Englische Literatur
|
1 |
|
EINLEITUNG |
Englische Literatur, allgemein die gesamte
weltweit in englischer Sprache verfasste Literatur, speziell die Literatur
Großbritanniens. Die englische Literatur im engeren Sinn lässt sich in drei
Phasen gliedern: die der altenglischen Literatur (7. bis 11. Jahrhundert),
der mittelenglischen (12. bis 15. Jahrhundert) und der neuenglischen
Literatur. Letztere beginnt im 16. Jahrhundert mit der Renaissance.
Zählte man lange Zeit die
Literaturen Irlands und Schottlands ebenfalls zur englischen Literatur im
engeren Sinne, so wird heute zumeist die relative Selbständigkeit einer
irischen Literatur und einer schottischen Literatur (teils auch einer
walisischen) betont. Des Weiteren siehe auch amerikanische Literatur,
australische Literatur und kanadische Literatur.
|
2 |
|
ALTENGLISCHE LITERATUR |
Im 5. Jahrhundert dehnten die
germanischen Stämme der Sachsen, Angeln und Jüten ihr Herrschaftsgebiet auf
England aus; aus ihren Sprachen bildete sich das Angelsächsische, die Grundlage
des heutigen Englisch. Die Invasoren brachten ihre eigene germanisch-heidnische
Dichtung ins Land, von der Runeninschriften sowie später aufgezeichnete
Merkverse, Segens-, Rätsel- und Zaubersprüche erhalten sind. Im Zuge der
Christianisierung (nach 597) wirkten in Canterbury und York Geistliche und Gelehrte
wie Aldheim, Beda Venerabilis oder Alkuin, der Mitinitiator der karolingischen
Renaissance, durch ihre in Latein verfasste Literatur. Vermutlich wurde die
angelsächsische Dichtung zunächst von so genannten Scops oder Barden mit
Harfenbegleitung vorgetragen und auf diese Weise mündlich tradiert. Diese
Dichtung war zumeist reimlos und metrisch aus vier betonten Silben und einer
nicht festgelegten Anzahl unbetonter Silben komponiert (siehe Verslehre).
Ein weiteres charakteristisches Merkmal der altenglischen Dichtung ist der
strukturale Stabreim, der aus zwei oder drei betonten Silben mit gleichem
Anlaut pro Zeile bestand. Frühe Zeugnisse dieser Art sind in vier
westsächsischen Handschriften aus dem 10. Jahrhundert enthalten. Das
älteste heute noch bekannte Beispiel ist der metaphernreiche Schöpfungshymnus
des northumbrischen Mönchs Caedmon aus dem 7. Jahrhundert, den Beda
überlieferte und der seinen Verfasser als ältesten bekannten christlichen
Dichter überhaupt ausweist. Darüber hinaus wurden volkstümlich-germanische
Umschreibungen biblischer Geschichten und Legendendarstellungen überliefert.
Bedeutend sind die Schriften des Dichters Cynewulf und seines Kreises Anfang
des 9. Jahrhunderts, z. B. das Erbauungsgedicht Dream of the Rood
sowie die religiösen Dichtungen Christ, Fata apostolorum, Juliana
und Elene.
Ein herausragendes Werk der
angelsächsischen Literatur ist das in Stabreimen verfasste Heldenepos Beowulf
aus dem 8. Jahrhundert, das, umrahmt von der Schilderung zweier
Königsbegräbnisse, das Leben und die Taten des Gautenfürsten Beowulf
beschreibt. Deutlich sind hier altgermanische Tugendvorstellungen (Loyalität,
Tapferkeit etc.) von christlichem Gedankengut durchdrungen: So untersteht etwa
das Schicksal des Helden einem gerechten Gott. Diese für die angelsächsische
Literatur typische Vermischung heidnischer und christlicher Ideale ist darauf
zurückzuführen, dass bei der schriftlichen Fixierung zunächst mündlich
weitergegebener Stoffe die Kirche eine große Rolle spielte; das gesamte
erhaltene Schriftgut der Zeit wurde von den Kopisten der Klöster bewahrt – und
gegebenenfalls verändert. Außer Beowulf haben sich nur wenige
Heldenlieder der angelsächsischen Phase tradiert, und wenn, dann nur in
Bruchstücken, wie etwa das Finnsburglied oder die Schlachtendichtung der
Zeit. Neben religiösen Texten und epischen Fragmenten (Waltharius-Epos)
sind vor allem kürzere lyrische Gedichte mit zumeist elegischem Grundton, so
etwa The Wanderer und The Seafarer, überliefert.
Die altenglische Prosa behandelt
vornehmlich religiöse Themen. Zumeist stammt sie aus den Klöstern im Norden, wo
auch Beda Venerabilis’ Hauptwerk über die Geschichte Englands, Historia
ecclesiastica gentis Anglorum (731), entstand. Der westsächsische König
Alfred ließ im Verlauf des 9. Jahrhunderts nicht nur die Historia
Bedas, sondern auch zahlreiche andere Schriften aus dem Lateinischen ins
Altenglische übersetzen, darunter De consolatione philosophiae (Trostbuch
der Philosophie) von Boethius aus dem 6. Jahrhundert. Dieses an
Platons Philosophie orientierte Buch hatte großen Einfluss auf die Entwicklung
der englischen Literatur und ihrer Sprache. Darüber hinaus ließ Alfred die Angelsächsische
Chronik überarbeiten und zahlreiche Gesetzestexte verfassen.
|
3 |
|
MITTELENGLISCHE LITERATUR |
Mit der normannischen Eroberung
1066 begann eine neue Phase der englischen Literatur,
in der das Französische das Englische
als Literatursprache verdrängte
(Kirchensprache blieb Latein). Dementsprechend nahm der Einfluss der
französischen Literatur auf das englische Geistesleben zu. Im
12. Jahrhundert entwickelte sich der anglonormannische Hof zu einem regen
Kulturzentrum. Von den Universitäten Oxford (gegründet 1167) und Cambridge
(gegründet 1209) wurden zahlreiche – vor allem historiographische – Schriften
verbreitet. Bedeutendste Chronik der Zeit ist die Historia regum Britanniae
(um 1137, Geschichte der Könige von Britannien) des Geoffry von
Monmouth, in der das Leben der britischen Könige von der mythischen Figur
Brutus’ des Trojaners bis hin zu dem nordwalisischen König Cadwallon
(Regierungszeit von etwa 625 bis 634) beschrieben steht – und die auf
Schilderungen von Beda sowie auf die Geschichtschreibungen von Gildas und
Nennius zurückgeht. Außerdem entstanden Bibelparaphrasen, Streitgedichte und
Legendendichtungen. Als Kultursprache konnte sich das Englische erst wieder im
14. Jahrhundert etablieren, was eine Blüte der volkssprachlichen Dichtung
– und des geistlichen Mysterienspieles (mystery) um die Heilsgeschichte
Christi – zur Folge hatte. Zuvor entstanden nur wenige auf ein Laienpublikum
abzielende Texte, vorwiegend Erbauungsschriften.
Die mittelenglische Literatur des
14. und 15. Jahrhunderts ist wesentlich variationsreicher als die der
angelsächsischen Periode. Insbesondere in der Literatur Südenglands schlug sich der französische und italienische Kultureinfluss nieder. Da es noch keine einheitliche
Literatursprache gab, ergaben sich regionale Differenzierungen. Im Norden und
Westen Englands belebten Autoren die Tradition der altenglischen Stabreimdichtung
neu. Das bedeutendste Werk dieser Art, The Vision of William Concerning
Piers the Plowman (entstanden zwischen 1360 und 1400, Peter, der Pflüger),
wird heute William Langland zugeschrieben. Es gehört zur damals beliebten
Gattung der Traumdichtung, in welcher in Form der Allegorie die Ungerechtigkeit
der Welt angeprangert und die Sündhaftigkeit der Menschheit beklagt wird. In The
Vision of William ist zudem das Ideal eines Daseins im Einklang mit Gott sowie
die Utopie einer aus ihrer institutionellen Starrheit gelösten Kirche
heraufbeschworen. Wie in Dantes Göttlicher Komödie, so steht auch hier
die Antinomie von himmlischer und irdischer Liebe im Zentrum der Darstellung.
Ein weiteres, anonym verfasstes allegorisches Stabreimepos ist The Pearl
(um 1370, Die Perle) aus dem Nordwesten Englands. Der Titel spielt auf
das Bild der perlenbesetzten Tore des himmlischen Jerusalem an. Ausgehend vom
Tod eines kleinen Mädchens preist das elegische Gedicht den Zustand kindlicher
Unschuld und endet mit einer ausufernden Vision des Himmelreiches.
Im 14. Jahrhundert entstanden
zahlreiche Romanzen und Abenteuerbücher in englischer Sprache, darunter Sir
Gawain and the Green Knight (um 1370, Sir Gawain und der grüne Ritter),
ein nach französischen Quellen geschriebener Ritterroman um den sagenumwobenen
König Artus und seine Tafelrunde (siehe Artussage), die wiederum
erstmals Geoffrey von Monmouth in seiner Historia regum schriftlich
fixierte. Die Handlung geht wohl auf die keltische Mythologie zurück. Daneben
wurde im 14. Jahrhundert der Troja- und Alexanderstoff beliebt.
|
3.1 |
|
Geoffrey Chaucer |
Auch der bedeutendste
mittelenglische Dichter Geoffrey Chaucer schrieb zwei psychologisch
argumentierende tragikomische Abenteuerromane: Sein Troilus and Criseyde
(um 1385, Troilus und Criseyde), über die unglückliche Liebe zweier
Adeliger, spielt in Troja und ist eine Adaptation von Giovanni Boccaccios
Prosatext Il filostrato (um 1338). The Knight’s Tale (um 1382),
dessen Stoff ebenfalls auf Boccaccio zurückgeht, fand Eingang in Chaucers
vielfältiges, mit Heiligenlegenden und Schwänken durchsetztes Hauptwerk Canterbury
Tales (nach 1387, Canterbury-Erzählungen), das nicht nur ein
unerschöpfliches Kompendium mittelalterlichen Erzählens darstellt, sondern vor
allem auch eine realistisch-humoristische Erzähltradition in England
begründete. Als Diplomat mit der Kultur Italiens, als Übersetzer mit der
Frankreichs vertraut, machte Chaucer die Literaturen beider Länder in England populär.
