Amerikanische Literatur
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EINLEITUNG |
Amerikanische Literatur, die Literatur der USA.
Dazu gehören auch die vor der Gründung der Vereinigten Staaten in den
13 britischen Kolonien entstandenen literarischen Werke.
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KOLONIALZEIT UND AUFKLÄRUNG |
Als erste Zeugnisse der
amerikanischen Literatur gelten Aufzeichnungen über Entdeckungen und
Forschungsreisen in der Neuen Welt, die häufig episch breit angelegt waren und
sich, ähnlich wie die etwa zur gleichen Zeit entstandenen Werke der
Schriftsteller der Elisabethanischen Epoche innerhalb der englischen Literatur,
durch einen prägnanten Stil auszeichnen. Diese Charakteristika finden sich auch
in den Werken des aus England stammenden Forschers und Abenteurers John Smith,
der als erster bedeutender Vertreter der amerikanischen Literatur gelten kann.
Kennzeichnend für seine Schrift Generall Historie of Virginia, New-England,
and the Summer Isles (1624) ist die außerordentlich lebendige
Darstellungsweise, wie sie einem großen Teil der zu Zeiten der King James Bible
verfassten englischen Erzählprosa eigen ist. Mit der zunehmend religiösen
Ausrichtung der Literatur, die sich insbesondere in den Neuengland-Kolonien
manifestierte, trat die Lebendigkeit des Erzählstils zurück. Jede Begebenheit
wurde nach religiösen Gesichtspunkten interpretiert. Zu den bedeutenden Werken
auf diesem Gebiet zählen die History of Plimmoth Plantation (verfasst
etwa 1630-1651, posthum 1856 veröffentlicht) des Schriftstellers William
Bradford, der viele Jahre lang Gouverneur der Kolonie in Plymouth war, sowie The
History of New England (verfasst 1630-1649) von John Winthrop, dem ersten
Gouverneur der Massachusetts-Bay-Kolonie; letzteres erschien in nahezu
vollständiger Ausgabe erstmals 1853.
Eine monumentale Kirchengeschichte
Neuenglands legte der puritanische Geistliche Cotton Mather mit Magnalia
Christi Americana (1702) vor. Trotz gewisser Eigentümlichkeiten in
stilistischer Hinsicht und im didaktischen Ansatz gilt die Abhandlung als
Meisterwerk theologischen Wissens und Denkens und ist als Dokument der
Gründerzeit von einigem Interesse. Mit über 400 Publikationen übertraf
Cotton Mather die schriftstellerische Produktivität seines Vaters, des
Geistlichen Increase Mather, um ein Vielfaches. Als Gegner des Puritanismus
engagierte sich der aus England stammende Abenteurer Thomas Morton in The
New English Canaan (1637). Von zeitgeschichtlichem Wert sind auch die
Schilderungen der Indianerkriege und die damit verbundene Darstellung der
problematischen Besiedlung des Landes. Zu den bedeutenden Werken in diesem
Bereich zählen Berichte wie A Brief History of the Pequot War des
englischen Siedlers John Mason, der 1736 von dem Historiker Thomas Prince
herausgegeben wurde. Den wohl eindrucksvollsten Erlebnisbericht unter der
Vielzahl von Publikationen über Siedler in indianischer Gefangenschaft
verfasste Mary Rowlandson.
In der Frühzeit der kolonialen
Phase Nordamerikas entstanden, hauptsächlich in Neuengland, zumeist religiöse
Schriften. So war auch die erste in den Kolonien gedruckte Publikation ein
Gesangbuch. Es erschien 1640 unter dem Titel The Whole Book of Psalmes
Faithfully Translated into English Metre. Verfasser des auch als Bay
Psalm Book bezeichneten Werkes waren drei Geistliche aus Neuengland,
nämlich Richard Mather, John Eliot und Thomas Weld. Unter den Lyrikern der
Kolonialzeit ragt vor allem Anne Bradstreet heraus. Ihre Gedichte erschienen
erstmals unter dem Titel The Tenth Muse Lately Sprung Up in America
(1650). Ebenfalls in dieser Epoche entstanden die Dichtungen Edward Taylors,
dessen eindrucksvolle Sammlung Poetical Works erst 1939 veröffentlicht
werden konnte, sowie die Sammlungen des Geistlichen Michael Wigglesworth, der
in seiner damals äußerst populären und weit verbreiteten Dichtung The Day of
Doom (1662) in balladeskem Ton apokalyptische Visionen aus puritanischer
Sicht beschrieb.
Außerhalb Neuenglands war die Literatur
der Kolonialzeit weniger stark religiös ausgerichtet. Dabei stand zumeist eine
Beschreibung der eigenen Lebensumstände und eine Darstellung der
Entwicklungsmöglichkeiten der Siedlungsgebiete im Zentrum des Interesses.
Deutlich wird dies etwa in A Character of the Province of Maryland
(1666) des Predigers George Alsop, das bereits satirisch-parodistische Züge
trägt, und in der publizistischen Abhandlung A Brief Description of New York
(1670) des Journalisten Daniel Denton. Weitere literarische Zeugnisse aus
dieser Zeit stellte der Herausgeber Albert C. Myers in dem 1912
erschienenen Sammelband Narratives of Early Pennsylvania, Delaware, and West
Jersey, 1630-1708 (1912) zusammen, einem wichtigen Dokument zur
Zeitgeschichte.
Ab dem 18. Jahrhundert wurden
die Inhalte literarischer Werke zunehmend weltlicher. Dennoch kam den Schriften
des puritanischen Theologen Jonathan Edwards wesentliche Bedeutung zu. Bekannt
wurde er durch seine Predigt Sinners in the Hands of an Angry God, die
1741 in gedruckter Form erschien. Um Klarheit und Präzision im Ausdruck bemühen
sich vor allem seine philosophischen Betrachtungen A Faithful Narrative of
the Surprising Work of God (1737) und Freedom of the Will (1754).
Stellvertretend für die zunehmende Säkularisierungstendenz der amerikanischen
Literatur, die mit der Epoche der Aufklärung einherging, stehen vor allem
William Byrd und Benjamin Franklin, die das provinzielle Leben der Siedler
beschrieben. Byrd, ein Plantagenbesitzer, trat zunächst als Autor des humoristischen
Meisterwerks History of the Dividing Line (verfasst 1738, erstmals
veröffentlicht 1841) in Erscheinung; seine aufschlussreichen
Tagebuchaufzeichnungen erschienen erst 1941 bzw. 1942 als Secret Diary
und Another Secret Diary . Sie sind dem ursprünglich ebenfalls nicht zur
Veröffentlichung vorgesehenen Tagebuch des aus England stammenden
Schriftstellers Samuel Pepys vergleichbar, der etwa um die gleiche Zeit lebte.
Wesentlich bekannter als Byrd wurde Benjamin Franklin, dessen meisterhaft
geschriebener, jedoch unvollendet gebliebener Autobiography (Autobiographie)
bis heute große zeitgeschichtliche Bedeutung zukommt. Zu seinem Gesamtwerk
zählen ferner Briefe, Satiren, so genannte Bagatellen, Almanache und
wissenschaftliche Abhandlungen.
Als erstes literarisches Werk eines
Afroamerikaners erschien 1746 das 28-zeilige Gedicht Bar’s Fight,
August 28, 1746 von Lucy Terry. Danach trat Jupiter Hammon, der als
Sklave in den Kolonien arbeiten musste, mit dem christlichen Erlösungshymnus An
Evening Thought; Salvation by Christ, with Penitential Cries (1760) hervor.
Die in Afrika geborene Lyrikerin Phillis Wheatley erlangte als erste
afroamerikanische Schriftstellerin Anerkennung in der Öffentlichkeit: Sie
diente lange Zeit als Haussklavin in Boston. Ihr Gedichtband Poems on
Various Subjects: Religious and Moral (1773 in London erschienen) enthält
hauptsächlich Dichtungen religiösen Inhalts.
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UNABHÄNGIGKEITSKRIEG UND 18. JAHRHUNDERT |
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Revolutionszeit |
Zwischen der Thronbesteigung König Georgs III.
von England 1760 und der Schaffung einer amerikanischen Föderationsregierung
1789 leisteten amerikanische Gelehrte wesentliche Beiträge zur
Geistesgeschichte des Landes. Zu den zentralen Werken dieser Epoche gehören die
Schriften amerikanischer Politiker, die im Zuge der amerikanischen Revolution
für eine Unabhängigkeit des Landes von britischer Vorherrschaft eintraten. Eine
beeindruckende Sammlung dieser Zeugnisse wurde 1897 von dem Historiker Moses
Coit Tyler in Literary History of the American Revolution
zusammengestellt. Eine weitere Anthologie bedeutender Reden und politischer
Schriften der Revolutionszeit erschien unter dem Titel The Federalist;
hier sind die zwischen 1787 und 1788 von den Politikern John Jay, James Madison
und Alexander Hamilton verfasste Schriften versammelt, deren überzeugtes
Eintreten für die neue Verfassung der Vereinigten Staaten als eindrucksvolles
Plädoyer für Selbstverwaltung und Demokratie betrachtet werden kann.
Entscheidendes tat sich auf dem Gebiet der Presse. 1690 erschien in Boston die
erste amerikanische Tageszeitung Public Occurrences; sie wurde jedoch
sofort nach dem Erscheinen der Erstausgabe wieder verboten, da die Herausgeber
keine Lizenz vorweisen konnten. 14 Jahre später gründete der Journalist
John Campbell die Zeitung Boston News-Letter. Die ersten Zeitschriften
des Landes erschienen 1741 in Philadelphia; damals gründete der Drucker Andrew
Bradford das American Magazine. Benjamin Franklin brachte seinerseits im
gleichen Jahr die erste Ausgabe seines General Magazine and Historical
Chronicle heraus.
Obgleich sich die amerikanische
Literatur im 18. Jahrhundert nicht zur vollen Blüte entwickeln konnte,
erweiterte sich ihr Spektrum in Form und Inhalt wesentlich. Zur Zeit des
Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges profilierten sich gleich mehrere
Schriftsteller. Zu ihnen gehörte der Publizist Thomas Paine, der mit seinen
Flugschriften Common Sense (1776) und Crisis (zwölf Ausgaben,
1776-1783) die Autonomiebestrebungen der Kolonien unterstützte. In The Age
of Reason (1794-1796, Das Zeitalter der Vernunft. Eine Untersuchung über
wahre und märchenhafte Gottesvorstellungen) – eine Schrift, die in London
gedruckt werden musste – übte Paine vom Standpunkt des toleranten Aufklärers
Kritik sowohl am Christentum wie auch am Atheismus, wobei ersteres heftige
Reaktionen von Seiten des amerikanischen Publikums nach sich zog. Äußerst stark
rezipiert hingegen wurde die gegen England gerichtete Satire M’Fingal
(1775-1782) des Rechtsgelehrten und Dichters John Trumbull. Politisch
engagierte Lyrik schrieb auch der vielseitig interessierte Dichter Philip Morin
Freneau, dessen allegorisches Gedicht The House of Night (1779) Merkmale
der in der Romantik verbreiteten Schauerliteratur aufweist (siehe Schauerroman)
und dessen Naturlyrik noch heute gelesen wird.
Mit The Interesting Narrative
of the Life of Gustavus Vassa, the African wurde 1789 in London erstmals
die anonym publizierte Lebensbeschreibung eines afroamerikanischen Autors
veröffentlicht, die hinter der fiktiven Maske des Gustavus Vassa umfassend und
realistisch das Leben eines Farbigen im 18. Jahrhundert der Kolonien
dargestellt. Das Buch wird dem ehemaligen Sklaven Olaudah Equiano
zugeschrieben, der sich freikaufte und anschließend in England niederließ, wo
er sich gegen die Sklaverei engagierte.
