Chinesische Literatur
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EINLEITUNG |
Chinesische Literatur, die Gesamtheit der in
chinesischer Sprache verfassten Literatur. Sie entwickelte sich in
literarischer Hochsprache ebenso wie im umgangssprachlichen Chinesisch;
Letzteres war bereits vor 1000 v. Chr. gebräuchlich und spielt auch in der
modernen chinesischen Literatur eine bedeutende Rolle. Anfangs entstanden Gedichte,
später auch Dramen und Erzählungen in dialektgefärbter Umgangssprache; hinzu
kamen Geschichtswerke und Schriften zu Philosophie, Kunst und Wissenschaft. Die
in der Volkssprache abgefasste Literatur wurde lange Zeit von den
Staatsgelehrten, die den literarischen Kanon bestimmten, nicht anerkannt. Mit
ihren sprachlich und stilistisch ausgefeilten Schriften setzten sie den Maßstab
für die orthodoxe literarische Tradition, die vor etwa 2 000 Jahren
ihren Anfang nahm. Erst ab dem 20. Jahrhundert wurde die volkssprachliche
Literatur auch von intellektuellen Kreisen geschätzt und gefördert.
Die ältesten chinesischen
Schriftzeugnisse sind Inschriften auf Knochen und Schildkrötenpanzern, die etwa
im 14. Jahrhundert v. Chr. entstanden. Bei den Texten handelt es sich
um Weissagungen für das Leben der Herrscher der Shang-Dynastie (um 1766 bis ca.
1027 v. Chr.), der ältesten belegten Dynastie in China. Zwar stellen diese
Inschriften keine literarischen Texte im eigentlichen Sinn dar, dennoch kommt
ihnen als frühesten Zeugnissen der chinesischen Schrift (Siehe auch chinesische
Sprache) große Bedeutung im Hinblick auf sämtliche späteren literarischen Werke
Chinas zu.
Die Literaturwissenschaft teilt die
chinesische Literaturgeschichte grob in drei historische Zeiträume ein, wobei
die chinesische Klassik den Zeitraum vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis
zum 2. Jahrhundert n. Chr. umfasst. Als literarisches Mittelalter
gilt die Epoche zwischen dem 3. und dem 12. Jahrhundert; die ab dem
13. Jahrhundert bis zur Gegenwart entstandenen Werke werden der Neuzeit
zugerechnet.
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KLASSIK (6. JAHRHUNDERT V. CHR.
BIS 2. JAHRHUNDERT N. CHR) |
Die chinesische Klassik fällt
ungefähr in den gleichen Zeitraum, in dem auch die klassischen Werke der
griechischen und römischen Literatur entstanden. Als prägend wird die Zeit vom
6. bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. angesehen, in der die Herrscher der
Zhou-Dynastie (um 1027-256 v. Chr.) China regierten. In dieser Epoche
entstanden auch die Werke der Philosophen Konfuzius, Mencius, Lao-tse und
Zhuangzi. Ihre Grundanschauungen sind in den Texten der fünf konfuzianischen
Klassiker und anderen philosophischen Abhandlungen zusammengestellt. In den
folgenden Jahrhunderten erlangten diese Schriften kanonische Geltung. Der
Konfuzianismus avancierte zur allgemein gültigen Lehrphilosophie und begründete
eine klassische Tradition, die bis ins 20. Jahrhundert gepflegt wurde.
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2.1 |
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Lyrik |
Wichtigstes lyrisches Zeugnis der
chinesischen Klassik ist die Anthologie Shi-jing oder Shih-ching (Buch
der Lieder), deren 305 Gedichte aus einem Zeitraum vom 10. bis zum
7. Jahrhundert v. Chr aus jeweils vier Wörter umfassenden Versen
bestehen. Dieses älteste bekannte Werk in schlichter Volkssprache gilt zudem
als dritter der fünf Klassiker. Der Überlieferung zufolge stellte es Konfuzius
selbst zusammen. Etwa die Hälfte der Lieder des Shi-jing stellen keine
Lobpreisungen von Göttern und Helden dar, sondern schildern das Leben der
chinesischen Kleinbauern, ihre Freuden und Leiden, ihr Tagewerk und ihre Feste.