In seinen eigenen allegorischen Gedichten The Book of the Duchess, The House
of Fame (Das Haus der Fama) und The Parlement of Foules (Das Parlament
der Vögel) ist der Einfluss französischer Autoren deutlich spürbar. Chaucer
diente zahlreichen Autoren des 15. Jahrhunderts in England und Schottland
als Vorbild, und wirkte auf zahlreiche Künstler der Folgezeit, namentlich auf
William Caxton, John Lydgate, Robert Henryson, William Dunbar und Sir David
Lyndsay.
In der Nachfolge Chaucers
steht auch Sir Thomas Malory, der seinerseits mit Le morte Darthur (um
1460 bis 1470, Der Tod Arthurs) die nachfolgende Artusliteratur
nachhaltig prägte und bisherige Variationen des Stoffs zu einer einheitlichen
Darstellung verband. Thema der vor dem Hintergrund der Rosenkriege
angesiedelten und 21 Bände umfassenden Prosasammlung ist die nostalgische
Trauer um den Untergang der Ritterwelt, als deren optimale Herrscherfigur Artus
auftritt, sowie die Suche nach religiösem Heil, symbolisiert im Gral. Le
morte Darthur ist das erste große Prosaepos der englischen Literatur.
|
4 |
|
RENAISSANCE UND BAROCK |
Mit der Herrschaft des Hauses
Tudor (1485) begann die Phase der neuenglischen Literatur, deren Verbreitung
mit der Einführung der Druckerpresse 1476 durch William Caxton noch
beschleunigt wurde; erstes gedrucktes Buch war Malorys Le morte Darthur,
dessen Titel von Caxton stammt. Parallel hierzu schuf die Ausbildung einer
größeren Mittelschicht sowie eine Erhöhung der Alphabetisierungsrate eine
umfangreiche Leserschaft. (Allerdings konnte sich die Literatur der Renaissance
erst unter Königin Elisabeth I. – im so genannten Elisabethanischen
Zeitalter von 1558 bis 1603 – voll durchsetzen.) Auch die Reformation trug
zu einer geistigen Liberalisierung bei. Orientiert am Neuplatonismus und dem
Bildungsideal Erasmus’ von Rotterdam (der zeitweilig selbst in England lebte),
förderte der Humanismus das Studium klassischer Literatur und propagierte einen
Gelehrtentypus, dessen höchstes Ziel in der Hervorbringung eigener (auch
literarischer) Werke bestand. Diesen Vorstellungen gemäß wurden vor allem in
Cambridge zumeist an antiken Vorbildern orientierte Schriften produziert. Der
bedeutendste humanistische Schriftsteller Englands war Sir Thomas More, der in
seinem in Latein verfassten Roman Utopia (1516) einen demokratischen,
auf Gemeinschaftlichkeit ausgerichteten Idealstaat entwarf und ihn scharf gegen
das von ihm kritisierte englische Staatssystem abzugrenzen suchte. Mit diesem
als dialogischen Reisebericht ausgewiesenen Buch begründete More die Gattung
der Utopie.
Die Lyrikproduktion um 1500 ist vom
Versuch geprägt, eine dem Lautwandel des 15. Jahrhunderts angemessene
Verskunst zu entwickeln. Unter den Dichtern der ersten Hälfte des
16. Jahrhunderts ragt John Skelton heraus, der am Knittelvers orientierte
antihöfische und antiklerikale Satiren schrieb, darunter The Bowge of Court
(1498, Das höfische Narrenschiff). Nach 1575 wurden vor allem die in den
Diensten Elisabeths I. stehenden Literaten Sir Philip Sidney und Edmund
Spenser von der stilistischen Vielfalt der italienischen Renaissancedichtung
inspiriert. Mit Astrophel and Stella (1591, Astrophel und Stella)
begründete Sidney eine literarische Mode des Elisabethanischen Zeitalters: den
an der italienischen Sonett-Tradition orientierten Sonettzyklus. Wie in der
englischen Literatur des 16. Jahrhunderts öfters, so wird auch in Astrophel
and Stella ein an Dante und Petrarca geschultes Idealbild der geliebten
Frau entworfen. Mit dem auf antike Vorbilder zurückgreifenden Langgedicht Faerie
Queene (Fünf Gesänge der Feenkönigin), das zwischen 1590 und 1609 in sieben
Büchern erschien, schrieb Spenser eines der populärsten Werke seiner Zeit.
Dabei verknüpfte er ritterliche Tugendvorstellungen und die Darstellung eines
weiblichen Idealbilds mit einer Huldigung Elisabeth I. Wie Skelton, dessen
innovativen Verse als Skeltonics bekannt wurden, entwickelte auch
Spenser für die Faerie Queene eine neunzeilige Strophenform aus acht
jambischen Fünfhebern und einem ausklingenden Alexandriner, die so genannte Spenserstrophe.
Spensers dichterisches Selbstverständnis ähnelte dem Sidneys, der seine
Poetologie 1583 in der posthum herausgegebenen Streitschrift The Defence of
Poesie (1595, Die Verteidigung der Dichtung) formulierte: Hier wie
dort erscheint der Dichter als gottähnliche Instanz, deren Aufgabe in der
Schöpfung einer moralisch wie ästhetisch vollkommenen Welt besteht.
Das Renaissancedrama basierte
vorwiegend auf dem mittelalterlichen Mysterienspiel und der von Wanderbühnen
zur Schau gestellte Moralität. Zwischen 1580 und 1642, bis zur Schließung der
Londoner Theater durch die Puritaner also, wurden zahlreiche Komödien,
Tragödien und Tragikomödien für die dortigen Bühnen verfasst. Das
Renaissancedrama orientierte sich zumeist an klassischen Vorbildern, vorwiegend
an Werken von Terenz, Plautus oder Seneca; so nimmt etwa The Spanish Tragedy
(1594, Die spanische Tragödie) von Thomas Kyd deutlich auf Seneca Bezug.
Mit seinen äußerst bühnenwirksamen Dramen beeinflusste Kyd die psychologisch
differenziertere Rachetragödie, für die William Shakespeares Hamlet das
gelungenste Beispiel ist. Christopher Marlowe stellte machtgierige
Renaissancemenschen in den Mittelpunkt seiner Tragödien Tamburlaine
(1590, Tamarlan der Große) und Edward II (1594, Eduard II.).
Bemerkenswert an Marlowes Dr. Faustus (1604, Doktor Faustus)
um den Faust-Mythos und The Jew of Malta (1633, Der Jude von Malta)
ist vor allem der Versuch seiner Charaktere, das klerikale Weltbild des
Mittelalters und die damit verbundenen Wertmaßstäbe zu zerstören. Auch die
höfischen Komödien John Lylys, darunter Alexander and Campaspe (1584, Alexander
und Campaspe), die mit phantastischen Elementen durchsetzten Dramen George
Peeles (The Old Wives’ Tale, 1595), Robert Greenes und A. Mundays
sowie die bürgerlichen Trauerspiele eines Thomas Heywood gehörten zum
zeitgenössischen Repertoire. Greenes Pandosto. The Triumph of Time
(1588, Pandosto. Der Sieg der Zeit) diente später Shakespeare als Quelle
für sein Wintermärchen.
|
4.1 |
|
William Shakespeare |
Bereits zu Lebzeiten galt
William Shakespeare als wichtigster Dramatiker seiner Zeit. In seinen gegen die
Regelpoetik auch der Renaissancedramen gerichteten Komödien und Tragödien, die Pathos
und Komik, Derbheit und Sentimentalität, Rationales und Absurdes mischen,
spiegelt sich ein komplexes Weltbild, das die hierarchischen Vorstellungen des
Mittelalters weit hinter sich lässt. Seine Stoffe entnahm Shakespeare antiken
und zeitgenössischen Autoren (Plutarch, Boccaccio, Chaucer etc.). Vor allem das
Frühwerk ist deutlich von den Dramen Marlowes, Lylys und Greens geprägt. Zu
Shakespeares herausragenden Komödien zählen As You Like It (um 1599, Wie
es euch gefällt) und Twelfth Night or What You Will (um 1600, Was
ihr wollt), zu seinen großen Tragödien Hamlet (um 1601), Othello
(um 1604), King Lear (um 1605, König Lear), Macbeth (um
1606) und Antony and Cleopatra (um 1606, Antonius und Kleopatra).
Shakespeares eher düsteres Frühwerk diente dem Dramatiker John Webster als
Vorbild für seine Tragödien The White Devil (1612, Der weiße Teufel)
und The Duchess of Malfi (1613-1614, Die Herzogin von Amalfi).
Auch die Blut- und Rachetragödien von George Chapman, wie The Conspiracy and
Tragedy of Charles, Duke of Byron (1608) und Caesar and Pompey
(1631), und John Marston, so Antonio’s Revenge (1602), wären ohne
Shakespeare undenkbar.
Die Entwicklung des englischen
Dramas nach Shakespeare wurde wesentlich von Ben Jonson geprägt, dessen
satirische Komödien in einer für die Zeit eher untypischen nüchternen Sprache
gesellschaftliche Laster bloßstellten. Mit Every Man in His Humour
(Uraufführung 1598, Jedermann auf seine Art) und Every Man Out of His
Humour (1599), dem längsten Stück in der englischen Theatergeschichte,
legte Jonson den Grundstein für die Comedy of humours, einer Art
Typenkomödie mit Charakteren, deren Wesenszüge betont und bloßgestellt werden.
Mit Dramen wie Volpone (1606, Volpone oder der Fuchs) und The
Alchemist (1610, Der Alchemist) bestimmte er die Komödienkultur der
Restaurationszeit nach 1660. Zwei Schüler Jonsons, Francis Beaumont und John
Fletcher, machten mit ihren Gemeinschaftsproduktionen die Tragikomödie populär,
indem sie etwa in Philaster (um 1610, Philaster oder die Liebe blutet)
moralisch zweideutige Situationen und frivole Wortgefechte mit sentimentalen
Sentenzen kombinierten. Als bedeutendste Stückeschreiber für die
Schauspieltruppe The King’s Man hatten sie um 1609 Shakespeare in dieser
Funktion offenbar verdrängt.
