Deutsche Literatur
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EINLEITUNG |
Deutsche
Literatur, Bezeichnung für die schriftlich überlieferte Dichtung
deutscher Sprache. Neben den klassischen Gattungen (Lyrik, Epik, Dramatik)
werden ihr bis zum Ausgang des Mittelalters auch theologische, philosophische
und wissenschaftliche Schriften zugerechnet sowie Werke deutscher Autoren in
lateinischer Sprache. Siehe Österreichische Literatur; Schweizerische Literatur
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Die frühesten Zeugnisse deutscher
Sprache finden sich, abgesehen von Runeninschriften, die bis in das
5. Jahrhundert zurückreichen, in Rechtswörtern lateinischer und
althochdeutscher Urkunden. Die ersten germanischen Dichtungen wurden nur
mündlich überliefert, sind jedoch in ihrer Existenz durch Texte antiker
Schriftsteller, wie Tacitus’ Germania (um 98 n. Chr.), bezeugt.
Spuren germanischer Heldensagen gingen vermutlich in Fredegars Fränkische
Weltchronik (7. Jahrhundert) und andere Chroniken der Epoche ein. Als
einzig bedeutende literarische Leistung vor der Karolingerzeit gilt die
Bibelübersetzung des westgotischen Bischofs Ulfilas oder Wulfila
(4. Jahrhundert) aus dem Griechischen ins Gotische. Ansonsten war das Lateinische
im heutigen deutschen Sprachgebiet die vorherrschende Literatursprache.
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Neben der sprachgeschichtlichen
Einteilung in die althochdeutsche (750-1050), frühmittelhochdeutsche
(1050-1150), mittelhochdeutsche (1150-1300) und spätmittelhochdeutsche
(1300-1500) Phase hat sich diejenige nach kulturellen Epochen durchgesetzt. Sie
ist zum Teil identisch mit der Regentschaft bestimmter Herrscherhäuser.
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3.1 |
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Karolingische Zeit (750-900) |
Ein bedeutendes kulturelles Zentrum
in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts war der Hof Karls des Großen in
Aachen. Die dort wirkenden Gelehrten verfassten im Rahmen der karolingischen
Renaissance ihre Werke in lateinischer Sprache, die auch im klerikalen Schrifttum
dominierte. Am Beginn der deutschen Literaturgeschichte stehen
lateinisch-deutsche Wörterbücher und liturgische Texte. Erstes althochdeutsches
Zeugnis ist das Wessobrunner Gebet (770-790), gefolgt vom Älteren
Hildebrandslied (810-820). Im Gegensatz zu diesem Heldenlied aus dem
ostgotischen Sagenkreis um Dietrich von Bern blieben christliche Stoffe die
Regel, wie in den Evangelienharmonien Otfrids von Weißenburg (863-871).
Bei Otfrid vollzog sich der Übergang zur Endreimdichtung, die fortan häufig mit
der Stabreimdichtung eine Mischform bildete, wie in den zahlreichen Segens- und
Zaubersprüchen der Spruchdichtung, darunter die Merseburger Zaubersprüche.
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3.2 |
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Die Zeit der Ottonen (900-1050) und Salier
(1050-1150) |
Unter den Ottonen wurde das Latein,
oft in Anlehnung an antike Muster (ottonische Renaissance), wieder alleinige
Literatursprache. Ein Beispiel für diese Rückbesinnung auf die Antike waren die
an Terenz orientierten Märtyrerdramen der Hrotsvith von Gandersheim. Erst
allmählich drangen wieder volkssprachliche Elemente in die geistliche und
weltliche Literatur vor, wie in dem Heilshymnus des Ezzoliedes (1063) und die
Verslegende des Annoliedes (um 1080). In lateinischen Hexametern war hingegen
das Waltharilied (um 1050) abgefasst.
Im Zuge der aufblühenden
Stadtkultur und des erstarkenden Rittertums entstanden erste vorhöfische Epen,
darunter die noch im 13. Jahrhundert kopierte Kaiserchronik (um 1150),
welche die ältesten deutschsprachigen Novellen enthielt, das Alexanderlied
des Pfaffen Lamprecht (um 1150) und das Rolandslied des Pfaffen Konrad (um
1170), das erstmals auf französische Vorbilder – namentlich das Chanson de
Roland, ein Chanson de Geste – zurückgriff, diese aber im Zuge der aktuell
werdenden Kreuzzugsthematik religiös-missionarisch zur Kreuzzugsdichtung
überhöhte. Als erster mittelalterlicher Roman gilt der nur in Fragmenten
überlieferte Ruodlieb (um 1050).
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3.3 |
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Staufische Zeit (1150-1250) |
Das seit dem Tod Karls des
Großen durch den Niedergang der Laienschulen verursachte Bildungsmonopol der
Kirche erfuhr durch das Entstehen einer neuen weltlichen Feudalmacht nach den
Kreuzzügen (seit 1096) eine entscheidende Relativierung. Das jahrhundertelang
auf die Klöster beschränkte geistliche Leben erhielt darüber hinaus neue
Impulse durch die an Universitäten und Bischofssitzen aufblühende weltliche
Literatur. Das neue Selbstverständnis und -bewusstsein des Adels speiste sich
auch aus der durch die Kreuzzüge ermöglichten geistig-kulturellen Begegnung mit
der Kultur des Orients.
Einen repräsentativen literarischen
Ausdruck fand die weltliche, diesseitsbejahende Kultur der Höfe erstmals in der
Form des Minnesangs. Zur frühen („donauländischen”) Phase unmittelbar nach dem
zweiten Kreuzzug (dem ersten mit deutscher Beteiligung, 1147-1149) zählen der
Sänger Kürenberg (um 1160), Meinloh von Sevelingen und die Burggrafen von
Regensburg und Rietenburg. Mit der rheinischen Ausprägung trat der Minnesang in
seine Blütezeit und bildete neben dem zentralen Typus des Werbesangs Varianten
wie das Tagelied und das Kreuzlied aus. Unter dem Einfluss der französischen
Troubadoure schufen Heinrich von Veldeke, Friedrich von Hausen und andere auch
neue Reim- und Strophenformen (Stollenstrophen), zur eigentlichen Meisterschaft
gelangten aber erst Heinrich von Morungen, Hartmann von Aue und Walther von der
Vogelweide, der auch die Spruchdichtung und die politische Lyrik
fortentwickelte. Bei ihm vollzieht sich der Übergang zur „niederen” Minne, die im
Gegensatz zum strengen Subordinationsprinzip der„hohen” auch erotische
Erfüllung und eheliche Liebe besang. Schriftlich überliefert wurde die
Minnedichtung erst in der um 1275 entstandenen Kleinen Heidelberger
Liederhandschrift, der illustrierten Großen Heidelberger oder
Manessischen Liederhandschrift (nach 1300) und späteren Sammlungen.
Neben dem Minnesang entwickelte
sich das höfische Epos, das häufig auf Stoffe aus der Antike zurückgriff, wie
Heinrich von Veldeke in seiner der Äneis des Vergil nachempfundenen Eneit
(1170/90). Hartmann von Aue verfasste nach dem Vorbild des Franzosen Chrétien
de Troyes mit Erec und Iwein (um 1200) die ersten deutschen
Dichtungen aus dem Kreis der Artussage. Das bedeutendste Epos dieser Zeit,
Wolfram von Eschenbachs Parzifal (1200-1210), und Gottfried von
Straßburgs Tristan und Isolt (um 1210) schöpften gleichfalls aus dieser
Quelle. Einen weiteren Höhepunkt erlebte die Dichtung im Kudrun-Epos (um 1215)
und dem anonym überlieferten Nibelungenlied (um 1200), in dem erstmals seit dem
Hildebrandslied wieder ein Stoff der Völkerwanderung literarische Form fand.
Daneben entstand eine Vielzahl
didaktisch-satirischer Spruch-, Fabel- und Schwankdichtungen, wie Hugo von
Trimbergs Moralkompendium Der Renner (um 1300).
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3.4 |
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Späthöfische und spätmittelhochdeutsche
Zeit (1250-1500) |
Der literarisch in Parodien
der Ritterepen (Ulrich von Lichtensteins Frauendienst) dokumentierte
Niedergang der höfisch-ritterlichen Idealkultur sowie der weitere Aufstieg der
Städte führten zu einer Verbürgerlichung der literarischen Erscheinungsformen
und Inhalte. Die Minnelyrik variierte zunächst die von Neidhart entwickelten
Typen, mündete aber bereits im Werk Heinrichs von Meißen (genannt Frauenlob) in
eine Vorform des Meistersangs (siehe Hans Sachs). Vorherrschend wurde
eine didaktisch-gelehrte Dichtung (Hugo von Montfort), von der die Lieder
Oswalds von Wolkenstein sich durch Witz und sinnliche Lebensbejahung absetzten.
In der Prosa wurden der
höfische Roman (Rudolf von Ems, Konrad von Würzburg) und die Heldenepik
weitergeführt, wichen aber ebenso der Tendenz zum Praktisch-Belehrenden, die
auch in einem stetig wachsenden wissenschaftlichen Schrifttum zum Ausdruck kam.
Der Dominikanermönch Meister Eckhart gilt als Begründer der wissenschaftlichen
deutschen Prosa. Als Höhepunkt der spätmittelalterlichen Erzählprosa gilt der
um 1400 verfasste Ackermann aus Böhmen des Johannes von Tepl.
Noch im 13. Jahrhundert ist
das erste deutschsprachige Schauspiel bezeugt, das Osterspiel von Muri (siehe
Osterspiel), dem eine Vielzahl geistlicher Dramen, wie das Benediktbeurer
Weihnachts- und Osterspiel, und später die Fastnachtsspiele folgten.