Bei den übrigen Texten handelt es sich um dynastische Gesänge, die anschaulich
Leben und Gebräuche des Adels und bei Hofe widerspiegeln. Ursprünglich wurden
die höfischen Dichtungen mit Musik- und Tanzbegleitung vorgetragen; die chinesische
Lyrik war von jeher eng mit der Musik verknüpft.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich der
höfische Stil in den Gedichten der Anthologie Ch’u-tz’u (Gesänge aus
dem Süden). Zu ihren Autoren gehörte auch Qu Yuan (Ch’ü Yüan), der einem
Adelsgeschlecht im Staat Ch’u im südlichen Zentralchina entstammte. Mit Li-sao
(Der Trauer verfallen) etwa verfasste er ein
autobiographisch-rhapsodisches Langgedicht, das mit Hilfe einer Vielzahl von
historischen Bezügen, allegorischen Sprüchen und Gleichnissen die Seelenqual des
nach einem unerreichbaren Ideal strebenden Dichters thematisiert. In ihrer
Sprachgewalt und Metaphorik unterscheidet sich Qu Yuans Lyrik stark von den
eher schlichten und realistischen Gesängen des Shi-jing.
Während der Han-Dynastie (206
v. Chr. bis 220 n. Chr.) etablierten sich allmählich Dichterschulen.
Aus den bisweilen reimlosen Versen des Qu Yuan entstand eine neue literarische
Gattung, das Fu oder Prosagedicht. Bereichert wurde die chinesische
Lyrik außerdem durch Volkslieder, die etwa im 2. Jahrhundert v. Chr.
von einer speziell zu diesem Zweck eingerichteten Institution des Yüeh-fu
gesammelt wurden.
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2.2 |
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Prosa |
Richtungweisend in der chinesischen
Prosa waren das Yi-jing (auch I-ching oder I Ging, Das Buch
der Wandlungen), in dem Weissagungen gesammelt sind, das Shu-jing (Shu-ching,
Das Buch der Urkunden), eine Zusammenstellung von Texten zu
staatspolitischen Fragen, das Li-ji (Li-chi, Das Buch der Sitte)
mit Opfervorschriften und moralischen Traktaten sowie das Chun-qiu (Ch’un-ch’iu,
Frühling und Herbst), eine Konfuzius zugeschriebene Chronik, in der die
Geschichte des Staates Lu von 722 bis 481 v. Chr. aufgezeichnet ist.
Zusammen mit dem Shi-jing gehören sie zu den fünf Klassikern der
chinesischen Literatur.
Zwischen dem 6. und dem
3. Jahrhundert v. Chr. erschienen die wichtigsten Werke der
chinesischen Philosophie. Wegweisend waren hier die von Anhängern in Lun-yu
(Lun-Yü, Gespräche des Konfuzius) in Form von Aphorismen und
Gesprächsnotizen festgehaltenen Lehren des Konfuzius, die Schriftensammlung des
Mencius, eines Vertreters des Konfuzianismus, über Gespräche mit Staatsmännern
und Gelehrten, das dem Begründer des Taoismus Lao-tse zugeschriebene Tao-te
ching (Buch vom Weg und von der Tugend) sowie die kühnen Essays des
Zhuangzi (Chuang-tzu), eines taoistischen Philosophen. Sowohl hinsichtlich
ihres Prosastiles als auch ihres philosophischen Gehalts bedeutend sind die
Abhandlungen der Philosophen Mo Ti, Xunzi und Han Feizi.
Das Monumentalwerk Shih-ji (Shih-chi,
Historische Aufzeichnungen) des Sima Qian (Ssu-ma Ch’ien) schildert die
Geschichte Chinas von den Anfängen bis zur Zeit der Han-Dynastie. Es diente
etwa 2 000 Jahre lang als Vorbild für die chinesische
Geschichtsschreibung. Auch im Hinblick auf die literarische Darstellung
politischer und moralischer Fragen setzten die konfuzianischen Philosophen
Maßstäbe. Ihr gehobener Schreibstil stand im Kontrast zu den
umgangssprachlichen Wendungen anderer Texte. Während der Herrschaftszeit der
Han-Dynastie wurden die Gelehrten in die Staatsverwaltung integriert.