Zu den wenigen Prosawerken der
englischen Renaissanceliteratur gehört Sidneys pastoraler Roman Arcadia
(um 1580) und Lylys Euphues, or the Anatomy of Wit (1578, Euphues
oder Die Anatomie des Witzes) bzw. Euphues and His England (1580, Euphues
und sein England); letztere stellen in einen fiktiven Erzählrahmen
eingebettete Reflexionen über Liebe und Religion dar und sind zudem zwei
herausragende Beispiele für die englische Prosaliteratur des
16. Jahrhunderts. Sidneys und Lylys Werke zeichnen sich durch eine geschraubte
Diktion und eine manieriert-artifizielle Syntax aus; dieser nach Lylys Roman so
genannte euphuistische Stil fand Nachahmung in den Romanzen Robert
Greenes und Thomas Lodges, der mit dem Liebesepos Scillaes Metamorphosis
(1589) von sich reden machte. Hingegen tat sich Thomas Nashe durch beizeiten
derb klingende Schelmenromane hervor: Sein The Unfortunate Traveller, or The
Life of Jack Wilton (1594, Der unglückliche Reisende oder Die Abenteuer
des Jack Wilton) ist das früheste Beispiel eines pikaresken Romans in
englischer Sprache. Erzählungen aus dem Kleinbürgermilieu verfasste
T. Deloney; Thomas Dekker wurde – außer mit Dramen wie Old Fortunatus
(1600, Fortunatus und seine Söhne; auch: Der alte Fortunatus) –
mit Satiren und Flugschriften bekannt, die sich oftmals in humoristischer Form
mit dem englischen Alltagsleben auseinander setzen. Außerdem entstanden
Schwanksammlungen und zahlreiche Pamphlete. Erwähnenswert ist auch die
englische Übersetzung der Bibel, die so genannte King James Bible von
1611. Damit war ein zweihundert Jahre zuvor begonnenes Projekt zum Abschluss
gekommen. Wortschatz, Metaphorik und Satzmelodie übten entscheidenden Einfluss
auf die Entwicklung der englischen Literatur, namentlich auf die von Mystik
durchzogene Wissenschaftsprosa Sir Thomas Brownes (Religio Medici, um
1635).
Anfang des 17. Jahrhunderts
bildete sich mit den Metaphysical poets um John Donne eine Gruppe weltlicher
und geistlicher Barockdichter aus, die, nach neuen Formen lyrischen Ausdrucks
suchend, eine durch kühne Bilder und paradox-ironische Wortspiele geprägte
Sprache fanden; u. a. gehörten George Herbert, Henry Vaughan und Richard
Crashaw der Gruppe an. Der Einfluss der Metaphysical poets auf die englische
Dichtung reicht bis in die Moderne – unter den Zeitgenossen ist er etwa im Werk
Andrew Marvells ablesbar, der mit der Ode Horatian Ode upon Cromwell’s
Return from Ireland zudem ein herausragendes politisches Gedicht verfasste.
In Opposition zu den Metaphysical poets und der oftmals blumig-umschreibenden
Poesie Spensers vertraten etwa Ben Jonson und die Anhänger seiner Dichterschule
eine Literaturauffassung, für die eine auf den Klassizismus vorausweisende
Klarheit und Formstrenge charakteristisch ist. Mit ihrer schlichten Lyrik
beeinflussten sie u. a. Robert Herrick und die royalistischen Cavalier
poets um Thomas Carew, John Suckling und Richard Lovelace.
Als letzter großer Dichter der
englischen Renaissance gilt John Milton, der mit Sidney und Spenser die
Auffassung vom Dichter als übergeordnete Schöpferinstanz teilte. So sucht denn
auch Miltons formal an Vergils Aeneis orientiertes Hauptwerk, das
religiöse Epos Paradise Lost (1667, Das verlorene Paradies),
nicht nur den Sündenfall der Menschheit darzustellen, sondern ein Spiegelbild
der Harmonie des Kosmos selbst zu sein. Das erklärte Ziel des Dichters war „die
Rechtfertigung der Wege Gottes den Menschen gegenüber”. Das Gedicht zeugt von
großer schöpferischer Phantasie und weit reichendem intellektuellem
Verständnis: Nahezu alle englischen Schriftsteller des 18. und 19. Jahrhunderts
sahen im klaren Aufbau von Miltons Sprache ein Vorbild ihrer eigenen
Literaturproduktion. Erst die Wiederentdeckung der Metaphysical poets im
20. Jahrhundert z. B. durch T. S. Eliot ließ die englische
Dichtung neue Wege beschreiten.
|
5 |
|
RESTAURATION UND KLASSIZISMUS |
Mit dem Niedergang der
Cromwell-Republik und der Thronbesteigung Karls II. 1660 endete die Epoche
des Puritanismus, deren religiös geprägte Dichtung das literarische Leben zu
Beginn des 17. Jahrhunderts bestimmte. So rechnet beispielsweise Samuel
Butlers von Miguel de Cervantes beeinflusste Epos in achtsilbigen Reimpaaren, Hudribas
(1663-1678), satirisch mit der Reformbewegung ab. Von nun an dominierte eine
Literatur, die sich weitgehend an der Rationalität und dem Realismus Ben
Jonsons und seiner Dichterschule orientierte. Auch führte der Einfluss
französischer Autoren zur Ausprägung eines elitären dichterischen
Selbstverständnisses. Das in der Renaissance zentrale Moment der schöpferischen
Inspiration trat hinter die Idee einer Nachbildung antiker Werke immer mehr
zurück.
Dem Wunsch nach Rationalität
entsprach die Gründung der Londoner Wissenschaftsakademie, der Royal Society,
im Jahr 1660. Auch die im Geist der Aufklärung verfassten philosophischen und
politischen Schriften, allen voran die klar strukturierten Essays von Francis
Bacon belegen einen Paradigmenwechsel hin zu Empirie und Wissenschaft. Bacons
Abhandlungen Advancement of Learning (1605) und The New Atlantis
(1627, Neu-Atlantis) standen ganz unter dem Postulat einer Beherrschung
der Natur durch Technik. Auch der Essay Concerning Human Understanding
(1690, Versuch über den menschlichen Verstand) des Philosophen John
Locke gründet auf der Überzeugung, dass Wissen nur durch experimentelle Arbeit
gewonnen werden könne. Diese Ansicht führte der Empirist David Hume in seiner
Schrift An Enquiry Concerning Human Understanding (1748, Eine
Untersuchung über den menschlichen Verstand) weiter aus. Gleichzeitig
machte sich Thomas Hobbes daran, mit seiner Schrift Leviathan (1651) den
Absolutismus aus Vernunftgründen unter der Formel „Homo homini lupus” („Der
Mensch ist des Menschen Wolf”) zu sanktionieren. Laut dem Leviathan
verhindert der Alleinherrscher ein gesellschaftliches Chaos, das aus dem Kampf
Aller gegen Alle aus egoistischen Motiven notwendig resultiere. Eine Art
aufgeklärter Monarchie propagierte Locke in seinen Two Treatises on
Government (1690, Zwei Abhandlungen über die Regierung). Auch
entwarf er ein Modell der Gewaltenteilung.
War die Restaurationszeit noch stark
von der Poesie John Drydens geprägt, so begann sich nach der Glorious
Revolution 1689 und der Erstarkung des Parlamentssystems die von klarer Sprache
bestimmte Literatur des Klassizismus durchzusetzen, für die die Werke Alexander
Popes und Samuel Johnsons bestimmend waren.
|
5.1 |
|
Die Zeit John Drydens |
Die religiösen Oden und
Gesellschaftssatiren John Drydens zielen vor allem auf ein gebildetes Publikum.
Mit seiner Komödie Marriage à la mode (1672) schuf er die Grundlagen für
die während der Restaurationszeit äußerst populäre Gattung der beizeiten
frivolen Sittenkomödie oder Comedy of Manners, die Gewohnheiten und
Moden der Zeit kritisch hinterfragte. Unter anderem George Etheredge, William
Wycherly, Thomas Shadwell, Aphra Behn und William Congreve versuchten sich
daran. Mit seiner sprachlichen Klarheit und formalen Strenge kann Dryden zudem
als Wegbereiter des Klassizismus gelten. Der Dichter verwendete in seinen
Dichtungen das so genannte Heroic Couplet, einen paarweise gereimten
fünfhebigen Jambus mit fester Zäsur nach der zweiten Hebung, der sich zum
vorherrschenden Metrum der englischen Dichtung entwickelte. Nachdem in London
zwei neue Theater eröffnen konnten, wurde in der Nachfolge Drydens vor allem
die Verssatire populär, da sie die Möglichkeit eröffnete, sich mit den
aktuellen religiösen und politischen Themen auseinander zu setzen. Zwei der
eindrucksvollsten politischen Satiren Drydens waren Absalom and Achitophe
(1681-1682) und MacFlecknoe (1682). Mit The Conquest of Granada by
the Spaniards (1670) und All for Love; or, The World Well Lost
(1678) – eine dem Zeitgeschmack angepasste Neufassung von Shakespeares Antonius
und Kleopatra – initiierte Dryden das publikumswirksame Genre der
heroischen Tragödie, die, zumeist in exotischem Terrain situiert, auf
psychologische Charakterzeichnung weitgehend verzichtete; unter anderem
N. Lee und E. Selle versuchten sich daran. Das wohl eindrucksvollste
Beispiel einer heroisch-sentimentalen Tragödie ist Thomas Otways Venice
Preserved (1682, Das gerettete Venedig), die bis zur Mitte
des18. Jahrhundert zum Standartrepertoire zahlreicher Bühnen gehörte.
Bereits 1671 verfasste George Villiers gemeinsam mit anderen unter dem Titel The
Rehearsal eine Parodie auf dieses Genre.
