsse aus der byzantinischen
und frühchristlichen Kunst. Andere Elemente weisen auf die Länder des Mittleren
Ostens, deren kunsthandwerkliche Produktion durch importierte illuminierte
Handschriften, Elfenbeinschnitzereien, Goldschmiedearbeiten, Keramiken und
Textilien bekannt war. Dazu kamen Motive aus der Ornamentik der
Völkerwanderungszeit, wie groteske Figuren, Tiere und Flechtwerk, die vor allem
in den Ländern nördlich der Alpen verbreitet waren. Ihren Höhepunkt errreichte
die Elfenbeinschnitzerei in den Hofschulen Karls des Großen und Karls des
Kahlen, in den bedeutendsten Reichsklöstern der Ottonen. Namentlich bekannt ist
uns als Elfenbeinschnitzer im 9. Jahrhundert der Mönch Tuotilo im Kloster
Sankt Gallen.
Aus vorromanischer Zeit ist keine
Monumentalstatue gesichert. Die meisten romanischen Skulpturen wurden in den
Kirchenbau integriert und dienten baulichen und dekorativen Zwecken, sie waren
Bauplastik im engeren Sinn. Bischof Bernward von Hildesheim (gestorben 1022)
war der Auftraggeber bedeutender Werke der Bildhauerei wie bronzener Türen,
Grabplatten und anderer Kirchenausstattungen. Fein gearbeitete Bronzetüren
wurden im 11. Jahrhundert auch in Süditalien und im 12. Jahrhundert
in Norditalien angefertigt; herausragende Arbeiten sind die Bronzetüren von San
Zeno Maggiore in Verona. Im Maasland und in Nordfrankreich entstanden ebenfalls
zahlreiche Bronzebildwerke, darunter das große Taufbecken (1107-1112, Saint
Barthélemy, Lüttich) des Reiner von Huy.
Monumentale Skulpturenprogramme
verbreiteten sich vor allem in Frankreich, in der Provence, in Burgund und
Aquitanien, seit dem frühen 12. Jahrhundert an den Portalen (und Fassaden)
der großen Bischofs- und Abteikirchen. Eine Erfindung der französischen Romanik ist die Säulenstatue am Portal. An
den Kathedralen von Toulouse, Autun und Poitiers sind herausragende Beispiele
der französischen Bauplastik in beinahe unverändertem Zustand zu sehen.
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5 |
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MALEREI |
Monumentale Freskenzyklen sind aus der
Epoche der Karolinger überliefert, doch blieb von ihnen fast nichts erhalten.
Aus der Zeit der Ottonen stammt die Ausmalung von Sankt Georg in Oberzell auf
der Insel Reichenau. Die monumentalen Freskenzyklen der Romanik werden gekennzeichnet durch ein festgelegtes
Bildprogramm, die Maiestas Domini, deren Darstellung des triumphierend
wiederkehrenden Christus am Ende der Tage zum Apsisbild schlechthin von
Süditalien bis Schweden wird. Durch die Kreuzzugsbewegung gelangen zunehmend
byzantinische Bildtypen und Stilelemente nach Mittel- und Westeuropa.
Mosaiken waren eine Technik
antiken Ursprungs, die in Byzanz höchste Perfektion erreicht hatte und im
lateinischen Westen häufig zur Ausschmückung romanischer Kirchen in Italien,
besonders in San Marco in Venedig und in den Kirchen in Cefalù und Monreale in
Sizilien, verwendet wurde; meist waren hier griechische Kunsthandwerker tätig.
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5.1 |
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Buchmalerei |
Illuminierte Handschriften sind bereits
aus der Spätantike bekannt. Im 7. Jahrhundert bestand in Lindisfarne in
England eine bedeutende Schule der Buchmalerei. Der Stil dieses mönchischen
Skriptoriums, dessen berühmtestes Werk das Lindisfarne-Evangeliar (Ende
7. Jahrhundert, British Museum, London) ist, zeichnet sich durch
geometrische Flechtwerkmuster aus, in die häufig Darstellungen von grotesken
menschlichen Figuren und Tieren eingearbeitet sind. In den Handschriften der
karolingischen Hofschulen werden Reminiszenzen an die spätantike Malerei mit Stilelementen
dieser insularen Handschriften verwoben. Von Einfallsreichtum und technischem
Können zeugen die freien Federzeichnungen des Utrechter Psalters (um 830-835,
Universitätsbibliothek, Utrecht, Niederlande). Regionale Skriptorien in Süd-
und Westeuropa entwickelten ihren eigenen Stil. Ein Beispiel hierfür ist eine Beatus-Apocalypse
(Nationalbibliothek, Paris), die Mitte des 11. Jahrhunderts im Kloster von
Saint-Sever in Südfrankreich angefertigt wurde. Anfang des
12. Jahrhunderts übernimmt die Buchmalerei nördlich der Alpen zunehmend
Bildtypen und Stilelemente der gleichzeitigen Skulptur. In Italien blieb der
Einfluss der byzantinischen Kunst in Buch-, Wandmalerei und Mosaikkunst
beherrschend.
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5.2 |
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Goldschmiede und Textilkunst |
Die Goldschmiedekunst stellt in der
vorromanischen und romanischen Zeit eine hoch entwickelte Kunstform dar. Diese
wurde in erster Linie zur Anfertigung liturgischen Geräts und für königliche
Insignien verwendet. Ein Großteil der Goldschmiedewerke in Frankreich fiel der
Französischen Revolution zum Opfer, jedoch sind in den Schatzkammern größerer
europäischer Kathedralen außerhalb Frankreichs noch zahlreiche Werke erhalten
geblieben. Andere Metallarbeiten aus der vorromanischen und romanischen Zeit
sind frühe keltische Silber- und Schmuckgegenstände, Gold- und
Silberschmiedearbeiten aus Deutschland und Italien, deren Gestaltungsform von
importierten byzantinischen Metallarbeiten beeinflusst war, sowie
bemerkenswerte Emailarbeiten.
Der bedeutendste Goldschmied der Romanik, dessen Werk von großem Einfluss auf
die frühgotische Skulptur war, ist Nikolaus von Verdun, dessen Hauptwerk, der
Dreikönigsschrein im Kölner Dom (vollendet 1191), noch heute ein
Publikumsmagnet ist.
Das berühmteste Beispiel
romanischer Textilkunst ist der aus dem 11. Jahrhundert stammende Teppich
von Bayeux, eine farbige Stickerei auf Leinen. Zu den erhaltenen Textilarbeiten
aus der Romanik zählen auch liturgische
Gewänder und Wandbehänge. Die kostbarsten Textilarbeiten im romanischen Europa
stammten jedoch nicht von einheimischen Kunsthandwerkern, sondern sind aus dem
Byzantinischen Reich, aus Spanien und aus dem arabischen Raum importiert
worden.
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