Ende des 14. Jahrhunderts entstand die erste vollständige
Bibelübersetzung, und unter dem Eindruck der Pest bildeten sich neue Formen
geistlicher Gebrauchsliteratur heraus, wie Geißlerlied und Totentanz. Ein
wachsendes Geschichts- und Rechtsbewusstsein manifestierte sich in Chroniken
und den Schriften der weltlichen Schulwissenschaft, so im Sachsenspiegel (um
1224-1231), dem Schwabenspiegel (um 1275-1276) und der Sächsischen
Weltchronik (um 1230).
Wichtige Impulse erhielt die
Literatur der Epoche durch den Rückgang des Analphabetismus und die Erfindung
des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, der eine massenhafte Verbreitung unterschiedlichsten
Schrifttums ermöglichte, wie die der populären Schwankdichtungen (siehe Till
Eulenspiegel).
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HUMANISMUS, RENAISSANCE UND REFORMATION
(1400-1600) |
Der bereits im Mittelalter manifeste
Drang nach geistiger Erneuerung brach sich Anfang des 16. Jahrhunderts
Bahn in den am römisch-antiken Vorbild ausgerichteten Bewegungen des Humanismus
und der Renaissance und auf religiösem Gebiet in der Reformation. Den
Umwälzungen auf weltanschaulichem und politischem Gebiet entsprach eine sich
vielfältig fortentwickelnde Literatur, die in Luthers Bibelübersetzung
(1522-1534) einen entscheidenden Impuls für die Herausbildung einer
einheitlichen neudeutschen Schriftsprache erfuhr.
Die Hauptrepräsentanten des Humanismus
waren Erasmus von Rotterdam, Ulrich von Hutten und Johannes Reuchlin, der
Herausgeber der kirchenkritischen Dunkelmännerbriefe (1517). Im Zuge der
konfessionellen Auseinandersetzungen wurde die Prosa zu einem
volkstümlich-derben Mittel des Kampfes und der Belehrung, vor allem in den nun
zahlreich entstehenden Volksbüchern, wie Fortunatus (1509), Till
Eulenspiegel (1515), Historia von D. Johann Fausten (1587;
Johann Faust) oder den Schiltbürgern (1598; Lalebuch). Die dort
charakteristische Mischung von realistisch-drastischer Darstellungsweise und
praktischem Lebenswitz zeichnete die Satiren Johannes Fischarts und die Romane
Jörg Wickrams aus (Der jungen Knaben Spiegel, 1554), dessen Rollwagenbüchlein
(1555) zugleich den Übergang der Schwankliteratur vom Vers zur Prosa markierte.
Noch deutlich den formalen Konventionen des Mittelalters verhaftet war die
bedeutendste satirische Dichtung der Epoche, das in der Tradition des
Weltspiegels verfasste Narren Schyff (1494) des Sebastian Brant.
Im Drama herrschte das von
Hans Sachs, Niklaus Manuel und anderen repräsentierte Fastnachtsspiel vor, das
theologisch-moralische Anliegen mit Schwankelementen verknüpfte. In seiner humanistisch-reformatorischen
Ausprägung zeugte es ferner von der dominierenden Rolle des protestantischen
Bürgertums seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Hinzu traten Anregungen der
Commedia dell’arte und des englischen Dramas, und neben ersten historischen Dramen
entstanden in den Jesuitenkollegs Vorstufen des barocken Schauspiels (Jakob
Bidermann, Cenodoxus, Uraufführung 1602). Wesentlich für die Entwicklung
der Gattung wurde die Tatsache, dass sie nun auch an den Höfen des Adels
heimisch wurde (so bei Heinrich Julius, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel).
In der Lyrik dominierten neben geistlichem Liedgut Meistersang und
Gesellschaftslied (siehe Meistersinger).
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BAROCK (1600-1720) |
Das Barock war geprägt vom
Zeithintergrund der konfessionellen Spaltung Europas und der daraus
resultierenden kriegerischen Auseinandersetzungen (siehe Dreißigjähriger
Krieg, 1618-1648) und territorialen Verschiebungen. Das geistig-literarische
Leben, das sich auf die Königs- und Fürstenhöfe konzentrierte, nahm starken Einfluss
auf das kulturelle Selbstverständnis des Bürgertums. Im gelehrten Schrifttum,
in dem bislang das Lateinische vorherrschte, zeichnete sich eine Hinwendung zum
Deutschen ab, dessen Niveau als Literatursprache allmählich dem Vorbild des
Lateinischen angeglichen werden sollte. Hieraus leitet sich der normative
Charakter der Barockliteratur ab, wie er in den Regelwerken von Martin Opitz (Das
Buch von der Deutschen Poeterey, 1624) und anderer Autoren zum Ausdruck kam
(Philipp von Zesen, Andreas Tscherning, Justus Georg Schottel, Georg Philipp
Harsdörffer). Gleichfalls im Zeichen der Spracherneuerung standen die
Aktivitäten der verschiedenen Sprachgesellschaften (Fruchtbringende
Gesellschaft, gegründet 1617) und Dichterkreise, wie des Pegnitzer
Blumenordens.
Die weltliche Lyrik setzte die
Tradition des Meistersangs und anderer volkssprachlicher Dichtungsformen fort,
bediente sich zunehmend aber auch antiker Formen, wie der Elegie und der Ode. Ferner
gingen Anregungen des italienischen, auf Francesco Petrarca sich berufenden
Petrarkismus (Paul Fleming) und der Hirtendichtung (Opitz) in die Lyrik ein.
Die geistliche Dichtung schöpfte ebenfalls aus dem Motivinventar des
Petrarkismus (Friedrich Spee von Langenfeld) und wandte sich in ihrer
mystischen Spielart (siehe Jakob Böhme, Angelus Silesius) gegen den
offiziellen Protestantismus. Christian Hofmann von Hofmannswaldau trat mit
lebensbejahenden, galanten Gedichten in der Tradition des Marinismus hervor,
während in den Sonetten von Andreas Gryphius die Vanitas-Thematik vorherrschte.
Sie wurde auch für den
Großteil der dramatischen Dichtung bestimmend. Angeregt durch die Seneca- und
Sophokles-Übertragungen von Opitz (Die Trojanerinnen, 1625; Antigone,
1636) rückte die Tragödie an die erste Stelle (mit dem Alexandriner als
gebräuchlichstem Versmaß). Wichtigster Dramatiker des Barock war Gryphius mit
seinen Trauerspielen (Cardenio und Celinde, Catharina von Georgien,
beide 1657) und den „Scherz- und Schimpfspielen”, welche die Tradition des
deutschen Lustspiels begründeten (Absurda Comica. Oder Herr Peter Squentz,
1658; Horribilicribrifax, 1663). Die Perspektive des welterfahrenen
Zynikers und Hofmannes charakterisierte die Dramen Daniel Casper von Lohensteins
(Cleopatra, 1661; Agrippina, 1665).
Richtungweisend für den Roman des
Barock wurden Übersetzungen fremdsprachiger Vorbilder, wie der Aithiopiká
des Heliodor, des Amadis-Romans oder der spanischen Schelmenromane. In dieser
Tradition stand auch das bedeutendste Romanwerk der Zeit, Johann Jakob
Christoffel von Grimmelshausens Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch
(1669), der mehrere Fortsetzungen erlebte. Dort, wie auch in der Lebensbeschreibung
der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche (1670), entfaltete
Grimmelshausen das Panorama der von Kriegswirren gezeichneten Epoche aus der
Sicht lebensgewandter Protagonisten der Unterschicht.
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AUFKLÄRUNG (1720-1785), EMPFINDSAMKEIT UND
STURM UND DRANG (1767-1785) |
Das Zeitalter der Aufklärung
war gesamteuropäisch bestimmt von der Säkularisierung des christlichen
Weltbildes und der bürgerlichen Parteinahme gegen den feudalen Ständestaat
absolutistischer Prägung. Die Philosophie stand unter dem Primat der kritischen
Vernunft im Sinne Immanuel Kants, der in der Dichtung dem Bemühen um
Einfachheit und Klarheit entsprach. Das in idealisierendem Rückgriff auf die
Antike formulierte harmonische Menschenbild Johann Joachim Winckelmanns
korrespondierte mit dem von Gotthold Ephraim Lessings religiös-theoretischer
Schrift über Die Erziehung des Menschengeschlechts (1780) artikulierten
Bildungsgedanken. Die Höfe verloren weitgehend ihre Funktion als Zentren des
kulturellen Lebens an die Universitäten und weltoffenen Handelsstädte. Neben
Berlin, wo Friedrich Nicolai mit Lessing, Christian Felix Weiße und Moses
Mendelssohn die Briefe, die neueste Literatur betreffend (1759-1765)
herausgab, wurde Leipzig zum Hauptort der Aufklärung in Deutschland.
Dort wirkte mit Johann Christoph
Gottsched die zentrale Gestalt der literarischen Aufklärung. Sein Versuch
einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen (1730) wurde trotz der Kritik
durch Johann Jacob Bodmer (Kritische Abhandlung von dem Wunderbaren in der
Poesie, 1740) und Johann Jakob Breitinger (Kritische Dichtkunst,
1740) maßgeblich vor allem für die Entwicklung des deutschen Dramas, das sich
nunmehr am französischen Vorbild orientierte. Gottsched selbst schuf ein
Musterdrama in Alexandriner (Der Tod des Cato, 1732). Eine Abkehr von
Gottscheds Prinzipien vollzog sich zunächst in der Lyrik, später auch durch
Lessing in der Dramatik, der mit Miss Sara Sampson (1755) und Emilia
Galotti (1772) das bürgerliche Trauerspiel in Deutschland begründete. Sein
dramatisches Gedicht Nathan der Weise (1779) setzte dem Führungsanspruch
der christlichen Kirche den Toleranzgedanken einer undogmatischen Humanität
entgegen, der bereits auf die Ideale der Klassik verwies.