Mit seinem Essay of Dramatic
Poesie (1668) und seinen Übersetzungen, etwa von Vergil, prägte Dryden auch
den Prosastil der Zeit. Vor allem wirkte er auf Samuel Pepys und auf John
Bunyan. Während aber Pepys in seinen Schriften die Sinnenfreude pries (seine in
privater Geheimschrift zwischen 1660 und 1669 verfassten und erst 1825
entschlüsselten Tagebücher sind ein wichtiges zeithistorisches Dokument), schuf
der puritanische Laienpriester Bunyan mit seinem Hauptwerk The Pilgrim’s
Progress from This World to That Which Is to Come (2 Bde., 1678-1684, Eines
Christen Reise nach der Seeligen Ewigkeit...) ein populäres Beispiel
allegorischer Belehrung. Es ist eines der meistübersetzten Werke der
Weltliteratur und gehört in England neben der Bibel immer noch zu den
meistgelesenen Büchern. Als Erbauungsschrift übte The Pilgrim’s Progress
zudem großen Einfluß auf den Pietismus und die Erweckungsbewegung in
Deutschland aus.
|
5.2 |
|
Die Zeit Alexander Popes |
Unter Alexander Pope erlebte
die englische Literatur des Klassizismus ihre als Augustan Age
(1700-1744) bezeichnete Blütezeit. Noch stärker als Dryden lehnte sich Pope an
die griechischen und römischen Klassiker an. Auch übersetzte er Homer. In
seinen Lehrgedichten befreite er die Lyrik von der Gefühlsbezogenheit des
17. Jahrhunderts und hob stattdessen ihren intellektuellen
Erkenntnischarakter hervor. Berühmt wurde Pope durch seine Satiren. Daneben
schrieb er die didaktischen Versessays Essay on Criticism (1711, Versuch
über die Critik), in welchen er das Gedicht als
klassizistisch-rationalistisches Vernunftwerkzeug zur Beschreibung der
Naturgesetzlichkeiten pries, und The Essay on Man (1732-1734, Versuch
über den Menschen). Als Popes Meisterwerk gilt das komische Versepos und
komische Gesellschaftspanorama The Rape of the Lock (1712, erweitert
1714, Der Lockenraub), als seine wichtigste aggressiv-spöttische Satire The
Dunciad (1728, Zweitfassung 1743, Duncias); letztere stellt Popes
literarische Gegner bloß. In Deutschland wurde sein witzig-eleganter Stil
u. a. von Gotthold Ephraim Lessing und Jean Paul bewundert.
Zu den herausragenden Satiren der
englischen Literatur des 18. Jahrhunderts gehören die Werke Jonathan
Swifts, die neben den Missständen der englischen Gesellschaft u. a. auch
die menschliche Dummheit generell karikieren. Dazu gehört die Prosasatire Tale
of a Tub (1704, Ein Märchen von einer Tonne) über den Streit der
katholischen und der anglikanischen Konfession. In A Modest Proposal
(1729), mit seinem Vorschlag eines gezielten Kannibalismus das erste Werk echt
schwarzen Humors, verurteilte Swift das englische Sozialwesen, ein Aspekt, der
auch in seinem Hauptwerk Gulliver’s Travels (1726, Gullivers Reisen)
über die abenteuerlichen Fahrten des Titelhelden ins Land der Zwerge, Riesen
und zur fliegenden Insel Laputa eine Rolle spielt. Wichtig für die Entwicklung
der Prosa im 18. Jahrhundert war die wachsende Bedeutung des Journalismus
und eine moralische Zeitschriftenkultur, deren herausragendste Exponenten The
Tatler (1709-1711) bzw. The Spectator (1711/12 und 1714) sind.
Gesellschaftskritische Beiträger waren hauptsächlich die Freunde Joseph Addison
und Richard Steele, der mit The Funeral (1701), The Lying Lover
(1703) und The Tender Husband (1705) auch drei Komödien schrieb;
Addisons mehrfach übersetztes Drama Cato von 1713 galt Voltaire als die
beste Tragödie in englischer Sprache. Während Addison und Steele eher den
moralisierenden Plauderton pflegten, waren die journalistischen Arbeiten Daniel
Defoes von drastischem Realismus geprägt. Der Stil seiner publizistischen
Schriften färbte auch auf sein berühmtestes Buch, The Life and Strange
Surprizing Adventures of Robinson Crusoe … (1719; Das Leben und die
seltsamen Abenteuer des Robinson Crusoe …), ab. Der Roman über den
Schiffbrüchigen Crusoe, der mit den harten Lebensbedingungen auf einer einsamen
Insel zurechtzukommen sucht und in dem Kannibalen Freitag schließlich einen
Ansprechpartner findet, ist ein Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur und
initiierte die Gattung der Robinsonade.
|
5.3 |
|
Die Zeit Samuel Johnsons |
In der Samuel Johnson
geprägten klassizistischen Zeit (1744-1784) begann sich innerhalb der
englischen Literatur allmählich eine Zuwendung zur Emotionalität und zum
Geniekult abzuzeichnen, der bereits auf die Romantik vorausweist. Johnson gilt
als letzte große Gestalt des literarischen Klassizismus in England, dessen
stilistische und thematische Prinzipien sein Werk nochmals zusammenfasste. Sein
langes Versepos The Vanity of Human Wishes (1749, Die Eitelkeit der
menschlichen Wünsche) beruht auf der zehnten Satire des römischen Dichters
Juvenal und gilt als seine bedeutendste Dichtung. Richtungweisend war auch
Johnsons Wörterbuch Dictionary of the English Language (1755), das
erstmals nach modernen lexikographischen Richtlinien verfuhr. Daneben verfasste
Johnson zahlreiche Essays, u. a. für die Zeitschrift The Rambler
(1750-1752), und war als Herausgeber sowie als Biograph (Lives of the Poets,
1779-1781) tätig. Seinen Einfluss auf die damalige Literatenszene reflektiert
die beispielhafte Biographie The Life of Samuel Johnson (1791, Denkwürdigkeiten
aus Johnsons Leben) von James Boswell. In der Dramatik kreierte Johnsons Freund
Oliver Goldsmith, der auch die populäre Romanidylle The Vicar of Wakefield
(1766, Der Pfarrer von Wakefield) verfasste, eine mit burleskem Witz
angereicherte Form der im Plauderton verfassten Gesellschaftskomödie. Ein
Beispiel hierfür ist She Stoops to Conquer (1773, Sie lässt sich
herab, um zu siegen), bis heute eines der bekanntesten Dramen der
englischen Literaturgeschichte. Der jüngere Richard Sheridan tat es ihm mit School
for Scandal (1777, Die Lästerschule) gleich.
Anzeichen für die Hinwendung
der Dichtkunst zu romantischem Gestus findet sich in der teils schwermütigen,
das Landleben ins Zentrum stellenden Lyrik William Cowpers (The Task,
1785) und Thomas Grays. Düster-resignativ gebiert sich vor allem Cowpers
Alterswerk The Castaway von 1799. Auch wird hier, wie in Grays Gedicht Elegy
Written in a Country Churchyard (1751), von den Regeln des Heroic
Couplets abgewichen. Grays Vorliebe für mittelalterliche Themen ist ein
weiteres Indiz für „romantisierende” Tendenzen, die sich auch bei William Blake
nachweisen lassen. Mit seiner düster-visionären Grundstimmung steht etwa Blakes
The Book of Thel (1789) dem Klarheits- und Vernunftsideal des
Klassizismus diametral entgegen. Am bekanntesten wurde seine Gedichtsammlung Songs
of Innocence (1789, Lieder der Unschuld). Die darin enthaltenen
Gedichte beeindrucken durch ihre plastische Sprache und stellen die
Schöpferkraft des Dichters in den Mittelpunkt. In der gleichen vorromantischen
Tradition stehen die Lyriker Robert Burns und Edward Young; letzterer hatte
ebenfalls auf die Entwicklung der so genannten Graveyard School of Poetry
(Friedhofsdichtung) entscheidenden Einfluss und wirkte mit dem von
Weltschmerz und makabrer Metaphorik geprägten Duktus seines Meistwerks The
Complaint, or Night Thoughts on Life, Death and Immortality (1742-1745; Klagen
oder Nachtgedanken über Leben, Tod und Unsterblichkeit) weit über die
Grenzen des Landes hinaus. Wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der
Romantik hatte auch die von Thomas Percy herausgegebene Anthologie schottisch-englischer
Balladen Reliques of Ancient English Poetry (1765). In Deutschland wurde
sie von Johann Wolfgang von Goethe, Gottfried August Bürger und Johann
Gottfried von Herder rezipiert.
In der Prosa etablierte Samuel
Richardson Mitte des 18. Jahrhunderts den bürgerlichen Roman, u. a.
mit seinen sentimental-moralisierenden Briefromanen Pamela; or Virtue
Rewarded (2 Bde., 1740, Pamela oder Die belohnte Tugend eines
Frauenzimmers) über die Verteidigung der Ehre einer Magd und Clarissa
(1747/48, Clarissa Harlowe); beide prägten die Literatur der
Empfindsamkeit stark. Dagegen bevorzugte Henry Fielding eine auktoriale
Erzählerperspektive und einen realistisch-humorvollen Ton. Mit Joseph
Andrews (1742, Die Geschichte des Abenteurers Joseph Andrews) etwa
schuf Fielding eine Parodie von Richardsons Pamela. Fieldings
bekanntester Roman ist The History of Tom Jones, a Foundling (1749, Tom
Jones oder die Geschichte eines Findelkindes), der die Streiche und
Abenteuer eines Freigeists schildert. Ebenfalls der Tradition des Schelmen- und
Abenteuerromans verhaftet war Tobias Smollett, etwa mit seinem viel gelesenen
fiktiven Reisebericht The Expedition of Humphry Clinker (1771, Humphrey
Clinkers Reise). Der bedeutendste Romanautor der Zeit aber ist zweifellos
Laurence Sterne, dessen The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman
(1759-1767, Das Leben und die Ansichten Tristram Shandys Gentleman) mit
seiner Auflösung einer stringenten Handlungsstruktur die Formexperimente der
Moderne vorwegnimmt. Sternes einzigartige Darstellung von Wahrnehmung,
Bedeutung und Zeit – unter Vorwegnahme der Technik des Stream of consciousness
– machten Tristram Shandy zu einem der wichtigsten Vorläufer des
experimentellen Romans, der etwa in Arno Schmidt einen begeisterten Leser fand.
