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Lexikon
zu Begriffen der Literatur
Fachbegriffe
der Literaturwissenschaft
Grundbegriffe
der Literaturgeschichte (1 – Kurzfassung)
Lexikon
zur Literaturgeschichte
Germanische
Literatur / (400 – 800)
Althochdeutsche
Literatur / (800 – 1060)
Mittelhochdeutsche
Literatur / (1060 – 1400)
Renaissance,
Humanismus und Reformation / (1400
- 1600)
Sturm
und Drang / (1767 - 1785)
Das
Junge Deutschland – Vormärz
/ (1820/30 - 1848)
Biedermeier /
(1815 - 1830/48)
DIE
LITERATUR DER JAHRHUNDERTWENDE
Expressionismus /
(1910 - 1925)
DIE
LITERATUR VON 1919 BIS 1945
Literatur
in der Weimarer Republik
Die
Literatur im Dritten Reich
Deutsche
Demokratische Republik / 1945 bis 1989
Bundesrepublik
Deutschland / 1945 bis heute
Schweizer
Literatur / 1945 bis heute
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Lexikon
zu Begriffen der Literatur
Fachbegriffe
der Literaturwissenschaft
Grundbegriffe
der Literaturgeschichte (1 – Kurzfassung)
Lexikon
zur Literaturgeschichte
Germanische
Literatur / (400 – 800)
Althochdeutsche
Literatur / (800 – 1060)
Mittelhochdeutsche
Literatur / (1060 – 1400)
Renaissance,
Humanismus und Reformation / (1400
- 1600)
Hans
Jakob Christoffel von Grimmelshausen
Sturm
und Drang / (1767 - 1785)
E.
T.A. (Ernst Theodor Amadeus) Hoffmann.
Friedrich
& August Wilhelm Schlegel
Das
Junge Deutschland – Vormärz
/ (1820/30 - 1848)
Biedermeier /
(1815 - 1830/48)
DIE
LITERATUR DER JAHRHUNDERTWENDE
Expressionismus /
(1910 - 1925)
DIE
LITERATUR VON 1919 BIS 1945
Literatur
in der Weimarer Republik
Die
Literatur im Dritten Reich
Deutsche
Demokratische Republik / 1945 bis 1989
Bundesrepublik
Deutschland / 1945 bis heute
5.
Phase / 80er und 90er Jahre
Schweizer
Literatur / 1945 bis heute
Kurze, treffend formulierte, oft antithetische Aussage
in Prosa. Die Aussage bleibt offen und regt zum Weiterdenken an. Die Aphorismen
Lichtenbergs sind in Deutschland Höhepunkte dieser Gattung.
Bezeichnung für Unterhaltungsliteratur im
Gegensatz zur Fachliteratur oder wissenschaftlichen Literatur.
Erzählende Dichtung im weitesten Sinn. Neben
Dramatik und Lyrik die dritte grosse Gattung der Dichtung. Wir
unterscheiden Kurzepik und Grossepik; zur ersteren rechnen wir z.B...
Märchen, Anekdote, Fabel und Kurzgeschichte, zur letzteren den Roman.
Die Novelle nimmt eine Zwischenstellung ein.
Erzählt in feierlicher, metrisch gebundener Form
von mythischen oder geschichtlichen Vorgängen. Der Held ist
meist Leitbild der Gesellschaft, die in ihren sozialen, ethischen und
religiösen Bezügen dargestellt wird, z.B..: Homers Odyssee,
Nibelungenlied.
Vermittler des epischen Geschehens an den Leser
aus einer bestimmten Perspektive und Erzählhaltung:
Ø auktoriale Erzählhaltung: Allwissender Erzähler, der den Überblick
über den Handlungsablauf hat. Er deutet voraus und kommentiert.
Kennzeichen der meisten Romane.
Ø Icherzähler: Sehr häufig in der Gegenwartsliteratur: Ein Ich erzählt
selbst, gibt Ereignisse als vermeintlich selbsterzählt wieder. Subjektive
Perspektive als Abgrenzung zur epischen Allwissenheit.
Zeitraum, über den sich die erzählte
Handlung erstreckt.
Epische Gattungsform in Prosa, die weder Umfang und Breite
des Romans noch den straffen Aufbau der Novelle hat und deren Handlung
nicht märchen- oder sagenhaft ist.
Zeitspanne, die Wiedergabe oder Lesen eines epischen
Textes ausmacht.
Kürzere, subjektive, oft künstlerisch
gestaltete Abhandlung, häufig über ein weltanschauliches,
philosophisches oder ästhetisches Problem.
Trivialliteratur, die von einem fliegenden
Händler (Kolporteur) an der Haustüre verkauft wird. Stilistisch
und inhaltlich meist trivial.
Die Bezeichnung ist eine Übersetzung von
›short story‹. Die Kurzgeschichte steht ihrer Form nach zwischen
Novelle und Anekdote. Ausschnitthafte, ein Geschehen schlaglichtartig
darstellende Erzählweise mit offenem Anfang und häufig offenem
Schluss, regt den Leser zum Weiterdenken an. ›Anonyme‹, nicht
individuell charakterisierte Personen. Seit 1945 eingebürgert.
Ursprünglich Lesung im Gottesdienst oder bei
der Klostermahlzeit, die aus dem Leben eines Heiligen berichtet; dann
sagenhaft ausgestaltete Erzählung von Heiligen oder Märtyrern.
Erzählt wundersame Begebenheiten; die
Naturgesetze sind aufgehoben. Die bedeutendste Sammlung deutscher Volksmärchen
stammt von den Brüdern Grimm. Im Gegensatz zum anonymen
Volksmärchen ist das Kunstmärchen bewusste Schöpfung eines
Dichters. Besonders die Romantiker sind Verfasser von Märchen.
Dramatische Erzählung um eine wichtige
Begebenheit. Strenge, geschlossene Form, konzentriert auf ein Dingsymbol
(ein immer wieder auftauchender Gegenstand oder eine entsprechende Situation).
Sie vermittelt im Gegensatz zu vielen Romanen weder ein umfassendes
Bild einer Epoche, noch schildert sie ganze Lebensläufe. Sie greift
Einzelsituationen aus dem Leben heraus, die für die Betroffenen
eine Schicksalswende bedeuten. Nicht die Personen, sondern das, was ihnen
widerfährt, ist wichtig. Die Novelle verzichtet auf längere Exposition,
Beschreibung und Reflexion; sie ist - ähnlich dem Drama - straff und
zielstrebig komponiert. Diese Kennzeichen unterscheiden die Novelle vom Roman.
Flugschrift, meist als politische oder
persönliche Schmähschrift, die die öffentliche Verunglimpfung
des Angegriffenen beabsichtigt.
Lehrhafte Erzählung, die eine allgemeine
Erkenntnis oder Lehre durch ein Beispiel aus einem anderen Lebensbereich
deutlich werden lässt, z.B.. die Parabel vom Verlorenen Sohn. Auch Kafkas
Erzählungen sind zum Teil Parabeln.
Nicht durch Takt, Reim oder Strophe gebundene Sprache.
Die Rahmenerzählung besteht aus
Binnenerzählung und umschliessendem Rahmen. Der Rahmen kann aus
Einführung und Abschluss oder einer Handlung (Rahmenhandlung) bestehen.
Epische Grossform in
Prosa. Meist umfassend angelegte Darstellung
der Entwicklung einer Einzelpersönlichkeit, ihres Charakters, ihres
individuellen Schicksals. Wichtigste epische Grossform in der
Neuzeit. Die Einteilung des Romans kann nach verschiedenen Gesichtspunkten
erfolgen: 1) Inhalt: Entwicklungs- oder Bildungsroman, Schelmenroman,
Reise- oder Abenteuerroman, historischer Roman,
Künstlerroman, Liebesroman usw. 2) Nach der Form: Ich-Roman,
Briefroman usw. 3) Nach der Aussageweise: Empfindsamer, humoristischer,
realistischer, idealistischer, didaktischer Roman usw.
Ursprünglich mündlich überlieferte
Erzählung mit geschichtlichem Hintergrund. Im Gegensatz zum
Märchen ist sie an einen bestimmten Ort, eine bestimmte Zeit oder eine
bestimmte Persönlichkeit gebunden.
Ursprünglich Sammelname für verschiedene
Arten von Kurzepik (z. B. Novelle, Erzählung, Anekdote) der
englischsprachigen Literatur. Die Shortstory entsteht mit dem
aufblühenden Zeitungswesen in der ersten Hälfte des 19. Jhs. in
den USA. In den Zwanzigerjahren führt die Übersetzung ihrer Werke
zur Entstehung der Gattung der Kurzgeschichte in Deutschland.
Auf Spannung und Sensation ausgerichteter und für
anspruchslose Leser berechneter Roman.
Frühneuhochdeutsche Prosafassung von
mittelalterlichen Epen, Sagen, Legenden und Schwänken in Buchform.
Dramenform der Avantgarde, in der die Darstellung der
Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz Hauptanliegen ist.
Während bei Sartre und Camus das Absurde in der Darstellung der Realität
selbst zum Ausdruck kommt, handeln bei Beckett die Spieler wie Marionetten ohne
Willen und Ziel. Ihre Sprache dient nicht mehr der Mitteilung, sondern besteht
aus Klischees. Das absurde Theater entlarvt die Einsamkeit und Beziehungslosigkeit
des modernen Menschen.
Ein in sich geschlossener Hauptabschnitt eines Dramas.
Die 5 oder 3 Akte eines Dramas entsprechen der Gliederung des Handlungsablaufs.
Die Akte (Aufzüge) sind in Szenen (Auftritte) unterteilt.
Setzt ein Geschehen voraus und zeigt die
nachträgliche, schrittweise Enthüllung.
Seit Aristoteles Einteilung des Aufbaus in Exposition,
Peripetie (plötzliches Umschlagen) und Katastrophe. Oder: Exposition,
erregendes Moment, erster Höhepunkt, retardierendes Moment, Katastrophe:
entspricht dem Aufbau in 5 Akten.
Dramaturgisches Mittel, wichtige Ereignisse, die
zeitlich zurück liegen oder die technisch auf der Bühne nicht
dargestellt werden können, durch Boten dem Zuschauer bekannt zu
machen und so in das Geschehen einzubeziehen.
Drama, dessen Tragik sich am Gegensatz zwischen
Bürgertum und Adel (Emilia Galotti, Kabale und Liebe) entfaltet oder das
Konflikte innerhalb des Bürgertums und die Fragwürdigkeit
überkommener ethisch-moralischer Grundsätze aufzeigt (Maria
Magdalene).
Im antiken Drama kommentiert und deutet der Chor das
Geschehene und spricht häufig zusammenfassend oder voraus
weisend Gedanken und Absichten des Dichters aus; gelegentlich
greift er auch in die Handlung ein.
Ursprünglich volkstümliche Stegreifkomödie,
die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Italien entsteht.
Festgelegt sind nur die Szenenfolge und die auftretenden Personen:
Arlecchino (Harlekin), Colombine, seine Geliebte, Pantalone etc. Wandernde
Schauspieltruppen verbreiten sie in ganz Europa. Viele deutsche
Schwänke und Possen sind von ihr beeinflusst.
Neben Epik und Lyrik die dritte grosse Gattung
der Dichtung. Die Handlung entfaltet in Dialog und Monolog einen Konflikt und
bedarf zur Realisierung des Publikums und der Bühne. Bei der
Bühnenaufführung kommt zum Wort noch die Mimik, d.h. der Ausdruck der
Gefühle und Gedanken durch Miene und Gebärde des
Schauspielers. Die Hauptformen des Dramas sind Tragödie, Komödie,
Tragikomödie und Schauspiel. Anfänge in Gesang und Tanz des
Dionysos-Kults in der griechischen Antike.
Wechselrede zwischen zwei oder mehreren Personen.
Kunstmittel zur Entfaltung von Handlung und Charakter.
Drama, das unter Verwendung von Zeitdokumenten einen
historischen Vorgang wiedergibt (60er Jahre 20. Jahrhundert).
Drama, das ohne Einschnitt vor dem Zuschauer abrollt.
In der modernen Dramatik ist der Einakter sehr beliebt.
Die 3 Einheiten der Handlung, des Ortes und der Zeit.
Aristoteles fordert in seiner Poetik die Einheit der Handlung.
Zeit bedeutet in der griechischen Tragödie ein Tag;
Handlungsdauer und Aufführungsdauer sind meist identisch. Die Einheit
des Ortes umfasst z.B... das Innen und Aussen eines Hauses. Die Poetiken
der französischen Klassik fordern die Wahrung der drei Einheiten.
Lessing legt in seiner ›Hamburgischen Dramaturgie‹ den Hauptakzent
auf die Einheit der Handlung.
Abschliessendes Nachwort.
Von Brecht im Gegensatz zum klassisch-aristotelischen
Drama entwickelte und theoretisch begründete Dramenform. Brecht
fordert statt der Illusion, die den Zuschauer gefühlsmässig ergreift,
eine demonstrierende Form, die durch Argumente den Zuschauer zum rationalen Betrachter
und Beurteiler macht und ihn dadurch zu eigenen Entscheidungen zwingt.
Hilfsmittel: Verfremdung.
Im griechischen Drama die zwischen die Chorlieder
eingeschobene Handlung. Heute Nebenhandlung in Roman und Drama, die
in sich abgeschlossen und mit der Haupthandlung meist nur locker verbunden ist.
Einführung in Ort, Zeit, Handlung,
Grundstimmung des Dramas oder Vorstellen der Personen, entspricht
häufig dem 1. Akt.
Aus germanischen Fruchtbarkeitsriten zur
Winteraustreibung und Dämonenbannung entstandenes schwankhaftes
Spiel, das bei Fastnachtsumzügen aufgeführt wird.
Es entsteht im spätmittelalterlichen Europa
und wird an hohen Kirchenfesten aufgeführt. Liturgische Gesänge,
szenisch gestaltet, verdeutlichen den vorgelesenen Bibeltext; z.B..
Passionsspiel oder das Fronleichnamsspiel.
Material des Hörspiels ist nur Akustisches
(Sprache, Geräusch, Musik). Die Sprache erscheint als Dialog,
(innerer) Monolog, Bericht eines Erzählers. Das Geschehen darf nicht
vielgliedrig sein; denn es gibt nur hörbare Gedächtnishilfen.
Der Dialog muss knapp bleiben. Auftritte müssen durch Geräusche,
Zuruf des Hinzukommenden, Anruf an den Hinzukommenden oder Vorstellung des
Hinzukommenden durch die Anwesenden bezeichnet werden. Der Raum entsteht
beim Hörer als Vorstellung eines Raumes durch direkte Beschreibung
des Erzählers, im Dialog, durch Geräusche (z.B..: Wellenschlag,
Eisenbahnrattern) oder die Art des Sprechklanges (Hall, gedämpfter
Schall).
Dramatische Gattungsform im Dienste der
Gegenreformation (etwa 1550-1750). Die lateinischen Dramen werden von Lehrern
an Jesuitenschulen geschrieben und von Schülern und Studenten
aufgeführt.
(Reinigung) Wird nach der aristotelischen Poetik
in der Tragödie durch die Erregung von Furcht und Mitleid bewirkt.
Im Gegensatz zur Tragödie Lösung der Konflikte
in heiterer Gelassenheit. Sie erregt Heiterkeit entweder durch Spott
über menschliche Schwächen und Torheiten, über Missstände
der Zeit und die Fragwürdigkeit ihrer Ideale, oder sie triumphiert mit
Gelächter über die Unzulänglichkeit des Menschen. Zwei
Grundtypen der Komödie lassen sich unterscheiden die Charakterkomödie,
in der bestimmte Charaktereigenarten, z.B.. Geiz, Eitelkeit usw.
verspottet werden und die Situationskomödie, in der die komische Wirkung
durch Zufall, Verwechslung oder Intrige hervorgebracht wird.