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Nachrevolutionäre Phase |
Während der Präsidentschaft George
Washingtons gehörte Hartford im Bundesstaat Connecticut zu den bedeutendsten
literarischen Zentren der neuen Nation. In Hartford entstand als
Zusammenschluss junger Schriftsteller der Kreis der so genannten Hartford
Wits, dem der Geistliche Timothy Dwight sowie die Dichter John Trumbull und
Joel Barlow angehörten. Von ihren zumeist schwer zugänglichen, zeitgebundenen
und stilistisch teils schwerfälligen Dichtungen haben nur mehr einige der
gelungeneren im Kanon ihren Platz gefunden. Wichtig hingegen für die
Entwicklung der amerikanischen Literatur der Folgezeit war der Beginn der
Romantradition. Zu den frühesten Zeugnissen dieser Gattung gehören das
sentimental-empfindsame Buch The Power of Sympathy (1789) von William
Hill Brown und der realistisch-satirische Schelmen- bzw. Abenteuerroman Modern
Chivalry (1792-1815) des auch als Lyriker hervorgetretenen Autors Hugh
Henry Brackenridge. Ein weiterer Vertreter der frühen amerikanischen
Romanliteratur war ferner der Schriftsteller und Journalist Charles Brockden
Brown, dessen Werke wie Wieland; or, The Transformation (1798, Wieland
oder Die Verwandlung), Arthur Mervyn (1799-1800, Arthur Mervin
oder Die Pest in Philadelphia) und Edgar Huntly (1799, Edgar
Huntly oder Der Nachtwandler) auch in Europa ihre Leser fanden. Browns
Bücher zählen zur Kategorie der Schauerromane; er arbeitete mit effektvollen
Elementen, die Verfahren von Edgar Allan Poe und Nathaniel Hawthorne antizipierten.
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19. JAHRHUNDERT |
Die Zeit zwischen 1815 und
1861 gilt als First National Period, also als erste nationale Phase der
amerikanischen Literatur. Kennzeichnend für diese Epoche ist eine Betonung der
schöpferischen Vorstellungskraft, eine Entwicklung, die nach dem Krieg von 1812
ihren Anfang nahm und in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts ihren
Höhepunkt ereichte. Zwischen 1850 und 1860 entstanden mehr hochkarätige
literarische Werke als in den vorangegangenen Jahrzehnten. In der
amerikanischen Geschichte markiert der Bürgerkrieg den Übergang von der eher
beschaulichen Vorkriegszeit ins bewegte Industriezeitalter. Viele der führenden
Schriftsteller der Vorkriegszeit publizierten zwar nach dem Krieg weiter, boten
jedoch in ihren nach 1865 entstandenen Werken wenig Neues. Die junge Nation
stand zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor der Herausforderung, ihre
kulturelle Identität erst noch zu schaffen. Die Literaten jener Zeit gingen
dabei unterschiedliche Wege. Unter Vorwegnahme der später von dem Essayisten
Ralph Waldo Emerson und dem Dichter Walt Whitman entwickelten Standpunkte
vertraten manche Schriftsteller die Ansicht, dass tief greifende politische
Änderungen eine vollkommen neue Literatur erforderten; Zentrum hierfür war New
York. Andere wiederum, von denen die meisten in Boston ansässig waren,
befürworteten eine Orientierung an europäischen literarischen Normen. In Boston
entstanden während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts nur wenige
bedeutende Werke; Erwähnung verdient jedoch die Gründung der lange Zeit
einflussreichen literarischen Vierteljahresschrift The North American Review
im Jahr 1815. In New York wirkten die drei ersten Vertreter einer national
geprägten, aber dennoch kosmopolitische Merkmale aufweisenden literarischen
Strömung Washington Irving, William Cullen Bryant und James Fenimore Cooper.
Mit seinem Roman A History
of New York, From the Beginning of the World to the End of the Dutch Dynasty,
by Diedrich Knickerbocker (1809, Die Handschrift Diedrich Knickerbockers
des Jüngeren; auch: Humoristische Geschichte von New York) schuf
Irving nicht nur die Figur des legendären Vaters der Stadt, sondern auch eine
mit Elementen des komischen Epos und der politischen Satire gekoppelte
parodistische Chronik New Yorks. A History of New York gilt gemeinhin
als erster humoristischer Roman der USA. Eine weitere wichtige Publikation
Irvings ist The Sketch-Book of Geoffrey Crayon, Gent (1819-1820, Gottfried
Crayons Skizzenbuch), mit dem er – insbesondere mit den Geschichten über
Rip Van Winkle und der Sage von Ichabod Crane (in The Legend of Sleepy
Hollow) – die amerikanische Legendenwelt bereicherte (die Geschichte von
Rip van Winkle wurde später von Max Frisch in seinem Roman Stiller
wieder aufgegriffen). Trotz ihres Versuchs eines typisch amerikanischen
Schreibens orientierten sich Irvings Werke am Stil der englischen Erzählprosa
des 18. Jahrhunderts, wie ihn vor allem der Schriftsteller Oliver
Goldsmith pflegte; eine Biographie Goldsmiths veröffentlichte Irving 1849. Nach
dessen Vorbild griff er auch historische Themen auf: So sind die Geschichten in
The Alhambra (1832, Die Alhambra oder das neue Skizzenbuch) im
Spanien einer Zeit des Übergangs zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert
angesiedelt. Weniger erfolgreich war Irvings Reisebericht A Tour of the
Prairies (1835) über den amerikanischen Westen. Der Autor verfasste
außerdem umfangreiche biographische Abhandlungen über Christoph Kolumbus (1828)
und George Washington (5 Bde., 1855-1859). William Cullen Bryant stammte
aus Massachusetts und ließ sich 1825 in New York nieder, wo ihn sein
bekanntestes Gedicht Thanatopsis 1817 mit einem Schlag berühmt werden
ließ. Bryant verfasste nicht nur Lyrik, sondern verfasste auch fiktive Prosa
und Reiseberichte. Ferner trat er als Autor literaturtheoretischer Schriften
über Lyrik und mit kongenialen Übersetzungen der Werke Homers hervor. Von 1829
bis zu seinem Tod 1878 war Bryant Herausgeber der liberalen Zeitung New York
Evening Post; in dieser Funktion setzte er sich mit seinen Artikeln
vornehmlich für die Abschaffung der Sklaverei ein. James Fenimore Cooper
erreichte als erster amerikanischer Autor nach Franklin internationale
Bekanntheit. Seine berühmten Lederstrumpf-Romane The Pioneers (1823, Die
Ansiedler), The Last of the Mohicans (1826, Der letzte Mohikaner),
The Prairie (1827, Die Prärie), The Pathfinder (1840, Der
Pfadfinder) und The Deerslayer (1841, Der Wildtöter) sind
nach dem Vorbild der historischen Waverley-Romane Sir Walter Scotts
angelegt und zeichnen ein eindrucksvolles Bild Nordamerikas. In der endlosen
Weite der Landschaft aus Wäldern und Seen spielen die Abenteuer seines
Romanhelden, des Grenzers Natty Bumppo, der mit Jägern, Indianern und feindlich
gesinnten Europäern konfrontiert wird. Mit seinen Seeromanen, von denen The
Pilot (1823) der wohl populärste wurde, übertraf Cooper die Werke früherer
Schriftsteller an atmosphärischer Dichte und Detailtreue. Auch
gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und religiöse Aspekte des
amerikanischen Alltags flossen in seine Erzählprosa ein, so auch in die
Littlepage-Trilogie, die zwischen 1845 und 1846 publiziert wurde. Mit seinen
grandios komponierten Romanen wirkte Cooper auch auf europäische
Schriftsteller, namentlich auf den Franzosen Honoré de Balzac und in neuerer
Zeit auf den Engländer D. H. Lawrence.
Zu jenen Schriftstellern der
amerikanischen Literatur, die sich verstärkt einer europäischen Tradition
verschrieben, zählten die so genannten Cambridge Poets, die alle mehr
oder weniger mit Harvard verbunden waren. Der Aristokrat Henry Wadsworth
Longfellow war das bekannteste Mitglied dieses kosmopolitisch orientierten
Literatenkreises; er verarbeitete in seinen Werken die religiösen,
patriotischen und kulturellen Vorstellungen der Mittelschicht. Darüber hinaus
trat er als Übersetzer europäischer Literatur hervor. (Besonders eindrucksvoll
ist seine Divine Comedy of Dante Alighieri, 3 Bde., 1865-1867,
seine Übersetzung der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri.) Darüber
hinaus schrieb er formal vollendete Lyrik religiösen und moralischen Inhalts
und etablierte sich als der im 19. Jahrhundert bedeutendste amerikanische
Verfasser von Sonetten. In mehreren Versepen zu Themen der amerikanischen
Geschichte und des indianischen Mythenkosmos, darunter Evangeline (1847),
The Song of Hiawatha (1855, Das Lied von Hiawatha) und The
Courtship of Miles Standish (1858, Miles Standishs Brautwerbung),
besang Longfellow das Leben in der Neuen Welt in hymnisch-elegischem Ton.
Kaum noch Bedeutung hat heute
das Werk des Arztes und Schriftstellers Oliver Wendell Holmes. Unbestritten ist
jedoch, dass er mit seinen Gedichten und Prosawerken – insbesondere mit seinen
zwölf Essays, die in Buchform unter dem Titel The Autocrat of the
Breakfast-Table (1858, Der Tisch-Despot; auch: Der Professor am
Frühstückstisch) erschienen – dazu beitrug, den starken Einfluss des
Puritanismus auf das amerikanische Denken zurück zu nehmen. Der Dichter und
Kritiker James Russell Lowell galt einst als amerikanisches Pendant Johann
Wolfgang von Goethes; heute ist sein Werk vor allem von historischer und
kulturgeschichtlicher Bedeutung. Mit seinen lebendigen Verssatiren, die als Biglow
Papers in zwei Serien erscheinen (1848 und 1867), seiner berühmten
patriotischen Dichtung, die als The Harvard Commemoration Ode in den USA
weithin bekannt wurde, und seiner Sammlung kritischer Essays, Among My Books
(2 Bde., 1870 und 1876), erweiterte und bereicherte er nicht nur das
literarische Spektrum, sondern prägte auch das amerikanische
Nationalbewusstsein. Im weiteren Sinn zählte auch der Dichter John Greenleaf
Whittier zu den Cambridge poets. Bekannt wurde vor allem sein Gedicht Snow-Bound
(1866). Ferner schrieb er religiöse Lyrik. Auch befürwortete er die
Sklavenbefreiung, was beispielsweise in seinem antithetisch angelegten Gedicht Massachusetts
to Virginia (1843) deutlich zum Ausdruck kommt.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts
wurde die Sklavenfrage in den Vereinigten Staaten mehr und mehr zu einem
kontrovers diskutierten Thema. Diese Tendenz verstärkte sich zur Mitte des
Jahrhunderts hin. Die in dieser Zeit entstandenen Werke afroamerikanischer
Autoren geißelten die Sklaverei als unmoralisch, schilderten dramatisch die
entwürdigende Situation der Farbigen im Land und wandten sich gegen die
romantisierende Darstellung des Sklavendaseins, wie sie in der Zeit vor dem
Sezessionskrieg von Südstaatenschriftstellern gepflegt wurde, die der so
genannten Plantation Tradition (Tradition der Plantagen)
verpflichtet waren. Als bedeutende Werke zum Thema Sklaverei gelten die drei
autobiographischen Schriften des in der Abolitionistenbewegung engagierten
Schriftstellers Frederick Douglass. Sein Buch Narrative of the Life of
Frederick Douglass, an American Slave (Aus dem Leben des Frederick
Douglass als Sklave in Amerika, von ihm selbst erzählt) erschien 1845, kurz
nach seiner Flucht aus Maryland, wo er bis zu diesem Zeitpunkt selbst Sklave
gewesen war. Erweiterte Fassungen seiner Abhandlung folgten 1855 (My Bondage
and My Freedom, Ein Stern weist nach Norden) und 1881 (Life and
Times of Frederick Douglass, letztmals überarbeitet 1892). Ein weiteres
wichtiges Werk ist The Condition, Elevation, Emigration, and Destiny of the
Colored People of the United States (1852) von Martin Robinson Delany, der
von Literaturwissenschaftlern und Historikern mittlerweile als erste national
geprägte Stimme eines Farbigen betrachtet wird. Der Geschichtswissenschaftler,
Romancier und Dramatiker William Wells Brown befreite sich 1834 aus der
Sklaverei. Sein Clotel; or, The President’s Daughter: A Narrative of Slave
Life in the United States, der 1853 in London erschien, ist der erste Roman
eines afroamerikanischen Autors. Zentrales Thema ist die so genannte
„Rassenmischung”. Es wurde später von anderen Autoren des 19. Jahrhunderts
aufgegriffen, die wie Brown im Zwiespalt zwischen ihrer afrikanischen Herkunft
und der Notwendigkeit, in den Vereinigten Staaten Wurzeln zu schlagen, lebten.