Die Übersetzung seines Buchtitels A Sentimental Journey Through France and
Italy (1768, Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien)
durch Lessing gab der deutschen Periode der Empfindsamkeit den Namen.
|
6 |
|
ROMANTIK |
Die ganz Europa erfassende
Literaturepoche der Romantik (1789-1837) setzte die dichterische Imagination
gegen die normative und vernunftbetonte Regelpoetik des Klassizismus.
Subjektives Naturempfinden und die Betonung individueller Schöpferkraft standen
von nun an im Zentrum. Wichtige Impulse verdankt auch die englische Romantik
der Französischen Revolution. Die Veröffentlichung des gemeinsam von William
Wordsworth und Samuel Taylor Coleridge verfassten Gedichtbandes Lyrical
Ballads (1798) begründete die literarische Romantik in England. Coleridges
wichtigster Beitrag, die Ballade The Ancient Mariner (Der alte Matrose),
besticht durch die rhythmische Schönheit ihres Klangs und stellt den Versuch
dar, Übersinnliches metaphorisch fassbar zu machen. Demgegenüber konzentrierte
sich Wordsworth darauf, in seiner pantheistischen Naturlyrik die verborgenen
Wesenheiten der Dinge und die mystische Dimension der menschlichen Seele zur
Anschauung zu bringen. Die Gedichte Tintern Abbey und Ode on
Intimations of Immortality (Ode über Andeutungen von Unsterblichkeit)
sind hierfür Beispiele. Letztere stammt aus der 1807 veröffentlichten Sammlung Poems
in Two Volumes (Gedichte in zwei Bänden), die auch das an
Wordsworths Gattin gerichtete Meisterwerk She Was a Phantom of Delight (Sie
war eine Erscheinung des Entzückens) enthält. Coleridge übersetzte zudem
nach einer Europareise Friedrich Schillers Geschichtsdrama Wallenstein
und wurde zum bedeutendsten Vermittler deutscher Kultur in England.
Auch als geistige Führer der
romantischen Lake School beeinflussten Wordsworth und Coleridge – gemeinsam mit
Robert Southey – die englische Dichtung nachhaltig. Von deren romantischem
Dichtungsverständnis wurde auch Sir Walter Scott geprägt, welcher zunächst
Sammlungen von schottischen Volksballaden herausgab und später durch eine Reihe
von – im Mittelalter angesiedelten – Verserzählungen bekannt wurde. Stilistisch
eher konventionell (The Lady of the Lake, 1810, Das Fräulein vom See),
fanden sie großen Anklang beim zeitgenössischen Publikum. Mit seinem
dreibändigen Romanerstling Waverley, or, Tis Sixty Years Since
(1805-1814, Waverly oder Es ist sechzig Jahre her) begründete Scott die
Gattung des historischen Romans und schuf sein bis ins 20. Jahrhundert
hinein oftmals imitiertes Schema. Anders als Coleridge, Wordsworth und Scott
blieb Lord Byron zeit seines Lebens den Idealen der Revolution verhaftet (so
engagierte er sich im griechischen Freiheitskampf). Byrons Dichtungen Childe
Harold’s Pilgrimage (1812, Ritter Harolds Pilgerfahrt) und Don Juan
(1819-1824) über den Frauenverführer Don Juan zeigen einen schwermütigen
Skeptiker, der Melancholie und Weltschmerz aber immer auch ironisch bricht.
Byrons sprachvirtuoser Stil wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts unter
dem Schlagwort des Byronismus zur Mode.
Auch die Dichtung Percy Bysshe
Shelleys ist von revolutionärem Idealismus geprägt: So verarbeitet Die
Empörung des Islam (1817/18) in überhöhter Symbolik Ereignisse der
Französischen Revolution. Eine glückliche Zukunft der Menschheit entwirft das lyrische
Versdrama Prometheus Unbound (1820, Der entfesselte Prometheus).
Seine Oden To a Skylark (1820, Ode an eine Lerche) und To the
West Wind (1819, Ode an den Westwind) gehören ebenso zu den Höhepunkten
zeitgenössischen Dichtkunst wie seine Liebesgedichte, darunter I arise from
dreams of thee und To Constantia singing, das Sonett Ozymandias
(1818) sowie Adonais (1821), eine Elegie auf den Tod von John Keats, in
dem Shelley noch einmal die Summe seiner romantisch-pantheistischen Weltsicht
zog. Keats selbst vertrat eine eher ästhetizistisch-sensualistische Position,
mit der er u. a. auf die Präraffaeliten wirkte. Keats’ lyrisches
Gesamtwerk entstand nahezu ausschließlich zwischen 1818 und 1821. Sein
Meisterwerk Lamia, Isabella, The Eve of St. Agnes, and Other Poems
(1820) enthält drei Oden, die zu den zentralen Werken englischer Dichtung zu
rechnen sind: Es sind dies Ode on a Grecian Urn, Ode on Melancholy und Ode
to a Nightingale, die dem Gegensatz des ewigen, transzendentalen Wesens
Schönheit und der Vergänglichkeit der physischen Welt gewidmet sind.
Die englische Romantik brachte
einige herausragende Essayisten hervor. Die Ausbildung neuer Prinzipien der
Literaturkritik gelang Coleridge mit seiner Biographia Literaria (1817).
Auch Charles Lamb (Specimens of English Dramatic Poets, 1808) und
William Hazlitt (Characters of Shakespeare’s Plays, 1817) fanden in
ihren Essays zu einer stilistisch brillanten Prosa und rückten die zeitweise in
Vergessenheit geratenen Schriftsteller der Renaissance wieder ins öffentliche
Bewusstsein. Lambs Essays of Elia (1823, 1833) wurden für die
Essaytradition ebenso stilbildend wie der autobiographische, von phantastischen
Traumbildern durchsetzte Erfahrungsbericht mit Suchtzuständen Confessions of
an English Opium-Eater (1822, erweitert 1856, Bekenntnisse eines
englischen Opiumessers) von Thomas de Quincey, der etwa im Symbolismus
innerhalb der französischen Literatur bei Charles Baudelaire wieder verstärkte
Beachtung fand (Les Paradis artificiels, 1860; Die künstlichen
Paradiese). Mit On the Knocking at the Gate in „Macbeth” (1823, Über
das Klopfen an die Pforte in Shakespeares „Macbeth”) lieferte er zudem eine
hervorragende Shakespeare-Interpretation und schockierte seine Umwelt mit der
grandios-makabren Schrift Murder Considered as One of the Fine Arts
(2 Tle., 1827-1839, Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet) über
die ästhetischen Qualitäten der Bluttat.
|
7 |
|
VIKTORIANISCHE ÄRA UND REALISMUS |
Die Regierungszeit Königin
Viktorias (1837-1901) war von weit reichenden sozialen Krisen und Reformen
gekennzeichnet, so dass die englische Literatur der Zeit – trotz immer noch
vorhandener „romantischer” Remineszenzen – verstärkt aktuelle Fragen wie Demokratisierung
oder Industrialisierung aufgriff. Auch lieferten der Utilitarismus von Denkern
wie Jeremy Bentham, John St. Mill und David Ricardo sowie die Evolutions-
und Fortschrittsphilosophien Charles Robert Darwins und Herbert Spencers
optimistische Modelle, deren Folgen kritisch beleuchtet werden mussten. So
schilderte Thomas Babington Macaulay in seiner für die Geschichtsschreibung der
Zeit zentralen History of England (5 Bde., 1848-1861, Geschichte
von England seit dem Regierungsantritt Jacobs II.), aber auch in
seinen Critical and Historical Essays (1843) die Selbstzufriedenheit
einer zu politischer und ökonomischer Macht gekommenen Mittelschicht. Der
Theologe John Henry Newman kritisierte in Apologia pro Vita Sua (1864, Geschichte
meiner religiösen Meinungen) den aufkommenden Materialismus seiner Zeit und
propagierte demgegenüber eine Rückkehr zu religiösen Werten. Kulturkritisch
äußerte sich auch der schottische Essayist und Geschichtsschreiber Thomas
Carlyle, der in unverhohlenem Pathos und mit religiös-moralischem Impetus der
englischen Nation zu einer neuen, sittlichen Grundeinstellung verhelfen wollte.
Seine zum Teil auf den deutschen Idealismus zurückgehende Philosophie
erläuterte Carlyle u. a. in der von Goethes Bildungsroman Wilhelm
Meister inspirierten Schrift Sartor Resartus (1833/34, Sartor
Resartus oder Leben und Meinungen des Herrn Teufelsdröckh) und in der
Vortragssammlung On Heroes, Hero-Worship, and the Heroic in History
(1841, Über Helden, Heldenverehrung und das Heldentümliche in der Geschichte).
Auch der Kunstkritiker John Ruskin
forderte in seiner ökonomischen Theorie eine Abkehr vom Kapitalismus. Sozialen
Eskapismus und ästhetischen Hedonismus propagierte der Schriftsteller und
Kritiker Walter Pater etwa in seinem Roman Marius the Epicurean von
1885. Im Bereich der Dichtung beschäftigte sich Alfred Lord Tennyson mit der
sozialen und religiösen Problematik und zeigte sich in allen literarischen
Formen seiner Zeit bewandert: Sprachlich ist seine bildhafte, stark rhythmisch
geprägte Lyrik, darunter die Elegie In Memoriam (1850, Freundes-Klage)
und die Idylle The Idylls of the King (1859, Königs-Idyllen),
noch stark der Romantik verpflichtet. Dem gegenüber schuf Robert Browning mit
seinen Dramatic Romances and Lyrics (1841-1846) und mit Men and Women
(1855) ein intellektuelles, stark zur Psychologisierung neigendes Werk. Nicht
nur sein vierbändiges Hauptwerk The Ring and the Book (1868/69, Der
Ring und das Buch) wirkte im 20. Jahrhundert auf Dichter wie Ezra
Pound nachhaltig. Die Lyrik Matthew Arnolds, der mit seinen idealistischen Essays
in Criticism (1865-1888) die zeitgenössische Literaturkritik stark
beeinflusste, ist stark von einer melancholisch-schwermütigen Metaphorik
bestimmt, die dem Kulturoptimismus der Zeit diametral entgegensteht (Stanzas
from the Grande Chartreuse, 1855).