Der äussere Konflikt ist die Auseinandersetzung
zwischen Parteien. Wichtiger ist im Drama der innere Konflikt zwischen
zwei gegensätzlichen, meist einander ausschliessenden Werten, in dem
sich eine Person befindet, z.B. Pflicht und Neigung, Liebe und Ehre, Freiheit
des Individuums und Gehorsam gegenüber dem Staat. Der Konflikt ist
die Grundlage jedes Dramas. Wird er bis zur letzten Konsequenz ausgetragen, so
endet er als tragischer Konflikt mit dem Scheitern oder dem Tod des
Helden.
Wird seit Gottsched meist gleichbedeutend mit
Komödie für jedes Schauspiel mit heiterem Ausgang verwendet. Im
engeren Sinn bezeichnet es ein Schauspiel, das nicht Lächerlichkeit
durch Aufdeckung der Unzulänglichkeiten bezweckt (wie die
Komödie), sondern reines Lachen der Heiterkeit.
Selbstgespräch im Gegensatz zum Dialog, besonders
wichtig im Drama, wo er als epischer Monolog über nicht dargestellte oder
nicht darstellbare Vorgänge berichtet, neue Situationen vorbereitet
oder Geschehnisse zusammenfasst; als lyrischer Monolog
Gefühle und Stimmungen der betreffenden Person offenbart und als
Konflikt-Monolog das Ringen des Helden in seinem Inneren darstellt.
Geistliches Drama des Mittelalters, das sich aus
der Liturgie entwickelt und biblische Stoffe und Legenden szenisch gestaltet.
Von Aristoteles
geprägter Begriff, der eine Wendung im Schicksal des dramatischen Helden -
zum Schlimmen in der Tragödie, zum Guten in der Komödie -
bedeutet. Ist meistens mit der zentralen Szene des 3. Aktes verbunden.
Dramatische Gattung, die
hauptsächlich von der Situationskomik lebt und meist menschliche Unzulänglichkeiten,
Schwächen und Narrheiten verspottet.
Vorrede, Einleitung. Aus dem Prolog kann sich eine
geschlossene Szene, ein Vorspiel entwickeln, das zur Haupthandlung
hinführt.
Allgemein Bezeichnung für Drama; im engeren Sinn
Zwischenform zwischen Trauer- und Lustspiel, in der der tragische Konflikt
zwar vorhanden ist, aber durch Einsicht oder Läuterung des Helden
überwunden wird.
Gestaltung einer lustigen, meist derb-komischen
Begebenheit oder eines Schelmenstücks. Häufig ranken sich
Schwänke um bestimmte literarische Gestalten, z.B.. Till
Eulenspiegel.
Mauerschau. Zur Erweiterung des
Bühnenschauplatzes: ein parallel ablaufendes, für den Zuschauer
nicht sichtbares Geschehen spiegelt sich in der Reaktion der Beobachtenden.
(vgl. Botenbericht)
Drama, in dem sich Tragik und Komik gegenseitig
durchdringen und erhellen. Opitz und Gottsched lehnen eine Vermischung von
Tragik und Komik ab.
Sie gestaltet einen unabwendbaren Konflikt des
Individuums mit der sittlichen Weltordnung oder mit dem Schicksal, der zum Untergang
oder zumindest dem Unterliegen des Helden führt, z.B..: Konflikt des
Helden mit dem Göttlichen (Faust).
Begriff, der seit dem Barock meist mit Tragödie
gleichgesetzt wird. Im engeren Sinn bezeichnet er ein Schauspiel mit traurigem
Ausgang ohne eigentliche Tragik.
Das Verändern gewohnter Erscheinungen oder
Zusammenhänge ins Ungewöhnliche. Brecht hat im Zusammenhang mit
seinem epischen Theater diese künstlerische Technik entwickelt, nach der
sich weder der Schauspieler mit der von ihm dargestellten Person noch der
Zuschauer mit den dramatischen Vorgängen identifizieren soll. Besonders
gesellschaftliche Zustände müssen verfremdet werden, damit
ihre scheinbare Unveränderbarkeit fragwürdig wird.
Zwölfhebiger Vers mit 6 Hebungen, durch eine
Pause (Zäsur) in zwei gleiche Hälften geteilt. Ist vor allem im
Barock gebräuchlich. Die Zweigliedrigkeit macht den Alexandriner
für Antithesen und Vergleiche besonders geeignet.
Gleicher Anlaut mehrerer Wörter (germ. Stabreim):
über Stock und Stein.
Gattungsform, die lyrische, epische und
dramatische Elemente enthält. Im 14./15. Jh. bei den französischen
Troubadours ein kurzes, strophisches Lied zum Tanz. Erst in England als
›ballad‹ in heutiger Bedeutung: dramatisches Gedicht mit einem
ungewöhnlichen, oft tragischen Geschehen im Zentrum. In
Deutschland seit 1770 als Begriff und Form heimisch. Die Ballade erzählt
ein geheimnisvolles, schreckliches oder tragisches Geschehen.
Lieder, die auf Messen und Jahrmärkten von
umherziehenden Sängern oder Schaustellern auf einer Bank stehend
(daher der Name) vorgetragen werden und deren Inhalt Verbrechen, Katastrophen
und Schauergeschichten sind. Der Vortragende wird von melancholischer Drehorgelmusik
begleitet und zeigt dazu auf Bildtafeln, die das Gesungene darstellen.
Fünfhebiger Jambus ohne Reim, im deutschen Drama
seit Lessing.
Klagende, wehmutsvolle lyrische Form; meist Themen des
Todes, des Verlustes, des Verzichts.
Verse ohne Reim, ohne festes Metrum und ohne feste
Strophenform, die allein vom Rhythmus getragen werden.
Entsteht zu bestimmten feierlichen Gelegenheiten,
z.B.. Hochzeit, Thronbesteigung eines Fürsten etc.
Vers aus 6 Daktylen. Der Hexameter ist der Vers des
antiken Epos.
In der Antike Gedicht, das das friedvoll bescheidene
Landleben schildert. In der Schäferdichtung des Barocks und Rokokos erlebt
diese Dichtform eine neue Blüte.
In Aussage und Form schlichteste lyrische Dichtung;
einfache strophische Gliederung, Reimbindung, Sangbarkeit.
Dichtungsgattung, die vorwiegend Leidenschaften, Stimmungen,
Empfindungen, Erinnerungen und Erwartungen in gebundener Form wiedergibt.
Gestaltungsmittel der Lyrik sind Metrum, Rhythmus, Vers, Reim und dichterisches
Bild.
Lehre von Versmass, Strophe, Reim und Rhythmus.
Versmass, regelmässige Folge von betonten und
unbetonten Silben. Das antike Versmass misst nach Längen und Kürze,
die germanischen Sprachen zählen nach ›Hebungen‹ und
›Senkungen‹ = betonten und unbetonten Silben. Die wichtigsten Versfüsse
(Betonungsmöglichkeiten) sind:
Ø Jambus: xX (unbetont-betont), mit
steigendem Rhythmus: Es schlúg mein Hérz, geschwínd zu
Pférde (Goethe).
Ø Trochäus: Xx (betont-unbetont), mit fallendem
Rhythmus: Gólden wéhn die Tóne níeder (Brentano).
Ø Anapäst: xxX (unbetont-unbetont-betont): Wie
mein Glúck, ist mein Léid (Hölderlin).
Ø Daktylos: Xxx (betont-unbetont-unbetont),
flüssig erzählendes Metrum, vor allem im Epos: Háb ich den
Márkt und die Strássen (Goethe)
Bezeichnung für Lieder des Bänkelsangs. Der
Ausdruck ist die gesanglich gedehnte Form von ›Mordtat‹.
Lyrische Form des Weihevollen, Pathetisch-Feierlichen.
In zwei Teile gegliederter daktylischer Vers; jeder
Teil besteht aus zwei vollständigen Daktylen.
Gleichklang der Endsilben.
Ø weiblicher oder klingender Reim =
zwei- oder mehrsilbiger Reim, trägt die Betonung nicht auf der letzten
Silbe; Beispiel: singen - klingen.
Ø männlicher oder stumpfer Reim =
einsilbiger Reim, trägt die Betonung auf der letzten Silbe; Beispiel: Rat
- Tat.
Paarreim (aabb), Kreuzreim (abab), umgreifender Reim
(abba), Schweifreim (aabccb).
Die sich aus dem Sinngehalt ergebende Betonung im
Gegensatz zum messbaren metrischen Schema eines Verses.
Zur Zeit des Barocks und Rokokos Bezeichnung für
zwei oder vier gereimte Zeilen, in denen in treffenden Bildern und
Wortfügungen eine allgemeine Wahrheit oder Lebensweisheit wiedergegeben
werden.
Vierstrophiges Gedicht. Es ist in einen Aufgesang von
zwei vierzeiligen Strophen (Quartette) und in einen Abgesang von zwei dreizeiligen
Strophen (Terzette) gegliedert. Für die Quartette ist die Reimfolge abba
verbindlich, die Terzette können freier gestaltet werden. Die strenge Form
reizte im Laufe der Jahrhunderte zu jeweils neuer Ausfüllung.
Lied mit aktuellem, sozialkritischen Inhalt.
Verbindet sinnbetonte Wörter, die entweder mit
demselben Konsonanten oder einem beliebigen Vokal anlauten (= Alliteration).
Älteste gemeingermanische Reimform.
Eine durch Verbindung mehrerer Verse entstandene
rhythmische Einheit.
Die Vokale oder die Schlusskonsonanten stimmen nicht
völlig überein. Beispiel: Gemüt - Lied, sprang - ertrank.
Zeile eines Gedichts, metrisch gegliedert und durch
den Rhythmus zu einer Einheit innerhalb eines Gedichts zusammengefasst.
Im Vers regelmässig wiederkehrende Folge von
Hebung und Senkung(en).
Vergleiche Metrum.
Einfaches gereimtes Lied, mit Melodie verbunden. Weit
verbreitet und durch die mündliche Tradition häufig verändert,
zersungen.
Einschnitt, insbesondere metrischer
Einschnitt im Vers
Literatur des griechisch-römischen Altertums. Sie
wirkt befruchtend auf die europäische Literatur. Zur Zeit des Humanismus
und der Renaissance sowie der deutschen Klassik wird sie in Form und Gehalt zum
Vorbild der Dichtung und Dichtungstheorie.
Epoche der europäischen Geistesgeschichte, die im
Gegensatz zum Mittelalter durch Anwendung der kritischen Vernunft eine moderne
Kultur und Gesellschaftsordnung zu schaffen sucht.
Die Vorkämpfer für eine in Form und Gehalt
neue Richtung.
Als Epochenbezeichnung in der Literatur- und
Kunstgeschichte für das 17. Jahrhundert gebräuchlich.
Epochenbezeichnung für die unpolitische
bürgerliche Dichtung zwischen Romantik und Realismus.
Sammelbegriff für die vom Nationalsozialismus
geforderte Verherrlichung der bäuerlichen Lebensform. Hauptinhalt
sind die Treue zum Blut (Sippe, Volk, Rasse) und zum Boden (Scholle,
Heimaterde).
Nach den kindlichen Stammellauten ›dada‹
benannte antibürgerliche Kunst- und Literaturdichtung (etwa 1916-1924),
die ästhetische Gesetze ebenso ablehnt wie logische Zusammenhänge.
Bewegung (etwa 1740 bis 1780) gegen die Vorherrschaft
des Rationalismus, resp. der Aufklärung.
Literarische Bewegung zwischen 1910 und 1925. Sie
wendet sich gegen die Selbstzufriedenheit des Bürgertums, gegen fortschreitende
Technisierung aller menschlichen Bereiche und strebt nach Erneuerung des
Menschen, indem sie seiner Existenz einen neuen Sinn zu geben sucht. Die
Dichtung soll Ausdruck des Gefühls und seelischen Erlebens sein.
Meist anonyme oder pseudonyme Druckschrift, die in
polemischer Form zu politischen, religiösen und sozialen Fragen Stellung
nimmt und die Volksmeinung beeinflussen will. Blütezeit der
Flugschriftenliteratur sind Reformation und Gegenreformation. Als Berichte von
Katastrophen, Unglücksfällen, Kometenerscheinungen und Naturwundern
sind die Flugschriften Vorläufer der Zeitungen.
Vom Sturm und Drang wird im Gegensatz zum Gelehrten
und formal geschulten Dichter der Aufklärung das
›Original-Genie‹ zum Ideal erhoben, dessen Schaffen durch
Ursprünglichkeit, Intuition und Spontaneität gekennzeichnet ist.
Literarische Strömung etwa seit 1900, die sich
gegen Industrialisierung, Technisierung Verstädterung und
Intellektualisierung des Lebens richtet. Die grossen Vorbilder sind Gotthelf,
Stifter, Storm und Keller. Im Dritten Reich werden diese Tendenzen in der so
genannten Blut - und Boden - Dichtung fortgesetzt.
Es entsteht aus dem älteren, kürzeren
Heldenlied durch ausführliche Ausgestaltung von Szenen und Situationen
(Nibelungenlied).
Germanische Liedform der Völkerwanderungszeit, in
der sich das tragische Einzelschicksal vom Zeithintergrund abhebt
(Hildebrandslied).
Dichtung der Stauferzeit (ca. 1150 - 1250); sie ist
Ausdruck einer ritterlich-adeligen Standeskultur.
Die wissenschaftliche Bewegung zur Zeit der
Renaissance, die die antike Literatur und Geisteswelt wieder entdeckt und deren
Form und Gehalt zur Richtschnur der eigenen literarischen Schöpfungen
macht. Der Humanismus wird in Italien durch die Werke Dantes und Petrarcas
geistig vorbereitet. Von deutschen Studenten, die an italienischen
Universitäten studiert haben, wird der Humanismus in Deutschland
verbreitet, wo er durch die Reformation seine besondere Prägung erhält.
Von der französischen Malerei - nach Claude
Monets ›l' impression‹ (1874) - auf die Literatur der Zeit zwischen
1890 und 1910 übertragen. Im Gegensatz zum Expressionismus und
Naturalismus sucht der Impressionismus Sinneseindrücke und Empfindungen in
feinsten Nuancen wiederzugeben. Er steht dem Symbolismus nahe.
Übersetzungsversuche lateinischer Texte ins
Althochdeutsche. Zwischen die Zeilen des lateinischen Textes geschrieben.
Dichtergruppe um 1820-1848, die sich in ihren Werken
zeitkritisch mit der politischen und sozialen Situation auseinander setzt.
Vom Minnesang beeinflusste und von bürgerlichen
Zunfthandwerkern geschaffene Kunstform, die strengen Formgesetzen unterliegt.
Höfische Lyrik des Hochmittelalters, die als
Gesellschaftsdichtung - ausgehend von Südfrankreich - in der Stauferzeit
von ritterlichen Sängern und Dichtern in Deutschland gepflegt wird.
Religiöse Bewegung, die durch die Versenkung in
die eigene Seele zur Einswerdung mit Gott (unio mystica) gelangen will. Die
Mystik ist eine der wichtigsten schöpferischen Kräfte der deutschen
Sprache.