Das Vorbild der englischen
Literatur, das auch in Lessings Trauerspielen wirksam war, wurde nach 1740 auch
in der Lyrik und Epik wirksam. Die Gedichtsammlung Barthold Hinrich Brockes Irdisches
Vergnügen in Gott (1721-1748) war der Versuch, christliche Sittenlehre mit
Naturlehre und -erkenntnis zu verbinden. Mit Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Ewald
von Kleist und Salomon Geßner (Idyllen, 1756) setzte eine Periode
idyllisch-bukolischer Naturlyrik ein, die in der Anakreontik (siehe Anakreon)
auch auf die antike Ode zurückgriff. Neue Maßstäbe für die deutsche Dichtung
setzte Friedrich Gottlieb Klopstock mit seiner Odendichtung und dem (von John
Miltons Paradise Lost angeregten) Hexameter-Epos Der Messias
(1748-1773).
Auf dem Gebiet des Romans
wurde der Gottsched-Schüler Christian Fürchtegott Gellert (Fabeln und
Erzählungen, 1746-1748) richtungweisend mit Das Leben der schwedischen
Gräfin von G*** (1747-1748), in dem erstmals – nach dem Muster des
englischen sentimentalen Romans – die handelnden Figuren in psychologisch
differenzierter Darstellung erschienen. Sophie von La Roche entwickelte diesen
Typus in der Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771) weiter und
ließ Züge des Pietismus einfließen, der für die Kultur der Empfindsamkeit in
Deutschland höchst bedeutsam wurde. Christian Friedrich von Blankenburg
definierte in der ersten systematischen Poetik des deutschen Romans (Versuch
über den Roman, 1774) die Gattung als zeitgemäße Darstellungsform
seelischer Befindlichkeiten. Wichtigster Vertreter des vorklassischen Romans
wurde Christoph Martin Wieland (Der Sieg der Natur über die Schwärmerei oder
die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva, 1764; Die Geschichte des
Agathon, 1766-1767, endgültige Fassung 1794), der außerdem mit seiner
Zeitschrift Der Teutsche Merkur und Übertragungen der Dramen
Shakespeares einflussreich wurde.
Die Bewegung des Sturm und
Drang übernahm die subjektivistische Ausrichtung der Empfindsamkeit, verlieh
ihr jedoch mit dem Ideal des schöpferisch-titanischen Genies andere Akzente.
Die wichtigste Gruppenbildung war der Göttinger Hain, dem u. a. Heinrich
Christian Boie, Johann Heinrich Voß und die Grafen Stolberg angehörten und
Matthias Claudius sowie Gottfried August Bürger nahe standen. In den Balladen,
Hymnen und Romanzen der Hainbündler trat erstmals der volksliedhafte Ton
zutage, der später für die Romantik charakteristisch wurde. Zum wichtigsten
Anreger der Rückbesinnung auf die deutsche Volksdichtung wurde Johann Gottfried
von Herder mit zahlreichen theoretischen Schriften. Der Roman war oftmals von
autobiographischer Färbung, wie Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser
(1785-1790) oder Wilhelm Heinses Ardinghello und die glückseligen Inseln
(1787). Das meistgelesene deutsche Prosawerk der Epoche war Goethes
Sensationserfolg Die Leiden des jungen Werthers (1774, Neufassung 1787),
eines der herausragenden Beispiele des deutschen Briefromans.
Die Feudalismuskritik des Sturm und
Drang trat am deutlichsten im Drama zutage, so in Friedrich Schillers Die
Räuber (1781), Die Verschwörung des Fiesco zu Genua (1783) und Don
Carlos (1787, im später für die Klassik typischen Blankvers). Den bei
Schiller präsenten Konflikt von Individuum und gesellschaftlicher Konvention
gestaltete Goethe in Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand (1773),
Clavigo (1774) und Egmont (1778) und ließ sich wie Friedrich
Maximilian Klinger, dessen Drama Sturm und Drang (1775) der Bewegung den
Namen gab, von der Figur des Faust anregen (1772-1775, erstmals 1790 als Faust.
Ein Fragment). Ein bedeutender Dramatiker der Epoche war Jakob Michael
Reinhold Lenz (Der Hofmeister, 1774; Die Soldaten, 1776), der das
tragikomische Gesellschaftsstück begründete und mit Anmerkungen über das
Theater (1774) hervortrat. Daneben entstand eine Fülle dramentheoretischer
Schriften, wie Schillers Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet
(1784).
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KLASSIK (1786-1805) |
Als Weimarer Klassik bezeichnet
man das zwischen 1786 und 1805 entstandene Werk Goethes und Schillers. Beide
legten in unterschiedlicher Weise, häufig aber auch in gemeinsamer Arbeit,
ihren Dichtungen und theoretischen Schriften von der Antike und Renaissance
inspirierte ethische und ästhetische Leitlinien zugrunde, die im Ideal einer
tätigen Humanität gipfelten. Während Schiller das Hauptgewicht auf sittliche
Fragen legte, war für Goethe die Idee des Schönen bestimmend. Die Spannung zwischen
dem Spekulativen auf der einen und dem Sinnlich-Individuellen auf der anderen
Seite wurde im persönlichen Gedankenaustausch, im Briefwechsel und in
gemeinsamen dichterischen und editorischen Unternehmen, wie den Zeitschriften Die
Horen und Propyläen, den Xenien und der Balladendichtung
fruchtbar gemacht. Die wichtigste poetologische Arbeit war der Aufsatz Über
epische und dramatische Dichtung. Von Goethe und Schiller (1797), der neue
Maßstäbe für die Definition der Gattungen setzte. Die intensivste dichterische
Phase war das Jahr 1797 mit zahlreichen gegenseitig angeregten
Balladendichtungen, die im Musenalmanach auf das Jahr 1798 erschienen (siehe
Musenalmanach). Zu den bedeutendsten Werken der Weimarer Klassik zählen die
Dramen Schillers, wie die Wallenstein-Trilogie (1800), Maria Stuart
(1801) und Wilhelm Tell (1804), sowie Goethes Lehrgedicht Die
Metamorphose der Pflanzen (1795) und sein noch in der Romantik
hochgeschätzter Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795-1796).
Nach Schillers Tod (1805)
setzte Goethes „nachklassische” Phase ein, in der die Formenstrenge der Klassik
– nicht zuletzt durch die Berührung mit der Frühromantik – einer Tendenz zum
Fragmentarisch-Aphoristischen wich. Sein Spätwerk stand im Zeichen
langfristiger, zum Teil autobiographischer Unternehmen (Dichtung und
Wahrheit, 1811-1814; Faust, 1808 und 1833; Die
Wahlverwandtschaften, 1809; Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821 und
1829), erlebte aber auch in der Lyrik nochmals einen Höhepunkt (West-östlicher
Divan, 1819; Trilogie der Leidenschaft, 1824). Der starke Einfluss,
den Goethe im Zenit seines Lebens auf die deutsche Literatur ausübte, schwand
in den letzten Lebensjahrzehnten beträchtlich, als die Romantik und nach ihr
das Junge Deutschland sich als prägende Kräfte durchsetzten.
Mit dem moralisch-ästhetischen
Programm der Weimarer Klassik verwandt waren die Dichtungen Friedrich
Hölderlins, wie der Briefroman Hyperion (1797), der Hexameter-Hymnus Der
Archipelagus (1800) und das Dramenfragment Der Tod des Empedokles
(1798-1800), in der starken Subjektivität der Lyrik kündigte sich aber bereits
das Poesieverständnis der Romantik an. Zu deren wesentlichen Anregern auf dem
Gebiet des Romans zählte Jean Paul, der zunächst dem Vorbild des englischen
sentimentalen Romans folgte, später jedoch mit dem Titan (1800-1803)
eine der meistgelesenen Prosadichtungen der Zeit vorlegte.
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ROMANTIK (1795-1835) |
Die Romantik setzte dem
Rationalismus der Aufklärung und dem ethischen und ästhetischen Rigorismus der Klassik
neue metaphysische und poetologische Maximen entgegen und knüpfte darin an
Tendenzen der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang an, wie die von Herder
eingeleitete Besinnung auf die Volksdichtung. Das weltanschauliche Fundament (siehe
Johann Gottlieb Fichte, Wissenschaftslehre, 1794; Friedrich Wilhelm
von Schelling, Ideen zu einer Philosophie der Natur, 1797) bewegte sich
im Grenzbereich von Philosophie und Religion und stellte, wie auch die
poetologischen Schriften, das schöpferische Ich in den Mittelpunkt, wie
Friedrich Schlegel in den Athenäum-Fragmenten (1798) und seinem Gespräch
über die Poesie (1800). Der romantische Subjektivismus mündete, nach
anfänglichen Sympathien für die Französische Revolution, oftmals in christlich
akzentuierte Innerlichkeit (und Konversionen zum Katholizismus) sowie
politischen Konservatismus.
Die so genannte Jenaer
Frühromantik (ab 1798), mit den Hauptrepräsentanten Friedrich und August
Wilhelm Schlegel, Novalis, Schelling und Wilhelm von Humboldt, formulierte die
wesentlichen kunsttheoretischen Richtlinien und brachte gleichzeitig mit
Wilhelm Heinrich Wackenroders Herzensergießungen eines kunstliebenden
Klosterbruders (1797) und Ludwig Tiecks Franz Sternbalds Wanderungen
(1798) die ersten bedeutenden Dichtungen hervor (Novalis: Hymnen an die
Nacht, 1800). Die so genannte Heidelberger Hochromantik mit Joseph Freiherr
von Eichendorff und Joseph von Görres machte sich mit der Herausgabe der Teutschen
Volksbücher (1807) und Achim von Arnims und Clemens Brentanos Sammlung Des
Knaben Wunderhorn (1806-1808) um die Volkspoesie verdient, deren liedhafte
Schlichtheit einen großen Teil der Lyrik prägte, vor allem bei Eichendorff (Gedichte,
1837), Eduard Mörike (Gedichte, 1838) und Wilhelm Müller (Die schöne
Müllerin, 1821). Das bedeutendste Zentrum der so genannten Spätromantik war
neben Dresden, Schwaben, München und Wien die preußische Hauptstadt Berlin, wo
sich im Salon der Rahel Varnhagen von Ense eine urbane Form romantischer
Geselligkeit entwickelte (siehe literarische Salons).