Während Thomas Hood und
Elizabeth Barrett Browning sozial engagierte Lyrik verfassten, wiesen die
sinnlich-erotischen Gedichte Algernon Charles Swinburnes auf den Ästhetizismus
der Jahrhundertwende hinaus; seine sadomasochistischen Anklänge in Poems and
Ballads (1866, Gesänge und Balladen) sorgten für einen der größten
literarischen Skandale des Viktorianischen Zeitalters. Der die Jugendstillyrik
in seinen Sonetten antizipierende Dante Gabriel Rossetti (The Portrait
und The Blessed Damozel, beide 1842) und der den Sozialismus
propagierende William Morris stammten aus dem Umfeld der Präraffaeliten. Die
von Morris 1858 publizierte Gedichtsammlung Defence of Guenevere and Other
Poems gilt heute als eines der originellsten Werke der Zeit. Religiös
motiviert war hingegen die Dichtung von Francis Thomson, Robert Seymore Bridges
(The Testament of Beauty, 1929) und Gerard Manley Hopkins, der in einer
von ihm als „inscape” („Flucht nach innen”) beschriebenen poetischen Tätigkeit
im sprachlichen Verfahren das Wesen der beschriebenen Dinge durchscheinbar zu
machen suchte.
Als Medium für Sozialkritik
entwickelte sich der Roman in der Viktorianischen Epoche von der Romantik hin
zum Realismus, eine Tendenz, die Jane Austen bereits Anfang des
19. Jahrhunderts vorweggenommen hatte. Vor allem Charles Dickens und
William Makepeace Thackeray schufen eine innovative Form des kritischen
Gesellschaftsromans, wobei Dickens sich durch eine humorvolle Darstellung, eine
lebendige Charakterzeichnung und durch Engagement für die Londoner Unterklasse
hervortat (so in Oliver Twist, 1837-1839). Mit Vanity Fair
(1847/48, Jahrmarkt der Eitelkeit) gelang Thackeray ein ironischer
Mikrokosmos zu Darstellung der Mittel- und Oberschicht. Das Leben der
Industriearbeiter beschrieben Benjamin Disraeli, Elizabeth Cleghorn Gaskell,
Charles Kingsley und Charles Reade. In humorvoll-ironischen Studien schilderte
Anthony Trollope das geistliche und politische Leben in der englischen Provinz.
Die von der Romantik beeinflussten Schwestern Charlotte, Anne und Emily Jane
Brontë konzipierten eindringliche und oft kopierte Frauenromane, von denen vor
allem Jane Eyre (1847) von Charlotte und Wuthering Heights
(3 Bde., 1847, Sturmhöhen) von Emily größte Bekanntheit erlangten.
Mit analytischem Intellektualismus führte George Eliot in Middlemarch
(1871-1872) anhand des Figurenpersonals einer fiktiven mittelenglischen
Provinzstadt den psychologischen Realismus auf die Spitze. George Meredith
porträtierte seine Helden im Spannungsfeld zwischen Verstand und Sinnen. Thomas
Hardy wiederum ließ seine hoffnungslos gegen die Macht des Schicksals
ankämpfenden Protagonisten in düster gezeichneten Landschaften agieren. Neben Far
from the Madding Crowd (1874, Am grünen Rand der Welt) gehören der
meisterhaft aufgebaute Roman The Return of the Native (1878, Die
Rückkehr), The Mayor of Casterbridge (1886, Der Bürgermeister von
Casterbridge), Tess of the D’Urbervilles (1891, Tess von
D’Urbervilles) und Jude the Obscure (1895, Juda, der Unberühmte)
zu seinen wichtigsten Werken.
Der von Walter Scott begründeten
Tradition des historischen Romans verpflichtet sind die Werke Edward George
Bulwer-Lyttons und William Harrison Ainsworths. Wilkie Collins’ Interesse
hingegen galt der Kriminalliteratur, speziell der Gattung des Detektivromans.
Bedeutung erlangten dabei vor allem die Bücher The Woman in White (1860,
Die Frau in Weiß) und The Moonstone (1868, Der Monddiamant,
auch: Der Mondstein). Ein herausragendes Werk der Viktorianischen Ära
ist Lewis Carolls vor allem im Surrealismus stark rezipierter Roman Alice’s
Adventures in Wonderland (1865, Alice im Wunderland), der durch ein
zumeist sprachliches Spiel mit der Logik und den Regeln der Semantik u. a.
gegen die reglementierte Enge der Epoche rebelliert. Auch der Naturalismus
eines George Robert Gissing und der Essayismus Max Beerbohms nahmen zentrale
Tendenzen des 20. Jahrhunderts vorweg. Robert Louis Stevenson, Rudyard
Kipling und Joseph Conrad belebten die Gattung des Abenteuerromans neu; während
Stevenson in Treasure Island (1883, Die Schatzinsel) vor allem
das Spannungselement des Genres vollendete, nutzte Conrad das Abenteuersujet,
um – etwa in Heart of Darkness (1902, Herz der Finsternis) – die
Reise in exotische Ferne mit der Fahrt in die dämonischen Abgründe der
menschlichen Seele zu verkoppeln. Kipling schuf neben seinem Dschungelbuch
(1894/95) zudem wichtige Beiträge zur phantastischen Literatur. Mit seinem
fünfteiligen Hauptwerk Die Forsyte Saga (1906-1921) schrieb John
Galsworthy ein groß angelegtes Panorama der Viktorianischen Epoche, deren
Wissenschaftsoptimismus wiederum die Sciencefictionromane von
H. G. Wells bestimmte. Dazu gehören das Romandebüt The Time
Machine (1895, Die Zeitmaschine) ebenso wie The Invisible Man
(1897, Der Unsichtbare) und The War of the Worlds (1898, Der
Krieg der Welten), der Orson Welles zu seinem beklemmend-spektakulären
Hörspiel inspirierte.
Die von der Dramatik Henrik
Ibsens beeinflussten Schriftsteller H. A. Jones und Arthur Wing
Pinero befreiten das englische Theater mit seinen Melodramen von seiner reinen
Unterhaltungsfunktion. Von seinen Stücken, die sich vor allem auch kritisch mit
der Rolle der Frau in der Gesellschaft auseinander setzten und deren
Emanzipation von männlicher Unterdrückung propagieren, ist heute vor allem noch
das damals auch außerhalb Englands umjubelte Drama The Second Mrs. Tanqueray
(1893) bekannt. Vor allem jedoch der irischstämmige Autor George Bernard Shaw
machte die englische Bühne wieder zum Forum für bissige, mit großem Sprachwitz
und Einfühlungsvermögen vorgetragene Gesellschaftskritik. Zu Shaws
bedeutendsten Werken gehören Man and Superman (1903, Mensch und
Übermensch), Androcles and the Lion (1913, Androklus und der Löwe),
Heartbreak House (1919, Haus Herzenstod) und Back to
Methuselah (1921, Zurück zu Methusalem).
|
8 |
|
20. JAHRHUNDERT |
|
8.1 |
|
Prosa |
Während der Regierungszeit
Eduards VII. begannen die Werte und Ideale der Viktorianischen Ära,
beschleunigt durch die Erfahrung des 1. Weltkrieges, endgültig fragwürdig
zu werden. Neben Autoren, die sich in naturalistischer Weise einer Beschreibung
der Gegebenheiten zuwandten – darunter William Somerset Maugham und Arnold
Bennett –, erprobten andere Schriftsteller neue Erzählverfahren, um der
Vergangenheit kritisch entgegenzutreten. Zu letzterer Gruppe gehört Aldous
Huxley mit seinem satirischen Roman Point Counter Point (1928, Kontrapunkt
des Lebens). Bekannt wurde vor allem Huxleys negative Romanutopie Brave
New World (1932, Schöne neue Welt) über die Determinierung des
Menschen in einer totalitären und volltechnisierten Lebenswelt. Eher
traditionell hingegen verfuhr Edward Morgan Forster, der nicht nur die
Sinnleere einer in Konventionen erstarrten englischen Oberschicht beschrieb (A
Room with a View, 1908; Zimmer mit Aussicht), sondern auch die
britische Kolonialherrschaft in Indien hinterfragte (A Passage to India,
1924; Auf der Suche nach Indien). D. H. Lawrence beleuchtete
die Prüderie und Scheinmoral der viktorianischen Gesellschaft und versuchte
demgegenüber, in seinen Romanen die Vitalität des menschlichen Trieblebens
auszuloten, so in Lady Chatterley’s Lover (1928, Lady Chatterley und
ihr Liebhaber).
In den zwanziger Jahren
sprengte James Joyce mit seinem experimentellen Roman Ulysses (1922) die
Form konventionellen Erzählens und schuf unter Anspielung an Homers Odyssee
das grandiose Alltagsepos des modernen Menschen und parodierte in stilistisch
stark voneinander abweichenden Kapiteln nebenbei noch die gesamte Weltliteratur.
Der Dichter selbst gab als Ziel des Romanes an, „ein so vollständiges Bild von
Dublin vermitteln” zu wollen, „dass die Stadt, wenn sie eines Tages vom
Erdboden verschwände, nach meinem Buch wieder aufgebaut werden könnte”.
Tatsächlich aber richtet Joyce sein Augenmerk keineswegs vorwiegend auf
markante architektonische Punkte Dublins, sondern lässt über seine beiden
Hauptfiguren Leopold Bloom und Stephen Dedalus den Diskurs der Stadt, ihre
abstrakte „Sprache”, lebendig werden. Im berühmten Kapitel Oxens of the Sun
gar imaginiert der Roman anhand der Niederkunft einer Frau die „Geburt” der
irischen Sprache. In Finnegans Wake (1939) schuf Joyce ein
Textuniversum, das nicht mehr vorgab, Welt abzubilden, sondern darauf abzielte,
eine aus quasi babylonischer Ursprache geschaffene polyphone Welt selbst zu
sein: Dem Leser bleibt es überlassen, wie in einem unendlichen Labyrinth einer
Lesart (auf Kosten einer anderen) zu folgen und damit neue Sinnhorizonte
aufzudecken. Dabei bleibt das Konzept der Vieldeutigkeit fließend –
poetologisch dargestellt im wohl gelungensten Kapital Anna Livia Plurabelle,
ein Name, der neben dem Namen einer mythischen Hauptfigur den Dubliner Fluss
Liffey und das Modell eines semantischen Pluralismus anzitiert.