Naturgetreue Darstellung der Wirklichkeit ohne
Stilisierung oder subjektive Deutung. Umfasst als gemeineuropäische
literaturgeschichtliche Epochenbezeichnung etwa die Zeit von 1880 - 1900. Der
deutsche Naturalismus steht unter dem Einfluss von Zola, Tolstoj und
Dostojewski, Ibsen und Strindberg. Er entnimmt seine Themen meist der Schattenseite
des Lebens: Armut, Grossstadtelend, Krankheit, Verbrechen. Seine Haltung ist
gesellschaftskritisch.
Wiedergeburt einer vergangenen Kulturepoche. Im
engeren Sinn die Epoche des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit (etwa
1350 - 1600). Ausgangspunkt und Zentrum der Renaissance ist Italien.
Begriff, der die heitere, erotisch galante Poesie der
Zeit von etwa 1730 -1750 bezeichnet.
Literaturepoche von etwa 1795 bis etwa 1835. Die
romantische Ironie, die aus der Erkenntnis des Zwiespalts von Ideal und
Wirklichkeit entspringt, erlaubt dem Dichter, über seinem Werk zu stehen
und die erzielte Wirkung durch Ironie wieder aufzuheben.
Auch arkadische, bukolische Dichtung oder
Hirtendichtung genannt. Sie errichtet das künstliche Paradies einer
einfachen, naturnahen Schäferwelt.
Philosophisch-theologisches System, das sich auf die
christliche Offenbarung und die aristotelische Philosophie gründet und
Wissen und Glauben zu vereinigen sucht.
Fahrender Sänger und Musiker, besonders des
Hochmittelalters, der ursprünglich nur die mündlich überlieferte
Heldendichtung vorträgt, später aber selbst als Dichter auftritt.
Epoche der deutschen Literatur von 1767 bis 1785 (auch
Geniezeit genannt), benannt nach dem gleichnamigen Drama von Klinger. Sie
entsteht als Gegenbewegung zum Verstandeskult der Aufklärung und
verherrlicht das ›Original-Genie‹.
Strömung der modernen Kunst und Literatur, die
von Frankreich in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ausgeht. Sie will die
Überwindung des Realen und Logischen durch Aufhebung der Grenzen
zwischen Wirklichkeit und Traumwelt erreichen und durch paradoxe Kombinationen
eine hintergründige Realität, eine Überwirklichkeit
darstellen. In der deutschen Literatur finden sich surrealistische Elemente bei
A. Döblin, H. Kasack und besonders bei F. Kafka.
Von Frankreich ausgehende, gegen den Naturalismus
gerichtete Bewegung. Sie sieht die Aufgabe der Dichtung nicht in der Abbildung
der Realität, sondern will mit Hilfe einer kunstvoll gestalteten
musikalischen Sprache und oft eigenwilliger Symbolik eine tiefere Wirklichkeit
erschliessen.
Gattung des europäischen Minnesangs, Thema ist
der Abschied zweier Liebenden im Morgengrauen. Oft leitet der warnende Ruf des
Wächters das Lied ein.
Provenzalische Bezeichnung für den ritterlichen
Minnesänger und Dichter.
Lyrik der fahrenden Kleriker des Hochmittelalters, in
der Ungebundenheit und Lebensgenuss verherrlicht wird. Die bekannteste Sammlung
der Vagantenlyrik sind die Carmina Burana.
Heidnisch-germanischer Spruch kultisch-magischen
Inhalts, der Unheil und Dämonen abwehren oder die Hilfe guter Mächte
herbeirufen soll. Er beruht auf dem Glauben an die magische Kraft des Wortes.
Der Begriff entstammt der antiken Rhetorik und
bedeutet anders, d.h. bildlich sprechen. Häufig werden abstrakte Begriffe
personifiziert, z. B. Alter, Liebe, Tugend, Laster.
Sammlung von Gedichten oder Prosatexten, die unter
bestimmten Gesichtspunkten zusammengestellt ist; z.B.. deutsche Liebesgedichte
etc.
Eine für alle Wissensgebiete wichtige
Hilfswissenschaft, die alle zu bestimmten Themen verfügbaren Werke mit
Angabe von Verfasser, Titel, Auflage, Erscheinungsort und -jahr zusammenstellt.
Umfassende Bezeichnung für Vergleich, Metapher,
Symbol, Allegorie, Chiffre und Emblem. Bildhaftigkeit ist ein wesentliches
Merkmal der Dichtersprache.
Ursprünglich Zeichen einer Geheimschrift. In der
modernen Dichtung werden Symbole häufig zu Chiffren reduziert, die die
Wirklichkeit verrätseln und verfremden. Sie umschliessen das Gemeinte
nicht in der ganzen Fülle wie das Symbol, sondern deuten nur an.
Sinnbild oder Zeichen, das einen bestimmten
Bedeutungsgehalt aufweist. In der Dichtung des Barocks spielt das Emblem eine
grosse Rolle.
Handlungsverlauf einer Dichtung oder - als
literarische Gattung - eine lehrhafte Geschichte, in der meist Tiere mit
menschlichen Charaktereigenschaften ausgestattet sind.
Dichterische Veranschaulichung eines Sachverhalts oder
Vorgangs durch Vergleich mit einem ähnlichen aus einem anderen
Lebensbereich.
Randbemerkung zu einem schwer verständlichen Ausdruck
in der antiken Literatur. Erklärung und Übersetzung einzelner
lateinischer Wörter oder Redewendungen in althochdeutscher Sprache. Heute
ironisch-polemischer Zeitungskommentar zu Tagesereignissen.
Gestaltung des Seltsamen. Scheinbar Unvereinbares und
Gegensätzliches werden in oft verblüffender Weise verbunden. Die
Romantiker oder Kafka sind Meister der Groteske.
Übersteigerung des Ausdrucks in
vergrösserndem oder verkleinerndem Sinn, z.B..: Ich fühle eine Armee
in meiner Faust.
Auch erlebte Rede genannt. Stilform zum Ausdruck
unausgesprochener Gedanken. Der Erzähler wird mit seiner Erzählfigur
identisch; Perspektive der erlebenden Person.
Äusserung eines Menschen, der aus innerer Distanz
zu seinem Gegenstand unter dem Schein der Ernsthaftigkeit spöttelt
über eine Sache, einen Menschen oder auch über sich selbst. Ironie im
allgemeinen Sprachgebrauch bedeutet, dass das Gegenteil von dem, was gesagt
wird, gemeint ist. Die tragische Ironie im Drama steigert die tragische
Wirkung, indem der Zuschauer bereits das Verhängnis ahnt, wogegen sich der
Held in Sicherheit wiegt.
Vorbildlich in harmonischer Gestalt. Ausserdem
gebräuchlich für Epochen, die nach der Meinung von Kritikern
Höhepunkte einer Entwicklung darstellen..
Abgegriffene Redewendung, weit verbreitete, meist
jedoch oberflächliche oder sogar unrichtige Vorstellung.
Die der Tragik entgegengesetzte Weltsicht. Die
Fragwürdigkeit der menschlichen Existenz, die Unzulänglichkeit allen
menschlichen Bemühens, das Missverhältnis zwischen Schein und Sein,
die Hohlheit grosser Ideale, menschliche Schwächen und Torheiten
werden durchaus erkannt; aber im Lachen befreit sich der Mensch und stellt sich
über die Ereignisse.
Der Zusammenhang eines Wortes oder Textes mit dem
vorhergehenden und nachfolgenden Teil eines Schriftwerks oder einer Rede.
Bezeichnet ursprünglich eine Stilrichtung der
italienischen Malerei, auf die Literatur übertragen den so genannten
Schwulststil des Barocks oder - allgemeiner - jeden übertriebenen
Stil.
Förderer von Dichtern oder anderen
Künstlern; genannt nach Mäcenas, dem Gönner Ovids und Vergils.
Erscheint zunächst wie ein um das
›wie‹ verkürzter Vergleich; ein Begriff wird aus seinem ursprünglichen
Bereich gelöst und auf einen anderen übertragen, z.B.: Tischfuss.
Neben den Metaphern der Umgangssprache gibt es dichterische, die in ihrer
Bildlichkeit für den alltäglichen Ausdruck eintreten.
Ursprünglich beim Film die Aneinanderreihung von
Szenen, die zeitlich und räumlich nicht dem Handlungsablauf entsprechen,
z.B.. Rückblende. In Roman, Drama und Lyrik die Anwendung solcher
Techniken.
Sage von Göttern, Helden und Dämonen, von Weltentstehung
und Weltende, Deutung von Naturerscheinungen und Welträtseln. Die Mythen
regen die Dichter immer wieder zu neuer Gestaltung an.
Die Verbindung zweier widersprüchlicher oder sich
gegenseitig scheinbar ausschliessender Begriffe, z.B.: beredtes Schweigen.
Scheinbar widersinnige Behauptung; zwei miteinander
verknüpfte Begriffe scheinen sich auszuschliessen, sprechen in ihrer
Verbindung jedoch eine Erkenntnis aus, z.B.: Das Leben ist der Tod, und der Tod
ist das Leben.
Dichtungsart, die ein ernst gemeintes Werk verspottet,
indem sie zwar dessen äussere Form nachahmt, ihr aber einen nicht dazu
passenden, ins Komische gewendeten Inhalt gibt. Die Travestie verfährt
umgekehrt: Der Inhalt wird beibehalten, bekommt aber eine nicht zu ihm passende
Form. Parodie und Travestie sind in allen Dichtungsgattungen möglich. Ihre
Wirkung beruht auf dem Kontrast zwischen Inhalt und Form.
Leidenschaftliche Erregtheit und Ergriffenheit sowie
deren sprachlicher Ausdruck. Die pathetische Sprache ist durch Schwung,
Begeisterung und oft durch Feierlichkeit gekennzeichnet.
Geistreiche Verspottung.
Sonderform der Metapher,
›Vermenschlichung‹, z.B..: die Sonne lacht, Mutter Natur.
Unnütze Anhäufung von Wörtern gleicher
oder ähnlicher Bedeutung, z.B... alter Greis.
Zugespitzte Formulierung, durch die der eigentliche
Sinn erkennbar wird; besonders wichtig bei Anekdote, Witz, und Fabel.
Allgemein naturnahe Darstellung von Menschen, Dingen oder
Vorgängen im Gegensatz zu idealisierender Verklärung oder
romantischer Verzauberung.
Den Fortgang der Handlung verzögerndes Element.
Aussage oder Ausruf in Frageform; sie will die
Aufmerksamkeit des Hörers erregen; erwartet keine Antwort.
Literarische Verspottung von Missständen,
Anschauungen, Ereignissen, Personen. Entlarvung des Kleinlichen, Schlechten, Ungesunden.
Kann als Stilform die Gesamtkonzeption oder Einzelstellen einer Dichtung
bestimmen.
Ein sinnlich gegebenes und fassbares,
bildkräftiges Zeichen, das über sich hinaus auf einen höheren,
abstrakten Bereich verweist.
Die Tragik entspringt dem Konflikt gleichrangiger, einander
ausschliessender, wichtiger Werte oder dem Zusammenstoss zwischen dem
Individuum und dem übermächtigen Schicksal, in dem sich der Held auch
im Scheitern behauptet. Der Konflikt kann den Menschen vor die Entscheidung
zwischen zwei Pflichten stellen, z.B.: die Entscheidung zwischen
persönlichem Glück und Pflicht gegenüber der Gemeinschaft.
Doppelaussage; d.h. Bezeichnung eines Begriffes oder
Sachverhaltes durch zwei Wörter gleicher oder ähnlicher Bedeutung,
z.B.: immer und ewig, voll und ganz.
Bezeichnet die Darstellung eines Idealzustandes von
Staat und Gesellschaft, der nicht zu verwirklichen ist. Auch technische
Zukunftsromane werden als utopische Romane bezeichnet.
Einschnitt, insbesondere metrischer
Einschnitt im Vers.
Von einer germanischen
›Literatur‹ kann nicht gesprochen werden, wenn man Schriftlichkeit
als Massstab nimmt. Von der nur mündlich überlieferten Dichtung der
Germanen ist erhalten geblieben, was später aufgezeichnet wurde. So lassen
sich Motive und Formen erschliessen. Hauptbereiche der Werke sind: Magie und
Mythen (›Religion‹) sowie Tradition und Heldenverehrung
(›Geschichte‹). Während der Völkerwanderungszeit bildete
sich eine adlige Führungsschicht und mit ihr und für sie das epische
Heldenlied. Im Lauf des 4. Jahrhunderts entwickelten sich die grossen
Sagenkreise, die noch lange weiterwirken (z.B..: Hildebrand). Die Lieder hatten
die Aufgabe, die Tradition zu pflegen und somit auch erzieherisch zu wirken.
Daneben begleitete ›gewählte Sprache‹ vermutlich auch
religiösen Handlungen, wie das noch in den Zaubersprüchen fassbar
wird. Mit der Christianisierung verschwindet diese Kultur. Die
Christianisierung (Klöster) sichert durch ihre schriftliche Aufzeichnung
andererseits der germanischen Kultur das langfristige Überleben (alle
germanischen Zeugnisse liegen ›nur‹ in althochdeutscher
Fassung vor, sind also erst viel später aufgeschrieben worden!). Teilweise
geht diese ›Traditionspflege‹ sogar so weit, dass heidnische Texte
mit christlichen Inhalten gefüllt werden.
Wulfila Bibelübersetzung (311-383) gotisch, ältestes germanisches
(›deutsches‹) Buch
Merseburger
Zaubersprüche, Lösezauber, Fesselzauber
Hildebrandslied, Vater und Sohn treffen aufeinander, es kommt zum
Kampf
Das Althochdeutsche ist
die älteste Stufe der deutschen Sprache. Durch die Reformen Karls des Grossen (sog.
Karolingische Renaissance) entsteht zum ersten Mal eine einigermassen einheitliche
Sprache, in der auch ›Literatur‹ geschaffen wird. Diese Literatur
besteht vor allem aus religiösen Texten, da zu dieser Zeit fast nur
Klöster als kulturelle Institutionen, resp. die Kleriker als
literaturtragende Schicht in Frage kommen. Teilweise entspricht das, was als
Literatur bezeichnet wird, nicht unserem heutigen Literaturbegriff (Glossen,
Anmerkungen etc.). Die anderen Texte sind häufig Übersetzungen:
Evangelienharmonien (= Zusammenzug der 4 Evangelien zu einem) oder Gebete. Nach
der Zeit der Karolinger verschwindet das ›Deutsche‹ als
Literatursprache nochmals zu Gunsten des Lateins.
Abrogans (um 770), ›Wörterbuch‹, ältestes Buch in
deutscher Sprache
Heliand (um 830), Lebensgeschichte von Jesus in
altsächsischen Stabreimen
Tatian, Evangelienharmonie (um 830), das Original ist in der Antike entstanden,
im Kloster Fulda übersetzt worden
Otfried von Weissenburg, Evangelienharmonie (um 870)
Mit dem vollen Ausbau des
Feudalismus entsteht eine neue literaturtragende Schicht: Das Rittertum, bzw.
der ›Hof‹ als gesellschaftlicher Ort (und Treffpunkt). Die
mittelhochdeutsche Literatur wird in drei Sparten eingeteilt: Minnesang,
Höfischer Roman und Heldenepos.
Minnesang: Teil der höfischen Kultur, setzt adliges
Publikum voraus, keine Erlebnisdichtung, sondern zu einem grossen Teil die
kunstvolle Interpretation vorgegebener Situationen, Formen und Bilder.