Zu den kulturell interessierten
Schriftstellern des 19. Jahrhunderts gehören auch die Essayisten Ralph
Waldo Emerson und Henry David Thoreau, die beide als Vertreter des
Transzendentalismus gelten, sowie die Schriftsteller Nathaniel Hawthorne und
Herman Melville. In seinem berühmten Pamphlet The American Scholar
(1837), die auf einer seiner Reden basiert, wandte sich Emerson strikt gegen
das gemäßigte kosmopolitische Denken und proklamierte einen intuitiven und von
Natur-Idealen geleiteten Individualismus, wie er ihn in seinem programmatischen
Essay Nature (1836), seiner Rede Address at Divinity College
(1838), seinen zwei Essayfolgen (1841 und 1844) und dem Werk Representative
Men (1850, Repräsentanten der Menschheit) zum Ausdruck brachte.
Ähnliche Philosophien entwickelten sich auch in Deutschland und Großbritannien;
Emerson vertrat die Denkweise amerikanischer Ausprägung. Thoreaus Schriften
fanden im Allgemeinen weniger Verbreitung als die Emersons. Eine Ausnahme
bildet sein Buch Walden; or, Life in the Woods (1854, Walden oder Das
Leben in den Wäldern), das bis in die heutige Zeit auch außerhalb der USA
eine größere Leserschaft hat als jedes Werk Emersons. Thoreaus Essay Civil
Disobedience (1866; 1849 unter dem Titel Resistance to Civil Government;
Widerstand gegen die Regierung) übte weltweit politischen Einfluss aus,
und die Schrift Life Without Principle, die als Zusammenstellung von
Tagebuchaufzeichnungen Thoreaus 1863 posthum erschien, belegt eindrucksvoll
seine Vorstellung, dass der Mensch ohne charakterliche Integrität nicht
bestehen kann. Emerson lehnte die Sklavenhaltung ab; Thoreau dagegen engagierte
sich auch aktiv als Gegner der Sklaverei; seine Schriften werden noch heute zur
Argumentation gegen Praktiken herangezogen, die die Funktion des Menschen auf
seine bloße Arbeitskraft reduzieren.
Hawthorne zählt mit seinem
Meisterwerk The Scarlet Letter (1850, Der scharlachrote Buchstabe)
unzweifelhaft zu den großen Literaten Amerikas. Seine Person und die Vielfalt
seines literarischen Schaffens sind immer wieder Gegenstand kritischer
Untersuchungen und Neuinterpretationen von Seiten der Amerikanistik. Von seiner
zeitgenössischen Leserschaft wurde er zumeist als der verträumte Romantiker
empfunden, als der er sich selbst gern zu stilisieren pflegte. Später wandelte
sich aufgrund neuer Erkenntnisse das Bild, so dass die träumerisch-verklärenden
Aspekte seines Werks immer mehr in den Hintergrund traten. Heute gilt Hawthorne
nicht zuletzt als bisweilen boshafter Zeitkommentator, der Ereignisse des
öffentlichen Lebens und individuelle Verhaltensweisen mitunter kritisch zu
beleuchten verstand. Zudem wird seine Bedeutung als Meister des psychologischen
Romans immer mehr herausgestellt. Im Mittelpunkt vieler Erzählungen Hawthornes,
die gesammelt als Twice-Told Tales (2 Bde., 1837 und 1842, Zweimal
erzählte Geschichten) und Mosses from an Old Manse (1846)
erschienen, steht, ebenso wie in seinen Romanen The House of the Seven
Gables (1851, Das Haus der sieben Giebel), The Blithedale Romance
(1852, Blithdale) und The Marble Faun (1860, Der Marmorfaun),
die Auseinandersetzung zwischen guten und bösen Kräften in der menschlichen
Psyche.
Noch tief greifender war der
Wandel in der Bewertung des literarischen Schaffens des Schriftstellers Herman
Melville. Nachdem er in seinem ersten Roman Typee: A Peep at Polynesian Life
(1846, Taipi; auch: Vier Monate auf den Marquesas-Inseln) seine
abenteuerlichen Erlebnisse unter den Bewohnern geschildert hatte, schuf er mit
den Romanen Mardi (1849) und insbesondere mit seinem Meisterwerk Moby-Dick;
or, The White Whale (1851, Moby Dick oder Der weiße Wal), das er
seinem Freund Hawthorne widmete, zwei von Zeitgenossen ignorierte Meisterwerke
der Gattung. Sein Buch Pierre: or the Ambiguities (1852, Pierre)
stieß ebenfalls bei den Lesern auf Ablehnung. In der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts geriet Melvilles literarisches Werk in Vergessenheit und
wurde erst im 20. Jahrhundert neu entdeckt und gewürdigt. Wie Hawthornes
Werke, so kreisen auch Melvilles Romane um das Phänomen des Bösen, das er, etwa
in Moby Dick, mit enzyklopädischem Wissen verquickt, religiös-allegorisch
deutete. Eine Ausnahme bildet die erst 1924 posthum veröffentlichte tragische
Erzählung Billy Budd, Foretopman (Billy Budd), in der der
engelsgleiche Titelheld an der Boshaftigkeit seines Vorgesetzten scheitert;
hier ist der Kampf zwischen Gut und Böse äußerst realistisch ausgestaltet.
Zu den bedeutendsten Literaten
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zählt der Dichter, Kritiker und
Verfasser bedeutender Kurzgeschichten, Edgar Allan Poe. Er stammte zwar aus dem
amerikanischen Süden, verarbeitete in seinem Werk jedoch nicht die
charakteristischen Themen anderer Schriftsteller dieser Region. Neben seiner
Tätigkeit als Journalist schuf er einen abgeschlossenen Kosmos, dessen
unheimliche, teils apokalyptische Phantasiewelt in sich mit konsequenter Logik
ausgestaltet ist. Diese Logik äußert sich auch in seinen kritischen Schriften,
die u. a. die „korrekte”, nahezu mathematisch-logische Konstruktion eines
gelungenen Gedichts beschreiben. Mit seiner Lyrik übte Poe großen Einfluss auf
den französischen Symbolismus aus; seine Erzählungen, die u. a. in dem
Band Tales of the Grotesque and Arabesque (1840) erschienen, gehören zu
den eindrucksvollsten Werken der Schauerromantik. Mit The Murders in the Rue
Morgue (1841, Der Doppelmord in der Rue Morgue) begründete Poe die
Gattung der Detektivgeschichte und schuf somit ein weithin populäres Genre; es
folgten The Purloined Letter (1844, Der stibitzte Brief) und
weitere Erzählungen. Mit The Raven (1845, Der Rabe) über die
dunkle Beschwörung einer verlorenen Geliebten schuf er einen grandiosen, häufig
zitierten Beleg seines poetologischen Modells; er wurde von Hans Hans
Wollschläger und Arno Schmidt kongenial ins Deutsche übertragen. Auch
Dichtungen wie Ulalume (1847) faszinieren noch heute mit ihrer
dunkel-melodischen Metaphorik.
Ein weiterer, über die Grenzen
Nordamerikas hinaus bedeutsamer Autor war der Lyriker Walt Whitman, dessen
Dichterpersönlichkeit Generationen nachfolgender Autoren beeinflusste. Nach
frühen, wenig erfolgreichen Versuchen als Schriftsteller schrieb Whitman 1855
die erste Fassung seines Gedichtbandes Leaves of Grass (Grashalme), den
er in den folgenden Jahren bis 1882 immer wieder überarbeitete und erweiterte.
Mit den von Johannes Schlaf übertragenen Grashalmen prägte Whitman die
Dichtung des so genannten Neuen Pathos im Expressionismus nachhaltig.
Seine weitere Dichtungen und Essays, darunter Drum-Taps (1865, Trommelschläge),
Democratic Vistas (1871, Demokratische Ausblicke) und Specimen
Days & Collect (1882), sind als Ergänzungen zu diesem seinem Hauptwerk
zu betrachten. Whitmans dichterisches Selbstverständnis erforderte eine
neuartige freie Versform, in der er das Denken und Erleben des Menschen, aber
auch das im Expressionismus enthusiastisch rezipierte „Wir”-Gefühl besang. In
langen rhythmisch-pathetischen Verszeilen verlieh er – wortgewaltig auch in
Details – einer mystisch-kosmologischen Zusammengehörigkeit aller Wesen zur
Schöpfung Ausdruck und pries in seiner intellektuell geprägten Lyrik die
spirituelle Kraft der Demokratie des „kraftvollen einfachen Volkes”.
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4.1 |
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Amerikanischer Bürgerkrieg |
Niemand geringerer als der
amerikanische Präsident Abraham Lincoln bezeichnete die Schriftstellerin
Harriet Beecher Stowe wegen ihres Romans Uncle Tom’s Cabin (1852, Onkel
Toms Hütte) im Scherz einmal als „kleine Frau, die den großen Krieg
ausgelöst hat”. Zwar ist ihr Buch keine literarische Meisterleistung, doch
entsprach sein Inhalt so stark der abolitionistischen Haltung der
amerikanischen Nordstaaten, dass es enorme politische Wirkung hatte. Auch
Lincoln selbst verfasste gelegentlich Prosawerke, die sich durch einen
gemessenen und präzis-pointierten Stil auszeichnen. Prägend wirkte er auf die
amerikanische Rhetorik, indem er sich unter dem Eindruck des Bürgerkrieges von
dem überladenen Stil, wie ihn der Politiker Daniel Webster pflegte, abkehrte
und sich stattdessen mit einer eher nüchternen Sprache an das amerikanische
Volk wandte. Beispielhaft kommt dies etwa in seiner berühmten Rede bei
Gettysburg (1863) und in der Antrittsrede zu seiner zweiten Amtszeit als
Präsident 1865 zum Ausdruck.
Nach Kriegsende trat eine neue
Generation junger Schriftsteller an die Öffentlichkeit, insbesondere im Bereich
der erzählenden Prosa. Mehrere zusammenwirkende Faktoren beeinflussten in der
Nachkriegszeit die weitere Entwicklung der amerikanischen Literatur. So ließen
sich in New York immer mehr Verlage nieder, neue Methoden zur Herstellung von
Printmedien wurden entwickelt, und die Verkaufs- und Vertriebswege für
Verlagsprodukte konnten erweitert und verbessert werden. Auch bewirkte die
Entwicklung des öffentlichen (staatlichen) Schulsystems ein insgesamt höheres
Bildungsniveau in der Bevölkerung, so dass nicht nur die potentielle
Leserschaft zunahm, sondern auch dank der Vermittlung von Literatur- und Fremdsprachenkenntnissen
das Interesse an der heimischen Literatur wie auch an den Werken ausländischer
Schriftsteller wuchs. Hinzu kam die wachsende Bedeutung von
Literaturzeitschriften. Die Jahrzehnte nach 1870 wurden zu einer Art „goldenem
Zeitalter” im amerikanischen Zeitschriftenwesen. Hohes Ansehen genoss das
einflussreiche Magazin Atlantic Monthly, das 1857 – und damit vier Jahre
vor Ausbruch des Bürgerkrieges – gegründet wurde. Herausgegeben wurde es von
James Russell Lowell, der Geschichten mit Lokalkolorit bevorzugte und auf diese
Weise bewirkte, dass in den siebziger und achtziger Jahren des
19. Jahrhunderts eine Vielzahl von Werken dieser Art geschrieben wurde.
Die Autoren der Südstaaten
zeichneten in ihren Werken ein emotional geprägtes Bild des amerikanischen
Südens zur Zeit der Konföderation; zu ihnen zählen George Washington Cable mit
seinem Erzählungenband Old Creole Days (1879, Aus der alten
Kreolenzeit), Joel Chandler Harris als Schöpfer der berühmten
Onkel-Remus-Geschichten, die 1880 unter dem Titel Uncle Remus, His Songs and
Sayings erschienen, sowie der Maler und Schriftsteller Francis Hopkinson
Smith, der das Werk Colonel Carter of Cartersville (1891) verfasste.