Virginia Woolf verfeinerte in
Romanen wie Mrs. Dalloway (1925, Eine Frau von fünfzig Jahren;
auch: Mrs. Dalloway) und To the Lighthouse (1927, Die Fahrt
zum Leuchtturm) das u. a. von Joyce verwendete Verfahren des stream of
consciousness, um Erlebtes und Erinnertes ihrer Figuren in seiner Vernetzung
darzustellen. Diese subjektive Realität wird durch die intensive Verwendung von
Symbolen und Metaphern nochmals artifiziell überhöht. Woolfs stilistisch
kühnster Roman The Waves (1931; Die Wellen) reduziert die
Spiegelung der Realität weitgehend auf akustische Phänomene. Ihr teilweise
biographischer Roman Orlando: A Biography (1928, Orlando) kreist
in bizarr-monologischen Phantasien um Themen wie geschlechtsspezifische
Rollenerwartungen, künstlerische Kreativität und Identitätsfindung.
Demgegenüber sind die Romane Ivy Compton-Burnetts stark dialogisch aufgebaut:
In Brothers and Sisters (1929) und Men and Wives (1931, Männer
und Frauen) analysierte sie Familienstrukturen vor dem Hintergrund eines
endenden 19. Jahrhunderts. Kulturkritisch äußerten sich auch Autoren wie
Rose Macauly, Charles Percey Snow und Evelyn Waugh, welcher vor allem die
zwanziger Jahre und die zynisch-indifferente Dekadenz einer
Zwischenkriegsgeneration satirisch beleuchtete (Decline and Fall, 1928).
Wie Waugh, so gehörte auch Graham Greene zu den Vertretern einer
neukatholischen Literatur, der in seinen spannenden Romanen, so in The Heart
of the Matter (1948, Das Herz aller Dinge), dem Phänomen des Bösen
nachzugehen suchte; den Spionageroman The third man (1950, Der dritte
Mann) verfasste der Autor eigens als Filmgrundlage für den gleichnamigen
Thriller von Carol Reed. Zentrales Thema George Orwells war das Leben des
Individuums unter totalitärer Herrschaft: Populär wurde er durch die Gesellschaftsfabel
Animal Farm (1945, Farm der Tiere) und den düsteren Zukunftsroman
Nineteen Eighty-Four (1949, 1984), dessen Kontrollfigur Big
Brother nahezu sprichwörtliche Bedeutung erlangte („Big brother is watching
you”). Des Weiteren schrieb Orwell sozialkritische Reportagen.
Nach dem 2. Weltkrieg
artikulierte die Gruppe der Angry young men ihren Protest gegen die erstarrte
englische Gesellschaftsordnung. Unter anderem Kingsley Amis, Iris Murdoch, Alan
Sillitoe, John Wain und John Braine gehörten ihr an. Anthony Powell zeichnete
mit seinem zwölfbändigen Romanzyklus A Dance to the Music of Time
(1951-1975, Tanz zur Zeitmusik) ein eher amüsantes Panorama der
englischen Gesellschaft (insbesondere ihrer Politik- und Künstlerszene).
Murdoch ging in ihren bis zur Groteske überspitzten Romanen den Problemen des
modernen Menschen nach. Einer der erfolgreichsten Schriftsteller der sechziger
Jahre war Anthony Burgess, der mit A Clockwork Orange (1962, Uhrwerk
Orange) die Gewaltbereitschaft Jugendlicher und den mitunter ebenso
brutalen Versuch gesellschaftlicher Konditionierung thematisierte. Mit seinen
Spionageromanen fand auch John Le Carré ein breites Publikum. Wie
A. Wilson, L. P. Hartley und L. Durrell, so beschrieb
William Golding in moralischer Absicht – und vor dem Hintergrund der
Weltkriegserfahrungen – den Rückfall des Menschen in die Barbarei, so
z. B. in Lord of the Flies (1954, Herr der Fliegen), wo eine
von zwei Gruppen der auf einer Insel gestrandeten Kinder ihre Zivilisiertheit
größtenteils verliert. Silitoe beschrieb psychologisch einfühlsam das Milieu
der Arbeiterklasse und brillierte mit der Titelgeschichte des Prosabandes The
Loneliness of the Long-Distance Runner (1959, Die Einsamkeit des
Langstreckenläufers), in der ein jugendlicher Krimineller sich dadurch,
dass er einen Marathonlauf bewußt verliert, am Direktor seiner Anstalt rächt.
Während Victor Sawdon Pritchetts
Beschreibungen des Kleinbürgerlebens eher konventionell blieben, neigten andere
Autoren wie Christine Brooke-Rose, B. S. Johnson und R. Nye zu
formalen Experimenten. Auch das Frühwerk von Doris Lessing spielt mit der
Romanform. Inhaltlich stehen die Verhältnisse in Rhodesien und die
Unterdrückung der Frau im Zentrum ihrer Romane und Kurzgeschichten. John Fowles
verfasste sprachgewaltige Romane, in denen er den Widerspruch zwischen
Lebensideal und -wirklichkeit problematisierte, darunter The French
Lieutenant’s Woman (1969, Die Geliebte des französischen Leutnants).
Für Angus Wilson und Muriel Spark ist schwarzer Humor charakteristisch; ihr
bekanntester Roman, The Prime of Miss Jean Brodie (1961, Die
Lehrerin; auch: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie), schildert eine
egozentrische Edinburgher Lehrerin aus der Sicht einer sie bewundernden, später
jedoch desillusionierten Schülerin. Wie Spark, so beschreibt auch Margaret
Drabble die Suche nach einem spezifisch weiblichen Selbstverständnis.
Nachdem seit den sechziger
Jahren eine Tendenz zur subjektiven Analyse und zur Inversion die englische
Literatur bestimmte, kritisierten die in den achtziger Jahren entstandenen
Erzählwerke wieder verstärkt gesellschaftliche Missstände. Skrupellosigkeit und
egoistischer Materialismus ist typisch für die Protagonisten von Martin Amis,
der mit Romanen wie Success (1978), Money (1984, Gierig)
und London Fields (1989) großen Einfluss auf das Werk anderer Autoren
ausübte. Ian McEwan spezialisierte sich in seinen Romanen und Erzählungen auf
die Darstellung von Figuren in extremen Krisensituationen; er tat dies mit
oftmals makabrem Impuls, so in seinem furiosen Romandebüt The Cement Garden
(1978, Der Zementgarten), in dem Kinder die Leiche ihrer Mutter
vergraben. Auch nach dem Untergang des britischen Kolonialreiches setzten sich
Schriftsteller wie Paul Scott, V. S. Naipaul, Nadine Gordimer und
Ruth Prawer Jhabvala auf je eigene Art und Weise mit den Folgen des
Imperialismus auseinander. In Naipauls A House for Mr. Biswas (1961, Ein
Haus für Mr. Biswas) etwa kämpft ein akulturierter Inder verzweifelt um die
Wahrung seiner Identität; Gordimers Romane A World of Strangers (1958, Fremdling
unter Fremden), Occasion for Loving (1963, Anlass zu lieben)
und The Late Bourgeois World (1966) hingegen thematisieren die ehemalige
Apartheid in Südafrika.
Insbesondere Salman Rushdies
hochkomplexe Bücher nehmen sich des Themas imperialer Unterdrückung an, etwa in
der Prosaallegorie Midnight’s Children (1981, Mitternachtskinder).
Rushdies Werk steht der Postmoderne ebenso wie dem magischen Realismus nah,
ähnlich den feministischen Erzählungen Angela Carters. Die Tradition des an
Dickens geschulten Gesellschaftsromans pflegte Peter Ackroyd etwa mit The
Great Fire of London (1982) und The Last Testament of Oscar Wilde
(1983). David Lodge hingegen beschreibt Identitäts- und Beziehungskrisen in der
englischen Intellektuellenszene (Therapy, 1995; Therapie).
Malcolm Bradburys Bücher sind von skurilem Witz geprägt; eigene Erfahrungen als
Hochschullehrer verarbeitete er in Eating People is Wrong (1959, Menschen
ißt man nicht), The History Man (1975, Der Geschichtsmensch)
und Rates of Exchange (1982, Wechselkurse). Zur englischen
Erzählliteratur der neunziger Jahre gehören auch die Werke von Jeanette
Winterson, Alan Hollinghurst, Adam Mars Jones, Alasdair Gray, Iain Banks und
Irvine Welsh.
|
8.2 |
|
Lyrik |
Eine der herausragenden Gestalten
der englischen Dichtung zu Beginn des 20. Jahrhunderts war William Butler
Yeats, der in seinem Werk Motive der irischen Mythologie und Geschichte mit
einer vom französischen Symbolismus beeinflussten Sprache verknüpfte, so in den
Bänden The Tower (1928, Der Turm) und The Winding Stair
(1933, Die Wendeltreppe). Einer jüngeren Dichtergeneration gehörte
T. S. Eliot an, dessen Langgedicht The Waste Land (1922, Das
wüste Land) mit seinen vielfältigen Bezügen und seiner rhythmisch-freien
Form nachfolgende Lyriker nachhaltig beeinflusste. Gleichzeitig fand der Autor
einen adäquaten Ausdruck für die Erfahrung einer Zerrissenheit des
zeitgenössischen Menschen und markierte somit einen wichtigen, auch formal
reflektierten Gedanken der Moderne. (Eliots sprachgewaltige Essays gehören
neben den Schriften von I. A. Richards, F. R. Leavis und
William Empson zu den herausragenden Zeugnissen der englischen Literaturkritik
des 20. Jahrhunderts.)