Vorgetragen als einstimmiger Solovortrag mit Musikbegleitung, die Minnesänger
kommen aus allen Schichten, mit der Zeit ist - bedingt durch die
Strukturvorgaben - eine gewisse Erstarrung zu beobachten. Dem Minnesang wird
eine ethisch-erzieherische Kraft (Vorbildwirkung) zugesprochen. Gegensatz: hohe
(Frau von hohem Stand, unerreichbar) vs. niedere (erfüllbare Liebe) Minne,
Motive: Schmerz durch grausame Frau (unerreichbare Dame), Kreuzzugslyrik
(Kreuzzug ruft), Tagelied (der Tag ›treibt‹ den Liebhaber von der
Frau weg) u.a.
Friedrich
von Hausen
(?-1190), wichtiger Kreuzzugslyriker,
hohe Minne
Oswald von Wolkenstein (1377-1445), der ›letzte Minnesänger‹, bei ihm findet
man viele biographische Elemente in den Liedern, ›realistische‹
Minnelieder
Walther von der Vogelweide (1170-1230), bedeutendster Minnesänger, grosse
Formenreichtum, neues Frauenbild, politische Lyrik
Heldenepos: vor allem ein Vertreter: das Nibelungenlied,
Versepos, germanische Wurzeln und Gedankengut, widerspiegelt die
Völkerwanderungszeit, Schicksalsergebenheit, Ehre und Treue sind zentrale
Werte, Verfasser unbekannt, der 1. Teil handelt von Siegfried und seiner Frau
Kriemhild, Siegfried wird von Hagen getötet, weil er seinen König
beleidigt hat. Der gesamte zweite Teil ist der Rache Kriemhilds gewidmet, alle
Burgunden kommen um. Der ›germanischste‹ Held im Lied ist Hagen.
Nibelungenlied (um 1200), anonym, 39 Âventiuren
Höfischer
Roman:
›Gegenwartsliteratur‹. Die beiden Wurzeln sind: Artusepik, v.a. in
französischer Bearbeitung (Chrétien de Troyes) und die Gralssage. Er
hat gleichzeitig unterhaltenden, erzieherischen (Vorbildfunktion) und
legitimierenden Charakter (das Rittertum will seine gesellschaftliche Position
mit seiner moralischen Überlegenheit legitimieren). Ein Ritter besteht
Âventiuren, immer ausserhalb des Hofes, bewertet wird aber am Hof, Ehre
ist ein gesellschaftlicher, nicht persönlicher Wert. Zentrale Werte: Treue
gegen Gott, Frau und König und (im Gegensatz zum Heldenepos) mâze und das Christentum.
Gottfried von Strassburg (?-1220), Tristan und Isolde (1205/10)
Hartmann von Aue (um 1160-1210/20), Erec (1185), Iwein (1202)
Wolfram von Eschenbach (1170/80-1220), Parzival (1200/1210)
Ab ca. 1350
europäische Bewegung der Wiederbelebung antiker Kunst und Gedanken,
ausgehend von Italien. Rückbesinnung (gelehrter Kreise) auf den
›Humanitas‹ - Begriff der römischen Antike. Nach dem Fall
Konstantinopels 1483 fliehen griechische Gelehrte nach Italien und verbreiten
antike Wissenschaft und Kultur in Mitteleuropa. Daraus ergeben sich im Lauf der
Zeit eine Fülle an naturwissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen
(Galilei, Kepler). Es entsteht ein naturwissenschaftlicher Fortschrittsglaube.
Der Mensch tritt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Statt nur ans Jenseits zu
denken wird jetzt auch das Diesseits wichtig. Das festgefügte, angeblich
von Gott so geordnete mittelalterliche Weltbild wird durch das moderne,
reflektierte abgelöst. Das Ideal höchster individueller
Persönlichkeitsentfaltung wird angestrebt. Die Politik wird abhängig
vom Geld bürgerlicher Kaufleute der frühkapitalistischen
Handelshäuser (Fugger). Suche nach neuen Handelswegen, 1492: Entdeckung
Amerikas. Wachsendes städtisch-bürgerliches Selbstbewusstsein, das
kirchliche Bildungsmonopol wird durchbrochen. Luthers Reformation bringt eine
geistige Erneuerung und einen Wandel der Sprache, weil er - wie er selber sagt
- »dem Volk aufs Maul geschaut hat« und dadurch eine volksnahe, dem
Deutschen entsprechende Übersetzung geschaffen hat.
Erasmus von Rotterdam (1466/69-1536), bedeutendster Humanist.
Martin Luther (1483-1546), Reformationsschriften (1520/21),
Bibelübersetzung (1534) entscheidender Beitrag zur Bildung der gemeinsamen
›deutschen‹ Sprache.
Hans Sachs (1494-1576), Nürnberger Schuhmacher und Poet.
Volksbücher, Schildbürger (1598), Volksbuch von Doktor
Faustus (1587)
Johannes von Tepl (um 1350-1414), Der Ackermann aus Böhmen (um
1400)
Abgeleitet von
portugiesisch ›barroco‹ = schiefrunde Perle oder von
italienisch ›baroco‹ = rhetorische Figur der Übertreibung.
Zunächst abwertend gebraucht für übertriebene Erscheinungsformen
in Leben und Kunst; später auch als Stil- und Epochenbegriff.
Glaubensspaltung, Gegenreformation und Abwehr der Türken vor Wien
prägen die Epoche. Europa wird im Süden und Westen katholisch, im
Nordosten protestantisch bestimmt. Der Absolutismus beherrscht Staat und
Kirche; der Adel ist abhängig von den Landesfürsten. Kulturpolitik
dient der Machtentfaltung, Repräsentation und Dekoration. Die
Höfe werden kulturelle Zentren, privat sind Beamtenadel und Bürgertum
Kulturträger. Die Dichtung ist überwiegend Auftragsarbeit.
Prägende Erfahrung aus dem Dreissigjährigen Krieg ist die
›vanitas mundi‹, die Vergänglichkeit des Irdischen. Sie
führt zur antithetischen Grundstimmung: Todesangst vs. Lebenshunger. Diese
kommt vor allem in der Lyrik zum Ausdruck. Die Welt als ganze, als Panorama
tritt dem Leser im abenteuerlichen Schelmen- oder Pikaroroman entgegen, in dem
aus verzerrter Perspektive von allen und allem berichtet wird. Der Barock wird
deshalb manchmal als Geburtsstunde des deutschen Romans bezeichnet, allerdings
mit der Einschränkung, dass Barockroman und moderner Roman sehr weit
auseinander liegen (der Barockroman ist ›nur‹ eine Aneinanderreihung
von Episoden). In der Poetik wird die strenge Einhaltung formaler Gesetze
gefordert: Die Dichtung wird nach Regeln gemacht, die Beherrschung von
dichterischer Tradition und Technik ist wichtig. Dichtung ist also lernbar und
nur bedingt eine Frage des Talents. Die Überlagerung der deutschen Sprache
durch lateinische Tradition und mittelalterliche Sprachreste wird
überwunden; es entsteht eine weitgehend einheitliche deutsche Schrift- und
Dichtersprache. Wichtig hierfür ist die Arbeit der Sprachgesellschaften,
die sich u.a. dafür einsetzen, dass das Deutsche als gleichberechtigt mit
den modernen europäischen Sprachen (z.B..: Französisch) angesehen
wird.
Martin Opitz (1597-1639), Buch von der deutschen Poeterey (1624)
Hans Jakob Christoffel von
Grimmelshausen (um 1622-1676), Der abenteuerliche Simplicissimus
Teutsch (1669), berühmtestes Beispiel für den Abenteuer- und
Schelmenroman
Andreas Gryphius (1616-1664), wichtigster Dramatiker und Lyriker.
Jakob Bidermann (1578-1639), Jesuitendrama, Cenodoxus (1609)
Die im 16. Jh.
einsetzende, im 18. Jh. vorherrschende gesamteuropäische Bewegung des
Rationalismus, der Emanzipation des Denkens (Primat der Vernunft). Umfassende
geistig-literarische Erneuerungsbewegung, in die ›Empfindsamkeit‹ sowie ›Sturm
und Drang‹ eingelagert sind.
Die Aufklärung vollendet die Bemühungen seit Ende des Mittelalters,
den Menschen aus jenseitig-irrationalen Bindungen zu lösen und diesseitig
zu orientieren. Nach dem 30-jährigen Krieg herrscht zunächst eine scheinbar
dauerhafte europäische Ordnung: Absolutismus auf dem Kontinent,
parlamentarische Monarchie in England. Dem Ideal des ›Aufgeklärten
Absolutismus‹ entspricht die praktische Politik allerdings kaum. Ein
tiefes Friedensbedürfnis beherrscht die Menschen. Gleichzeitig wächst
das Selbstbewusstsein des Bürgertums. Dies äussert sich u.a. in der
Forderung nach unabhängiger Justiz und dem Schutz vor fürstlicher
Willkür. Die bürgerliche Ehre kann v.a. durch Fleiss resp.
beruflichen Ehrgeiz dargestellt werden. Ideen: religiöse Toleranz,
Gleichheit der Menschen von Natur aus. Naturwissenschaftliche Erkenntnis wird
gegen kirchliche Dogmen ausgespielt. Optimismus: Verständnis der Welt als
»der besten aller Welten« (Leibniz).
Die Kunst, die v.a.
nützen, aber auch unterhalten soll, ist geprägt durch gelehrte
Autoren. Es gibt eine klare Trennung der Gattungen sowie tragischer und
komischer Elemente. Richtlinien für die Tragödie: die aristotelischen
Einheiten von Handlung, Ort und Zeit sollen eingehalten werden. Gegen eine
allzu starre Regelung wendet sich allerdings Lessing mit Bezug auf die
Engländer. Im Mittelpunkt steht kein heroischer Held mehr, sondern der
durch Willen und Vernunft zur Vollkommenheit strebende Mensch, der sog.
mittlere Held. Wichtig ist die Reform der Theaterbühnen (Verbannung des
Hanswursts). Lehrgedicht und Fabel sind wegen ihrer moralisierenden Tendenz
beliebte Gattungen dieser Epoche.
René Descartes (1596-1650), Begründer des Rationalismus:
»Ich denke, also bin ich«
Johann Christoph Gottsched (1700-1766), Versuch einer critischen Dichtkunst vor
die Deutschen (1730), Regelwerk nach den französischen Klassikern und
Sophokles, Sterbender Cato (1731)
Immanuel Kant (1724-1804), wichtiger Philosoph der Aufklärung
(vgl. auch Klassik)
Sophie von La Roche (1731-1807), Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771) erster
deutscher Frauenroman
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), Laokoon oder Über die Grenzen der
Malerei und Poesie (1766), Miss Sara Sampson (1755), Minna von Barnhelm (1767),
Emilia Galotti (1772), Nathan der Weise (1779)
Christoph Martin Wieland (1733-1813), Agathon (1766/67)
›Sturm und
Drang‹ (1776), ein Drama von Maximilian Klinger, ist der Namensgeber
dieser weitgehend auf Deutschland beschränkten Bewegung junger Schriftsteller.
Missstände des Despotismus vor allem in den kleinen und mittleren
Fürstentümern des Südwestens werden in der Dichtung
angeprangert: Verschwendungssucht und Mätressenwirtschaft, dazu schwere
Bedrückung der Untertanen durch Steuern und Soldatenhandel. Gegen diese
Auswüchse wendet sich das bürgerliche Ehrgefühl. Auf
intellektueller Ebene wird die Vernunftherrschaft der rationalen
Aufklärung angegriffen. Der Humanitätsgedanken wird jedoch radikal
weiter geführt. Dagegen steht die Entfesselung von Fantasie und
Gefühl, der grenzenlose Individualismus des Genies, des
›Kraftmenschen‹. Das führt auch zum Konflikt mit der
Obrigkeit, zur Rebellion gegen fürstlichen und väterlichen
Machtmissbrauch, zur Anprangerung der Standesgrenzen und ihrer Konflikte. Die
›natürliche Empfindung‹ wird gegen die moralisch-geistige
Enge, Leidenschaft wird gegen Vernunft gesetzt. Diese Themen werden v.a. im
Drama aufgenommen: politische und menschliche Freiheit, der einzelne und die
Gesellschaft, Standesschranken und wahre Liebe. Politisch-revolutionär
beim jungen Schiller in den ›Räubern‹, schwärmerisch beim
jungen Goethe im ›Werther‹, der in Stil (emotional) und Anlage
(Briefroman) sehr typisch ist. J. M. R. Lenz gilt als erster ›moderner‹
Schriftsteller, der seiner Zeit weit voraus ist.
Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), Kulturpessimismus ist durch Naturoptimismus
zu überwinden (»Zurück zur Natur!«)
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Götz von Berlichingen, Urfaust, Die
Leiden des jungen Werthers (1774)
Johann Gottfried Herder (1744-1803), Abhandlung über den Ursprung der
Sprache (1770)
Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), Der Hofmeister oder Vorteile der
Privaterziehung (1774), Die Soldaten (1776)
Friedrich Schiller (1759-1805), Die Räuber (1781), Kabale und Liebe
(1784)
Heinrich Leopold Wagner (1747-1779), Die Kindsmörderin (1776)
Als
›klassisch‹ wird jeder Höhepunkt in einer historischen
Entwicklung bezeichnet. In der deutschsprachigen Literaturgeschichte haben sich
für diesen Epochenabschnitt verschiedene Bezeichnungen etabliert: Neben
›Klassik‹ auch ›Kunstepoche‹ oder
›Goethezeit‹. Die ›Weimarer Klassik‹, geprägt
durch Goethe und Schiller, wird begrenzt von Goethes italienischer Reise (1786)
und Schillers Tod (1805). Der umfassendere Begriff beginnt bei Herders
Begegnung mit Goethe (1770) und endet mit Goethes Tod (1832). Erschwert wird
die Einteilung noch dadurch, dass drei grosse Schriftsteller chronologisch in
diese Zeit gehören, in ihrem Werk aber eigenständig geblieben sind:
Jean Paul, Heinrich von Kleist und Friedrich Hölderlin.
Die Französische
Revolution mit ihren Forderungen nach ›Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit‹, das Ringen um eine bürgerliche Verfassung, die
Prägung des Begriffs ›Nation‹, die Erfahrung einer
revolutionären Diktatur und deren Überwindung durch Napoleon geben
dem 19. Jahrhundert die Grundstrukturen. Mit den politischen Vorgängen in
Frankreich setzen sich die meisten deutschen Künstler auseinander: Ihre
Reaktion war dabei anfänglich von geradezu euphorischer Begeisterung. Mit
dem Anwachsen des jakobinischen Terrors wandelte sich diese Haltung aber
zunehmend zu totaler Ablehnung. Das Menschheitsideal der Klassik, das eine
Versöhnung mit der Wirklichkeit erstrebt, kann mit der blutigen
politischen Realität nicht in Einklang gebracht werden.
Zwar nimmt infolge des
grossen Bevölkerungswachstums und der zunehmenden Alphabetisierung auch
unterer Bevölkerungsschichten die Zahl der potentiellen Leser zu,
Bücher waren jedoch zu dieser Zeit für den Einzelnen immer noch ein
kaum erschwinglicher Luxusartikel.
Die Weimarer Klassik
setzt auf die Besserung des Menschengeschlechts durch ästhetische
Erziehung. Durch die schöne Veranschaulichung des ›reinen
Menschen‹ sollte das Publikum erzogen, gebildet werden, sollte endlich
die Gesellschaft als Gemeinschaft edler Individuen entstehen. Die
Idealvorstellung der Klassik ist die harmonische Entfaltung aller menschlichen
Kräfte (Aufklärung: Toleranz, freie Selbstbestimmung; Sturm und
Drang: Schöpfertum) zu einem harmonischen Ganzen (= Humanität).
Dieses Ideal ist aber nur schwer zu verwirklichen, Humanität bleibt also
eine utopische Forderung, die als Massstab genommen wird, aber nie ganz
erreicht werden kann.