Auch die aus Louisiana stammende Schriftstellerin Kate O’Flaherty Chopin gehört
zu den Literaten dieser Epoche, wird jedoch bisweilen auch den Realisten des
ausgehenden 19. Jahrhunderts zugerechnet. Ihr letzter und zugleich
bedeutendster Roman trägt den Titel The Awakening (1899, Das Erwachen);
darin schildert O’Flaherty die Lebenswelt der Kreolen und den Kampf einer Frau
um ein unabhängiges und erfülltes Dasein inmitten einer von Männern dominierten
Welt. Neuenglisches Lokalkolorit kennzeichnet die Kurzgeschichten der
Schriftstellerin Sarah Orne Jewett, die zumeist in Maine spielen und gesammelt
in dem Band The Country of the Pointed Firs (1896, Das Land der
spitzen Tannen) veröffentlicht wurden. Die Goldfelder Kaliforniens waren
Schauplatz der Erzählungen des Autors Bret Harte, dessen The Luck of Roaring
Camp and Other Sketches (1870, Das Glück von Roaring Camp)
exemplarisch für die Regionalliteratur des amerikanischen Westens ist. Auch in
der Lyrik schlug sich die Vorliebe für regionale Themen nieder. Beispielhaft
für diese Entwicklung sind die Werke der Dichter Joaquin Miller und James
Whitcomb Riley, die in ihren Dichtungen lokale Begebenheiten aus dem
Mittelwesten verarbeiteten.
Zwischen 1865 und 1910
entstanden verhältnismäßig wenige dichterische Werke. Eine Anthologie, in deren
Zusammenstellung sich der damalige Zeitgeschmack spiegelt, erschien unter dem
Titel An American Anthology, 1787-1899 (1900); Sie wurde von dem
konservativen Kritiker Edmund Clarence Stedman herausgegeben. Noch heute von
Bedeutung sind die Dichtungen des führenden Südstaaten-Lyrikers Sidney Lanier.
Seine bekanntesten Gedichte sind The Marshes of Glynn (1879) und The
Revenge of Hamish (1878). Auch der Dichter und Philosoph George Santayana
schuf formal vollendete Lyrik, die er in seinem Gedichtband Sonnets and
Other Verses (1894) veröffentlichte. Die balladesken Gedichte des aus Ohio
stammenden Schriftstellers Paul Laurence Dunbar erschienen in mehreren
Sammlungen, darunter Lyrics of a Lowly Life (1896), und wurden in ganz
Amerika gelesen. Zu ihren Lebzeiten vollkommen unbekannt war die Lyrikerin
Emily Dickinson, die heute als eine der bedeutendsten Dichterinnen ihrer Epoche
allgemeine Anerkennung genießt. Ihr erster Gedichtband (Poems, 1890)
erschien posthum vier Jahre nach ihrem Tod; er wurde bis Anfang der zwanziger
Jahre des 20. Jahrhunderts kaum gelesen.
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4.2 |
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Prosa |
Ausgehend von den Romanen
Washington Irvings, bilden humoristische Werke in der amerikanischen Literatur
eine eigene Kategorie. Das Spektrum ihrer Ausrichtung erstreckt sich von
volkstümlich orientierten Werken bis hin zur intellektuellen Satire. In der
ersten Sparte finden sich häufig Dialektelemente, wie dies in Lowells
Verssatire The Biglow Papers und den früher entstandenen Werken von
Autoren aus dem südwestlichen Grenzgebiet der Fall ist. Zu letzteren gehören
die humoristischen Skizzen des Bandes Georgia Scenes, die der Geistliche
und Schriftsteller Augustus Baldwin Longstreet 1835 vorlegte. Seit der
Jahrhundertmitte waren dann dialektale Wendungen und Schreibweisen ein
beliebtes Stilmittel, um den humoristisch-volksnahen Tenor von Vorträgen und
Zeitungskolumnen zu betonen. Vertreter dieser späteren Phase waren die
Humoristen Josh Billings (Josh Billings, His Sayings, 1865), Petroleum
V. Nasby (The Nasby Papers, 1864) und Artemus Ward (Artemus
Ward, His Book, 1862). In umgangssprachlicher Diktion nahmen sie nicht nur
menschliche Schwächen satirisch aufs Korn, sondern kommentierten auch
politische Ereignisse und hatten auf diese Weise beträchtlichen Einfluss auf
die öffentliche Meinung. Ein späterer Vertreter dieses Genres war Finley Peter
Dunne, der die literarische Figur des irischen Gastwirtes Mr. Dooley
erdachte, um in dessen Dialekt und aus dessen Sicht das Zeitgeschehen zu
kommentieren; zu seinen Werken zählt u. a. Mr. Dooley’s Opinions
(1901).
Volkstümlich-humoristisch orientiert war auch
das literarische Schaffen eines der bedeutendsten Schriftsteller der
Nachkriegszeit: Samuel Langhorne Clemens, besser bekannt unter seinem Pseudonym
Mark Twain. Sein erstes Werk The Celebrated Jumping Frog of Calaveras County
and Other Sketches (1867, Jim Smileys berühmter Springfrosch) lehnte
sich noch stark an die Tradition der mündlichen Erzählung an. In seinen
erfolgreichen Büchern The Innocents Abroad (1869, Die Arglosen auf
Reisen), Roughing It (1872, Im Gold- und Silberland) und Life
on the Mississippi (1883, Leben auf dem Mississippi) finden sich
sowohl journalistische wie auch literarische Elemente. Mark Twains
hervorragendste Texte sind zweifellos die Romane The Adventures of Tom
Sawyer (1876, Die Abenteuer Tom Sawyers) und The Adventures of
Huckleberry Finn (1884, Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn),
mit denen er zwei Meisterwerke der amerikanischen Prosaliteratur des
ausgehenden 19. Jahrhunderts schuf. Twains Stärke bestand darin, dass er
es verstand, seine jugendlichen Helden einfühlsam und zugleich
humorvoll-realistisch abzubilden; dabei spielte die Gossensprache der Jugend
eine zentrale Rolle – ein Umstand, wegen dem seine Romane lange Zeit (und
fälschlicherweise) ausschließlich der Kinder- und Jugendliteratur zugerechnet
wurden. In diesem Zusammenhang lassen sich Twains Romane Tom Sawyer und Huckleberry
Finn mit dem Buch Little Women (1868/69, Kleine Frauen) von
Louisa May Alcott vergleichen. In diesem in den USA nach wie vor außergewöhnlich
populären Roman setzte sich die Autorin – wie auch in vielen anderen ihrer
Werke – mit Problemen heranwachsender Jugendlicher auseinander. In Twains
späteren Romanen, darunter The Man That Corrupted Hadleyburg (1900, Wie
die Stadt Hadleyburg verderbt wurde; auch: Der Mann, der Hadleyburg
korrumpierte), dem eindrucksvollen Werk The Mysterious Stranger
(1916, Der geheimnisvolle Fremde) und seiner philosophischen Abhandlung What
is Man? (1906) überwiegt die pessimistische Satire, wie sie bereits in seinem
wesentlich früher entstandenen Roman The Gilded Age (1873, Das
vergoldete Zeitalter) erkennbar war.
Twains Freund und Ratgeber,
der Romancier und Kritiker William Dean Howells, vertrat in seinen
literaturtheoretischen Abhandlungen die Ansicht, dass die Literatur das
wirkliche Leben abbilden solle, und führte dies eindrucksvoll in seiner
Abhandlung Criticism and Fiction (1891) aus. Seine Theorie setzte er in
einer Reihe eigener Romane in die Praxis um, darunter A Modern Instance
(1882), The Rise of Silas Lapham (1885, Die große Versuchung) und
A Hazard of New Fortunes (1890), und belegte auf diese Weise anschaulich
seine Überzeugung, dass Literatur in erster Linie gegenwartsbezogen und
realistisch zu sein habe. Besonders prägnant und lebensnah porträtierte Howells
typisch amerikanische Zeiterscheinungen. Howells gehörte zu einer Generation
von amerikanischen Realisten bzw. Naturalisten, zu denen insbesondere auch die
Schriftsteller Hamlin Garland mit seinem Kurzgeschichtenband Main-Travelled
Roads (1890), Stephen Crane mit seinem berühmten naturalistischen Roman The
Red Badge of Courage (1895, Das Blutmal; auch: Das rote Siegel)
und Frank Norris mit den Romanwerken McTeague (1899, Gier nach Gold;
auch: Heilloses Glück) und The Octopus (1901, Der Oktopus)
zu rechnen sind. Herausragend unter den Schriftstellern dieser Epoche ist der
vor allem auch als Satiriker bekannte Ambrose Gwinett Bierce, dessen
Erzählungen u. a. unter dem Titel In the Midst of Life (1898, Mitten
im Leben sind wir vom Tod umfangen) erschienen und der nicht zuletzt mit
seinem Devil’s Dictionary (1909, Des Teufels Wörterbuch) ein
gelungenes Zeugnis schwarzen Humors publizierte.
Im 19. Jahrhundert wurden
innerhalb der amerikanischen Literatur auch zahlreiche Werke mit didaktischer
Ausrichtung verfasst. So entstanden Romane, in denen die zunehmende Macht von
Industrie und Wirtschaft sowie die korrupten Praktiken politischer Machthaber
angeprangert wurden. Mit Biographien u. a. über Horace Greeley (1885) und
Thomas Jefferson (1874) etablierte sich James Parton als Pionier auf dem Gebiet
der modernen biographischen Literatur in Nordamerika. Viele Autoren befassten
sich mit geschichtlichen Themen, darunter George Bancroft, der die zehnbändige
Abhandlung History of the United States (1834-1874; überarbeitete
Fassung: 1884-1887, Geschichte der Vereinigten Staaten von Nordamerika von
der Entdeckung des amerikanischen Kontinents bis auf die neueste Zeit)
publizierte. Die zwei bedeutendsten Historiker der Romantik waren William
Hickling Prescott, dessen drei Bände umfassende History of the Conquest of
Mexico (Die Eroberung Mexikos) 1843 erschien, und Francis Parkman,
der zwischen 1851 und 1892 eine umfassende Studie über das Wirken und den
Einfluss der Franzosen und Engländer in Nordamerika herausbrachte. Den
stilistisch meisterhaften Darstellungen des letztgenannten Schriftstellers
ebenbürtig waren die Schriften des herausragenden Geschichtsphilosophen Henry
Brooks Adams, der mit seiner neunbändigen History of the United States of
America During the Administrations of Thomas Jefferson and James Madison
(1889-1891) ein epochales Geschichtswerk vorlegte. Bereits hier zeigte sich
jener analytischer Ansatz, den er in seiner kulturgeschichtlichen Studie über
das Mittelalter Mont-Saint-Michel and Chartres (1904) und in seiner viel
gepriesenen und von Skeptizismus geprägten autobiographischen Schrift The
Education of Henry Adams (1906, Die Erziehung des Henry Adams, von ihm
selbst erzählt) vervollkommnete. In letzterem Werk kontrastierte er die
Errungenschaften des Mittelalters mit denen der modernen Welt.