Neben Heinrich von Kleist und
Friedrich de la Motte-Fouqué wurden Ludwig Tieck und
E. T. A. Hoffmann die Leitfiguren der Berliner Romantik. Hier
trat die Prosadichtung in den Vordergrund, meist mit märchenhaft-phantastischer
Färbung, wie in Tiecks Phantasus (1812-1816) und Hoffmanns Fantasiestücken
in Callots Manier (1813-1815), den Nachtstücken (1816) und den Serapionsbrüdern
(1819-1821). Hoffmann schuf mit Der Goldene Topf den Prototyp des
romantischen Kunstmärchens, das Motive der Volksdichtung mit poetologischen
Fragen und gesellschaftssatirischen Elementen verband. (Anregung erfuhr die
Gattung vor allem durch die Sammlung von Kinder- und Hausmärchen der
Brüder Grimm; siehe Grimms Märchen.) Ähnlich verfuhr der mit ihm befreundete
Adelbert von Chamisso in Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1814).
Auf dem Gebiet der phantastischen Literatur und der unheimlichen Geschichte
wurde die Romantik stilprägend für das gesamte 19. Jahrhundert. In Berlin
entstanden ferner die Werke Heinrich von Kleists (Die Familie
Schroffenstein, 1803; Das Käthchen von Heilbronn, 1808), der neben
Tieck und dem Dramatiker Zacharias Werner (Der vierundzwanzigste Februar,
1810) die wenigen romantischen Schauspiele von Rang schuf.
Die romantische Dichtung
vermittelte auch der zeitgenössischen Kunst und Musik vielfältige Anregungen
(Naturerlebnis, Märchenmotive), und die Werke von Caspar David Friedrich,
Philipp Otto Runge, Franz Schubert oder Felix Mendelssohn wirkten wiederum auf
die Literatur zurück.
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BIEDERMEIER (1815-1830/48), JUNGES
DEUTSCHLAND, VORMÄRZ (1820/30-1848) UND REALISMUS (1848-1890) |
Die als Biedermeier bezeichnete
Restaurationsepoche zwischen dem Wiener Kongress (1815) und der Märzrevolution (1848)
war geprägt von einer Tendenz zur Verinnerlichung und einem Rückzug ins
Private. Daneben existierten aber auch literarische Bewegungen wie das Junge
Deutschland, das sich vehement für die Veränderung der politischen Verhältnisse
einsetzte (siehe Vormärz).
Zu den wichtigsten biedermeierlichen
Autoren, die meist zur Vermischung der Gattungen und zur kleinen Erzählform
neigten, gehörten Adalbert Stifter (Studien, 1844-1850), Eduard Mörike (Mozart
auf der Reise nach Prag, 1856), Annette von Droste-Hülshoff (Das
geistliche Jahr, 1820-1851; Die Judenbuche, 1842), Jeremias Gotthelf
(Die schwarze Spinne, 1843; Uli der Knecht, 1846) und Nikolaus
Lenau (Gedichte, 1832). Im Spätwerk fand Stifter zum Roman (Der
Nachsommer, 1857; Witiko, 1865-1867). Die für das Biedermeier
typischen harmonisierenden Elemente traten in der zweiten Jahrhunderthälfte
zurück, so in den Novellen Gottfried Kellers (Die Leute von Seldwyla,
1856-1874) und seinem Entwicklungsroman Der grüne Heinrich (1854-1855, neue
Fassung 1879-1880). Die Erzählprosa des Realismus vollendete sich im Romanwerk
Wilhelm Raabes (Der Hungerpastor, 1864; Abu Telfan, 1868) und
Theodor Fontanes (Effi Briest, 1895; Der Stechlin, 1899) und den
Novellen Theodor Storms (Immensee, 1851; Der Schimmelreiter,
1888).
Auf dem Gebiet des Dramas
repräsentierten u. a. Ferdinand Raimund, Franz Grillparzer und Johann
Nestroy das literarische Biedermeier, ohne dass ihr Werk ihm jeweils
vollständig zugerechnet werden könnte. Grillparzer trat mit Komödien und
historisch-psychologischen Dramen hervor (Sappho, 1819; König
Ottokars Glück und Ende, 1825; Ein Bruderzwist im Hause Habsburg,
entstanden 1848). Raimund mit märchenhaft gefärbten Schauspielen (Der
Alpenkönig und der Menschenfeind, 1835) und Nestroy mit virtuos
dialogwitzigen Possen (Der böse Geist Lumpazivagabundus, 1835) belebten
das Wiener Volkstheater (siehe Wiener Volksstück). Friedrich Hebbel
brachte in der Nachfolge Lessings das bürgerliche Trauerspiel wieder auf die
Bühne (Maria Magdalene, 1844; Agnes Bernauer, 1855).
Noch unter dem Einfluss der
Romantik standen die Kunstmärchenzyklen von Wilhelm Hauff (Das Wirtshaus im
Spessart und Die Karawane, beides im Maehrchen-Almanach auf das
Jahr 1826/1827/1828), die auch in der Lyrik bei Friedrich Rückert und
August Graf von Platen weiterwirkte. Im Spannungsfeld von Romantik und
Realismus standen die Dichtungen Heinrich Heines (Das Buch der Lieder,
1827), der in programmatischen Schriften die Literatur (Die Romantische
Schule, 1836) und das politische Geschehen seiner Zeit (Deutschland, ein
Wintermärchen, 1844) kritisch-satirisch kommentierte.
Die Publikation von Heines
Werken vollzog sich in beständigem Kampf mit der Metternich’schen Zensur
(Karlsbader Beschlüsse). 1835 wurden seine sämtlichen Schriften auf den Index
gesetzt, gemeinsam mit denen des Jungen Deutschland. Diese Gruppierung
(Heinrich Laube, Karl Gutzkow, Ludolf Wienbarg, Theodor Mundt, Ludwig Börne)
verstand die Literatur vorrangig als Mittel der politischen Auseinandersetzung,
ähnlich wie die Lyriker Franz Dingelstedt, Georg Herwegh und Ferdinand
Freiligrath. 1841 verfasste August Heinrich Hoffmann von Fallersleben das
„Deutschlandlied” mit der seinerzeit revolutionären Forderung nach staatlicher
Einheit. Als diese Hoffnungen in der Nationalversammlung 1848 enttäuscht
wurden, verstummte die politische Lyrik vorläufig. Geistig nahe standen dem
Jungen Deutschland die Dramatiker Christian Dietrich Grabbe (Kaiser
Friedrich Barbarossa, 1829) und Georg Büchner (Dantons Tod, 1835).
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NATURALISMUS (1880-1900) UND MODERNE |
Der deutsche Naturalismus wandte
sich unter dem Einfluss Emile Zolas einer wissenschaftlich-analytischen Prosa
zu, die sich vor allem die präzise Schilderung psychologischer Prozesse
(besonders der abnormen Phänomene) und sozialer Verhältnisse zur Aufgabe
machte. Zentren waren München (Die Gesellschaft, 1895-1901,
herausgegeben von Michael Georg Conrad) und Berlin. Karl Bleibtreu und andere
rückten die Lebensverhältnisse in der modernen Großstadt ins Blickfeld, Ludwig
Anzengruber das bäuerliche Milieu. Das theoretische Fundament der Bewegung
eines konsequenten Naturalismus formulierte Arno Holz gemeinsam mit Johannes
Schlaf in Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze (1891-1892). Auch seine
Erzählung Papa Hamlet (1889) und das Milieudrama Die Familie Selicke
(1890) entstanden gemeinschaftlich mit Schlaf und gelten als exemplarische
Texte der Berliner Moderne.
Das Drama der neunziger Jahre
des 19. Jahrhunderts stand insgesamt unter dem Einfluss der Werke
Büchners, Hebbels und Henrik Ibsens. Neben Ernst von Wildenbruch, Hermann Bahr,
Holz und Bleibtreu wurde Gerhart Hauptmann der Hauptrepräsentant des
naturalistischen Schauspiels (Vor Sonnenaufgang, 1889; Die Weber,
1892; Rose Bernd, 1903; Die Ratten, 1911). Eine Schlüsselrolle in
der naturalistischen Bewegung spielte die von Otto Brahm 1889 in Berlin
gegründete Vereinigung Freie Bühne sowie ihr seit 1890 erscheinendes
Publikationsorgan Freie Bühne für modernes Leben (ab 1904 als Neue
deutsche Rundschau). Eine Randerscheinung der naturalistischen Dramatik
blieb Frank Wedekind, der sich zwar einige Stilelemente zu Eigen machte, die
ansonsten typische, im so genannten Sekundenstil kulminierende pedantische
Realitätsnähe aber ablehnte. Seine Dramen Frühlingserwachen (1891), Der
Erdgeist (1895) und Die Büchse der Pandora (1904) griffen mit der
Pubertätsproblematik und dem Mythos der Femme fatale charakteristische Themen
der Fin-de-siècle-Dichtung auf und bereicherten die deutsche Bühnensprache um
einen ekstatischen Ton.