Ausschlaggebend hierbei war der Kenntnisgrad der konfuzianischen Klassiker. Mit
wenigen Unterbrechungen hielt sich diese Praxis bis ins 20. Jahrhundert
und bewirkte so, dass der literarischen Tradition eine starre kultische
Bedeutung anhaftete.
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3 |
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MITTELALTER (3. BIS 12. JAHRHUNDERT) |
Zu Beginn des chinesischen
Mittelalters vom 3. bis zum 7. Jahrhundert war China nicht nur in mehrere
einander bekriegende Staaten getrennt, sondern wurde auch immer wieder von den
Einfällen der Tataren erschüttert. Dennoch war die literarische Produktion
während der Reichstrennung weitaus fruchtbarer als die Westeuropas zur gleichen
Zeit. Das aus Indien nach China gelangte Gedankengut des Buddhismus, die
Erfindung des Tafel- und Blockdruckes sowie eine Fülle von lyrischen Texten und
Prosawerken bewirkten, dass diese Epoche zu einer der bedeutendsten in der
chinesischen Literaturgeschichte geriet.
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3.1 |
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Lyrik |
Vor den gesellschaftlichen und
politischen Unruhen im 3. bis 7. Jahrhundert suchte die chinesische
Literatur Zuflucht zur Naturlyrik. Schreibende Eremiten widmeten sich ganz den
Themen der Natur und Landschaft, andere variierten die Volksdichtung. Der berühmteste
Dichter jener Zeit war zweifellos T’ao Qian (Tao Ch’ien, T’ao Yüan-ming), der
die Freuden des Einsiedlerlebens in der Natur beschrieb. In seiner Prosaskizze T’ao-hua
yüan chi (Aufzeichnungen über den Pfirsichblütenquell) schilderte er
die Utopie eines Lebens in bäuerlicher Gemeinschaft. Auf dem Gebiet der
Liebeslyrik tat sich die Dichterin Tzu-yeh hervor; berühmt wurde sie zudem
durch eine Ballade über die Abenteuer einer als Soldat verkleideten Frau sowie
durch ein langes Erzählgedicht, das in einfacher, lebendiger Sprache die
tragische Geschichte einer Familie schildert.
Ihre Blüte erlebte die
chinesische Lyrik zur Zeit der Tang-Dynastie (618-906), einer von Frieden und
Wohlstand geprägten Epoche, die nach fast 300 Jahren an gesellschaftlichen
Missständen scheiterte. Obgleich diese Zeit mehr als 1 000 Jahre
zurückliegt, wurden von 2 200 bekannten Tang-Dichtern insgesamt
49 000 Dichtungen überliefert. Die drei berühmtesten Lyriker jener
Zeit waren Wang Wei, Li Taibai und Du Fu, die alle zur Zeit des kulturellen
Höhepunktes der Tang-Dynastie aufwuchsen; später erfuhren sie ihren von Krieg
und Aufständen begleiteten Niedergang. Wang Wei, der sich vom Buddhismus
geprägten meditativ-philosophischen Betrachtungen widmete und auch als Maler
tätig war, trat mit atmosphärisch stimmiger Naturdichtung hervor, wobei sein
lyrisches und sein künstlerisches Schaffen untrennbar miteinander verwoben
waren: Seine Bilder wirken poetisch, seine Dichtungen wie zarte Naturgemälde.
Als führender Vertreter des Taoismus verweigerte sich Li Taibai den poetischen
Konventionen ebenso wie einem gesellschaftlich eingebundenen Leben. Das Reich
der Unsterblichen, das der Dichter als seine Heimat verstand, gerät hier zum
idealisierten Gegenbild eines Verbannungsdaseins auf der Erde.
