Afrikanische Literatur

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EINLEITUNG

Afrikanische Literatur, Bezeichnung für die mündlich und schriftlich überlieferte Literatur Afrikas. Neben der in afrikanischen Sprachen geschriebenen Literatur entstand ab dem 18. und 19. Jahrhundert eine Vielzahl von Werken in englischer und französischer Sprache sowie in Afrikaans.

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MÜNDLICHE LITERATUR

Afrika verfügt über eine reich ausdifferenzierte orale Literatur, die sich immer noch weiterentwickelt und nur zum Teil schriftlich fixiert wurde. Nicht zuletzt Sprichwörter und Rätsel vermitteln anerkannte soziale Verhaltensregeln und werden oft verwendet, um die Bildung des Sprechers herauszustellen (die Kunst des Argumentierens und der Konversation hängt unmittelbar von ihrem Gebrauch ab), wohingegen Mythen und Legenden neben allen übernatürlichen Elementen auch die geschichtliche Entwicklung der Staaten, der Stämme und anderer wichtiger gesellschaftlicher Organisationsformen schildern. In den bekanntesten afrikanischen Märchen und Fabeln spielen die Schildkröte, der Hase und die Spinne eine große Rolle. Im 20. Jahrhundert wurde in ethnologischen und historischen Studien ein Großteil der mündlich überlieferten Literatur bestimmter Gegenden – etwa von Südafrika, Teilen Ostafrikas und des Kongogebiets – aufgezeichnet.

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FRÜHES SCHRIFTTUM

Die früheste schriftlich fixierte Literatur des Kontinents stammt aus Nordafrika. Die ägyptische Hieroglyphenschrift ist eine der ältesten Schriften überhaupt; die Bibliothek von Alexandria versammelte einen Großteil des damals bekannten Wissens und war mit über 500 000 Bänden im späten 3. Jahrhundert v. Chr. die umfangreichste Büchersammlung der Antike. Spätere Beispiele sind u. a. die Werke des christlichen Theologen Augustinus aus dem 4. Jahrhundert sowie des islamischen Historikers Ibn Chaldun aus dem 14. Jahrhundert. Aufgrund der stärkeren Anbindung Nordafrikas an Europa und den Nahen Osten weist die frühe schriftliche Literatur Afrikas nördlich der Sahara viele Elemente der lateinischen Literatur und der arabischen Literatur auf.

Ein Großteil der frühen westafrikanischen Literatur wurde formal wie inhaltlich von jenen islamischen Schriften beeinflusst, die die Nordafrikaner vermittelten. Zu den frühesten bekannten westafrikanischen Werken zählen die im 16. Jahrhundert entstandenen Schriften von sudanesischen islamischen Gelehrten wie Abd al-Rahman al-Sadi (Tarikh as-Sudan; Die Geschichte des Sudans) und Mahmud Kati (Tarikh al-Fettach). Beide hielten die orale Tradition der westsudanesischen Reiche von Ghana, Mali und Songhai im Stil der arabischen Geschichtsschreibung fest.

Die frühe westafrikanische Lyrik bevorzugte eine religiöse Thematik, wobei die bedeutendsten Werke eine genaue Kenntnis sowohl der vorislamischen arabischen Lyrik als auch der nordafrikanischen religiösen Schriften widerspiegeln. Als der bekannteste religiöse westafrikanische Dichter gegen Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts gilt Abdullah ibn Mohammed Fudi, der Emir von Gwandu und der Bruder des muslimischen Reformers Shedu Uthman war.

Die schriftliche Literatur Ostafrikas blickt ebenfalls auf eine lange Tradition zurück. Die aus dem 4. Jahrhundert stammenden Schriften in Ge’ez stellen mit die ältesten Zeugnisse dar. Spätere Schriften weisen Einflüsse arabischer Vorbilder auf. Das früheste bekannte Beispiel hierfür ist eine anonym verfasste Geschichte des Stadtstaates Kilwa Kisiwani, die um 1520 in arabischer Sprache geschrieben wurde. Wenig später erschienen in Swahili geschriebene Versionen der Geschichte einer Reihe von Stadtstaaten sowie Gedichte mit religiöser oder moralischer Botschaft. Das früheste bekannte in Swahili erschienene Originalwerk ist das epische Gedicht Utendi wa Tambuka (Die Geschichte Tambukas); es wird auf das Jahr 1728 datiert. Die in Swahili verfasste Lyrik basiert zumeist auf arabischen Vorbildern. Swahilische Epiker griffen auf die Dichtung um den Propheten Mohammed zurück. Im 19. Jahrhundert löste sich die Swahili-Lyrik von arabischen Themen und übernahm beispielsweise rituelle Gesänge des Bantu. Die bekanntesten Gedichte in Swahili stammen aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert. Ein berühmtes religiöses Epos, Utendi wa Inkishafi (Die Erweckung der Seele) von Sayyid Abdallah bin Nasir, illustriert anhand des Niedergangs des Stadtstaates von Pate die Eitelkeit des irdischen Lebens. Das bis dahin in mündlicher Tradition überlieferte Leben des Liongo, eines Thronanwärters von Shaka aus dem 13. Jahrhundert, ist in schriftlicher Form in dem epischen Gedicht Utendi wa Liyongo Fumo (1913) von Mohammed bin Abubakar erhalten.