In der Klassik gewinnt
die Kunst ihre volle Autonomie. Alle zweckgerichteten Funktionen der Kunst
werden verworfen. Sie ›nützt‹ uns nichts, sie erfasst,
durchdringt und reinigt uns. Sie erhöht und verbessert uns. Die
ästhetische Erziehung löst die religiös-moralische ab. Die
Klassik sieht im antiken Griechenland das geglückte Modell der
Selbstvervollkommnung des sittlichen und geistigen Menschen. Dieses Bild diente
den deutschen Intellektuellen dazu, das Nützlichkeitsdenken des Staates
abzulehnen und die wirtschaftlichen Ambitionen des Bürgertums zu verachten.
Sie setzten auf eine Reform der Verhältnisse durch Bildung.
Nicht eine Idee in
Bildern zu kleiden, zum Allgemeinen das Besondere zu suchen, sondern die Idee
anschaulich zu vermitteln, in sinnlicher Gestalt zu vergegenwärtigen, im
Besonderen das Allgemeine zu schauen, ist daher die vornehmste Aufgabe des
Dichters. Das geschieht im Symbol, in ihm fallen Idee und Erscheinung zusammen.
Das Schöne ist ein Urphänomen, das sich allenthalben manifestiert,
ohne je in Erscheinung zu treten. Die klassische Dichtung entwickelt ein
strenges Ethos der Form und sucht das Wesentliche, Allgemeingültige der
Formen. Dieses Ethos der Form bestimmt auch den Sprachgebrauch, am klarsten
zeigt sich die stilisierende Tendenz im Drama.
Die Klassik bändigt
die ›Formlosigkeit des Gefühls‹, sie reinigt es. In Goethes
Dichtung wird das tragische Individuum (Faust) durch Selbstzucht, Liebe und
Gnade in das Weltganze aufgenommen. Bei Schiller ist das irdische Scheitern
tragischer Charaktere (Wallenstein, Maria Stuart) Erfüllung schicksalhafter
Fügung, bedeutet jedoch Gewinn innerer Freiheit.
Johann Wolfgang von Goethe, Iphigenie (1787), Torquato Tasso (1790), Faust I
(1808); Faust II (1832), Die Wahlverwandtschaften (1809), Wilhelm Meister
Friedrich Hölderlin (1770-1843), sein tragisches Lebensschicksal endet im
Wahnsinn, Oden und Hymnen
Wilhelm von Humboldt (1767-1835) orientierte die humanistische
(Kantonsschule!) Bildung am griechischen Vorbild
Heinrich von Kleist (1777-1811, Selbstmord) scheitert an der
Gesellschaft, die ihn als Dichter und freien Schriftsteller nicht
unterstützt. Prinz Friedrich von Homburg (1810), Das Käthchen von
Heilbronn (1810), Der zerbrochene Krug (1811), Michael Kohlhaas (1810)
Immanuel Kant, Begründer des deutschen Idealismus, jener
philosophischen Strömung, die die Erscheinungswelt als Produkt des Geistes
auffasst; sein Kritizismus besagt, dass man vor aller Erkenntnis
Möglichkeiten und Grenzen des menschlichen Erkennens zu prüfen habe.
Kritik der reinen Vernunft (1781) (Erkenntnistheorie), Kritik der praktischen
Vernunft (1788) (Ethik)
Jean Paul (1763-1825), erster grosser Humorist der deutschen
Literatur, erhebt den Roman zur führenden Gattung in Deutschland, Hesperus
oder 45 Hundsposttage (1795), Siebenkäs (1796/97), Titan (1803), Dr.
Katzenbergers Badereise (1809)
Friedrich Schiller, Wallenstein (1798/99), Maria Stuart (1800), Wilhelm
Tell (1804)
Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), ›edle Einfalt und stille Grösse‹
der griechischen Kunst werden zum Schönheitsideal der Klassik, er hat v.a.
Goethe beeinflusst. Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in
der Malerei und Bildhauerkunst (1755), Geschichte der Kunst des Altertums
(1764)
Frz.
›romance‹, engl. ›romantic‹ bezeichnet zunächst den
volkstümlich-höfischen Versroman des Mittelalters im Unterschied zur
lateinischen Dichtung. Ab 1740 etwa gleichbedeutend mit: fantasievoll,
schwärmerisch; auch als Bezeichnung für eine wilde, malerische
Landschaft. Friedrich Schlegel und Novalis führen die Bezeichnung für
die Dichtung ein, Novalis setzt romantisch für poetisch. Die Romantik wird
in verschiedene Phasen eingeteilt, ebenso manchmal nach (geographischer)
Herkunft. Der Übergang zum ›poetischen Realismus‹ ist fliessend.
Auch für diese
Epoche ist die Französische Revolution das prägende Ereignis.
Allerdings sind es jetzt mehr die Reaktionen auf die Ereignisse, die die
Literatur beeinflussen: Bürgerliche besinnen sich auf
›Menschenrechte für alle‹, der Begriff ›Nation‹
wird wichtig, Patriotismus erwacht in den Kämpfen gegen Napoleon. Nach dem
anfänglichen nationalen Aufbruch führt die Ernüchterung durch
die Politik, die die alten Zustände wiederherstellen will, allerdings zum
Rückzug in die private Idylle des ›Biedermeier‹ oder zur politisch-revolutionären
Literatur des ›Jungen
Deutschland‹. In der
Romantik erwacht das Geschichtsbewusstsein: Interesse am Mittelalter als dem
nationalen Ursprung, zugleich religiöse Überhöhung dieser
Epoche. Beginn historischer Forschung: Sprachforschung, (Gebrüder Grimm),
Sammeln von Werken der Vergangenheit: Volksbücher, Volksmärchen
(Gebrüder Grimm, 1812), Volkslieder (von Arnim / Brentano, 1805/08). In
den Volksmärchen, Volksbüchern und Volksliedern sehen die Romantiker
Zeugnisse der ›Kindheit‹ ihres Volkes. Ziel ist die
Überwindung der Zerrissenheit der modernen Welt durch Rückverwandlung
allen Wissens ins unbewusst Kindliche, Unschuldige. Die Romantik knüpft an
den schrankenlosen Individualismus des Sturm und Drang an. Klassische
Formvollendung lehnt sie ab. Vergangenheit und Zukunft, Wirklichkeit und
Möglichkeit, Poesie und Welt: alles ist wahr, ist gleichermassen
realistisch. Es gibt nicht nur eine, die Wirklichkeit. Offenbarung der Wahrheit
im Traum ist eine Grunderfahrung. Die Motive des Unterwegsseins (Wandern,
Reisen als Sinnbild des Suchens und Findens), der Sehnsucht und des Heimwehs
bestimmen die romantische Dichtung. Die strenge Form des Dramas wird
abgelehnt als der formen- und gattungsübergreifenden romantischen Poesie
nicht gemäss. Romantischen Ironie: Die absolute Freiheit des dichterischen
Geistes, sich über alles, auch das eigene Werk, zu erheben, frei der
Fantasie zu folgen und sie auch willkürlich wieder zu zerstören.
Bettina von Arnim (1785-1859), interessante Frauenbiographie in der Romantik. Goethes
Briefwechsel mit einem Kinde (1835)
Clemens Brentano (1778-1842), Märchen (1846)
Adalbert von Chamisso (1781-1838), Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1814)
Joseph von Eichendorff (1788-1857), Das Marmorbild (1819), Aus dem Leben
eines Taugenichts (1826), Schloss Dürande (1836)
Jacob & Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (1812),
Sprachwissenschaftliche Arbeiten
E. T.A. (Ernst Theodor Amadeus)
Hoffmann (
1776-1822), Vorläufer surrealistischer Dichtung, vermengt genaue
Beobachtung der Wirklichkeit mit Dämonisch-Unwirklichem. Der goldene Topf
(1814), Der Sandmann (1815/16), Das Fräulein von Scudery (1819),
Lebensansichten des Kater Murr (1819/21)
Novalis (1772-1801), gilt als typischste Verkörperung
des romantischen Dichters, Schlüsselerlebnis, der Tod der 15-jährigen
Braut Sophie von Kühn. Heinrich von Ofterdingen (1802)
Friedrich & August Wilhelm Schlegel, Theoretiker, Kultur- und Kunstphilosophen,
Übersetzer
Ludwig Tieck (1773 1853), Kunstmärchen,
Shakespeare-Übersetzungen
Der Schriftsteller Ludolf
Wienbarg schrieb 1834 in seinen ›Ästhetischen Feldzügen‹:
»Dem jungen Deutschland, nicht dem alten widme ich diese Reden.«
Aber erst das Verbot ihrer Schriften (1835) als ›antichristlich‹
vereinigt verschiedene junge, revolutionäre Schriftsteller (u.a. Heinrich
Heine) zu einer Bewegung.
Die industrielle
Revolution, ausgehend von England, bewirkt bedeutende wirtschaftliche und
politische Veränderungen: Das Bürgertum erstarkt, der Wirtschaftsliberalismus
(Adam Smith) führt zu ungehemmter wirtschaftlicher Konkurrenz. Zu der
bürgerlichen Weltanschauung, dem Liberalismus, gehört das Recht
ungehinderter Entfaltung des Individuums, ebenso die Forderung nach
Menschenrechten und Verfassung. Mit der wirtschaftlichen Expansion entsteht die
soziale Frage: Armut der ausgebeuteten Proletarier. Beginn der
Arbeiterbewegung, kommunistisch und sozialistisch bestimmt.
Die akademische Jugend
vor allem widersetzt sich der Restauration nach dem Wiener Kongress. Das
Wartburgfest 1817 (Gedenken an die Reformation und den Kampf gegen Napoleon)
wird durch die öffentliche Verbrennung reaktionärer Schriften durch
Studenten zum Signal. Ablehnung des Absolutismus, der orthodoxen Kirche, des
Idealismus von Klassik und Romantik. Engagement für Presse und
Meinungsfreiheit, Sozialismus, Frauenemanzipation. Gegen die
›Stagnation‹ der Goethezeit werden Politik und Sozialkritik Anlass
der Literatur. Die offiziellen Stellen reagierten umgehend: Zensur von Büchern
und Zeitungen, Verbot der Burschenschaften, Überwachung der
Universitäten.
Georg Büchner (1813-1837), wichtiger Dramatiker. Dantons Tod
(1835), Woyzeck (1836), Lenz (Novelle, 1839)
Heinrich Heine (1797-1856), emigrierte 1831 nach Paris wegen
politischer Verfolgung, der bekannteste ›politische‹ Dichter des
19. Jahrhunderts. Buch der Lieder (1827) und viele andere Werke
Georg Herwegh (1817-1875), Gedichte eines Lebendigen (1843)
Eine völlig andere
Reaktion ist allerdings auch denkbar: Das zwar wirtschaftlich, aber nicht
politisch emanzipierte Bürgertum pflegt Heim und Familie, abgetrennt von
der Politik. Der ›Nachtwächterstaat‹ soll Sicherheit und
Ordnung garantieren. Kulturell wie politisch prägend: Beharren, Restauration,
Rückzug in die private Idylle. Schriftsteller dieser
›Ausrichtung‹ werden gewöhnlich unter der Bezeichnung ›Biedermeier‹ eingeordnet. Biedermeier ist bürgerlich
gewordene Romantik. Bedürfnis nach Ruhe und Ordnung, privatem Glück
und innerem Frieden. Einsicht in die Diskrepanz zwischen Ideal und
Wirklichkeit: Selbstbescheidung, Mässigung, Unterwerfung. Resignation. Die
Dichtung ist schlicht in Sprache und Form. Liebe zum Kleinen, zum
Alltäglichen, zur Natur. Genaue und detaillierte Beschreibungen entstehen.
Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848), Die Judenbuche (1842)
Eduard Mörike (1804-1875), Gedichte, Märchen
›Sachbezug‹
wird zum Programm einer gesamteuropäischen Literaturbewegung; in Deutschland
in der Epoche zwischen dem Scheitern der 1848er Revolution und dem Ende der
Bismarck-Ära (1890). Diese Ära ist geprägt von
nationalstaatlichen Einigungsbestrebungen, aussenpolitischer Machtdemonstration
und erfolgreicher europäischer Vertragspolitik. In der Innenpolitik
Disziplinierung (Kulturkampf, Sozialistengesetz), aber gleichzeitig der Versuch
einer Lösung der sozialen Frage, 1869 Gründung der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Nach dem Deutsch-Französischen
Krieg beginnen die sog. Gründerjahre (1871ff.), milliardenschwere
Reparationszahlungen fliessen nach Deutschland. Ab 1878 zunehmend konservative
Politik. Durch die neuen Produktionsbedingungen wird ein neues und
grösseres Publikum erschlossen (Stichworte: Massenproduktion,
Familienblätter, Kolportage, Leihbücherei). Der gewaltige Aufschwung
in Naturwissenschaft und Technik führt zur Vorstellung der Erklärbarkeit
aller Dinge. Die industrielle Revolution fördert zudem pragmatisches
Denken. Allerdings untergräbt dieser Pragmatismus die humanistischen
Wertvorstellungen von Aufklärung und Klassik. Das Bürgertum,
bestimmt von forciertem Optimismus, versucht verzweifelt das klassische Ideal
des harmonisch ausgebildeten Menschen zu wahren, übertriebenes Erfolgsstreben
wird deshalb genauso verworfen wie jede andere Form von Triebhaftigkeit. Wirtschaftlicher
Erfolg gilt allerdings nicht per se als schlecht, denn der Politische
Misserfolg von 1848 hat das aufkeimende bürgerliche Selbstbewusstsein
so stark gedemütigt, dass es andere Betätigungsfelder, resp.
Kompensationsmöglichkeiten sucht.
Von Realismus spricht man
üblicherweise dann, wenn die Schriftsteller ihr Interesse dem
Alltäglichen zuwenden, um es ernsthaft, umfassend und ohne subjektive
Kommentare zu beschreiben. Zum Alltäglichen gehört insbesondere auch
die Arbeitswelt. Sie erscheint aber noch ganz in der Sicht des Bürgers,
nicht in der des Arbeiters wie später im Naturalismus. Ein sachlich
beschreibender Stil, der sich subjektiver Kommentare enthält, zieht in der
Literatur ein. Versuch einer objektiven Wirklichkeitsdarstellung. Vorrang der
erzählenden Literatur mit genauen Zustandsbeschreibungen. Mittelpunkt ist
der bürgerliche Alltag. Milieuschilderungen dienen der Verdeutlichung
seelischer Vorgänge, Historische Romane und Erzählungen. Insgesamt
sucht die Literatur den Kompromiss zwischen Kritik und Anpassung. Gegen Ende
der Epoche macht sich eine gewisse wehmütige Resignation breit:
harmonische Selbstverwirklichung und ethischer Anspruch sind in dieser Welt
nicht zu verwirklichen.
Im Realismus wird Kunst -
im Gegensatz zur Klassik - nicht mehr in der Hoffnung auf eine eingreifende
ethische Wirkung geschrieben. Sie bekommt so (selbst bei
›hochstehender‹ Kunst) eine Tendenz zur Unverbindlichkeit. Dadurch
kann sie zur Fassade werden. Dies ist die Zeit des Klassikerkults (Prachtausgaben,
Denkmäler etc.), Bildung wird zum vorzeigbaren Wert. Zugleich soll
Literatur der Entspannung dienen, nachdem man tagsüber um den Erfolg
gekämpft hat. Am beliebtesten ist daher die Unterhaltungsliteratur, die
vor den zeitgenössischen Problemen flüchtet und weiterhin die
biedermeierliche Idylle pflegt (oder Abenteuer, Exotisches etc.).