Besonders eindrucksvoll sind jene Werke
Li Taibais, die Liebe und Freundschaft, Weinseligkeit und das majestätische
Wesen der Natur besingen. Der mit dem Autor befreundete Dichter und Historiker
Du Fu hingegen orientierte sich streng an der Wirklichkeit. Aus seinen Werken
sprechen Lebenslust, Familiensinn und ein Humanismus, der nicht selten in
Kritik an den Missständen seiner Zeit gipfelt. Mit seinen realistischen
Dichtungen beeinflusste Du Fu das Schaffen des Satirikers und Lyrikers Bai
Juyi, der ebenfalls in der Tang-Epoche lebte; er begründete eine dezidiert
moralistisch ausgerichtete Tradition innerhalb der chinesische Literatur, die
in den folgenden Jahrhunderten auch didaktische und philosophische Abhandlungen
hervorbrachte.
Der Reim hatte von Beginn
an wesentliche Bedeutung in der chinesischen Dichtung. Feste Versformen kamen
jedoch erst zur Zeit der Tang-Dichter auf. Vorherrschend wurde nun das so
genannte Lü-shi-Gedicht (Lü-shih), dessen Verse aus fünf (später
sieben) Wörtern bestanden, wobei der Reim jeweils auf die geraden Verse
entfiel. Hervorgegangen war es aus den aus vier Wörtern bestehenden Versen des Shi-jing
(Shih-ching). Als gänzlich neue Form entstand in der Tang-Zeit das
Kunstgedicht Ci (Tz’u), dessen Verse unterschiedlich lang sein
konnten, wobei ihre Anzahl und Länge hinsichtlich Reim- und Tonfolge an eine
vorgegebene Melodie gebunden war. Eine wichtige Rolle spielte das Ci zur
Zeit der Song-Dynastie (960-1279). Anfangs waren die relativ langen Ci-Gedichte
mit bekannten Weisen verknüpft und befassten sich mit Themen wie Liebe und
Musik. Chinas bekanntester Ci-Dichter Su Dongpo löste das Ci von
der Melodie und bereicherte es inhaltlich. So entstanden im
11. Jahrhundert immer mehr autonome Ci-Gedichte. Gegen Ende des
11. Jahrhunderts und bis ins 13. Jahrhundert hinein jedoch wurde die
Tradition des musikalischen Ci wieder verstärkt gepflegt. Li Qingzhao
(Li Ch’ing-chao) wurde mit Ci-Gedichten bekannt, in denen sie ihr
Dasein als Witwe beschrieb.
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3.2 |
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Prosa |
Auch die chinesische Prosa kam
in der Tang-Zeit zur Blüte. Führend war dabei Han Yü (Han Yu), der eine Abkehr
von der damals üblichen Kunstsprache dem Pian-wen (Parallelstil)
und die Neubelebung des schlichten und alten Gu-wen-Stils propagierte.
Sein Engagement führte dazu, dass politische und philosophische Abhandlungen
und Essays sowie die bedeutende Erzählsammlung Chuanqi als frühes
Beispiel der chinesischen narrativen Prosa klassisch abgefasst wurden. Die
ersten in der Volkssprache geschriebenen Geschichten gehen auf die Tang-Zeit
zurück. Um dem Volk ihre Religion nahe zu bringen, verfassten buddhistische
Prediger Erzähltexte in einfacher Sprache und schufen damit die Erzählform des Pian-wen,
die den Beginn der Erzählliteratur in China kennzeichnet.