Während die sudanesischen Gebiete Westafrikas und der Küstenregionen Ostafrikas lange vor dem ersten Kontakt mit Europa über eine reiche schriftliche Literatur verfügten, blieb die Literatur der anderen Gebiete südlich der Sahara bis zur Kolonialisierung des Landes und der damit verbundenen Etablierung europäischer Missionen und Schulen mündlich. Zu den ersten Afrikanern, die in englischer Sprache schrieben, gehörte Olaudah Equiano. Er war als Kind aus dem Benin verschleppt und als Sklave in die USA gebracht worden. Nach seiner Befreiung 1789 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Gustavus Vassa in England seine Autobiographie (The Interesting Narrative of the Life of Olaudah Equiano).

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20. JAHRHUNDERT

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts erschien in Afrika eine Vielzahl fiktionaler Texte in zahlreichen afrikanischen und europäischen Sprachen.

4.1

 

Südafrika

Südafrika brachte viele hervorragende Lyriker und Romanciers hervor. Samuel E. K. Mqhayi schrieb sein umfassendes Werk in der Sprache der Xhosa. Romanciers wie Thomas Mokopu Mofolo und Solomon T. Plaatje thematisierten die Unterdrückung der Schwarzafrikaner durch weiße Südafrikaner. Mit seinem dritten, in Sotho geschriebenen Roman Chaka (1925; Chaka, der Zulu) über den Zulukrieger Shaka aus dem 19. Jahrhundert schuf Mofolo einen Klassiker der modernen afrikanischen Literatur. Plaatjes Abenteuerroman Mhudi (1930) um Chakas Stellvertreter Mzilikazi steht stilistisch in der Tradition der mündlichen Bantuliteratur und integriert traditionelle Gesänge in sein Erzählkonzept.

Aufgrund der politischen Verhältnisse verließen Mitte des 20. Jahrhunderts viele schwarze Südafrikaner ihre Heimat. Zu den Emigranten gehörten Peter Abrahams und Es’kia Mphahlele. In seiner Autobiographie Tell Freedom (1954; … dort, wo die weißen Schatten fallen) beschreibt Abrahams den alltäglichen Rassismus, welchen er als Kind in Johannesburg erleiden musste. Seine Studie The African Image (1962) beleuchtet sowohl die von schwarzen als auch von weißen Afrikanern verfasste Literatur und kritisiert eine zu starke Betonung des Themas der „Rassenfrage”. Weitere bekannte südafrikanische Schriftsteller sind der in Xhosa schreibende A. C. Jordan und der Zulu-Lyriker R. R. R. Dhlomo. In den fünfziger Jahren wurden Alex La Guma, Bloke Modisane sowie der Dramatiker und Kritiker Lewis Nkosi auch international populär. Zu den bekanntesten schwarzen Lyrikern Südafrikas, die sich gegen die Apartheidpolitik engagieren, zählt Dennis Brutus; sein Hauptwerk Sirens Knuckles Boots (1963) schildert die Auswirkungen rassistischer Unterdrückung auf das Alltagsleben.

Zu den weißen südafrikanischen Schriftstellern, die in Afrikaans schreiben und sich besonders mit den Folgen der Apartheid auseinander setzen, zählen die Lyriker D. J. Opperman und Breyten Breytenbach sowie Romanciers wie John M. Coetzee (The Life and Times of Michael K., 1983; Leben und Zeit des Michael K.). Zu den englischsprachigen Schriftstellern gehört Olive Schreiner; ihr sozialkritischer Roman The Story of an African Farm (1883; Geschichte einer afrikanischen Farm) gilt als Klassiker. Die Ungerechtigkeit der südafrikanischen Rassengesetzgebung und die Auswirkungen auf das private Leben spiegelt sich in den Werken einer ganzen Reihe international anerkannter englischsprachiger Autoren des 20. Jahrhunderts wider. Dazu gehören Alan Stewart Paton (Cry, the Beloved Country, 1948; Denn sie sollten getröstet werden), Doris May Lessing, Nadine Gordimer, die 1991 den Nobelpreis für Literatur erhielt, und Südafrikas bekanntester Dramatiker Athol Fugard. Fugards Stücke, The Blood Knot (1961; Blutsband), Boesman and Lena (1969; Buschmann und Lena) und Master Harold ... & the Boys (1982; Master Harold ... und die Boys) kritisieren offen die Staatspolitik und legten den Grundstein für das engagierte moderne Theater Südafrikas.