Wesentliche Impulse bekam die
moderne englische Lyrik auch durch die Wiederentdeckung des viktorianischen
Dichters Gerard Manley Hopkins im Jahr 1918: Seine kühne Bildlichkeit und
experimentelle Sprache beeindruckte die junge Lyrikergeneration nachhaltig. In
den zehner Jahren entstand um T. E. Hulme der Dichterkreis des
Imagismus, der nach einer extrem metaphorischen Sprache strebte (Anthologie Des
Imagistes, 1914) und dem in England u. a. Ezra Pound, Amy Lowell,
D. H. Lawrence und Richard Aldington angehörten. Zu jenen Dichtern,
die in ihrer Dichtung die traumatischen Erfahrungen des 1. Weltkrieges zu
verarbeiten suchten, gehörten die stilistisch eher traditionellen
Schriftsteller Siegfried Sassoon, Wilfred Owen und Robert Graves (Sassoon und
Owen waren wie Rupert Chawner Brooke, Walter John de la Mare, John Masefield
und Edmund Charles Blunden Vertreter der so genannten Georgian poetry).
Graves wurde vor allem durch seinen historischen Roman Ich, Claudius, Kaiser
und Gott (1934) bekannt. Äußerst extravagant gab sich die Lyrik der
Exzentrikerin Edith Sitwell und ihres Kreises. In den dreißiger Jahren
schrieben Wystan Hugh Auden, Stephen Spender und Cecil Day-Lewis unter dem
Eindruck der sozialen Unruhen ihrer Zeit stark politisch engagierte Lyrik.
Dabei arbeitete Auden 1936 für Ascent of F-6 mit Christopher Isherwood
zusammen.
Ein weiterer Wegbereiter der
modernen Lyrik auch außerhalb Englands war Dylan Thomas, dessen oftmals der
englischen Neuromantik zugeordnetes Werk allgemeinen Themen (Liebe, Tod,
Schöpfung etc.) gewidmet ist. Besonders einprägsam ist seine in eindringlichen
Naturbeschreibungen herausbeschworene Bildlichkeit. Bedeutend ist auch Thomas’
von Erich Fried kongenial übersetztes Hörspiel Under the Milkwood
(posthum 1954, Unter dem Milchwald). In den fünfziger Jahren dann trat
die junge Dichtergruppe The Movement um Dennis Joseph Enright, Philip
Larkin, Kingsley Amis und Thom Gunn an die Öffentlichkeit, die sich zu einer
präzisen Sachlichkeit auch in der Lyrik bekannte. Ihre an den traditionellen
Stilidealen geschulte Sprache ist mit der des damals populären John Betjeman
vergleichbar; vor allem Larkin tat sich mit Bänden wie The North Ship
(1945), High Windows (1974) und The Whitsun Weddings (1964)
hervor. Dem Vitalismus eines Ted Hughes wiederum, welcher in seiner Lyrik die
Wildheit der Natur feierte – und der zwischen 1956 und 1963 mit Sylvia Plath
verheiratet war –, eiferte The Group nach, ein Kreis um Peter Porter,
Alan Brownjohn, Peter Redgrove und George MacBeth.
In den sechziger Jahren
entstand unter dem Einfluss der amerikanischen Beat generation eine rhythmisch
vom Jazz geprägte Lyrik, die in Performances vorgestellt wurde.
Pop-Art-Dichtung dieser Art schrieben die so genannten Liverpool poets
Adrian Henri, Roger McGough und Brian Patten, deren Selbstinszenierung 1968 in
England für Aufsehen sorgte. Auch der Imagismus erlebte mit J. Silkin eine
Renaissance. Satirische Dichtung verfasste Adrian Mitchell. Im Verlauf der
siebziger Jahre nahmen zahlreiche nordirische Dichter Einfluss auf die
Entwicklung der englischen Literatur, darunter Seamus Heaney und Paul Muldoon
(die zum Vorbild der nordirischen Ulster poets wurden) sowie Tom Paulin.
Für seine stark rhythmitisierte, teils elegische Dichtung, die u. a. in
den Bänden Door into the Dark (1969, Tür ins Dunkel), Wintering
Out (1972, Überwintern), Field Work (1979), Preoccupations
(1980), Station Island (1984), The Haw Lantern (1987, Die
Hagebuttenlaterne) und Seeing Things (1991) versammelt ist, erhielt
Heaney 1995 den Nobelpreis für Literatur. Wichtige Lyrikerinnen der Zeit sind
Carol Ann Duffy und Liz Lochhead. Gänzlich unbekannt hingegen ist heute Craig
Raine.
|
8.3 |
|
Drama |
Neben den späten Bühnenwerken
George Bernard Shaws ragen die Theaterstücke Sean O’Caseys aus der
englischsprachigen Dramenproduktion im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts
klar heraus. O’Casey schrieb in der Tradition der so genannten Irisch-Keltischen
Renaissance, die sich in der irischen Literatur als Erneuerungsbewegung
installiert hatte. Zu seinen in der Tradition August Strindbergs und Eugene
O’Neill stehenden Dramen gehören The Shadow of a Gunman (1923, Der
Rebell, der keiner war), Juno and the Paycock (1924, Juno und der
Pfau), das pazifistische Stück The Silver Tassie (1928, Der
Preispokal), das autobiographisch gefärbte Drama Red Roses for Me
(1942, Rote Rosen für mich) und Cock-a-Doodle Dandy (1949, Gockel,
der Geck). Im Kontext eines sozialkritischen Realismus sind James Matthew
Barrie, John Galsworthy, Harley Granville-Barker und Somerset Maugham zu sehen.
B. Travers und der überaus beliebte Sir Noël Coward (Private Lives,
1930, Intimitäten; Design for Living, 1932, Unter uns Vieren;
Blithe Spirit, 1941, Geisterkömödie) schufen raffiniert
gestaltete Salonkomödien, während J. B. Priestley in seinen
Theaterstücken die dramatische Zeitstruktur ad absurdum führte.
J. Drinkwater brillierte durch historische Dramen, T. S. Eliot,
W. H. Auden und Christopher William Isherwood wirkten mit ihren
Versdramen bis in die fünfziger Jahre – etwa auf Christopher Fry,
N. Nicolson und Anne Ridler – nach.
Anfang der fünfziger Jahre
erhielt das englische Drama wesentliche Impulse von der Generation der Angry
young men, zu welcher als Dramatiker John Osborne, Arnold Wesker, Shelagh
Delaney und John Arden gehörten; benannt wurde die Gruppe nach Osbornes Drama Look
back in anger (1957, Blick zurück im Zorn). Mit ihren Proteststücken
konstituierten sie das so genannte New English Drama. Harold Pinter
thematisierte zwischenmenschliche Konflikte, so in The Caretaker (1960, Der
Hausmeister); ähnliches unternahmen N. F. Simpson und Anne
Jellicoe. Das ehemalige Mitglied der Irisch-Republikanischen Armee (IRA)
Brendan Behan schockierte mit Dramen über gesellschaftliche Außenseiter; eines
seiner bekanntesten Stücke, The Hostage (Die Geisel), spielt in einem
irischen Bordell. Nach Aufhebung der Theaterzensur in England 1968 konnten
bisher verbotene Themenkreise auf die Bühne gebracht werden: Im Zuge dieser
Maßnahme entstanden Edward Bonds schockierende, am Theater der Grausamkeit
geschulte Bilderfolgen über politischen Machtmissbrauch – noch 1965 war die
öffentliche Aufführung des Stückes Saved (1965, Gerettet)
verboten worden, da in einer Szene eine Säuglingspuppe im Kinderwagen „zu Tode
gesteinigt” wird –, ferner die radikalpolitischen Stücke C. Woods, Howard
Brentons und Caryl Churchills. In dem gemeinsam mit David Hare geschriebenen
Drama Pravda (1985, Prawda) übte Brenton dezidiert Kritik am
britischen Pressewesen. Churchills Vinegar Tom (1976) reflektiert
Zeitgeschichte vor dem Hintergrund der Hexenverbrennungen.
Mit Samuel Beckett brachte die
englische Literatur einen der bedeutendsten Vertreter des absurden Theaters
hervor (mit seinen Prosatexten hatte Beckett bereits auf die englische
Erzählliteratur gewirkt). Der Darstellung von Alltagsneurosen der englischen
Wohlstandsgesellschaft hingegen verschrieben sich Peter Shaffer,
D. Mercer, David Storey und Christopher Hampton. Mit Equus gelang
Shaffer 1973 das eindringliche Porträt eines Jugendlichen, der nach der
Erfahrung privater und sozialer Abweisung auf brutalste Weise Pferde blendet;
weltbekannt wurde er durch die Verfilmung seines Intrigendramas Amadeus
(1979) über die Rivalität der Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart und Antonio
Salieri von 1984. Einen wichtigen Beitrag zur Wiederbelebung der Farce leistete
Alan Ayckbourn mit How the Other Half Loves (1969), Absurd Person
Singular (1973, Frohe Feste), The Norman Conquests (1974, Normans
Eroberungen), Absent Friends (1975, Freunde in der Not), A
Chorus of Disapproval (1985, Einer für alles), Man of the Moment
(1990), The Revengers’ Comedies (1991) und Time of My Life
(1993). Seine Dramatik übersteigerte Joe Orton zum teils makabren Schauderspiel
(What the Butler Saw, 1969; Was der Butler sah). Existentielle
Grenzerfahrungen beschreiben die philosophischen Dramen Tom Stoppards, der sich
auch in Fragen der Menschenrechte engagierte. Seinen ersten Ruhm erlangte er
mit der Hamlet-Adaption Rosencrantz and Guildenstern are Dead
(1967, Rosenkranz und Güldenstern), einer absurden Variante in Form
eines Spiels im Spiel; weitere Dramen Stoppards, der in den neunziger Jahren
auch erfolgreich als Drehbuchautor in Hollywood arbeitete, sind The Real
Inspector Hound (1968, Der wahre Inspektor Hound), The Real Thing
(1982, Das einzig Wahre), After Magritte (1970), Jumpers
(1972, Akrobaten), das Musikdrama Every Good Boy Deserves Favour
(1977), Arcadia (1993) und Indian Ink (1995).
Verfasst von:
Thomas Köster
Microsoft ® Encarta ® Enzyklopädie Professional 2005. © 1993-2004 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.