In den ersten 20 Jahren
des 20. Jahrhunderts wechselten teils kurzlebige Strömungen in Literatur
und Kunst einander ab oder bestanden parallel, wie Impressionismus,
Symbolismus, Jugendstil oder Neoromantik, die sich in der Formel Moderne zusammenfassen
lassen. Die kunsttheoretische Erörterung gewann einen ähnlichen Stellenwert wie
in der Romantik und orientierte sich am internationalen Phänomen des
Symbolismus, der besonders in der französischen Lyrik vorherrschend war (siehe
Baudelaire, Mallarmé, Rimbaud, Verlaine). Der Ästhetizismus der Dichtungen
Stefan Georges, Hugo von Hofmannsthals und Rainer Maria Rilkes war auch
kennzeichnend für bibliophile Zeitschriften wie Die Insel (1899
gegründet von Otto Julius Bierbaum, Alfred Walter Heymel und Rudolf Alexander
Schröder) oder Kunstzeitschriften wie Georges Blätter für die Kunst, Pan
(1895-1900, Bierbaum) und Ver Sacrum (Wien, 1898-1903). Rilkes Gedichte
(Buch der Bilder, 1902 und 1906) markierten einen eigenständigen
Höhepunkt der deutschen Lyrik (die im Übrigen stark dem französischen Vorbild
verhaftet blieb), und sein um die Existenzproblematik eines jungen Dichters
kreisender Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910)
antizipierte den modernen Bewusstseinsroman.
Georges Bemühen um konservative
Erneuerung fand eine Entsprechung bei Thomas Mann, der in seinen Novellen (Tristan,
1903; Der Tod in Venedig, 1912) bevorzugt die Problematik der
Künstlerexistenz entfaltete und mit Buddenbrooks (1901) einen der
bedeutendsten Romane der deutschen Literatur schuf. Das dort zentrale Thema des
Verfalls prägte auch die frühen Dichtungen Hugo von Hofmannsthals (Der Tor
und der Tod, 1900; Der Tod des Tizian, 1901), der mit Arthur
Schnitzler und Richard Beer-Hofmann das Dreigestirn der Wiener Moderne bildete.
Letzterer schuf mit Der Tod Georgs (1900) unter Verwendung des inneren
Monologs das wichtigste Beispiel ornamentaler Prosa innerhalb der
österreichischen Jugendstil-Literatur. (Ein weiteres wichtiges Werk des Fin de
siècle legte Leopold von Andrian-Werburg bereits 1895 unter dem Titel Der
Garten der Erkenntnis vor.) Schnitzler knüpfte mit dem ansonsten gänzlich
eigenständigen Drama Der Reigen (1900) an die provokante Sexualität in
den Dramen Wedekinds an, verlieh ihr jedoch ein illusionslos-nüchternes Gewand.
Seine im selben Jahr erschienene Erzählung Lieutenant Gustl verwandte
erstmals– auch unter dem Eindruck der durch Sigmund Freud begründeten
Psychoanalyse – konsequent die Technik des inneren Monologs im deutschen
Sprachbereich. Als Sprach- und Gesellschaftskritiker trat vor allem Karl Kraus
hervor, dessen Ein-Mann-Zeitschrift Die Fackel zur gefürchteten
publizistischen Waffe avancierte. In Wien entstand zudem ein reiches Feld so
genannter Kaffeehausliteratur, deren prominenteste Vertreter Peter Altenberg
und Anton Kuh waren (später stieß auch Alfred Polgar hinzu).
Mit Else Lasker-Schüler, Gottfried
Benn, Theodor Däubler, Georg Trakl, Georg Heym, Jakob van Hoddis und anderen vollzog
sich der Übergang von der ornamentalen Dichtung der Jahrhundertwende zur von
Friedrich Nietzsche geprägten vitalistischen Ekstatik des Expressionismus.
Dieser hatte sein Zentrum in Berlin und Wien. Die wichtigsten
Publikationsorgane dieser Bewegung waren Herwarth Waldens Zeitschrift Der
Sturm (1910-1932) und Franz Pfemferts Die Aktion (1911-1932). Kurt
Pinthus fasste in seiner Anthologie Menschheitsdämmerung (1920)
bedeutende Zeugnisse der expressionistischen Dichtung zusammen, deren
leidenschaftlich-düsterer Gestus sich unter dem Eindruck des
1. Weltkrieges noch verschärfte (Ernst Stadler, August Stramm, Alfred
Lichtenstein) und teils sozialkritisch-pazifistische Töne annahm (siehe Aktivismus).
Das expressionistische Drama hatte in Georg Kaiser (Die Bürger von Calais,
1914; Gas, 1918), Ernst Toller (Masse Mensch, 1921), Ernst
Barlach und Walter Hasenclever seine wichtigsten Repräsentanten. Eine Reaktion
auf den Krieg stellte die von dem 1916 gegründeten Zürcher Cabaret Voltaire
ausgehende Bewegung des Dadaismus dar, der mit radikaler Sinnentleerung und
Sprachzertrümmerung das bürgerliche Kunst- und Kulturverständnis attackierte.
Die skurrilen Werke von Hugo Ball, Richard Huelsenbeck, Johannes Baader, Walter
Serner, Tristan Tzara, Raoul Hausmann und Kurt Schwitters waren von weit
reichender Wirkung auf Kunst und Literatur des folgenden Jahrzehnts und
beeinflussten vor allem den Surrealismus. Abseits der verschiedenen
Hauptströmungen entstand das bizarre erzählerische Werk Franz Kafkas (Das
Urteil, 1913; Der Prozeß, 1925; Das Schloß, 1926), das in
seiner Bedeutung für die moderne Dichtung erst nach 1945 erkannt wurde. Hermann
Broch (Die Schlafwandler, 1931/1932) und Robert Musil (Der Mann ohne
Eigenschaften, 1930-1943) betrieben auf je eigene Art die Essayisierung des
Romans.
Im Verlauf der zwanziger Jahre
löste die Neue Sachlichkeit mit einem nüchternen Reportagestil und der
Hinwendung zu aktuellen, biographischen und historischen Themen den
Expressionismus ab, so bei Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Max Brod, Hermann
Kesten, Hans Fallada und Erich Kästner. Vorbild journalistischen Schreibens war
u. a. der „rasende Reporter” Egon Erwin Kisch. Angeregt durch die
Montagetechnik des Films und englische und amerikanische Vorbilder (Joyce, Dos
Passos), verfasste Alfred Döblin seinen richtungweisenden experimentellen
Großstadtroman Berlin Alexanderplatz (1929), während Hermann Hesse (Siddharta,
1922; Steppenwolf, 1927), Rudolf Borchardt oder Hans Carossa das
konservativ-christliche Bildungserbe pflegten. Thomas Mann, der 1929 mit dem
Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, legte mit Der Zauberberg
(1924) seinen zweiten großen Roman vor, sein Bruder Heinrich Mann persiflierte
in Der Untertan und Professor Unrat deutsche Autoritätshörigkeit
und Spießermoral. Der nach Thomas Mann bedeutendste Erzähler der Epoche, der
Österreicher Joseph Roth, schilderte in Hiob (1930) die untergehende
Welt der osteuropäischen Juden, sein Roman Radetzkymarsch (1932) war ein
wehmütiger Abgesang auf die untergegangene k. u. k. Monarchie.
Die Neue Sachlichkeit brachte auch neue, zum Teil für das Kabarett entwickelte
Formen ironisch-satirischer Lyrik hervor (Kästner, Ringelnatz). Exemplarisch
für diese Richtung war auch die Hauspostille (1927) Bertolt Brechts, der
mit dem Konzept des didaktisch motivierten epischen Theaters maßgeblichen
Einfluss auf die Entwicklung des Dramas ausübte (Die heilige Johanna der
Schlachthöfe, 1932) und, zusammen mit Kurt Weill, eine neue Form des
Musiktheaters initiierte (Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny und Die
Dreigroschenoper, beide 1929).
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11 |
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NATIONALSOZIALISMUS UND EXILLITERATUR |
Die Machtübernahme der
Nationalsozialisten im Januar 1933 bedeutete eine tiefe Zäsur im literarischen und
kulturellen Leben Deutschlands. Die von den neuen Machthabern eingerichtete
Reichskulturkammer und die Reichsschrifttumskammer wachten über jede Form von
Veröffentlichung. Einige der systemkonformen Schriftsteller, wie Hanns Johst,
Gustav Frenssen, Erwin Guido Kolbenheyer, mehr aber noch Baldur von Schirach
und Richard Euringer, waren bereits in der Weimarer Republik mit
völkisch-irrationalistischen und zum Teil auch antisemitischen
Veröffentlichungen hervorgetreten. Andere, wie Gottfried Benn und Ernst Jünger,
ließen vorübergehend eine Affinität zur nationalsozialistischen Ideologie
erkennen. Denjenigen, die sich der Gleichschaltung nicht beugten, blieb nur der
Weg in die so genannte innere Emigration, wie Stefan Andres, Reinhold
Schneider, Werner Bergengruen oder Gertrud von Le Fort. Andere kehrten dem
nationalsozialistischen Staat freiwillig den Rücken oder waren aufgrund ihrer
jüdischen Abstammung oder politischen Couleur zur Emigration gezwungen,
darunter die Brüder Mann, Döblin und Werfel. In Frankreich, der Schweiz und
später in den USA formierte sich eine mitunter in programmatischen
Zeitschriften (Maß und Wert, Die Sammlung u. a.) zusammenwirkende
Exilliteratur, die sich vor allem im 2. Weltkrieg den aktiven
propagandistischen Kampf gegen das Hitler-Regime zur Aufgabe machte, wie Thomas
Mann mit seinen Sendungen über BBC (Deutsche Hörer). Mehrere
Schriftsteller begingen Selbstmord im Exil (Toller, Hasenclever, Walter
Benjamin, Stefan Zweig) oder wurden von den Nationalsozialisten ermordet,
darunter Erich Mühsam, Carl von Ossietzky, Theodor Lessing und Gertrud Kolmar.
Der politisch indifferente Teil der jungen Generation in Deutschland– Hans
Erich Nossack, Günter Eich, Wolfgang Koeppen, Georg Britting, Marieluise
Fleisser – besann sich auf das kulturelle europäische Erbe und setzte diese
Bemühungen auch nach Kriegsende, teilweise unter dem Einfluss des französischen
Existentialismus, fort.