Breyten Breytenbach, zunächst ein Anhänger des afrikaandischen Nationalismus, sagte sich im Exil in Paris von seiner Muttersprache los: So schrieb er The Confessions of an Albino Terrorist (1985; Wahre Bekenntnisse eines Albino-Terroristen) in englischer Sprache. Das Buch schildert schonungslos die Auswirkungen einer neunjährigen Haft in südafrikanischen Gefängnissen, zu der der Autor aufgrund angeblicher terroristischer Aktivitäten verurteilt worden war.

4.2

 

Westafrika

Die bedeutendsten Werke der afrikanischen Literatur in französischer Sprache entstanden in der Lyrik. Léopold Sédar Senghor, Dichter und Präsident Senegals, führte die Négritude-Bewegung an, die einen großen Einfluss auf die französischsprachigen Intellektuellen hatte und in den dreißiger und vierziger Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Sie wandte sich gegen die französische Politik der Assimilation und verwarf den Gedanken einer Vorbildfunktion westlicher Kulturen. Der Négritude-Bewegung gehörten auch die Lyriker Birago Diop und David Diop an.

Nur wenige westafrikanische Prosaschriftsteller verfassten ihre Werke in französischer Sprache, darunter Camara Layes, dessen psychologisch-autobiographischer Roman L’enfant noir (1953; Einer aus Kurussa) gemeinhin als Meisterwerk gilt. In der Republik Kamerun wirkten mit Mongo Beti und Ferdinand Oyono zwei extrem prägnante und entlarvende Satiriker.

Innerhalb der englischsprachigen Literatur Westafrikas ragen die Werke der nigerianischen Schriftsteller Amos Tutuola und Chinua Achebe heraus; Ersterer fand mit The Palm-Wine Drinkard (1952; Der Palmweintrinker ...) auch international Beachtung. Achebes Frühwerk Things Fall Apart (1958; Okonkwo, oder das Alte stürzt) schildert die Bedrohung traditioneller Werte durch die westliche Zivilisation. A Man of the People (1966) ist eine politische Satire über die Korruption in einem nicht näher bezeichneten afrikanischen Staat. Auch der nigerianische Lyriker und Dramatiker Wole Soyinka, dem 1986 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, schreibt in englischer Sprache; sein Werk ist von den Mythen der Yoruba inspiriert. Soyinka gilt als unerschrockener Kritiker der nigerianischen Militärregierung und lieferte mit Dramen wie Death and the King’s Horseman (1975) und dem Roman The Interpreters (1965; Die Ausleger) eine satirische Analyse des modernen Nigeria und seiner althergebrachten Traditionen.

Der Lyriker und Dramatiker John Pepper Clark verflocht Mythologisches geschickt mit Sozialkritik. Gabriel Okara schrieb mit The Voice (1964; Die Stimme) einen der wenigen afrikanischen Romane, der ein ausschließlich afrikanisches Personal vorstellt. Der bekannteste Romancier Sierra Leones ist William Conton. In seinem Roman African (1960) beschreibt er aus der Sicht des Ich-Erzählers, eines jungen Afrikaners, der in England ausgebildet wurde, die kulturelle Kluft zwischen der afrikanischen und der europäischen Kultur.

Kofi Awoonor aus Ghana gilt als einer der interessantesten afrikanischen Dichter. Im Vordergrund seiner Lyrik steht die bedrohende Präsenz des Todes. Der ghanaische Romancier Ayi Kwei Armah schilderte in The Beautiful Ones Are Not Yet Born (1968; Die Schönen sind noch nicht geboren) das Ende des Regimes des ghanaischen Präsidenten Kwame Nkrumah. Bekannt wurde auch der nigerianische Schriftsteller Ben Okri.

4.3

 

Ostafrika

Die zeitgenössische ostafrikanische Literatur umfasst bedeutende autobiographische Werke wie die der Kenianer Josiah Kariuki (Mau Mau Detainee, 1963) und R. Mugo Gatheru (Child of Two Worlds, 1964). Der Kenianer James Ngugi beschäftigt sich in klarer und prägnanter Sprache vor allem mit dem Einfluss des Christentums auf das afrikanische Alltagsleben. Jean-Joseph Rabearivelo schrieb in Madagassisch und in französischer Sprache. Während sich seine frühe Lyrik vom Symbolismus beeinflusst zeigt, wandte er sich später wieder der traditionellen mundartlichen madagassischen Ballade zu. Shaaban Robert aus Tansania gehört zu den führenden Swahili-Lyrikern und Essayisten Ostafrikas. Sein bekanntestes Werk Kusadikika (1951), eine Allegorie nach dem Vorbild von Gullivers Reisen von Jonathan Swift, behandelt die politische Situation Tansanias. Eines der meistgelesenen Werke Ostafrikas ist die Übersetzung von William Shakespeares Julius Caesar in Swahili, die Julius Nyerere, der damalige Präsident Tansanias, im Jahr 1966 vornahm.

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