Die agitatorische
Tradition der Vormärz-Literatur dagegen verschwindet, resp. lebt in der
völlig unbekannten Arbeiterliteratur weiter.
Ludwig
Anzengruber
(1839-1889), Theaterstücke
Theodor Fontane ( 1819-1898), Effi Briest (1894/95), Der Stechlin
(1897)
Gustav Freytag (1816-1895), Soll und Haben (1855)
Friedrich
Hebbel
(1813-1863), Maria Magdalene, Agnes Bernauer
Gottfried Keller (1819-1890), Die Leute von Seldwyla (1856/1874,
Novellensammlung), Der grüne Heinrich (1879/80), Martin Salander (1886)
Eugenie Marlitt (1825-1887), sehr bekannte Trivialromane, Gartenlaube-Autorin. Goldelse
(1867)
Karl May (1842-1912), einer der meistgelesenen deutschen
Romanautoren, Abenteuer- und Reiseromane. Winnetou (1893), Durch die Wüste
(1892)
Conrad
Ferdinand Meyer (1825-1898), Jürg Jenatsch (1874), Gedichte und
Novellen
Wilhelm Raabe (1831-1910), Stopfkuchen Eine See- und Mordgeschichte
(1891)
Adalbert
Stifter
(1805-1868), Erzählungen, Romane
Theodor Storm (1817-1888), Pole Poppenspäler (1874), Der
Schimmelreiter (1888)
Verschiedene
Entwicklungen (Industrialisierung, Imperialismus) führten zu krisenhaften
Spannungen in und zwischen den Nationen. Hinter der glänzenden Fassade
(Gründerjahre) entwickelten sich Konflikte. So entstand das pessimistische
Grundgefühl, dass das Jahrhundertende (fin de siècle) auch das Ende
einer Epoche anzeige. Dieses Gefühl äusserte sich als
Dekadenzgefühl und wurde nur manchmal von der Hoffnung auf eine geistige
Erneuerung überlagert. Viele Künstler hatten das Gefühl, dass
der Einzelne, das (kreative) Individuum nichts mehr gelte in einer
Gesellschaft, die nur noch auf Masse setzt. Der eine provoziert deshalb, um
Aufmerksamkeit zu gewinnen, andere sammelten einen Kreis von Anhängern um
sich, wieder andere versanken in einer persönlichen Krise. Die unbewusste
Seite der menschlichen Persönlichkeit gerät mehr ins Blickfeld.
Die Charakterisierung der
einzelnen Epochen ist deshalb sehr widersprüchlich. Viele verschiedene
Bewegungen verlaufen parallel.
Der Naturalismus ist eine
der letzten Epochen, die noch genau (aus der Theorie) beschrieben werden kann.
Angestrebt wir eine naturgetreue Abbildung der Wirklichkeit, des Lebens der
Arbeiter und der kleinen Leute ohne Stilisierung, Beschönigung oder
metaphysische Überhöhung. Die im Realismus begonnene objektivierende
Tendenz wird radikal fortgesetzt. Der Naturalismus zeigt deshalb vor allem das
Hässliche und Triebhafte und schockiert damit sein Publikum.
Blütezeit des politischen und wirtschaftlichen Imperialismus: Einerseits
wohlhabendes Bürgertum, andererseits Mietskasernen mit lichtlosen Hinterhöfen
für ein verelendetes Proletariat. Weltanschauung: Lehre von der
Gesetzmässigkeit aller Dinge ohne metaphysische Voraussetzung. Der
Mensch ist wie die Natur wissenschaftlich erklärbar als Produkt von
Erbgut, Milieu, geschichtlicher Situation. Einfluss der Lehren von Ludwig Feuerbach, Charles
Darwin, Karl Marx. Aufgabe der Kunst: Aufdeckung der
Kausalzusammenhänge im menschlichen Schicksal. Prosa vielfach in
Reportage- und Dokumentationsstil. Im Schauspiel Versuch der Herstellung von
Wirklichkeit auf der Bühne: Alltagsmenschen (Arbeiter, Kleinbürger)
Ausgestossene (Alkoholiker, Kranke, Geistesgestörte) Alltagssprache
(Dialekt). Analytische Charakterdramen: geringe Personenzahl, ausführliche
Bühnenanweisungen, szenische Details; Vermeidung des Monologs als
›unrealistisch‹. Schlüssellochperspektive.
Gerhart Hauptmann (1862-1946), Nobelpreis 1912. Vor Sonnenaufgang
(1889), Die Weber (1892), Die Ratten (1911), Bahnwärter Thiel (Novelle)
Arno
Holz
(1863-1929), Gedichte, Prosa, Theoretiker des Naturalismus
Frank Wedekind (1864-1918), gehört halb zum Naturalismus, halb
zum Expressionismus, Frühlings Erwachen (1891)
Die Gegenströmungen
des Naturalismus zeichnen sich allgemein durch ihre Ablehnung der
Naturwissenschaften und ihr Desinteresse fürs Alltagsleben aus. Gepflegt
werden Individualität und eine ›aristokratische‹ Haltung. Wird
der Weg mehr nach Innen gesucht, spricht man von ›Neuromantik‹, ist
es mehr ein punktuelles Registrieren subjektiver Eindrücke von
›Impressionismus‹, geht es mehr um schöne, in sich ruhende
Dichtung über reines immaterielles Sein vom ›Symbolismus‹.
Dazu vermischen sich diese ›Richtungen‹ noch mit der Entfaltung der
sog. Moderne anfangs des 20. Jahrhunderts.
Im schroffen Gegensatz
zum Naturalismus wird die Möglichkeit einer objektiven Erkenntnis und
Darstellung der Tatsachenwirklichkeit bestritten und stattdessen versucht,
subjektive Wahrheit kunstvoll zu gestalten. Wiedergabe subjektiv-sinnlicher
Eindrücke und Stimmungen. Die Künstler fühlen sich von der
äusserlichen Wirklichkeit getrennt. Der Zusammenhang mit dieser kann durch
Sprache nicht mehr vermittelt werden (vgl. Hofmannsthal, Chandos Brief). Das Naturobjekt wird Anreiz und
Auslöser für seelische Regungen (Rilke). Neoromantik: Stilisierung,
romantischer Schönheitskult, fern von gesellschaftlichem Bezug, l'art pour
l'art (Rilke, Hesse, Hofmannsthal).
Friedrich Nietzsches elitär-aristokratische Vorstellung des
»Übermenschen« als Vorbild. Einfluss der französischen
Symbolisten (Baudelaire, Verlaine, Mallarmé, Rimbaud). Kritische Distanz
zur Alltagswirklichkeit und zum Zeitgeschehen, zum amusischen,
selbstzufriedenen Bürger. Musikalität und Erlesenheit des Wortes
(Rilke), kunstvolle Stilisierung (Jugendstil, George), Melancholie (décadence,
Fin-de-siècle-Stimmung). Vor allem Lyrik, weil in ihr die suggestive
Kraft des Wortes bis zur Übersteigerung in einem magisch-mystischen
Ästhetizismus gepflegt werden kann, Inneres und äussere Welt sind
nicht mehr getrennt. Subjektivierung der Sprache: unausgesprochene Gedanken,
Eindrücke, innerer Monolog. Im Drama geht die Sinngebung durch eine
sinnvolle, von der Umwelt vorgegebene Reihung von Handlungen verloren.
Augenblicke werden gestaltet.
Stefan George (1868-1933), Das Jahr der Seele (1897), Der siebte
Ring (1907)
Hugo von Hofmannsthal (1874-1929), Der Thor und der Tod (1894),
Reitergeschichte (1899), Ein Brief (1902), Ausgewählte Gedichte (1903),
Der Schwierige (1921)
Rainer Maria Rilke (1875-1926), Das Buch der Bilder (1902), Die
Turnstunde (1902), Neue Gedichte (1907), Die Aufzeichnungen des Malte Laurids
Brigge (1910)
Arthur Schnitzler (1862-1931), Anatol (1893), Liebelei (1896), Reigen
(1900), Lieutnant Gustl (1900)
Friedrich
Nietzsche
(1844-1900)
Zunächst als
›Ausdruckskunst‹ Bezeichnung für die europäische bildende
Kunst zu Anfang des Jahrhunderts, z.B.. die Malerei von Paul Cézanne,
Henri Matisse, Vincent van Gogh; seit 1911 auch für die Literatur. Letzte
nach Merkmalen abgrenz.B..are literarische Epoche des 20. Jahrhunderts. Die
folgenden Epochen werden grösstenteils nach ihrem zeitlichen
(›Zwischenkriegszeit‹) oder politischen (›Literatur der
DDR‹) Rahmen definiert.
Die Generation der
zwischen 1875 und 1895 geborenen Künstler ist geprägt durch das
Kaiserreich seit 1871, den Ersten Weltkrieg, die Grossstadterfahrung, die
Regierungszeit Wilhelms II. (1888-1918). In den Gründerjahren nach 1871
entsteht ein neureiches, selbstzufriedenes Bürgertum. Der Konflikt mit den
Vätern der Gründerzeitgeneration ist beherrschendes Motiv expressionistischer
Literatur (Kafka). Die jungen Künstler lehnen Naturalismus, Militarismus
und Kapitalismus ab, sie sind geprägt durch Kriegserfahrung. Sie fordern
Kosmopolitismus, Pazifismus, Sozialismus. Die Erfahrung der Grossstadt (Folgen
der Industrialisierung, Ballung sozialer Probleme, Isolation, Alkohol, Drogen)
wird gestaltet in Grossstadtromanen (Döblin) Vorstellung von der Stadt als
Sumpf.
Erfahrung des Krieges als
Vision des Grauens, Hilflosigkeit der Ärzte und Sanitäter, Versagen
aller bisherigen Wertvorstellungen. Hoffen auf einen neuen Anfang. Aus der
Erfahrung einer unmenschlich gewordenen Zivilisation Ablehnung des
positivistischen Weltbildes, des Darwinismus (Im Kampf ums Dasein siegt der
Stärkere). Verlust religiöser Bindung und übergeordneter
Sinngebung des Lebens, Umwertung der Werte, Psychoanalyse, Entdeckung des
Unbewussten, Traumdeutung. Erschrecken über das Versagen bisheriger Normen
führt zur Ablehnung von Tradition und Denkweisen, die auf Logik und
Erklärbarkeit beruhen. Aufbruch im politischen und im
philosophisch-ästhetischen Bereich. Die expressionistische Sprache
ist subjektiv, gekennzeichnet durch Pathos und Ekstase: Befreiung des Wortes
aus tradierten Zwängen und grammatischen Normen, Montagen, groteske
Verkürzungen, visionäre Bilder, weit hergeholte Metaphern. Im
Extremfall wird die Sprache jedes Sinns enthoben: Klanggedichte des
Dadaismus.
Unter diesem Titel werden
auch Erscheinungen des ›Surrealismus‹ und der allgemeinen
Entfremdung zusammengefasst.
Ernst Barlach (1870-1938), Dramatiker, Bildhauer, Grafiker
Johannes R. Becher (1892-1958), Gedichte
Gottfried Benn (1886-1956), in beiden Weltkriegen Militärarzt,
wird manchmal auch zur ›Sachlichkeit‹ gerechnet, in der
Frühphase Expressionist. Lyrik
Alfred Döblin (1878-1957), Facharzt für Nervenleiden, Berlin
Alexanderplatz (1929)
Georg Kaiser (1878-1945), Gas (1917/18), Gas II (1919)
Carl Sternheim (1878-1942), Die Hose (1911), Der Snob (1913), 1913
(1914)
Georg Trakl (1887-1914), Die Dichtungen (1919)
Vorausschickend muss
gesagt werden, dass die Bezeichnung ›Sachlichkeit‹ einer gewissen
Verlegenheit entspringt. Der Begriff kommt aus der Kunst- und
Architekturgeschichte und wird auf die Literatur übertragen. Gemeint
war eine Absage an das Expressive des Expressionismus. Der Phase der Ekstase
und des Pathos folgt eine der sachlichen und ironisch distanzierten
Darstellungsweise, zumindest nach dem Selbstverständnis gewisser
Autoren. In einem weiteren Sinn darf man aber auch allgemein von Sachlichkeit
sprechen, wenn man so verschiedene Erscheinungen, wie sie in dieser
›Epoche‹ vorkommen, zusammenfassen will. Man könnte auch
sagen, dass das Pendel der Literaturgeschichte (nach dem Expressionismus)
wieder auf die andere Seite ausschlägt. Das soll zwar nicht heissen, dass
wieder auf Positionen des Naturalismus zurückgegriffen wird, aber es geht
in diese Richtung. Die meisten dieser Autoren schreiben
›realistisch‹, sie sind aber nicht (mehr) so naiv zu glauben, dass
sich Realität telquel abzeichnen lässt. Brecht will die Gesellschaft
›sachlich‹ schildern, Kafka beschreibt ›sachlich‹ die
Verlorenheit und Auswegslosigkeit seiner Existenz, Hesse
›realistisch‹ seine Jugenderfahrungen und späteren Erlebnisse
etc.
Bertolt Brecht (1898-1956), beginnt als Expressionist, durchlebt und
prägt die verschiedensten Epochen. Theaterstücke, Lyrik
Hermann Broch (1886-1951), Die Schlafwandler (Trilogie, 1931/32)
Hermann Hesse (1877-1962), Nobelpreis 1946. Peter Camenzind (1904),
Unterm Rad (1906), Demian (1919), Der Steppenwolf (1927), Das Glasperlenspiel
(1943)
Franz Kafka (1883-1924), schwierig einzuordnen, er prägt
einen eigenen Stil, Surrealismus. Das Urteil (1912), Die Verwandlung (1915), In
der Strafkolonie (1919), Der Prozess (1925), Das Schloss (1926)
Heinrich Mann (1871-1950), Professor Unrat (1905), Der Untertan
(1918)
Thomas Mann (1875-1955), Nobelpreis 1929. Buddenbrooks (1901),
Tonio Kröger (1903), Der Tod in Venedig (1912), Der Zauberberg (1924)
Robert Musil (1880-1942), schwierig einzuordnen. Die Verwirrungen des Zöglings
Törless (1906), Der Mann ohne Eigenschaften (1930-43)
In knapp einer Generation
werden schwerwiegende Erschütterungen der politischen, gesellschaftlichen
und wirtschaftlichen Verhältnisse sowie der Weltanschauung erlebt, zwei
Weltkriege und der Zusammenbruch mehrerer Systeme: 1) des Kaiserreichs 1918, 2)
der ungeliebten Weimarer Republik 1933 und 3) der totalitären
nationalsozialistischen Diktatur 1945. Inflation und Weltwirtschaftskrise (6
Millionen Arbeitslose) bereiten im Kleinbürgertum, das die
Proletarisierung fürchtet, den Boden für den Führerstaat. Der
Kampf zwischen linken und rechten Extremen führt zu
bürgerkriegsähnlichen Zuständen und einer Verachtung des
versagenden Parteienstaates. Propaganda für eine Revision des »Schandfriedens«
von Versailles findet Resonanz. Nach 1933 äussere oder innere Emigration
angesichts antihumaner Politik, rassischer Verfolgung. Bücherverbrennung
am 10.04. 1933. Persönliches Leid, Verfolgungen in der ›inneren‹
Emigration, Not und Fremdheit in der äusseren. Die Schuld am Zweiten
Weltkrieg, die Mitverantwortung der Mitwissenden für das Unrecht, das
Versagen einer idealistischen Kultur angesichts von Brutalität und
Perfektion des Verbrechens werden zentrale Themen der Literatur; ihre Aufarbeitung
ist ein Versuch, nach Krieg und Zusammenbruch geistig zu überleben.