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12 |
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DEUTSCHE LITERATUR NACH 1945 |
Auf dem ersten, noch gesamtdeutschen
Schriftstellerkongress in Berlin 1947 wandte sich der spätere Kulturminister
der DDR, Johannes R. Becher, gegen die Vorstellung zweier deutscher Literaturen: Es sei, so Becher,
„verwerflich, Osten und Westen einander gegenüberzustellen”. Im Rahmen einer
Zweistaatentheorie setzte sich der Gedanke in Ostdeutschland erst in den
fünfziger Jahren durch und wurde von Walter Ulbricht auf dem
4. Schriftstellerkongress der DDR 1956 in diesem Sinne formuliert. Auch in
der Literaturwissenschaft ist die Einteilung in eine ostdeutsche und eine westdeutsche
Literatur (die zunächst die der französischen, der englischen und der
amerikanischen Besatzungszonen war) im Zeitraum zwischen 1945 und der
Wiedervereinigung inzwischen allgemein akzeptiert. Es erscheint also als
legitim, im Folgenden von einer Literatur der DDR und von einer Literatur der
Bundesrepublik zu sprechen.
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12.1 |
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Literatur der DDR |
Von Beginn an, verstärkt aber
nach dem dritten Parteikongress der SED 1950, stand die Literaturproduktion der
DDR unter der Doktrin des sozialistischen Realismus. Dies galt vor allem für
die „Publikumsgattung” des Dramas, bei der Volkstümlichkeit und positive
Charaktere im Mittelpunkt standen. Bei dieser Neuorientierung der ostdeutschen
Literatur spielte die Exilproduktion eine große Rolle, die, wie etwa die Dramen
Bertolt Brechts, neu aufgelegt, oder, wie die Romane von Arnold Zweig (Das
Beil von Wandsbek, 1943) und Anna Seghers (Transit, 1944), erstmals
ins Deutsche übersetzt wurden. (Anders als im Fall der späteren Bundesrepublik
kehrten viele Exilautoren, darunter Brecht, Seghers und Zweig, aber auch
Johannes R. Becher, Erich Weinert, Ernst Bloch, Rudolf Leonhard und der
Verleger Wieland Herzfelde, der Bruder John Heartfields, in die damalige SBZ
zurück). Im Zentrum der Darstellung stand dabei zunächst eine Aufarbeitung der
Epoche im Roman, wie in Theodor Pliviers Stalingrad (1945) bzw. in
Günther Weisenborns Memorial (1947), oder aber die idyllisch-verklärende
Darstellung der Arbeitswelt, so bei Otto Gotsche, Hans Marchwitza und Eduard
Claudius. Erst der auf zwei Konferenzen (1959 bzw. 1964) formulierte
Bitterfelder Weg versuchte, dem Schriftsteller durch Einblick in die
Industriebetriebe ein realistisches Schreiben abzuringen und die Kluft zwischen
Hand- und Kopfarbeit zu überwinden; gleichzeitig wollte man Arbeiter zum
Schreiben animieren („Laienschaffen”). Vorbereitet wurde diese Entwicklung
durch Betriebs- und Produktionsromane wie Maria Langners Stahl (1952),
Karl Mundstocks Helle Nächte (1952) und Hans Marchwitzas Roheisen
(1955). Auf der Bühne kam die neue sozialistische Gesellschaftsordnung etwa in
den Stücken von Helmut Baierl (Die Feststellung, 1958), Peter Hacks,
Hartmut Lange und Heiner Müller (Die Bauern, 1964) zum Tragen. In dieser
Tradition bewegen sich auch die Romane von Karl-Hans Jacob, Brigitte Reimann
und Erik Neutschs Spur der Steine (1964) über die Arbeit auf einer
Großbaustelle. Christa Wolfs Roman Der geteilte Himmel (1963) warf
erstmals die Ost-West-Problematik auf. Verhaltene Kritik am offiziellen
Literaturprogramm übte bereits Hermann Kant mit Die Aula (1965). Vom
Konflikt zwischen Individuum und neuer Gesellschaftsform handeln dann dezidiert
die Werke von Volker Braun, Franz Fühmann und Günter de Bruyn.
Des Weiteren unternahmen in den
sechziger Jahren einige DDR-Schriftsteller den Versuch, den bloßen Bereich der
objektiven Wirklichkeitsbespiegelung zugunsten einer
phantastisch-gesellschaftskritischen Darstellungsweise zu durchbrechen (Günter
Kunert, Irmtraut Morgner) und dem Ich im Roman wieder einen neuen Stellenwert
zuzuweisen. Mit dem Leben im Konzentrationslager setzte sich Jurek Becker in Jakob
der Lügner (1968) auseinander; später kam eine kritische Auseinandersetzung
mit dem ostdeutschen Alltag als Thema hinzu. Überhaupt ist eine Tendenz
bemerkbar, sich von historischen Problemen ab-, und der eigenen Lebenswelt
zuzuwenden. Eine bemerkenswerte Ausnahme in der Literaturproduktion der
sechziger Jahre stellte der tragisch-pessimistische Bauernroman Ole Bienkopp
(1963) von Erwin Strittmatter dar, dessen leidenschaftlich-kreativer Held aus
den Zwängen des Systems auszubrechen sucht. Die bedeutendste Prosa der Zeit
jedoch schrieb Johannes Bobrowski, der mit den Erzählbänden Boehlendorff und
Mäusefest (1965) und Der Mahner (posthum 1967) sowie den Romanen Levins
Mühle (1964) und Litauische Claviere (posthum 1966) brillierte. Ende
der sechziger Jahre löste sich Christa Wolf mit Nachdenken über
Christa T. (1968) von den strengen Vorgaben eines
realistisch-stringenten Erzählens, um „neue Sinne für den Sinn einer neuen
Sache” zu entwickeln.
Die Neue Subjektivität der
siebziger Jahre spiegelt sich im Werk von Sarah Kirsch, eine Traditionslinie,
die sich bis in die frühen achtziger Jahre bei Egon Günther (Reitschule,
1981) und in den autobiographisch-erinnernden Romanen von Helga Schütz (Jette
in Dresden, 1977) fortsetzt. Zu den bedeutenden Frauenromanen jener Jahre
gehören Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand (1974), Irmtraud Morgners
Trobadora Beatriz (1974), Helga Schuberts Lauter Leben (1975) und
Christine Wolters Wie ich meine Unschuld verlor (1976). Um 1975 begann
die ostdeutsche Literatur, die Möglichkeiten des einzelnen im
gesamtgesellschaftlichen Kontext kritisch zu hinterfragen. Ein Beispiel sind
die als Parodie auf Goethes Werther verfassten Neuen Leiden des
jungen W. (1973) von Ulrich Plenzdorf, der auch in seinen Dramen nach der
Zukunft der Jugend im Sozialismus fragte; ähnliches kann für Reiner Kunzes
Miniaturprosa Die wunderbaren Jahre gelten, die 1976 in der
Bundesrepublik erschienen. Im Kontext einer Aufarbeitung des Vergangenen
entstanden Etappe Rom (1975) von Erich Loest sowie Christa Wolfs Kindheitsmuster
(1976). Im Genre des historisch-mythischen Romans versuchte sich Stefan Heym
mit seinen Gesellschaftsparabeln Der König David Bericht (1972) und Ahasver
(1981). Dem Schelmenroman in der Tradition Grimmelshausens verschrieb sich
Benito Wogatzki mit Das Narrenfell (1982).
Im Bereich der Dramatik wagten
Stefan Schütz und Christoph Hein den Aufstand gegen die Kleinbürgerlichkeit des
real existierenden Sozialismus. Peter Hacks suchte mit seiner humanen,
„postrevolutionären Dramaturgie” neue Theatermöglichkeiten jenseits von Brecht.
Die lyrische Produktion der DDR ist von der politisch aufgeladenen Naturpoesie
des Herausgebers der bedeutenden Kulturzeitschrift Sinn und Form Peter
Huchel bestimmt, so wie sich die Dichter Ostdeutschlands zumeist ohnehin am
Formal-Traditionellen (Klopstock und Hölderlin, etwa bei Stephan Hermlin)
orientierten. In Johannes Bobrowskis Gedichten wird die Schuldfrage
Deutschlands in einer von Geschichtssymbolik bestimmten dichterischen
Landschaft aufgeworfen. Agitatorische Lyrik in der Nachfolge Majakowskijs
schrieben Erich Weinert, Louis Fürnberg, Paul Wiens und Max Zimmering. Betont
humoristisch und dezidiert sprachskeptisch gibt sich die Gesellschaftskritik
von Karl Mickel (Eisenzeit, 1975). Wolf Biermanns zwischen Heinrich
Heine und Bertolt Brechts angesiedelte satirische Gedichte (Mit Marx- und
Engelszungen, 1968) brachten den Dichter bei den DDR-Kulturfunktionären in
Verruf: 1976 wurde Biermann ausgewiesen, was die Literaturlandschaft des
Staates nachhaltig veränderte: Ihm folgten, mehr oder weniger auf staatlichen
Druck, Reiner Kunze, Thomas Brasch, Rolf Schneider, Erich Loest, Sarah Kirsch
und Hans-Joachim Schädlich. (Vor 1961 hatten bereits Horst Bienek, Walter
Kempowski, Gerhard Zwerenz, Uwe Johnson, Heiner Kipphardt, vor 1975 u. a.
Hans Mayer und Manfred Bieler das Land verlassen.) Im Werk von Uwe Kolbe, Heinz
Czechowski und Jürgen Reinhart Rennert wird Natur- in Industrielyrik
transformiert („Müllhaldenpoesie”). Zur Dichtergeneration der siebziger und
achtziger Jahre gehörten außerdem Richard Pietraß und Bert Papenfuß-Gorek (Soja,
1991).