Kritische Analysen der im Zuge des
wirtschaftlichen Liberalismus propagierten Laissez-faire-Haltung boten die
Abhandlung Progress and Poverty (1897, Fortschritt und Armut) des
Wirtschaftswissenschaftlers Henry George und der Roman Looking Backward,
2000-1887 (1888, Ein Rückblick aus dem Jahr 2000 auf das Jahr 1887)
des Journalisten und Schriftstellers Edward Bellamy. Die beiden Schriften
trugen wesentlich zum Entstehen einer Reformbewegung bei, die sich vom
kapitalistischen Grundsatz uneingeschränkter Wirtschaftlichkeit abzusetzen
suchte. Richtungweisend waren auch die gesellschaftswissenschaftlichen Studien Past,
Present, and Future (1848) des Wirtschaftswissenschaftlers Henry Charles
Carey und Dynamic Sociology (1883) des Mitbegründers der amerikanischen
Soziologie Lester Frank Ward. Die Literatur sämtlicher wissenschaftlicher
Disziplinen hat sich in den USA seitdem stetig weiterentwickelt. Als einer der
großen Klassiker der Sachliteratur gilt The Principles of Psychology
(1890, Prinzipien der Psychologie) des Philosophen und Psychologen
William James. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnete sich in Amerika
ein tief greifender Wandel in der philosophischen und soziologischen Theoriebildung
ab, der schließlich den von James in seinem Werk The Will to Believe and
Other Essays (1897) skizzierten Pragmatismus einleitete.
Während sich die Vertreter des
Realismus und des Naturalismus damit befassten, inwieweit das Handeln des
Menschen von Mächten außerhalb seiner Willenssphäre bestimmt und gelenkt wird,
behandelte der Schriftsteller Henry James in seinen psychologisch-realistischen
Werken subjektive Erfahrungen und persönliche Beziehungen, die er immer wieder
in Konfliktsituationen auslaufen ließ. Sein Hauptthema, die Konfrontation
amerikanischer Denkweisen und Wertvorstellungen mit denen der europäischen
Gesellschaft, griff er in zahlreichen Romanen auf, darunter The American
(1877, Der Amerikaner), The Portrait of a Lady (1881, Bildnis
einer Dame), The Wings of the Dove (1902, Die Flügel der Taube),
The Ambassadors (1903, Die Gesandten) und The Golden Bowl
(1904, Die goldene Schale). Subtile Analysen und präzise Schilderungen
kennzeichnen James’ einzigartig komplexen Erzählstil, der ebenso viele Kritiker
wie Bewunderer fand. Dass er vor allem die Form des Kurzromans meisterlich
beherrschte, demonstriert auf eindrucksvolle Weise die unheimliche Geschichte The
Turn of the Screw (1898, Die sündigen Engel; auch: Die Drehung
der Schraube), ein Meisterwerk der Erzählprosa zur Jahrhundertwende. Auch
als Kritiker trat James hervor, u. a. mit seiner Schrift Notes on
Novelists (1914) und insbesondere mit den Einleitungen, die er zur New
Yorker Gesamtausgabe seines Werkes (1907-1916) verfasste und die später
gesammelt in Buchform unter dem Titel The Art of the Novel (1934)
erschienen. James beeinflusste in hohem Maß die weitere Entwicklung des
amerikanischen Romans und wurde zum Vorbild späterer Romanciers
unterschiedlichster Ausrichtung, darunter Edith Wharton mit ihren berühmten
Werken The House of Mirth (1905, Das Haus der Freude) und The
Age of Innocence (1920, Im Himmel weint man nicht). Aber auch die
Südstaaten-Schriftstellerin Ellen Andeson Gholson Glasgow, die den Roman In
This Our Life (1941, So ist das Leben) verfasste und schließlich
Willa Cather mit den Romanwerken A Lost Lady (1923, Frau im
Zwielicht; auch: Die Frau, die sich verlor und Sei leise, wenn du
gehst) und Death Comes for the Archbishop (1927, Der Tod kommt
zum Erzbischof) wurden von James’ Romankunst geprägt.
Neue Entwicklungen im Bereich der
Kommunikation prägten auch die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in
den USA. Bald traten Bücher als Medium zur Unterhaltung und Bildung hinter
Film, Rundfunk und Fernsehen zurück. Die im 19. Jahrhundert vorherrschende
regionale Prägung der Literatur bestand Anfang des 20. Jahrhunderts nur
noch in den Werken einiger Südstaaten-Schriftsteller fort. Zugleich verstärkte
sich der Einfluss amerikanischer Schriftsteller auf internationaler Ebene.
Anfang des 20. Jahrhunderts standen in der amerikanischen Literatur die
Gattungen der Epik, Lyrik und Dramatik im Zeichen des Experiments.
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5 |
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20. JAHRHUNDERT |
Ein Großteil der afroamerikanischen
Schriftsteller des ausgehenden 19. Jahrhunderts und des frühen
20. Jahrhunderts entstammte der schwarzen Mittelschicht. Zu ihnen zählte
der Soziologe und Literat William Edward Burghardt du Bois, der als Verfasser
der Essaysammlung Souls of Black Folk (1903) und des Romanes The
Quest for the Silver Fleece (1911) bekannt wurde. Er motivierte seine
erfolgreichen afroamerikanischen Schriftstellerkollegen, denen er den Namen The
Talented Tenth gab, mit ihm den Kampf um die Gleichberechtigung der
schwarzen Bevölkerung Amerikas aufzunehmen. Die zornig-kämpferische Haltung
dieser Schriftsteller manifestierte sich in vielen ihrer Werke. Beispielhaft
für diese Literatur, deren Tenor zwischen dem Wunsch nach aktiver Auflehnung
und der Sehnsucht nach Akzeptanz und Integration hin- und herschwankt, sind The
Garies and Their Friends (1875) von Frank J. Webband und Imperium
in Imperio (1899) von dem Baptistenprediger Sutton Griggs. Zur Gruppe der Talented
Tenth gehörte auch Charles Waddell Chesnutt, der als Jurist in Cleveland
lebte. Mit ethnischen Fragen befasste er sich sowohl in seinem
Kurzgeschichtenband The Conjure Woman (1899, Der verwunschene
Weinberg und andere Sklavenmärchen aus Nordamerika; auch: Die Zauberfrau)
wie auch in dem Roman The Marrow of Tradition (1901).
An die Tradition der Erzähler
des ausgehenden 19. Jahrhunderts knüpften Anfang des 20. Jahrhunderts
Autoren wie Jack London mit dem bedeutenden und mehrfach verfilmten
Abenteuerroman The Sea Wolf (1904, Der Seewolf) und David Graham
Phillips mit Susan Lenox: Her Fall and Rise (verfasst 1908, publiziert
1917), ein Roman über die Stellung der Frau in der amerikanischen Gesellschaft,
an. Bekanntheit erlangten auch Upton Sinclair, dessen drastisch
sozialkritischer Roman über die Chicagoer Schlachthausbetriebe The Jungle
(1906, Der Sumpf) auch in Deutschland großer Erfolg beschieden war,
sowie der Romancier und Journalist Theodore Dreiser, der anfangs in der
Tradition des Naturalismus schrieb und sich in späteren Jahren seines Schaffens
der religiösen Mystik zuwandte. Sein erster Roman Sister Carrie (1900, Schwester
Carrie) wurde als unmoralisch klassifiziert und nach seinem Erscheinen
wieder aus dem Handel gezogen; mehr Erfolg hatte Dreiser mit seinen Romanen The
Financier (1912) und The Titan (1914), die in deutscher Übersetzung
gesammelt unter dem Titel Der Titan erschienen. Hierin schildert
Dreisser das Leben eines skrupellosen Geschäftsmannes. Als sein Hauptwerk gilt
gemeinhin der Roman An American Tragedy (1925, Eine amerikanische
Tragödie), der – wie Norris’ Werk McTeague – zu den beispielhaften
amerikanischen Romanen des Naturalismus gehört. Dreisers schonungslos offenen
Darstellungen und die eindringlichen Schilderungen gesellschaftlicher Aspekte
bewirkten, dass seine Romane in den USA nicht nur in den ersten Jahrzehnten des
20. Jahrhunderts Interesse fanden, sondern heute immer noch gelesen
werden.
Schon um die Jahrhundertwende
zeichnete sich eine Abkehr von der idealisierenden amerikanischen Literatur des
späten 19. Jahrhunderts ab. Wesentlich verstärkt wurde diese Entwicklung
durch die traumatischen Wirkungen des 1. Weltkrieges. Schrecken und Grauen
des Krieges schlugen sich nachhaltig im Schaffen vieler amerikanischer
Schriftsteller nieder. In Romanen wie Soldiers’ Pay (1926, Soldatenlohn)
von William Faulkner und The Sun Also Rises (1926, Fiesta) und A
Farewell to Arms (1929, In einem anderen Land) von Ernest Hemingway
gerät das Soldatendasein zum Symbol einer sinnlosen Existenz des Menschen generell.
Der 1. Weltkrieg bewirkte das Entstehen einer an der Realität orientierten
Erzählprosa ohne romantisch-verklärende Elemente. Diese Orientierung blieb im
Wesentlichen bis in die Gegenwart erhalten. Die amerikanischen Schriftsteller
wandten sich mehr und mehr von der gefühlvollen Ausrichtung der Literatur ab
und arbeiteten stattdessen verstärkt die psychologischen Hintergründe ihrer
Themen heraus. Zu den Autoren, die diese Richtung vertraten, gehört die aus
Virginia stammende Schriftstellerin Ellen Glasgow, die in ihren Romanen Barren
Ground (1925) und Vein of Iron (1935, Die eiserne Ader) ein
objektives Bild des Lebens der Südstaatler zeichnete und sich insbesondere mit
der Rolle der Frau in der Südstaaten-Gesellschaft befasste. Im Zuge der
Frauenbewegung Ende der siebziger Jahre fanden die Werke Glasgows neues
Interesse.
Das Jahrzehnt nach dem
1. Weltkrieg wird oft als Jazz Age (Jazz-Zeitalter) oder The
Roaring Twenties (Die wilden Zwanziger Jahre) bezeichnet. Die
Auflehnung gegen das einengende Gedankengut des Puritanismus und des
Viktorianischen Zeitalters bewirkten einen raschen gesellschaftlichen Wandel,
der sich auch in der Literatur – und hier insbesondere in der Erzählprosa –
manifestierte. Maßgeblichen Einfluss hierbei hatten die Werke Sherwood
Andersons, der u. a. mit Winesburg, Ohio (1919), einer Sammlung
psychologisch eindringlicher Kurzgeschichten über das Leben der „kleinen
Leute”, hervortrat. Desillusionierung und Hoffnung spiegeln sich in den Werken
des Schriftstellers F. Scott Fitzgerald, der in Romanen wie This Side
of Paradise (1920, Diesseits vom Paradies) und The Great Gatsby
(1925, Der große Gatsby) die gesellschaftliche Oberschicht satirisch
porträtierte; bei The Great Gatsby handelt es sich um eine resignative
Analyse des „amerikanischen Traums” vom Aufstieg zu Wohlstand und Macht.
Sinclair Lewis wurde als erster amerikanischer Autor mit dem Nobelpreis für
Literatur ausgezeichnet (1930); seine brillanten satirischen Darstellungen der
nach schnellem Reichtum strebenden Geschäftsmentalität jener Jahre in den
Romanen Main Street (1920, Die Hauptstraße) und Dodsworth
(1929, Sam Dodsworth) brachten ihm internationales Ansehen. Eines der
frühesten Werke des Schriftstellers Thornton Wilder ist die berühmte Erzählung The
Bridge of San Luis Rey (1927, Die Brücke von San Louis Rey). Ihr
folgten im Lauf seiner langen Schriftstellerlaufbahn eine Vielzahl von Dramen
und Romanen mit weltanschaulichen Fragestellungen. Sein erfolgreicher Roman Theophilus
North (1973, Theophilus North oder ein Heiliger wider Willen)
erschien fast ein halbes Jahrhundert nach seinem ersten Romanwerk.