Die rasche Abfolge
verschiedener Richtungen weist u.a. darauf hin, dass sich die Künstler
schwer taten mit der Orientierung in dieser Zeit. Zwar folgen dem 1. Weltkrieg
rasch die sog. Goldenen 20er Jahre, doch darf dies über die schwierige
Lage zahlreicher Autoren nicht hinweg täuschen. Bald setzt die politische
Auseinandersetzung zwischen links und rechts, resp. innerhalb der Linken ein,
was sich auch in der Literatur in der Frage nach der ›proletarischen
Literatur‹ widerspiegelt. Die angespannte Lage führt zur
allmählichen Zerstörung der bürgerlichen Freiheiten, später
zur Zensur. In diese Zeit fällt die Etablierung zweier neuen Medien: des
Rundfunks und des Films. Es gibt kaum ein übergreifendes Stilmittel, das
die Autoren (z.B... Kafka und Hesse) verbindet. Am ehesten kann man noch im
Drama eine Linie festhalten: es gibt einige zeitkritische Stücke, bevor
damit für einige Zeit Schluss ist.
Bertolt
Brecht,
Theaterstücke
Hans Fallada (1893-1947), Kleiner Mann - was nun? (1932), Wer
einmal aus dem Blechnapf frisst (1934)
Lion Feuchtwanger (1884-1958), Erfolg (1930)
Marieluise Fleisser
(1901-1974), Fegefeuer in Ingolstadt (1926), Pioniere
in Ingolstadt (1928)
Ödön von Horvath
(1901-1938), Der ewige Spiesser
(1930), Jugend ohne Gott (1937), Theaterstücke
Erich Kästner (1899-1974), Kinderbücher, Fabian (1931/32)
Irmgard Keun (1910-1982), Das kunstseidene Mädchen (1932)
Erich Maria Remarque (1898-1970), Im Westen nichts Neues (1929)
Joseph Roth (1894-1939), Radetzkymarsch (1930)
Arnold Zweig (1887-1968), Der Streit um den Sergeanten Grischa
(1927), Die Erziehung von Verdun (1935)
Im Gesamten kann man
sagen, dass im nationalsozialistischen Deutschland keine Literatur von
Bedeutung entstehen konnte, alles war gleichgeschaltet. Dazu kommt, dass die
Literaturproduktion eher gering war. Es gibt eigentlich nur einen Autor, der
auch später noch in Erscheinung tritt: Ernst Jünger. Er (wie auch
Gottfried Benn) sind wegen ihrer Rolle während der Nazizeit zeit ihres
Lebens umstritten. Die Romane sind auf zwei grosse Themenkreise bezogen:
Bauerntum (Blut-und-Boden-Literatur) und auf den Krieg. Lyrik und Drama feiern
die Kampfgemeinschaft und den fraglosen, heroischen Opfertod. Daneben gibt es
eine Literatur der sog. Inneren Emigration, v.a. in der Lyrik, diese bleibt
allerdings umstritten.
Werner Beumelburg (1899-1963), Die Gruppe Bosemüller. Der Roman
der Frontsoldaten (1930)
Edwin Erich Dwinger (1898-1981), Die deutsche Passion (1928-32)
Hanns Johst (1890-1978), Schlageter (1933)
Ernst Jünger (*1895), In Stahlgewittern (1920), Auf den
Marmorklippen (1939)
Hermann Stehr (1864-1940), Das Geschlecht der Maechler (1929-44)
Emil Strauss (1866-1960), Das Riesenspielzeug (1934)
Josef Weinheber (1892-1945), Lyrik
Hans Zöberlein (1895-1964), Der Glaube an Deutschland. Ein Kriegserlebnis von Verdun
bis zum Umsturz (1931)
Viele Autoren verlassen ums
Jahr 1933 Deutschland, im April finden öffentliche
Bücherverbrennungen statt. Meist ist es mit dem ersten Land nicht getan:
im Zug der Eroberungen werden auch Teile Skandinaviens und Frankreichs
unsicher. In den USA entsteht eine grössere Emigrantenkolonie,
führende Köpfe sind dort: Mann und Brecht. Anna Seghers flieht nach
Mexiko. Anfänglich kann der Kontakt zur Heimat noch aufrecht erhalten
werden, tauchen auch illegal hergestellte Zeitschriften auf. Bald wird aber die
Kontrolle so rigoros, dass es keine Möglichkeit mehr gibt, in Deutschland
zu veröffentlichen. Der Roman wird zur wichtigsten literarischen Gattung,
hier findet eine ›Bilanzierung‹ des Zeitalters statt. Der grosse
historische Roman gibt die Möglichkeit, im Exil Aufschluss über die
eigene historische Situation zu gewinnen. Brechts episches Theater ist
Lehrtheater, Überwindung des Illusionstheaters. Sein Verfremdungseffekt
zerstört die Illusion einer Identifikation mit dem Geschehen auf der
Bühne und macht den Zuschauer zum kritischen Beobachter. Die Figuren sind
Niemand- oder Jedermann-Gestalten mit parabolischer Bedeutung. Viele
Schriftsteller des Exils werden an anderer Stelle aufgeführt.
Bertolt Brecht, Theaterstücke
Elias Canetti (1905-1994), Die Blendung (1936)
Anna Seghers (1900-1983), Das siebte Kreuz (1942)
Carl Zuckmayer (1896-1977), Exil in den USA, ab 1958 in der Schweiz
lebend. Der Hauptmann von Köpenick (1930), Des Teufels General (1946)
Der Autor in der DDR sieht
sich den Forderungen einer staatlichen Kulturpolitik gegenüber, die ihn
ständig als Vorbild und Erzieher in Anspruch nehmen will. Das führt
natürlich zu Auseinandersetzungen, die ein Werk inhaltlich und formal
beeinflussen. Diese Auseinandersetzungen prägen die kulturelle Entwicklung
der DDR bis zu ihrem Ende (1989). Phasen der Zensur wechseln mit Phasen der
Liberalisierung, je nachdem was gerade in der ›grossen Politik‹
aktuell ist. Das gilt in inhaltlicher und formaler Hinsicht. Kontrolliert wird
die Einhaltung bis zum Ende der DDR durch eine staatliche Aufsicht. Vermittlung
des Sozialismus ist die Hauptaufgabe. Allzu kritische Werke von DDR-Autoren
erscheinen so gar nicht, erst mit grosser Verspätung (in der liberalen
Endphase der DDR) oder nur in der Bundesrepublik Deutschland, was für die
betreffenden Autoren meist grosse Schwierigkeiten mit sich bringt (wegen
Verstoss gegen das Devisengesetz).
Die DDR sieht sich als
das ›bessere Deutschland‹. Hier wird der Nationalsozialismus besser
aufgearbeitet, wie sich erst später herausstellt aber auch nicht
vollständig (man war zu schnell zufrieden, weil man die richtige Ideologie
hatte). In der DDR stehen schnell wirtschaftliche Probleme im Mittelpunkt
(Reparationen, Aufbau), die durch die offene Grenze zur BRD noch verstärkt
werden (Flucht, Konkurrenz der Systeme). 1961: Mauerbau, der Sozialismus soll
gesichert werden. Der ›Kampf‹ gegen alles Abweichlertum im Ostblock
(z.B..: Prager Frühling 1968) geht zwar weiter, die DDR kann sich aber
auch alltäglicheren Problemen zuwenden. In den 70er Jahren treten in der
DDR die Probleme einer modernen Industriegesellschaft (Umweltzerstörung,
Konsumverhalten etc.) zu Tage. Mit Honecker kommt zwar ein frischer Wind, viele
Bürger versprechen sich eine Liberalisierung der Politik und des Alltags.
Die Führung erzielt Erfolge im Ausland (UNO, Abkommen mit der BRD),
erweist sich aber als zu wenig flexibel, um die innenpolitischen Probleme zu
lösen. Kritiker werden verfolgt, verhaftet oder - als ›humanste‹
Methode - ausgebürgert, resp. zur Ausreise aufgefordert. In den 80er
Jahren wird der politische Druck zu stark, ausserdem fällt die
Unterstützung durch die UdSSR weg (Gorbatschow): Mit zunehmendem Tempo
nähert sich die DDR ihrem Ende.
Einige der Schriftsteller,
die in der Zeit des Nationalsozialismus im Exil leben mussten, kehren in die
damalige SBZ (SowjetischeBesatzungsZone) in der Hoffnung auf eine
antifaschistische und demokratische Entwicklung zurück: u.a. Johannes R.
Becher, Bertolt Brecht, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Peter Huchel, Anna
Seghers. Die Sowjets fördern den Kulturbetrieb recht grosszügig, so
dass - trotz der im Vergleich zu den westlichen Besatzungszonen schlechteren
Lage - bald wieder ein reges kulturelles Leben entsteht. Es gibt drei Hauptlinien:
Das ›klassische Erbe‹ wird gepflegt, weil die Kommunisten sich als
die Bewahrer des (humanistisch) Guten sehen. Daneben erscheinen Werke des Exils
und - als dritte Gruppe - Bücher sog. fortschrittlicher bürgerlicher
Schriftsteller.
Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein (1947)
Theodor Plivier (1892-1955), Stalingrad (1945)
Anna Seghers, Die Toten bleiben jung (1949)
Johannes
R. Becher,
Abschied (1945), Gedichte
Bert Brecht, Gedichte
Peter Huchel (1903-1981), Gedichte (1948)
Bert
Brecht, Verschiedene
Stücke
1952 wird in der 1949
gegründeten DDR der ›Aufbau des Sozialismus‹ proklamiert.
Dafür sind gewaltige wirtschaftliche Anstrengungen nötig. Die Staatspartei,
die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), will die Künste in
diesen Prozess integrieren: Der Inhalt der Kunst muss der Marschrichtung des
politischen Kampfes folgen. Deshalb gilt der sozialistische Realismus als
verbindliches Gestaltungsprinzip: Nach sowjetischem Muster entstehen
›Aufbauromane‹, in denen der ›positive Held‹ als Sieger
aus der Auseinandersetzung mit dem rückschrittlichen Gegenspieler
hervorgeht. Er soll dem Leser Vorbild sein und ihn so in seiner Motivation
stärken und die Leistungsbereitschaft erhöhen. Dieser befohlene
Optimismus erzeugt allerdings eine ziemlich eintönige Literatur. Nach den
Aufständen von 1953 (DDR) und 1956 (Ungarn) sowie der so genannten
Entstalinisierung (Enthüllung der Verbrechen Stalins vor dem ZK der KPdSU)
gibt es kurze Phasen der Öffnung für die Kunst. 1958 fordert Walter
Ulbricht auf dem V. Parteitag der SED, die Entfremdung zwischen Künstler
und Volk zu überwinden, getreu dem Motto, dass Kopf- und Handarbeit nicht
zu trennen seien. 1959 kommt es deshalb zu einer Konferenz in Bitterfeld. Dort
fasst man die Parole: »Greif zur Feder, Kumpel! Schriftsteller in die
Produktion!« Es kommt jedoch nicht zur Entwicklung einer breiten
Massenkultur, zu gross sind die Vorbehalte gegen bloss kurz ›hinein
schauende‹ Schriftsteller.
Bruno Apitz (1900-1979), Nackt unter Wölfen (1958)
Willi Bredel (1901-1964), Die Enkel (1953)
Eduard Claudius (1911-1976), Menschen an unserer Seite (1951)
Erich Loest (*1926), Jungen, die übrig bleiben (1950)
Hans Marchwitza (1890-1965), Die Heimkehr der Kumiaks (1952),
Roheisen (1955)
Anna Seghers, Die Entscheidung (1959)
Harry Thürk (*1927), Die Herren des Salzes (1956), Die Stunde der
toten Augen (1957)
Peter Hacks (*1928), Die Schlacht bei Lobositz (1956)
Heinar Kipphardt (1922-1982), Shakespeare dringend gesucht (1953)
Heiner Müller, Der Lohndrücker (1956)
Stephan Hermlin (1915-1997), Der Flug der Taube (1952)
Günter Kunert (*1929), Unter diesem Himmel (1955)
Das einschneidendste Ereignis
dieses Jahrzehnts ist der Bau der Berliner Mauer 1961. Die DDR versucht den
Sozialismus ›ohne Störung von aussen‹ aufzubauen. Dieses
massive Eingreifen führt (paradoxerweise) zu einer gewissen Beruhigung,
allerdings erst nach einiger Zeit. Man kann liberalisieren: Man glaubt sich
›sicher‹ und lässt es zu, dass sich die Literatur jetzt mit
Problemen beschäftigt, die sich durch und mit diesem Aufbau des
Sozialismus ergeben. Neu entstehende Werke sind deshalb durch individuelle Schreibweisen
und vorsichtige Kritik (ohne grundsätzliche Infragestellung) des
sozialistischen Aufbaus geprägt. Programmatisch ist der Titel eines Buchs
von Brigitte Reimanns: ›Ankunft im Alltag‹. Die Liberalisierung
hält allerdings nicht allzu lange an, bald wird die Kontrolle wieder
schärfer. Wegen einer ›Ideologie des bürgerlichen
Skeptizismus‹ werden u.a. Wolf Biermann, Stefan Heym u.a. öffentlich
getadelt. Und zur Unterbindung direkter Kontakte zu Verlagen in der
Bundesrepublik wird ein Büro für Urheberrechte in Ostberlin eingerichtet.
Jurek Becker (1937-1997), Jakob der Lügner (1968)
Johannes
Bobrowski (1917-1965), Levins Mühle
(1964)
Günter
de Bruyn (*1926), Buridans Esel (1968)
Fritz Rudolf Fries (*1935), Der Weg nach Oobliadooh (1966/BRD)
Karl-Heinz Jakobs (*1929), Beschreibung eines Sommers (1961)
Hermann Kant (*1926), Die Aula (1965)
Erik Neutsch (*1931), Spur der Steine (1964)
Dieter Noll (*1927), Die Abenteuer des Werner Holt I und II (1960/1963)
Brigitte Reimann (1933-1973), Ankunft im Alltag (1961)
Erwin Strittmatter (1912-1993), Ole Bienkopp (1963)
Alfred Wellm (*1927), Pause für Wanzka (1968)
Christa Wolf (*1929), Der geteilte Himmel (1963), Nachdenken
über Christa T. (1968)
Helmut Baierl (*1926), Frau Flinz (1961)
Volker Braun (*1939), Kipper Paul Bauch (1966)
Peter Hacks, Moritz Tassow
Heiner Müller (1929-1996), Die Umsiedlerin (1961), Philoktet
(1965), Der Bau (1965)
Wolf Biermann (*1936), Die Drahtharfe (1965/BRD)
Johannes Bobrowski, Sarmantische Zeit (1961)
Sarah Kirsch, (*1935) Gedichte
Günter Kunert, Gedichte und Essays
Reiner Kunze (*1933), Gedichte
Anfangs der 70er Jahre
wird Erich Honecker neuer Vorsitzender, was Anlass zur Hoffnung gibt, nicht
zuletzt weil er aus der FDJ (Freie Deutsche Jugend), dem Jugendverband der DDR,
kommt. Anfänglich scheint sich dieser Optimismus auch zu bestätigen,
sagt Honecker doch auf dem VIII. Parteitag: »Wenn man von der festen
Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet der
Kunst und Literatur keine Tabus geben.« Nach einer Phase des Tauwetters
(z.B..: Plenzdorf), die von dieser Äusserung eingeleitet wird, macht die
Staatsführung aber schnell klar, wer bestimmt, wie eine ›feste
Position des Sozialismus‹ auszusehen hat: Wolf Biermann darf nach seiner Tournee
in die Bundesrepublik nicht in die DDR zurückkehren. Zahlreiche
Künstler protestieren und werden gemassregelt (vgl. dazu: Manfred Krug, Abgehauen (1996)), viele von ihnen übersiedeln
später in die Bundesrepublik, das Kulturleben der DDR erleidet damit einen
nicht mehr wieder gut zu machenden Aderlass. Man spricht deshalb manchmal vom
Jahr 1976 als dem (kulturellen) Anfang vom Ende. In der Literatur findet man
allerdings weiterhin auch die kritische Sicht auf den Alltag im Sozialismus und
auf die Vergangenheit, die 1945 nicht bewältigt zurückblieb, sondern
das Verhalten der DDR-Bürger weiter (mit)bestimmte. Auch die
DDR-Gesellschaft wird von den Erscheinungen einer modernen
Industriegesellschaft nicht verschont (Umweltzerstörung, Krisen, Platz des
Einzelnen in der Gesellschaft?). Verschiedene Autoren versuchen das - jenseits
aller Schönfärberei - zu thematisieren (z.B..: Maron) Politisch
zeichnet sich eine gewisse Entkrampfung im Verhältnis zur BRD ab.