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12.2 |
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Literatur der Bundesrepublik |
Am Anfang der westdeutschen
Literaturentwicklung stand der Versuch der zumeist aus dem Krieg heimgekehrten
Autoren, sich von einer propagandistisch im Nationalsozialismus mißbrauchten Sprache
abzusetzen und demgegenüber einen neuen, unpathetisch-klaren Stil zu finden.
Günter Eichs Gedicht Inventur mit seinem präzis-kargen Duktus („Dies ist
meine Mütze / dies ist mein Mantel, / hier mein Rasierzeug / im Beutel aus
Leinen”) markiert bereits im Titel die Tendenz jener schlagwortartig als
„Stunde Null” oder „Kahlschlag” (Wolfgang Weyrauch) bezeichneten Phase, die
nicht nur Wolfgang Borchert hoffnungsvoll als „Ankunft zu neuen Ufern” begriff
(siehe Trümmerliteratur). Dabei orientierte sich die Generation junger
Schriftsteller an der realistisch geprägten deutschen Produktion vor 1933
(Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger), vor allem aber an den ausländischen
Literaturen, wobei Autoren wie Heinrich Böll, Siegfried Lenz, Alfred Andersch
und Wolfdietrich Schnurre bei ihren Kurzgeschichten wichtige Anregungen von der
amerikanischen Short Story (namentlich der Ernest Hemingways) erhielten. Nur
wenige Exilautoren, darunter Alfred Döblin, kehrten nach Deutschland zurück,
ohne allerdings groß beachtet zu werden: Thomas Mann etwa kam einer
entsprechenden Aufforderung Walter von Molos („Kehren Sie zurück zu Geist und
Tat!”) mit der Begründung nicht nach, sich von seiner Heimat zu sehr entfremdet
zu haben. Wichtigstes Organ dieser ersten Nachkriegsjahre war die demokratisch
ausgerichtete, jedoch von den Amerikanern kontrollierte Literaturzeitschrift Der
Ruf, die zunächst im Kriegsgefangenenlager erschien und später von Alfred
Andersch und Hans Werner Richter weiter herausgegeben wurde. In den diversen
Kulturzeitschriften der jeweiligen Besatzungszonen (Die Wandlung,
1945-1949, Lancelot, 1946-1951, Aufbau, 1945-1958) fand sich ein
Forum, um relevante, auch gesellschaftspolitische Themen zu diskutieren.
Inhaltlich setzte sich die deutsche
Nachkriegsliteratur der vierziger Jahre verstärkt mit der Erfahrung des
2. Weltkrieges und der Heimkehrerproblematik auseinander, teils unter
existentialistischer Perspektive. Deutlich wird dies etwa in Günther
Weisenborns Drama Die Illegalen (1946), vor allem aber in Wolfgang Borcherts
Draußen vor der Tür (1946). Dabei spielten u. a. die Schriften von
Jean-Paul Sartre und von Albert Camus eine Rolle: Wichtig wurde aber auch die
verspätete Rezeption der Schriften Franz Kafkas. Nelly Sachs und Paul Celan (Todesfuge)
thematisierten verstärkt das Grauen des Holocaust, und stellten dem viel
zitierten Diktum Theodor W. Adornos, dass nach Ausschwitz kein Gedicht mehr
geschrieben werden könne, ihre teils kryptische, immer aber
eindringlich-metaphorische Lyrik entgegen. Herausragende Romane der vierziger
Jahre waren Ernst Wiecherts KZ-Bericht Der Totenwald (1945), Elisabeth
Langgässers Das unauslöschliche Siegel (1946), Hermann Kasacks Die
Stadt hinter dem Strom (1947) und Arno Schmidts Leviathan (1949),
eines der wenigen Werke dieser Zeit, das nicht an den Realismus des
19. Jahrhunderts anknüpfte, sondern sich den Sprachexperimenten der
Moderne (vor allem der textlichen Polyphonie von Joyce) öffnete. Im Bereich der
Dramatik wirkte lange der Einfluss Bertolt Brechts. Zunehmende Bedeutung erlangte
auch das Hörspiel: Hier traten z. B. Alfred Andersch, Ernst Schnabel und
Axel Eggebrecht, später dann auch Günter Eich, Dieter Wellershoff und Ror Wolf
mit einer dem neuen Medium angemessenen Formensprache hervor. Als zentrales
Forum zur poetologischen Diskussion und zur Vorstellung neuer Texte etablierte
sich die Gruppe 47, die aus dem Kreis um den Ruf hervorging und bis
1967 bestand. (Ein zentrales Mitglied der letzten Jahre war Marcel
Reich-Ranicki.)
In den fünfziger Jahren
öffnete sich die westdeutsche Literatur den Gegebenheiten der gerade
gegründeten Bundesrepublik. Während Heinrich Böll weiterhin die Kriegs- und
Nachkriegszeit einer „Generation ohne Väter” thematisierte (Wo warst Du,
Adam?, 1951, Haus ohne Hüter, 1954), übte Gerd Gaiser mit seinem
Roman Schlussball (1951) bereits dezidiert Kritik an der
Aufschwungseuphorie des Wirtschaftswunders. Vor allem aber Wolfgang Koeppen
verband in seiner Romantrilogie Tauben im Gras (1951), Das Treibhaus
(1953) und Tod in Rom (1954) sozialpolitisches Engagement mit einem
Aufbruch der Muster traditionell-geradlinigen Erzählens. Auch Martin Walser
stellte mit Ehen in Philippsburg (1957) und Das Einhorn (1966)
die bundesrepublikanische Gegenwart ins Zentrum und prägte nicht zuletzt mit
seinen grandios beschriebenen Partyszenen den deutschen Gesellschaftsroman der
Nachkriegszeit. Den Versuch, dem komplexen DDR-Alltag und der Ich-Struktur
seines Protagonisten mit einer offen-polyphonen Dialogmontage auf die Spur zu
kommen, unternahm Uwe Johnson 1959 mit seinem in Westdeutschland erschienenen
Roman Mutmaßungen über Jakob, dessen Komposition im Erzählstil William
Faulkners ein Vorbild fand. Die mit nahezu barocker Sprachgewalt erzählte– und
wegen ihrer freizügigen Darstellungen als „pornographisch” gebrandmarkte – Blechtrommel
(1959) von Günter Grass adaptierte Elemente des Picaro- bzw. Schelmenromans,
zeichnete ein opulent-groteskes Panorama der Kriegs- und Nachkriegsjahre und
verhalf der deutschen Literatur, trotz eines qualitativen Abfalls im zweiten
Teil des Buches, auch international zu Renommee. (Später wurde die Blechtrommel
zusammen mit Katz und Maus von 1961 und Hundejahre von 1963 zur
so genannten Danziger Trilogie zusammengefasst, für die Grass 1999 den
Literatur-Nobelpreis erhielt.) Mit seinen um die Identitätsproblematik
kreisenden Romanen („Ich bin nicht Stiller”) stieß der Schweizer Autor Max
Frisch in der Bundesrepublik auf große Resonanz (Stiller, 1954, Homo
Faber, 1957); gleichzeitig etablierte sich sein Landsmann Friedrich
Dürrenmatt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker der
fünfziger Jahre (Der Besuch der alten Dame, 1956).
Eine Ausnahmeerscheinung in der
Prosalandschaft der fünfziger Jahre stellt Wolfgang Hildesheimer dar, der neben
Beiträgen zum absurden Theater 1952 mit seinen surreal-phantastischen, aber
auch satirisch-demaskierenden Lieblosen Legenden brillierte. Auf dem
Gebiet der Lyrik ragten die hermetischen Gedichte Ernst Meisters (Unterm
schwarzen Schafspelz, 1953) und die Naturpoesie Karl Krolows aus der
bisweilen konservativ-affirmativen Lyrik der Wirtschaftswunderzeit heraus. Erst
die Konkrete Poesie und die Visuelle Dichtung von Autoren wie Max Bense, Helmut
Heißenbüttel, Franz Mon und Eugen Gomringer löste sich nach 1960 von den
Traditionen der zwanziger und dreißiger Jahre und versuchte, durch die Betonung
der klanglichen bzw. visuellen Aspekte des Sprachmaterials – also mit einem von
Gottfried Benns Spätwerk (Statische Gedichte, 1948) gänzlich
verschiedenen Formalismus – neue Wege zu beschreiten. In Österreich bemühte sich
die Wiener Gruppe um Gerhard Rühm unter ähnlichen Vorzeichen um neue Ansätze.
Mit Ingeborg Bachmann (Die
gestundete Zeit, 1953) begann eine Phase der bewusst auf Subjektivität und
Innerlichkeit ausgerichteten Lyrikproduktion, die in den sechziger Jahren auch
die Arbeiten Rose Ausländers, Hilde Domins bestimmten; hinsichtlich der
verinnerlichten Darstellung von Außenwelt in Texten von Jürgen Becker, Ludwig
Fels und F. C. Delius reicht diese Entwicklungslinie bis in die
siebziger Jahre. Im Umfeld der Studentenbewegung, und als Protestmedium gegen
den Vietnamkrieg allerdings gewann das Gedicht an politischer Dimension zurück.
Bedingt wurde diese Politisierung u. a. durch eine Diskussion über
Machtpolitik bzw. die gesellschaftliche Relevanz des Schreibens: So verkündete
das von Hans Magnus Enzensberger herausgegebene Kursbuch 1968 den „Tod
der Literatur”. Wichtige Vertreter dieser Richtung waren Rolf Dieter Brinkmann,
Peter Rühmkorf, Erich Fried und Yaak Kasunke. Eine ähnliche Tendenz bestimmte auch
das Drama, das sich, etwa bei Peter Weiss, Heinar Kipphardt, Tankred Dorst oder
Rolf Hochhuth, der sich mit dem heiß diskutierten Stück Der Stellvertreter
von 1963 auf die Möglichkeiten des politischen Theaters zu besinnen suchte.
Somit entstanden wichtige Zeugnisse des deutschsprachigen Dokumentartheaters.