Die in Paris ansässige
amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein prägte den Begriff der Lost
generation für eine Gruppe junger amerikanischer Autoren, die sich – desillusioniert
vom Erlebnis des 1. Weltkrieges – nach Kriegsende in Frankreich
niederließen. Zu den Vertretern dieser Gruppe zählten Anderson, Fitzgerald und
Wilder ebenso wie Ernest Hemingway, der bald darauf zu einem der bedeutendsten
amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts avancierte. Neben
seinen oftmals autobiographisch geprägten Romanen verfasste Hemingway in den
zwanziger Jahren auch Kurzgeschichten, die gesammelt in den Bänden In Our
Time (1924, In unserer Zeit) und Men Without Women (1927, Männer
ohne Frauen) erschienen. Hemingway wurde 1954 mit dem Nobelpreis für
Literatur ausgezeichnet. Wesentlichen Einfluss auf die Schriftsteller der Lost
generation hatte Gertrude Stein, die diese nicht nur förderte, sondern
ihnen auch Vorbild in Stilfragen war. Mit ihren zum Teil sprachlich
experimentellen Werken durchbrach sie literarische Traditionen, so auch in den
Erzählungen des Bandes Three Lives (1908, Drei Leben).
Dominierend in jener Epoche war vor allem der Ire James Joyce. Der Einfluss
seiner am Stream of consciousness orientierten Erzähltechnik, der Verwendung
von Symbolen und seiner bewusst lyrisch gehaltenen Prosa, manifestierte sich in
nahezu sämtlichen nach dem 1. Weltkrieg in Amerika und Europa entstandenen
erzählerischen Werken.
Kennzeichnend für den Zeitraum
zwischen 1920 und 1930 war die verstärkte schöpferische Aktivität
afroamerikanischer Literaten und Künstler. Das Zentrum dieser Strömung war der
New Yorker Stadtteil Harlem, weshalb die Epoche auch als Harlem Renaissance
bezeichnet wird. Das Hauptanliegen dieser Bewegung bestand darin, der schwarzen
Bevölkerung Amerikas ihre kulturelle Identität wieder ins Bewußtsein zu rücken
und die Entwicklung zum „New Negro” zu fördern. Den Begriff des „neuen
Schwarzen” prägte 1925 der Soziologe und Kritiker Alain LeRoy Locke mit einer
epochemachenden Anthologie gleichen Titels, in der er maßgebliche Schriften
afroamerikanischer Schriftsteller zusammengestellt hatte. Vertreter der Harlem
Renaissance waren die Schriftsteller Jean Toomer, der das viel gepriesene Werk Cane
(1923, Zuckerrohr) sowie Kurzgeschichten, Lyrik und eine Novelle
verfasste, und der aus Jamaika stammende Claude McKay mit seinen Romanen Home
to Harlem (1928) und Banjo (1929). Zum Harlemer Literatenkreis
gehörten ferner der Dichter Countee Cullen, der mit seinen Lyrikbänden Color
(1925) und The Ballad of the Brown Girl (1927) bekannt wurde, und der
ebenfalls renommierte Erzähler und Dichter Langston Hughes, der neben seinem
erfolgreichen Lyrikband The Weary Blues (1926) nach zahlreiche weitere
Sammlungen verfasste. Bekannt wurde vor allem seine Kurzgeschichtenfigur mit
dem sprechenden Namen Jesse B. Simple, die Verkörperung des im
Großstadtghetto lebenden Afroamerikaners.
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5.1 |
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Weltwirtschaftskrise |
Glanz und Überschwang des
Jazz-Zeitalters gingen mit dem New Yorker Börsenkrach 1929 in die als Decade
of Anger (Dekade des Zorns) bezeichneten dreißiger Jahre über. Unter
dem Eindruck der Härten der Weltwirtschaftskrise entstanden zahlreiche
neonaturalistisch geprägte Romane, in denen die sozialen Missstände jener Zeit
aufgezeigt wurden. Realistische Darstellungen sozialer Probleme legten in den
dreißiger und vierziger Jahren Zora Neale Hurston mit Their Eyes Were
Watching God (1937, Und ihre Augen schauen Gott) sowie Arna Bontemps
mit God Sends Sunday (1931) und Black Thunder (1936) vor.
Verzweiflung über die Härten des Daseins sprach aus den Werken John Steinbecks,
darunter Of Mice and Men (1937, Von Mäusen und Menschen) und The
Grapes of Wrath (1939, Früchte des Zorns). Steinbeck wurde 1962 mit
dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Konflikte in der
Klassengesellschaft thematisierte der produktive John O’Hara in seinem
bedeutendsten Roman Appointment in Samarra (1934, Treffpunkt in
Samarra). James Thomas Farrell verfasste die Trilogie Studs Lonigan
(1932-1935), und John Dos Passos schrieb zwischen 1930 und 1936 die drei Bände
seiner U.S.A.-Trilogie; in beiden Zyklen kommen Bitterkeit und Zorn über
die Lebensumstände im Amerika der dreißiger Jahre zum Ausdruck. Die
eindringlichen und oftmals bitteren Romane Look Homeward, Angel (1929, Schau
heimwärts, Engel!) und The Web and the Rock (1939, Strom des
Lebens; auch: Geweb und Fels) von Thomas Clayton Wolfe spiegeln die
individuelle Disposition des Verfassers, der darin ein optimistisches,
bisweilen zum Mythos übersteigertes Bild Amerikas zeichnete. In seinen komplex
erzählten Romanen aus dieser Zeit, The Sound and the Fury (1929, Schall
und Wahn), Sanctuary (1931, Die Freistatt) und The Hamlet
(1940, Das Dorf), schuf William Faulkner von Humor geprägte Beiträge zur
Nachkriegsgeschichte des amerikanischen Südens. Seine herausragenden
Kurzgeschichten erschienen gesammelt in den Bänden Go Down, Moses (1942,
Das verworfene Erbe) und Collected Stories (1950, Erzählungen).
Faulkner gilt als bedeutendster Vertreter des Kreises von Schriftstellern, die
sich mit Themen des amerikanischen Südens auseinander setzten. Er wurde 1949
mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Mit dem polyphonen Stil seiner
Prosa wirkte er bis auf den deutschen Schriftsteller Uwe Johnson nach. Eine
Ausnahmeerscheinung in der amerikanischen Literaturszene stellt seit den
zwanziger Jahren Julien Green dar.
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5.2 |
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Prosa |
In der Zeit zwischen der Weltwirtschaftskrise
und dem Ausbruch des 2. Weltkrieges entstanden mehrere Romane, die die
persönliche Sichtweise der Autoren zu der in Amerika seit langem bestehenden
und mit Vorurteilen belegten Rassenproblematik spiegeln. In dem Roman Native
Son (1940, Sohn dieses Landes) und der Autobiographie Black Boy
(1945, Ich, Negerjunge) von Richard Wright wird diese Thematik auf
einprägsam-realistische Weise dargestellt. Auch in Ralph Waldo Ellisons Roman Invisible
Man (1952, Unsichtbar) und in James Baldwins Roman Go Tell It on
the Mountain (1953, Gehe hin und verkünde es vom Berge) sowie in
seinem später erschienenen Essayband Nobody Knows My Name (1961, Schwarz
und weiß) ist der Rassenkonflikt zentrales Thema. Die Vielfalt der ab dem
2. Weltkrieg entstandenen Erzählprosa lässt sich zwei Kategorien zuordnen.
Ein Teil der Autoren bediente sich einer realistisch-naturalistischen
Darstellungsweise, während die anderen die Schrecken des Krieges anhand von
schwarzem Humor und absurd anmutenden Phantasien aufarbeiteten. Zwei der
eindrucksvollsten Anti-Kriegsromane, in denen in scharfen Kontrasten die
Auseinandersetzung des Einzelnen mit dem restriktiven Soldatendasein und der
Maschinerie der Kriegsapparatur geschildert wird, waren From Here to
Eternity (1951, Verdammt in alle Ewigkeit) von James Jones und The
Naked and the Dead (1948, Die Nackten und die Toten) von Norman
Mailer. Seit Ende der vierziger Jahre glänzte Paul Bowles mit seinen Romanen.
Der 2. Weltkrieg wurde auch zum Thema der Erzähldebüts zweier
erfolgreicher Romanschriftsteller: James Albert Micheners
Kurzgeschichtensammlung Tales of the South Pacific (Im Korallenmeer;
auch: Südsee) erschien 1947, und Irwin Shaw verarbeitete in seinem
frühen Roman The Young Lions (1948, Die jungen Löwen) das Kriegsgeschehen
in Europa. Galgenhumor kennzeichnet Romane wie A Bell for Adano (1944, Eine
Glocke für Adano), in dem John Hersey das Leben in einem von amerikanischen
Truppen besetzten italienischen Dorf schildert, und den im US-Marine-Milieu
angesiedelten Roman Mr. Roberts (1946) von Thomas Heggon.
Zur Mitte des Jahrhunderts
entstanden zahlreiche amerikanische Romane, die sich durch eine betont
originelle Stilistik auszeichnen. Der in Russland geborene Vladimir Nabokov
brachte es in seinen in englischer Sprache verfassten Erzählwerken zu
bewundernswerter Meisterschaft. In Amerika angesiedelt sind seine Romane Lolita
(1955) und Pale Fire (1962, Fahles Feuer); beide entstanden lange
nach Nabokovs Einbürgerung in den Vereinigten Staaten und gelten als bemerkenswerte
Beispiele tragikomischer Literatur. Von den seelischen Nöten eines
Heranwachsenden handelt J. D. Salingers Roman The Catcher in the
Rye (1951, Der Fänger im Roggen), der nach seiner Übersetzung durch
Heinrich Böll auch in Deutschland stark rezipiert wurde. Ungebrochen ist auch
die Wirkung der Anti-Kriegs-Satire Catch-22 (1961, Der IKS-Haken;
auch: Catch-22) von Joseph Heller, in der der Autor der grausigen
Absurdität des Krieges mit schwarzem Humor begegnet. Zeitkritische satirische
Darstellungen und schwarzer Humor finden sich auch im Werk des ebenfalls sehr
bekannten Romanciers Kurt Vonnegut. In Slaughterhouse-Five (1969, Schlachthof 5
oder Der Kinderkreuzzug), einem seiner innovativsten Romane, schildert
Vonnegut eigene Erfahrungen als Kriegsgefangener in einem deutschen Lager.
Durch einen surrealistisch anmutenden Szenenwechsel, der die Figuren vom
Gefangenenlager auf einen fiktiven Planeten führt, rückt der auf mehreren
Ebenen erzählte Roman in die Nähe der Sciencefiction-Literatur, die als Gattung
in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg große Popularität genoss. Isaak
Asimov bereichterte die Sciencefiction um wichtige Elemente (zwei weitere
wichtige amerikanische Autoren des Genres sind Ray Bradbury, Philipp
K. Dick und Michael Crichton; Stephen King benutzt Elemente davon immer
wieder für seine Horrorgeschichten).
Zu den Schriftstellern der
Nachkriegszeit, die sich an Faulkners bisweilen als Southern Gothik
bezeichneter Südstaaten-Thematik orientierten, gehörten Carson McCullers mit
ihrem Roman The Heart Is a Lonely Hunter (1946, Das Herz ist ein
einsamer Jäger), Truman Capote mit Other Voices, Other Rooms (1947, Andere
Stimmen, andere Stuben; auch: Andere Stimmen, andere Räume), Eudora
Welty mit The Ponder Heart (1954, Mein Onkel Daniel) und Flannery
O’Connor mit The Violent Bear It Away (1960, Das brennende Wort;
auch: Ein Herz aus Feuer). Mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde der
Roman All the King’s Men (1946, Des Königs Tross; auch: Der
Gouverneur) des aus Kentucky stammenden Schriftstellers Robert Penn Warren,
in dem er ein eindrucksvolles Porträt eines Südstaaten-Politikers schuf. Warren
war ferner auch als Lyriker und Kritiker tätig und schrieb einige Abhandlungen
zur amerikanischen Literaturgeschichte.