Obgleich sich nur wenige
Zeugnisse chinesischer oraler Literatur überliefert haben, gilt als erwiesen,
dass sich diese mündliche Tradition im 11. Jahrhundert neu belebte und zur
Zeit der Song-Dynastie, in der bedeutende literarische Werke entstanden, von zahlreichen
Schriftstellern gepflegt wurde. Während des chinesischen Mittelalters waren
Erzähler, die auf Marktplätzen die Massen unterhielten, überaus beliebt. Meist
waren diese auf eine bestimmte Art von Geschichten spezialisiert; ihre
Erzählungen wurden oftmals in Buchform (als so genannte Hua-Bens)
veröffentlicht. Auf ihrer Grundlage entwickelte sich später der chinesische
Roman. Der auf Initiative Han Yüs wieder eingeführte klassische Stil wurde zur
Zeit der Song-Dynastie u. a. von Ou-yang Hsiu (Ouyang Xiu) und Su Xun
weiter gepflegt. Ersterer verfasste Essays über den Konfuzianismus sowie zu
politischen und historischen Themen, wurde jedoch vor allem durch seine
plastischen Beschreibungen der Landschaften Chinas bekannt. Die geistreichen
Essays des Su Xun gelten als Meisterwerke der chinesischen Literatur dieser
Zeit.
Schauspiel, Gesang und Tanz gab es
bereits seit dem Altertum, Dramen im eigentlichen Sinn jedoch erst ab dem
ausgehenen Mittelalter. Bereits in der Tang-Zeit befanden sich unter den Künstlern
und Literaten, die zur Unterhaltung des Volkes auftraten, zahlreiche
Schauspieler, die in Ensembles zusammengeschlossen vor großem Publikum
auftraten.
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4 |
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NEUZEIT |
Zu Beginn der chinesischen
Neuzeit im 13. Jahrhundert entstanden zahlreiche bedeutende
volkssprachliche Schriften. Der Aufschwung der chinesischen Erzählliteratur und
des Dramas zur Zeit der Mongolenherrschaft während der Yüan-Dynastie
(1279-1368) geht wohl auf die Weigerung vieler Gelehrter zurück, die
mongolische Herrschaft anzuerkennen und zu unterstützen. Die volkssprachliche
Literatur war also zunächst eine Art der Identitätssicherung und des Protests.
Die Entwicklung des chinesischen Dramas war stark regional geprägt, wobei
Dramenliteratur mit hohem Bekannt- und Beliebtheitsgrad auch nationale
Verbreitung fand. In Nordchina entstand eine Form des Yüan-Dramas mit Dialogen
und Gesängen im Dialekt der Region, zumeist mit Lautenbegleitung. In der Regel
kam den Gesängen als poetischen Elementen hierbei aber höherer Stellenwert zu
als den Redepassagen. Verfasst wurden die Gesänge in der Form des Qu,
dessen Versmaß variabler war als die des Shih der Han- bzw. Ci
der Tang-Zeit. Ein Yüan-Drama setzte sich aus vier Akten zusammen; häufig kam
zusätzliche noch ein kurzes Vor- oder Zwischenspiel hinzu.
Im 14. Jahrhundert begann für
die volkssprachliche Erzählliteratur eine neue Blütezeit. Zu den frühesten
chinesischen Romanen dieser Zeit zählen das historische Kriegsepos San-guo
zhi yan-yi (San-kuo chih yen-i, Drei Reiche) sowie die Räuber- und
Rebellengeschichte Shui-hu zhuan (Shui-hu chuan, Die Räuber
vom Liang-Schan-Moor). Beide stellen die großen Prosaepen Chinas dar; ihr
Inhalt geht auf mündliche Überlieferungen zurück. Da sie von mehreren
Verfassern geschrieben wurden, ist der Gattungsbegriff des Romans
allerdings nur bedingt anwendbar.
Allgemein sind die Romane der
chinesischen Literatur überaus voluminös und zeichnen sich durch lebendige
Charakterisierungen und Beschreibungen aus. Dies gilt uneingeschränkt auch für Hong-lou
meng (Traum der roten Kammer) von Cao Zhan (Ts’ao Chan) der
Ruhm, Niedergang und Ende einer reichen Beamtenfamilie schildert. Bedeutende
Erzählsammlungen erschienen im Lauf des 17. Jahrhunderts. Sie enthielten
auch Texte aus früheren Epochen, waren ebenso wie die Romane in
umgangssprachlicher Diktion abgefasst und zeichneten sich durch die
realistische Darstellung allgemeiner gesellschaftlicher Themen aus. Als
wichtigstes Werk in diesem Bereich gilt die aus 40 Erzählungen bestehende
Anthologie Chin-ku ch’i-kuan (Jingu qiguan; Wundersame
Geschichten aus alter und neuer Zeit).