In der Prosa zeigte sich zur Mitte der sechziger Jahre eine Hinwendung zum
individuellen Duktus, der dem Bestreben etwa der Gruppe 61 um eine dezidierte
Auseinandersetzung mit der Industriewelt entgegenstand. Damit nahm sie
Tendenzen der Neuen Subjektivität mit ihrem introspektiven
Selbsterfahrungsschreiben vorweg, die etwa in Nicolas Borns Die
erdabgewandte Seite der Geschichte (1976) oder in Bernward Vespers Die
Reise (1977) zum Tragen kam und, mit Hang zur feministischen Thematik, bei
Karin Struck, Christa Reinig, Renate Rasp und Verena Stefan (Häutungen,
1975) ihre Radikalisierung fand. Eine Sonderstellung innerhalb dieser
Entwicklung nimmt das Werk Wolf Wondratscheks ein, das in seinem betont subjektiv-anarchischen
Underground-Tonfall einen gesellschaftskritischen Impuls beibehält. Eine
Neubelebung des Volksstücks strebten seit den sechziger Jahren Martin Sperr (Jagdszenen
aus Niederbayern, 1966), Rainer Werner Fassbinder (Katzelmacher,
1969) und Franz Xaver Kroetz (Stallerhof, 1972) mit ihren
provozierenden, oftmals anstößig-obszönen Bauerndramen an. Meisterwerke eines
präzis beobachtenden Schreibens lieferte Jürgen Becker mit Felder
(1964), Ränder (1968) und Umgebungen (1970) ab. Dem so genannten
Neuen Realismus verschrieb sich die von Dieter Wellershoff begründete Kölner
Schule.
Während Böll seine Gesellschaftskritik
in den siebziger Jahren mit einer ironisch übersteigerten
Darstellungsgenauigkeit verknüpfte (so in Gruppenbild mit Dame, 1971)
und Alexander Kluge in seiner „Beschreibungsliteratur” Dokumentarmaterial in
eine distanziert-emotionslose Schreibweise mit einfließen ließ, trat andernorts
eine existentielle Fragestellung ins Zentrum, teils mit
resignativ-anti-bürgerlichem (Gabriele Wohmann), teils mit deutlich
anti-klerikalem, ins Groteske übersteigertem Impuls (Herbert Achternbusch).
Nach einer Abrechnung mit den Ereignissen von 1968 (örtlich betäubt,
1969) nutzte Grass die Prosaform in Aus dem Tagebuch einer Schnecke
(1972) nicht zuletzt zur Selbsthinterfragung. Mit schwarzem Humor arbeiteten
die grotesk-provozierenden Texte Günter Seurens (Das Kannibalenfest,
1968, Der Abdecker, 1970). Uwe Johnson schuf mit seinem vierbändigen
Epos Jahrestage (1970-1983) einen Jahrhundertroman, Peter Weiss ließ in
seinem Hauptwerk Die Ästhetik des Widerstands (3 Bde., 1975-1981)
die Grenzen zwischen politischer Reflexion und Wunschbiographie verschwimmen.
Neben der Autobiographie und dem Tagebuch (Ernst Jünger, Manès Sperber) erlebte
der historische bzw. biographische Roman, meist mit dem Anspruch einer
literarisch-fiktiven Ergänzung der reinen Faktenwelt, eine neue Blüte: Unter
anderem Peter Härtling (Hölderlin, 1976), Wolfgang Hildesheimer (Mozart,
1977) und Dieter Kühn (Ich, Wolkenstein, 1977) taten sich dabei hervor.
Beim Drama beschritt einmal mehr Peter Weiss mit den vielschichtigen
Spiegelungen von Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats (1964)
neue Wege. Des Weiteren entwarf Heiner Müller seine in Brecht’scher und
Artaud‘scher Tradition stehenden grausam-burlesken Zeitpanoramen (Germania
Tod in Berlin, 1977). Herausragende deutschsprachige Autoren der siebziger
Jahre waren zudem die Österreicher Peter Handke und Thomas Bernhard, der mit Die
Ursache (1975) und Der Keller (1976) auch autobiographische Werke
vorlegte. 1979 schuf Michael Ende mit Die unendliche Geschichte einen
Klassiker der deutschen Kinder- und Jugendliteratur.
Als Nachklang auf Walter
Kempowskis 1971 mit Tadellöser und Wolf begonnene Familiensaga und Karin
Strucks Roman Die Mutter (1975) stand die deutsche Literatur der frühen
achtziger Jahre unter dem Eindruck einer Aufarbeitung von Familiengeschichte:
Ein noch früheres Zeugnis dieser Tendenz war Weiss’ Abschied von den Eltern
(1961) gewesen. Beispiele hierfür sind Ruth Rehmanns Der Mann auf der Kanzel
(1979), Peter Härtlings Nachgetragene Liebe (1980), Christoph Meckels Suchbild
(1980) und Katja Behrens’ Die dreizehnte Fee (1983). Wie in der Novelle Ein
fliehendes Pferd (1978), so setzte Martin Walser auch in Brandung
(1985) weiterhin auf eine Darstellung der gutbürgerlichen Midlife-Crisis. Den
Versuch einer Wiederbelebung des Prosagedichts unternahm mit Paare,
Passanten (1981) der auf Theodor W. Adornos Minima Moralia
anspielende Botho Strauß, der mit Kalldewey, Farce (1981) und Der
Park (1983) zu den herausragenden Dramatikern der achtziger Jahre
avancierte und mit Der junge Mann (1984) den bundesdeutschen
Bildungsroman in der Tradition Goethes zu begründen suchte. Ende der achtziger
Jahre sorgte Christoph Ransmayrs Endzeitroman Die letzte Welt (1988) für
Aufsehen, ein gelungenes Dokument der literarischen Postmoderne. Des Weiteren
traten Robert Gernhard, Eckhard Henscheid und F. W. Bernstein mit
ihrer humoristischen Prosa hervor, die gegen das neue Pathos der
deutschsprachigen Literatur um Botho Strauß (Das Gleichgewicht, 1993, Ithaka,
1996) und Peter Handke (Noch einmal Thukydides, 1990, Versuch über
die Jukebox, 1990, Versuch über den geglückten Tag, 1991) rebellierte.
Als Lyrikerin der späten achtziger Jahre machte sich Ulla Hahn einen Namen,
bevor sie Mitte der neunziger von Durs Grünbein (Schädelbasislektion,
1991) als populärstem Lyriker abgelöst wurde. 1990 erschien der provozierende,
im Feuilleton stark rezipierte Erzählband Wenn ich einmal reich und tot bin
des Redakteurs des Zeitgeist-Magazins Tempo, Maxim Biller, über seine
Erfahrungen als Jude in Deutschland. Der Überraschungserfolg des Jahres war der
exotistische Roman Infanta von Bodo Kirchhoff. Mit der Geschichte der
Dunkelheit beendete der Österreicher Gerhard Roth 1991 sein auch in der
Bundesrepublik viel beachtetes Romanprojekt der Archive des Schweigens.
Anfang der neunziger Jahre
setzte sich auch die deutsche Literatur mit der Wiedervereinigung auseinander,
eingeleitet durch Günter Grass’ Ein Schnäppchen namens DDR (1990).
Zeugnis für diese Tendenz zur Schilderung der frühesten Vergangenheit auch
innerhalb der Generation jüngster Autoren waren die Romane Nox (1995)
von Thomas Hettche und Helden wie wir (1995) von Thomas Brussig. Darüber
hinaus setzten sich Schriftsteller wie Christa Wolf (Was bleibt, 1990)
und Erich Loest (Die Stasi war mein Eckermann, 1991) mehr oder weniger
kritisch mit ihrer DDR-Vergangenheit auseinander. Andere, darunter Sascha
Anderson, wurden mit ihr konfrontiert. 1993 erschien unter dem Titel Echolot.
Ein kollektives Tagebuch der imposante stenographische Kriegsbericht Walter
Kempowskis, der als innovatives Verfahren den Autor lediglich als anonymen
Monteur auftreten und somit hinter die vielen Dokumente der Zeitzeugen
(Tagebucheinträge, Briefe, Autobiographien etc.) zurücktreten ließ. Im gleichen
Jahr sorgte Botho Strauß’ Essay Anschwellender Bocksgesang, der ein
wertkonservatives Bewusstsein einklagte, für Diskussionsstoff. Mit Ein
weites Feld (1995) erwies Günter Grass in der Figur Fontys seinem Vorbild
Theodor Fontane seine Referenz und nahm nochmals zur deutsch-deutschen Frage
Stellung. Als Kolumnist der späten achtziger und neunziger Jahre etablierte
sich endgültig Max Goldt und trat damit in die Fußstapfen Harry Rowohlts.
Weitere wichtige deutsche Autoren dieser Jahre waren Gerold Späth, Jürg
Laederach, Gisbert Haefs, Brigitte Kronauer, Patrik Süskind, Ingrid Noll, Irene
Dische, Wolfgang Hilbig, Johanna Walser, Uwe Timm, Herta Müller, Peter
Schneider, Katja Behrens, Sten Nadolny, Michael Schulte, Gerhard Köpf, Thorsten
Becker, Wilhelm Genazino, Norbert Gstrein, Michael Kleeberg, Doris Dörrie,
Johano Strasser, Matthias Zschokke, Christoph Meckel, Bodo Morshäuser, Herbert
Rosendorfer, Herbert Genzmer, Wolfgang Hegewald, Klaus Modick, Hanns-Josef
Ortheil, Jochen Schimmang, Marcel Beyer, Ulla Berkéwicz, Ulrich Pletzer, Hans
Pleschinski, Lutz Rathenow, Monika Maron, Burkhard Spinnen, Bernhard Schlink,
Ingo Schulze, Robert Menasse, Tilman Spengler, Dietrich Schwanitz und Jürg
Federspiel.
Verfasst von:
Thomas Köster
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