Zu den bedeutendsten amerikanischen
Romanciers der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehören zweifellos John
Cheever und John Updike. Ihre teils distanzierten, teils mitfühlenden, immer
aber auch satirischen Beschreibungen des Way of Life der
Vorstadtamerikaner im Nordosten des Landes weisen Ähnlichkeiten in Thema und
Ansatz auf. Cheevers Schriftstellerlaufbahn begann mit The Wapshot Chronicle
(1957, Die lieben Wapshots; auch: Die Wapshots), in dem er die
Geschichte einer wohlhabenden exzentrischen Familie schilderte. Düsterer wirken
seine späteren Werke, darunter Falconer (1977) über einen
Geschwistermord. In seinem letzten Werk, der Novelle Oh What a Paradise It
Seems (1982, Kein schöner Land), scheint eine hoffnungsvollere Sichtweise
durch. Updike wurde vor allem durch einen Romanzyklus bekannt, in dem er die
Flucht eines Mannes vor der Realität und vor seiner sozialen Verantwortung
thematisierte. Zu dieser 1960 begonnenen Reihe gehören die Werke Rabbit Is
Rich (1981, Bessere Verhältnisse) und Rabbit at Rest (1990, Rabbit
in Ruhe), die beide mit einem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurden.
Beachtenswert ist auch das Schaffen der produktiven Schriftstellerin Joyce
Carol Oates, die sich zudem als Kritikerin und Hochschuldozentin profilierte.
Die Romane A Garden of Earthly Delights (1967, Ein Garten irdischer
Freuden) und Them (1969, Jene) gehören zu ihren bedeutendsten
Werken. Sie befasste sich darin mit Gewalt und Selbstzerstörung. Thematisch
ähnlich ist ihre das Leben mehrerer Generationen umfassende Familiensaga Bellefleur
(1980) angelegt. Mit ihrem Roman Mysteries of Winterthurn (1984) belebte
sie die Tradition des viktorianischen Kriminalromans neu.
Nach 1945 erschienen die
ersten literarischen Werke jüdischer Schriftsteller, die sich mit ihrem Dasein
als Juden im amerikanischen Großstadtmilieu des 20. Jahrhunderts
auseinander setzten. Die zuweilen von Hoffnungslosigkeit geprägten, doch oft
auch mit humorvollen Schilderungen durchsetzten Werke bilden in ihrer
Gesamtheit einen beachtenswerten Bereich der amerikanischen Erzählprosa.
Herausragend unter den jüdischen Schriftstellern ist Saul Bellow, der die
Romane The Adventures of Augie March (1953, Die Abenteuer des Augie
March) und Herzog (1964) verfasste. Bellow wurde 1976 mit dem
Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Bekanntheit als jüdisch-amerikanischer
Schriftsteller erlangte auch Bernard Malamud mit seinem Roman The Assistant
(1957, Der Gehilfe) und mehreren eindrucksvollen Bänden mit Erzählungen,
darunter Idiots First (1963, Schwarz ist meine Lieblingsfarbe).
Themen aus der jüdischen Lebenswelt verarbeitete auch Philip Roth als Verfasser
des Erzählungenbandes Goodbye, Columbus (1959, Anderer Leute Sorgen),
des erfolgreichen Romans Portnoy’s Complaint (1969, Portnoys Beschwerden)
sowie der Zuckerman-Romantrilogie Zuckerman Bound (1985, Der
Ghost-writer / Zuckermans Befreiung; auch: Der entfesselte
Zuckerman / Die Anatomiestunde).
Lokalkolorit in der amerikanischen
Erzählprosa spielte auch noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
eine Rolle. So sind die Romane und Erzählungen der Schriftstellerin Anne Tyler
im US-Bundesstaat Baltimore angesiedelt. Große Beachtung fand ihr Roman Dinner
at the Homesick Restaurant (1982, Dinner im Heimweh-Restaurant), die
retrospektiv aufgearbeitete Lebensgeschichte einer dominanten Mutter nach deren
Tod. Die Lyrikerin und Romanschriftstellerin Alice Walker erregte erstmals mit
ihrem Roman Meridian (1976, deutsch ebenso) Aufmerksamkeit.
International bekannt wurde sie mit dem später von Steven Spielberg verfilmten
Roman The Color Purple (1982, Die Farbe Lila), das nach dem
Vorbild Faulkners als vielschichtige Erzählung angelegt ist und für das sie den
Pulitzerpreis erhielt. Ihrem Werk verlieh die Autorin Authentizität, indem sie
die Dialoge ihrer Romangestalten im Dialekt der schwarzen Landbevölkerung der
Südstaaten gestaltete.
Viele Schriftstellerinnen verarbeiteten
Begebenheiten und Lebensumstände, die sie aus eigener Erfahrung kannten, und
schufen, indem sie diese aus der Sichtweise der schwarzen Frau schilderten,
eine Identifikationsfigur. Zu den wichtigsten Vertreterinnen der
afroamerikanischen Literatur gehört Toni Morrison, die in ihren Werken The
Bluest Eye (1969, Sehr blaue Augen) und Song of Solomon
(1977, Solomons Lied) die Lebenswelt der schwarzen Südstaatler
schilderte. Für ihren Roman Beloved (1987, Menschenkind) erhielt
sie 1988 den Pulitzerpreis; 1993 wurde sie mit dem Nobelpreis für Literatur
ausgezeichnet. In ihrem aus sieben Geschichten bestehenden Erstlingsroman The
Women of Brewster Place (1982, Die Frauen von Brewster Place)
schildert die Schriftstellerin Gloria Naylor realistisch die Problematik des
Lebens einer Afroamerikanerin.
Die Historiker Charles Austin Beard
und Mary Ritter Beard legten mit ihrem Werk The Rise of American
Civilization (1927) den Versuch einer Gesamtschau der amerikanischen
Geschichte und Zivilisation vor. Mit dem gleichen Thema befassten sich Samuel
Eliot Morison (The Oxford History of the American People, 1965) und
Henry Steele Commager (The Search for a Usable Past, 1967). Werke über
einzelne Entwicklungen und Epochen verfasste Richard Hofstadter: Er schrieb die
Abhandlungen Anti-Intellectualism in America (1963) zum Thema
Konservatismus und The Guns of August (1962) über den Ausbruch des
1. Weltkrieges. Die Journalistin und Historikerin Barbara Tuchman trat als
Autorin des Werkes A Distant Mirror: The Calamitous Fourteenth Century
(1978, Der ferne Spiegel) hervor. In den dreißiger Jahren entstanden
zahlreiche bedeutende politische Schriften, darunter das Buch Inside Europe
(1936) des Journalisten John Gunther und das autobiographische Schrift The
Life and Death of a Spanish Town (1937) des Romanciers Elliot Harold Paul.
Ein weiteres wichtiges Werk aus dieser Zeit ist Not Peace but a Sword
(1939), mit dem der Auslandskorrespondent Vincent Sheean die amerikanische Welt
auf einen Eintritt der USA in den 2. Weltkrieg vorbereitete. Die
dramatischen Erlebnisse von sechs Überlebenden der Atombombenexplosion
schilderte der Romancier John Richard Hersey in seinem Dokumentarwerk Hiroshima
(1946; aktualisierte Neuauflage: 1985). Etliche Literaten versuchten in der
Nachkriegszeit, Tatsachenbericht und Romanerzählung zu verbinden. Truman Capote
gilt mit In Cold Blood (1966, Kaltblütig), in dem er einen
Familienmord im Mittelwesten beschreibt, als Begründer des amerikanischen Non-Fiction-
oder Tatsachenromans. Mailer bezog in The Armies of the Night (1968, Heere
aus der Nacht) und Miami and the Siege of Chicago (1968, Nixon in
Miami und die Belagerung von Chikago) als Gegner des Vietnamkrieges bzw.
Kommentator aktueller politischer Ereignisse Stellung.
Die Bürgerrechtsbewegung der fünfziger
und sechziger Jahre brachte Schriftsteller hervor, die sich in ihren Werken mit
der Situation der schwarzen Bevölkerung der Vereinigten Staaten auseinander
setzten. Zu ihnen gehörte der Dramatiker und Lyriker Imamu Amiri Baraka, ein
Pseudonym für LeRoi Jones. Der 1934 geborene Literat befasste sich kritisch mit
der Situation der schwarzen Amerikaner, u. a. in Home: Social Essays
(1966, Ausweg in den Haß) und Raise, Race, Rays, Raze: Essays Since
1965 (1971). Mit der amerikanischen Gesellschaft setzte sich der Politiker
und Schriftsteller Eldridge Cleaver in den während seiner Haftzeit entstandenen
Essays Soul on Ice (1967, Seele auf Eis) auseinander. Auch
zahlreiche persönlich gefärbte Schriften schwarzer Autoren entstanden in dieser
Zeit, darunter die Autobiographie des Bürgerrechtlers Malcolm X (Autobiography
of Malcolm X, 1965, Der schwarze Tribun), an der Alex Haley als
Koautor beteiligt war. Haley schrieb später den erfolgreich verfilmten
Bestseller Roots (1976, Wurzeln), ein teils autobiographisches
und teils fiktives Werk, in dem er die Suche nach den afrikanischen Ursprüngen
seiner Familie schilderte und ihre Chronik bis in die Gegenwart aufzeichnete.
Maya Angelou machte sich einen Namen mit Lyrik, Romanen und Kinderbüchern. Ihre
Jugend in den Südstaaten beschrieb sie in ihrer eindrucksvollen Autobiographie I
Know Why the Caged Bird Sings (1969, Ich weiß, daß der gefangene Vogel
singt).
Andere aktuelle Themen, mit denen
sich amerikanische Schriftsteller ab den sechziger Jahren auseinander setzten,
waren der Krieg in Indochina, die zunehmende Umweltverschmutzung und die
Gleichberechtigung der Frau. Über den Vietnamkrieg entstanden viele, zum Teil
äußerst kritische Abhandlungen. Zu ihnen gehören u. a. My Lai 4
(1970) über das Massaker an der vietnamesischen Zivilbevölkerung durch
amerikanische Truppen 1968 von Seymour M. Hersh, der mit dem Pulitzerpreis
ausgezeichnet wurde. Auch Frances Fitzgerald erhielt einen Pulitzerpreis für
das Buch Fire in the Lake: The Vietnamese and the Americans in Vietnam
(1972). Die Frauenrechtlerin Betty Friedan analysierte in ihrer bahnbrechenden
Studie The Feminine Mystique (1963, Der Weiblichkeitswahn) die
gesellschaftliche Situation der Frau im Licht der ursprünglichen Zielsetzungen
der Frauenrechtsbewegung.
In den siebziger Jahren
brillierte Charles Bukowski mit Post Office (1971, Der Mann mit der
Ledertasche). Der Erzählband Kaputt in Hollywood rief 1976 vor allem
unter der jungen Generation bundesdeutscher Autoren ein großes Echo hervor.
Paul Auster orientierte sich in seinem Romanschaffen seit den achtziger Jahren
verstärkt an der Postmoderne. Zuvor hatte sich bereits Thomas Pynchon mit
experimenteller Prosa in diesem Bereich hervorgetan. Oscar J. Hijuelos
wurde 1989 mit dem in der Manier der Schallplatte in A- und B-Seite
unterteilten Roman The Mambo Kings Play Songs of Love (1989, Die
Mambo Kings spielen Songs der Liebe) über zwei unterschiedliche Brüder, die
Ende der vierziger Jahre von Habana nach New York reisen, um in den Mamboclubs
der Stadt zu spielen, auch international bekannt („Ich wollte die Geschichte
der Latinos in den USA rekonstruieren”, beschrieb Hijuelos seine
Autorenintention, „dafür stehen die beiden Brüder, der eine Draufgänger, Macho,
der andere eher ein sensibler Typ”). Ein weiterer bedeutender Schriftsteller
der achtziger und neunziger Jahre ist Amistead Maupin, der mit seinen
Großstadtgeschichten hervortrat. Auch William S. Burroughs setzte neue
Maßstäbe.
Herausragende amerikanische Dramatiker
der Nachkriegszeit waren Edward Franklin Albee und – vor allem – Arthur Miller.