Im Lauf der Neuzeit entstanden
immer mehr und immer vielfältigere Werke in volkssprachlicher Tradition.
Weniger fruchtbar war die hochsprachliche Literatur, obgleich adlige Gelehrte –
darunter hervorragende Schriftsteller – sie weiter pflegten. Mit der Zeit
jedoch erstarrte die orthodoxe Form der Literatur in Stereotypen. Diese
Entwicklung setzte sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts fort. Chinesische
Schriftsteller, die damals nach neuen Anregungen suchten, bewirkten unter dem
Einfluss der westlichen Literatur eine literarische Revolution, die als chinesische
Renaissance bezeichnet wird und die allgemeine Anerkennung und Verwendung
volksnaher Ausdrucksformen forderte. Führender Vertreter dieser Reformbewegung
war der Schriftsteller und Literaturkritiker Hu Shih.
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4.1 |
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20. Jahrhundert |
In der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts diente die chinesische Literatur in erster Linie zur
Darstellung der Schattenseiten des Lebens, der Bekämpfung gesellschaftlicher
Missstände sowie als Propagandainstrument. Zu den dem Anarchismus nahe
stehenden – und vor allem in den dreißiger und vierziger Jahren äußerst
beliebten – Schriftstellern gehörte Ba Jin. Ebenfalls in den dreißiger und
vierziger Jahren trat Lin Yutang mit Mein Land und mein Volk (1935), Weisheit
des lächelnden Lebens (1937), Zwischen Tränen und Gelächter (1943)
und Peking-Augenblick und Ewigkeit (1939) hervor. Mit ihrer unverhüllten
Kritik an traditionellen Gesellschaftsformen trugen Schriftsteller und
Essayisten wie Lu Xun (auch Lu Hsün, Pseudonym von Zhou Shuren) zur
sozialistischen Umgestaltung Chinas bei. Obgleich die Ausrichtung der
chinesischen Literatur durch diese Entwicklung eine Wendung nahm, blieb ihr
nationaler Charakter erhalten.
Während der Kulturrevolution
zwischen 1966 und 1969, deren Nachwirkungen bis 1976 spürbar waren, wurde das
Schaffen von Schriftstellern und Künstlern in erster Linie als dem Wohl des
Volkes dienend begriffen; Einflüsse der westlichen Welt wurden rigoros
unterbunden. Trotz Gegenströmungen wie der Kampagne gegen die so genannte
„geistige Verunreinigung” in den Jahren zwischen 1981 und 1983 konnte sich in
den achtziger Jahren die freie Meinungsäußerung im literarischen Bereich
entfalten; das Interesse an westlichen Vorstellungen und Strömungen belebte
sich und wurde geduldet. Die gewaltsame Niederschlagung der chinesischen
Protestbewegung im Juni 1989 setzte dieser Entwicklung (vorläufig) ein Ende.
Viele Schriftsteller und Intellektuelle wandten sich einem
apolitisch-hermetischen Schreiben (menglongshipai) zu, verstummten oder
verließen das Land. Von Regierungsseite wurde eine „Soldatenliteratur”
propagiert.
Bedeutende moderne Autoren Chinas
sind u. a. die politisch engagierten Autoren Wie Jingsheng und Bei Dao,
Gao Xingjian (Drama Die Wilden, 1985), der dem magischen Realismus
verpflichtete Han Shaogong (Fraufraufrau, 1986), der
gesellschaftskritische Romancier Wang Meng, A Cheng (Schachkönig, 1984),
Gu Cheng, Yang Lian, Shu Ting, Zhang Chengzhi, Jia Pingwa und Mo Yan. Der in
Frankreich lebende Exilchinese Gao Xingjian, der seine Arbeiten mittlerweile in
französischer Sprache schreibt, wurde 2000 überraschend mit dem
Literaturnobelpreis ausgezeichnet.
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