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5.3 |
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Lyrik |
Die Gründung der Zeitschrift Poetry:
A Magazine of Verse (1912) durch die Dichterin und Herausgeberin Harriet
Monroe leitete nach langen Jahren, in denen die amerikanische Lyrik wenig
Beachtung gefunden und sich kaum entwickelt hatte, eine bedeutende dichterische
Renaissance ein. Deren erste Phase, den Imagismus, initiierten die Dichter Amy
Lowell (Men, Women, and Ghosts, 1916) und Ezra Pound (Ripostes,
1912). Die Imagisten strebten eine grundlegende Reform des dichterischen
Schaffens an. Größere Bedeutung für die Entwicklung der Lyrik hatten jedoch
zwei andere Strömungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Zum einen war dies
das Schaffen eines Dichterkreises in Illinois, dem die Lyriker Vachel Lindsay (The
Congo and Other Poems, 1914), Edgar Lee Masters (Spoon River Anthology,
1915; Die Toten von Spoon River) und Carl Sandburg (Chicago Poems,
1915; Chicago-Gedichte) angehörten. Zum anderen gingen wesentliche
Impulse von in Neuengland ansässigen Dichtern aus, darunter Edwin Arlington
Robinson (The Town Down the River, 1910) und Robert Lee Frost (North
of Boston, 1914). Insbesondere der Lyrik Frosts und Sandburgs wurde während
deren langer Dichterlaufbahn große Wertschätzung zuteil. Nicht zu den genannten
Dichterkreisen gehörte die bekannte und einflussreiche Lyrikerin Edna
St. Vincent Millay (The Ballad of the Harp Weaver, 1922).
Die Veröffentlichung von The
Waste Land (1922, Das wüste Land) des angloamerikanischen Lyrikers
T. S. Eliot kennzeichnet einen Wendepunkt in der Entwicklung der
amerikanischen Dichtung, indem es der Brüchigkeit der tradierten Werte und
Ideale und der Illusionslosigkeit menschlicher Existenz mit einer gänzlich
innovativen, an Religion und Mythos orientierten Metaphorik Ausdruck verlieh.
Noch deutlicher als in Eliots Werk manifestierte sich die Hinwendung zum
Avantgardismus in Ezra Pounds Cantos, die zwischen 1925 und 1960
erschienen. Sowohl Eliot wie auch Pound hatten mit ihrem dichterischen Schaffen
und ihren kritischen Schriften wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der
Lyrik im 20. Jahrhundert. Auch der Schriftsteller William Carlos Williams,
zu dessen umfangreichem literarischem Werk (40 Lyrik- und Prosabände) auch
die autobiographische Dichtung Paterson (fünf Bücher, 1946-1958, deutsch
ebenso) gehört, beeinflusste mit seiner konkret-präzisen Bildsprache das Schaffen
mehrerer Generationen von Lyrikern. Experimentelle Lyrik von oftmals komplexer
und hermetischer, also nur schwer zugänglicher Symbolik, schufen Crane, der vor
allem durch seinen Gedichtband The Bridge (1930) bekannt wurde, Wallace
Stevens (The Man with the Blue Guitar, 1937, Der Mann mit der blauen
Gitarre) und Marianne Moore (Collected Poems, 1951, Gedichte).
Die innovativen Werke des Dichters E. E. Cummings, von Is 5
(1926) bis 73 Poems (1963), zeichnen sich durch typographische und
sprachliche Individualität aus, die sich auch in seiner Metaphorik
manifestiert.
Robinson Jeffers schuf mit Werken
wie Roan Stallion, Tamar, and Other Poems (1925) bedeutende Beiträge zur
amerikanischen Naturlyrik. Randall Jarrell betonte in seinen
sozialkritisch-anklagenden Dichtungen, darunter Losses (1948), die
Sinnlosigkeit des Krieges; demgegenüber befassten sich Archibald MacLeish (Collected
Poems, 1917-1952, 1952) und Richard Wilbur (Things of This World,
1956) mit Fragen der menschlichen Existenz ohne konkreten Zeitbezug. Die
Vertreter der Beatgeneration brachten in ihren Werken in direkten
Formulierungen eindrucksvoll ihren Protest gegen das Establishment der
amerikanischen Wohlstandsgesellschaft zum Ausdruck. Einen ganz anderen Tenor
weisen die aus der mündlichen Erzähltradition der schwarzen
Südstaatenbevölkerung hervorgegangenen lyrischen Werke auf. Beispiele für diese
Art von Dichtungen finden sich im Werk der Schriftstellerinnen Gwendolyn Brooks
(Annie Allen, 1949), Nikki Giovanni (Black Feeling, Black Talk, Black
Judgement, 1970) und Maya Angelou (Just Give Me a Cool Drink of Water
‘fore I Die, 1971). Theodore Roethke bediente sich unterschiedlicher Formen
des dichterischen Ausdrucks. Seine surrealistisch geprägten Dichtungen schrieb
er in freien Versen; auch seine rationalen Betrachtungen fasste er in eine
einfache lyrische Form. Exemplarisch für sein Schaffen ist der Gedichtband The
Far Field, der posthum 1964 veröffentlicht wurde. Auf Robert Lowell (Lord
Weary’s Castle, 1946) geht die amerikanische Tradition einer religiös
geprägten, bekenntnishaften Dichtung als Ausdruck persönlicher Verunsicherungen
und Ängste innerhalb der Moderne zurück. Von individuellen Ängsten zeugen auch
die Gedichte der Lyrikerinnen Sylvia Plath (Ariel, 1965) und Anne Sexton
(Live or Die, 1967, und The Awful Rowing Toward God, 1975).
Gegen Ende der sechziger Jahre
erlebte die Lyrik in Amerika eine neue Blüte. Neu gegründete
Literaturzeitschriften boten den Dichtern Foren für ihre Werke, Hochschulen
organisierten und förderten Lyrik-Workshops und erweiterten das Angebot für
Studierende der Literaturwissenschaften um Seminare, die von an der Hochschule
ansässigen Dichtern abgehalten wurden. Zu den Lyrikern der Gegenwartsliteratur,
deren Werke formal und stilistisch eine große Bandbreite aufweisen, gehören May
Swenson, Robert Bly und Galway Kinnellare mit ihrer klaren, oftmals von
intensiver Naturbetrachtung charakterisierten Metaphorik. Die Bilder in den
Dichtungen James Merrills dagegen sind stark subjektiv geprägt und bisweilen
von okkulten Ideen inspiriert. Die sprachlichen Abstraktionen des Dichters John
Ashbery sind dem Leser nur schwer zugänglich. Ashbery erhielt 1976 für seine
Gedichtsammlung Self-Portrait in a Convex Mirror (Selbstporträt im
konvexen Spiegel) den Pulitzerpreis. Im darauf folgenden Jahr erhielt
Merrill die begehrte Auszeichnung für Divine Comedies. Die Würde des
sechsten Poeta laureatus der USA wurde 1992 der Dichterin Mona Van Duyn
verliehen, die bisher sieben Gedichtbände veröffentlicht hat, darunter Near
Changes (Pulitzerpreis, 1991). In ihren ebenso geistreichen wie
gefühlvollen Gedichten befasst sie sich mit Eltern-Kind-Beziehungen, Liebe und
Ehe.
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5.4 |
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Literaturkritik |
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts
war die Literaturkritik neuhumanistisch ausgerichtet und demzufolge bestrebt,
klassische Traditionen aufrechtzuerhalten und für die Kunst eine solide
ethische Grundlage zu schaffen. Zu den Vertretern dieser Richtung zählten die
Kritiker Paul Elmer More (1864-1937), der in seinen Shelburne Essays
(11 Bde., 1904-1921) seine Literaturtheorie erläuterte, William Crary
Brownell (1851-1928) mit American Prose Masters (1909) sowie der an der
Harvard University lehrende Literaturwissenschaftler Irving Babbitt (The New
Laokoon, 1910). Ab den zwanziger Jahren wurden die Werke amerikanischer
Schriftsteller in ihrer Gesamtheit von der Kritik als eigenständige
Nationalliteratur wahrgenommen; die Grundlagen für diese Entwicklung legte der
englische Romancier D. H. Lawrence mit seiner bahnbrechenden
Abhandlung Studies in Classic American Literature (1923). Der
amerikanische Gelehrte Vernon Louis Parrington stellte die amerikanische
Literatur in seinem dreibändigen Werk Main Currents in American Thought
(1927-1930) vor ihrem soziopolitischen Hintergrund dar. Eine allgemeiner
angelegte Gesamtschau der amerikanischen Literatur stellte der
Literaturhistoriker Van Wyck Brooks zusammen; als erster Teil seines
vielbändigen Werkes wurde The Flowering of New England, 1815-1865 (1936)
veröffentlicht. Etwa zur gleichen Zeit erschienen die Essays des
Schriftstellers Henry Louis Mencken in seiner Zeitschrift American Mercury
(1924-1933). In seinen Essays unterzog er den konservativen literarischen
Geschmack seiner Zeit einer heftigen Kritik.
Ab Ende der dreißiger Jahre
bis 1945 bildete sich die als New criticism bekannte Richtung der
Literaturwissenschaft heraus. Ihr Name leitet sich vom Titel eines 1941
publizierten Essays John Crowe Ransoms ab. Der New criticism betrachtet vornehmlich
das literarische Kunstwerk als von gesellschaftlichen und biographischen
Zusammenhängen losgelöste Einheit. Zu den Vertretern dieser Richtung zählten
Cleanth Brooks, Kenneth Burke, Ransom selbst, Alan Tate und Robert Penn Warren.
Nicht dem New criticism zuzurechnen, doch ebenfalls sehr einflussreich
war der Literaturwissenschaftler Joseph Wood Krutch, dessen Essays gesammelt in
den Bänden The Modern Temper (1929) und The Measure of Man (1954)
erschienen. Der Literaturkritiker Lionel Trilling verfasste mit The Liberal
Imagination (1950) einen der einflussreichsten kritischen Essays der
Gegenwart. Auch Malcolm Cowley als Verfasser des autobiographischen Berichtes Exile’s
Return (1934) und Alfred Kazin mit On Native Grounds (1942, Der
amerikanische Roman. Eine Interpretation moderner amerikanischer
Prosaliteratur; auch: Amerika. Selbsterkenntnis und Befreiung) und The
Inmost Leaf (1955) gaben der amerikanischen Literaturkritik wesentliche
Impulse. Der Literaturwissenschaftler Leslie Fiedler beleuchtete in seiner
Studie Love and Death in the American Novel (1960, Liebe, Sexualität
und Tod) einige der in der amerikanischen Literatur vorherrschenden Inhalte
sowie deren Art der Verarbeitung.
Einer der bedeutendsten
amerikanischen Literaturkritiker und -theoretiker des 20. Jahrhunderts ist
Edmund Wilson. Wilsons sicheres literarisches Gespür manifestierte sich in Axel’s
Castle (1931, Axels Schloß. Studien zur literarischen Einbildungskraft);
spätere kritische Abhandlungen wie The Wound and the Bow (1941) und The
Bit Between My Teeth: A Literary Chronicle of 1950-1965 (1965) trugen zur
Festigung seiner Position bei. In neuerer Zeit entwickelte sich an der Yale
University eine neue Richtung der Literaturkritik, die so genannte Yale
School of Criticism, zu der zeitweise auch Paul de Man gehörte. Harold
Bloom befasste sich als einer ihrer führenden Vertreter und Autor des Werkes The
Anxiety of Influence: A Theory of Poetry (1973) hauptsächlich mit der
Wirkungsgeschichte von Literatur, während andere Literaturkritiker zu der von
einer Gruppe zeitgenössischer französischer Kritiker um Jacques Derrida
initiierten Theorie der Dekonstruktion tendieren (Gastsemester der
Dekonstruktivisten tragen bis heute zur Verbreitung der Strömung bei). Die
Harvard-Professorin Helen Vendler, die zu den herausragenden amerikanischen
Lyrikspezialisten der Gegenwart zählt, wurde mit ihren einfühlsamen Analysen
wie Part of Nature, Part of Us: Modern American Poets (1980), The
Odes of John Keats (1983) sowie durch ihre Buchkritiken in verschiedenen
Zeitschriften bekannt. Weiterhin bestimmten die neuere amerikanische
Literaturkritik feministische, strukturalistische und dekonstruktivistische
Ansätze. Auch setzte sich der so genannte New Historism Stephen
Greenblatts durch.
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