Jurek Becker, Irreführung der Behörden (1973), Der Boxer
(1976)
Günter de Bruyn, Preisverleihung (1972)
Günter Görlich (*1928), Eine Anzeige in der Zeitung (1978)
Werner Heiduczek (*1926), Mark Aurel oder ein Semester Zärtlichkeit (1971)
Stephan Hermlin, Abendlicht (1979)
Stefan Heym, 5 Tage im Juni (1974/BRD), Collin (1979/BRD)
Hermann Kant, Das Impressum (1972), Der Aufenthalt (1977)
Reiner Kunze, Die wunderbaren Jahre (1976/BRD)
Erich Loest, Es geht seinen Gang oder Mühen in unsere Ebene
(1978)
Irmtraud Morgner (1933-1990), Leben und Abenteuer der Trobadora
Beatriz (1974)
Erik Neutsch, Auf der Suche nach Gatt (1973)
Dieter Noll, Kippenberg (1979)
Ulrich Plenzdorf, Die neuen Leiden des jungen W. (1972).
Brigitte Reimann (1933-1973), Franziska Linkerhand (1974)
Rolf Schneider (*1932), November (1979/BRD)
Harry Thürk, Der Gaukler (1979)
Maxie Wander (Hrsg.), Guten Morgen, du Schöne. Frauen in der
DDR (1977)
Christa Wolf, Kindheitsmuster (1976), Kein Ort. Nirgends (1979)
Volker Braun, Die Kipper (1972)
Heiner Müller, Zement (1973)
Ulrich Plenzdorf, Die neuen Leiden des jungen W. (1972)
Wolf Biermann, Deutschland. Ein Wintermärchen (1972/BRD)
Sarah Kirsch (*1935), Zaubersprüche (1973)
Das letzte Jahrzehnt der
DDR-Literatur lässt sich kaum mehr unter einem Stichwort zusammenfassen.
Einerseits werden Tendenzen aus den 70er Jahren fortgesetzt, andererseits kommt
- als es zu spät ist - die längst fällige Liberalisierung:
Verschiede Bücher, die vorher nur in der BRD erscheinen durften, bekommen
eine DDR-Ausgabe. In den grösseren Städten der DDR (Berlin, Leipzig,
Dresden) bilden sich oppositionelle Bewegungen, kurz vor dem Ende kommt es zu
den berühmten Demonstrationen (›Wir sind das Volk!‹). Einige
Schriftsteller und andere Intellektuelle der DDR sind der Wiedervereinigung
gegenüber skeptisch eingestellt und wünschen sich einen
›getrennten Weg der zwei Deutschlands‹. Nach 1989 kommt es noch zu
einem unangenehmen Nachspiel: Einige Schriftsteller werden als Spitzel des
Stasi entlarvt (Fries), einige geben es selber zu (Wolf, Maron, Müller).
Erst im Nachhinein wird das ganze Ausmass der Unterwanderung gerade auch der
oppositionellen DDR-Literatur in Berlin (Prenzlauer Berg: Sascha Anderson als
Hauptverräter) sichtbar.
Volker Braun, Hinze-Kunze-Roman (1985)
Stefan Heym, Nachruf (1988/BRD)
Erich Loest, Durch die Erde ein Riss (1981/BRD)
Monika Maron (*1941), Flugasche (1981/BRD)
Paul Gratzik (*1935), Transportpaule (1981), Kohlenkutte (1982)
Christoph Hein (*1944), Der fremde Freund (1982), Horns Ende (1985),
Der Tangospieler (1989)
Christa Wolf, Kassandra (1983)
Thomas
Brasch
(*1945), Verschiede Stücke
Christoph Hein, Die Ritter der Tafelrunde (1989)
Sascha Anderson (*1953), Leitfigur der sog. Prenzlauer-Szene,
Stasi-Informant, Gedichte (und Kurzprosa)
Uwe Kolbe (*1957), Gedichte
Frank-Wolf Matthies (*1951), Gedichte
Bedingungslose
Kapitulation Deutschlands am 8.5. 1945. Flüchtlingsströme aus den
Gebieten jenseits von Oder und Neisse, Aufteilung in Besatzungszonen (Potsdamer
Konferenz, 1945). Übergangszeit, Wiederaufbau Westintegration. Zunehmende
Ost-West-Spannungen (Kalter Krieg, Berlin-Blockade) und tiefe
Spaltung Deutschlands führen zu Identitätskrisen, aber auch zu
Verdrängungen der jüngsten Vergangenheit in einer westlichen
Wohlstandsgesellschaft. In den 60ern Kritik der bisherigen Entwicklung,
Politisierung, Radikalisierung. Alle politischen Strömungen
(Studentenbewegung 1968, ausserparlamentarische Opposition (APO),
Frauenbewegung, Friedensinitiativen, Rüstungsfragen) spiegeln sich auch in
der Literatur; entschiedenes politisches Engagement einiger Schriftsteller,
z.B... von Heinrich Böll und Günter Grass. Es stellt sich die Frage
nach der Aufgabe des Schriftstellers in einer bürokratisierten Welt mit
weit gehender Sinnentleerung. Später Ernüchterung, Gruppenbildung
(Friedensbewegung, Frauenbewegung, ›Grüne‹). Nach den grossen
Auseinandersetzungen Rückzug ins Private. Einer vorläufig letzten
Phase wirtschaftlicher Prosperität und ausgeprägtem Egoismus
(›Yuppies‹) folgt im Zug der Liberalisierung und Globalisierung
eine grosse soziale Verunsicherung (Arbeitslosigkeit, Renten). Im Jahr 1989:
Wiedervereinigung der beiden Teile Deutschlands.
Künstlerische
Entwicklung: Aufbrechen der Grenzen zwischen den literarischen Gattungen:
epische Komponenten im Drama, Dialog und Monolog im Roman; Lyrik ist
häufig optisch gegliederte Prosa. Das Hörspiel wird eine
eigenständige Kunstform. Erfahrungen von Existenzphilosophie und
Psychoanalyse werden aufgegriffen: Surrealismus wirkt nach, Neigung zum
›chiffrierten‹ Text, der sich eindeutiger Entschlüsselung
entzieht. Einbeziehung von Technik und industrieller Erfahrungswelt.
Experimenteller Umgang mit der Sprache (Montagen, Einblendungen, Filmtechnik).
Literatur wird zum ›Text‹. Alles ist Kunst. Im Schauspiel an Stelle
der Tragödie die Groteske (Friedrich Dürrenmatt). Einfluss
ausländischer Literatur, vor allem auf das Erzählen; die
Kurzgeschichte (Ernest Hemingway) entsteht nach 1945 in vielfacher Form. In der
Lyrik Anknüpfen an Expressionismus und Surrealismus. Neue Schreibweisen im
hermetischen Gedicht, in der konkreten Poesie, in der umgangssprachlich
gefassten Alltagslyrik. Postmoderne, die Definition des Künstlerischen
wird ungewisser, unverbindlicher. In der aktuellsten Literatur fehlen die neuen
Impulse.
Die Kunst hat im Westen
grosse Freiheiten, sie ›bezahlt‹ dafür allerdings mit ihrem
Warencharakter: Sie ist den gleichen Gesetzmässigkeiten wie jede andere
Ware unterworfen und muss sich (mit allen Mitteln) auf dem freien Markt
durchsetzen.
In dieser Phase spricht
man von Kahlschlag oder von Trümmerliteratur. Es gibt zwar eine
Fortsetzung formaler und inhaltlicher Traditionen von vor dem Krieg (z.B.. in
der Naturlyrik), entscheidender ist aber das Gefühl, an einem Nullpunkt,
Neubeginn angelangt zu sein. Das erste literarische Thema ist die
Auseinandersetzung zwischen der sog. Inneren und der Äusseren Emigration,
in der sich Thomas Mann sehr pointiert gegen die »daheim gebliebenen«
Schriftsteller (also die ›inneren Emigranten‹) wendet. Prägend
sind Schriftsteller der Jahrgänge 1916-1925, die 1945 unter dem Eindruck
von Krieg und Vernichtung zu veröffentlichen beginnen. Themen sind der
Krieg und die Heimkehr aus dem Krieg, Todeserinnerung, Fassen des
Ungeheuerlichen in der ›Sprachlosigkeit‹. Protest gegen jede Art
von Ideologie aus der Erfahrung einer missbrauchten Generation; Misstrauen
gegen die missbrauchte Sprache, die die Schriftsteller nicht mehr benutzen
wollen. Sie wird deshalb auf das Nötigste reduziert. Borchert schreibt in
seinem Heimkehrerstück ›Draussen vor der Tür‹ und in
seinen Kurzgeschichten diese Trümmersprache. Eine lose Gruppe von
Schriftstellern, 1947 entstanden und deshalb Gruppe 47 genannt, bestimmte
über mehrere Jahrzehnte das literarische Leben.
Ilse
Aichinger (*
1921), Die grössere Hoffnung (1948), Erzählungen
Heinrich Böll (1917-1985), Nobelpreis 1972. Kurzgeschichten
Wolfgang
Borchert
(1921-1947), Draussen vor der Tür (1947), Kurzgeschichten
Paul Celan (1920-1970), Gedichte, z.B..: Todesfuge (1945)
Günter Eich (1907-1972), Abgelegene Gehöfte (1948)
Max Frisch (1911-1991), Nun singen sie wieder (1945), Die chinesische Mauer (1946)
Hermann Kasack (1896-1966), Die Stadt hinter dem Strom (1947)
Wolfdietrich Schnurre (1920-1989), Kurzgeschichten
Es ist die Zeit des
Wirtschaftswunders. Die Währungsreform und die Weltpolitik führen zu
einer rasend schnellen Integration Deutschlands in die ›westliche‹
Welt. Die amerikanische Politik sieht im ›Wohlstand‹ das sicherste
Bollwerk gegen den Kommunismus. Das Wirtschaftswunder färbt das Denken
vieler Deutscher: Besitz, Statussymbole und Konsum werden wichtig, die
Vergangenheit ist vergessen. Das bringt verschiedene Schriftsteller in einen
Gewissenskonflikt: Sie begrüssen zwar einerseits die demokratische
Entwicklung, sie haben aber andererseits aus der Geschichte gelernt, auf keinen
Fall mehr eine Entwicklung, die sie als schlecht ansehen (ungebremstes
wirtschaftliches Wachstum, Verdrängung), unkommentiert hinzunehmen. So
werden sie zu unbequemen Mahnern, die Kritik an der Vergesslichkeit der
›Davongekommenen‹ üben. Anfänglich geschieht diese Kritik
von aussen, zT. in Form der Groteske (Frisch, Dürrenmatt), später befassen
sich auch deutsche Werke mit dem Thema, bis Günter Grass mit seinem
Erstling ein neues Jahrzehnt und eine neue Literatur einläutet. 1958/59
kann man als Epochenwende bezeichnen (vgl. auch Böll und Johnson).
Alfred Andersch (1914-1980), Die Kirschen der Freiheit (1952), Sansibar oder der letzte
Grund (1957)
Heinrich Böll, Wo warst du, Adam? (1951), Billard um halbzehn
(1959)
Heimito von Doderer (1896-1966), Die Strudlhofstiege (1951)
Max Frisch, Stiller (1954), Homo Faber (1957)
Günter Grass (*1927), Die Blechtrommel (1959)
Uwe Johnson (1934-1984), Mutmassungen über Jakob (1959)
Wolfgang Koeppen (1906-1996), Tauben im Gras (1951), Das Treibhaus (1953)
Thomas Mann, Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (1954)
Martin Walser (*1927), Ehen in Philippsburg (1957)
Ingeborg Bachmann (1926-1973), Der gute Gott von Manhattan
(Hörspiel 1958)
Friedrich Dürrenmatt, (1921-1990), Der Besuch der alten Dame (1956)
Günter Eich, Träume (Hörspiel, 1951)
Max Frisch, Biedermann und die Brandstifter (1958)
Ingeborg Bachmann, Die gestundete Zeit (1953), Anrufung des grossen
Bären (1956)
Gottfried Benn (1886-1956) Statische Gedichte (1948), Fragmente
(1951), (Probleme der Lyrik Vortrag, 1951)
Paul Celan, Sprachgitter (1959)
Hans Magnus Enzensberger (*1929), verteidigung der wölfe (1957)
Eugen Gomringer (*1925), Konstellationen (1953)
Marie Luise Kaschnitz (1901-1974), Neue Gedichte (1957)
Erst in den 60er Jahren
bricht die bisher verdeckte oder verdrängt Vergangenheit mit Gewalt ans
Licht der Öffentlichkeit. Vielen wird bewusst, dass die vergangenen 15
Jahre eine Zeit des Wiederaufbaus statt des Neuaufbaus gewesen sind. Mit auslösend für
diesen Prozess sind die beiden Werke ›Die Blechtrommel‹ und
›Andorra‹. Herrscht anfänglich noch Hochkonjunktur, zeichnen
sich in der zweiten Hälfte (konkret 1966/67) erste wirtschaftliche Krisen
ab, eine Phase der Rezession beginnt. Politisch ist das vielleicht wichtigste
Ereignis der Vietnamkrieg: Einerseits ist Deutschland mit den USA in der NATO
verbunden, andererseits entsteht der Eindruck, dass mit wirtschaftlichem
Wohlergehen politische Abstinenz (das Volk soll sich nicht in die Politik
einmischen) erkauft werden soll. Diesmal findet der Krieg einfach ›etwas
weiter weg‹ statt. Dem will man eine radikale, von jedem einzelnen
ausgehende Opposition entgegensetzen. Da sich dafür das Parlament als
untauglich erweist (alle Parteien arbeiten zusammen, grosse Koalition),
entsteht die APO, die Ausserparlamentarische Opposition. Im Zuge weiterer
innenpolitischer Auseinandersetzungen lässt sich dann eine zunehmende
Politisierung und ein verstärktes öffentliches Engagement auch der
Schriftsteller feststellen. Die Literatur will, resp. soll aus ihrem
Elfenbeinturm herauskommen. 1968 wird sogar der Tod der (alten, bürgerlichen)
Literatur verkündet. Die politische Auseinandersetzung ist jetzt zentrales
Thema, sie findet auf der Strasse statt (Grosse Studentenunruhen, ausgehend vom
›heissen Sommer‹ in Paris).
Alfred Andersch, Die Rote (1960/1972)
Heinrich Böll, Ansichten eines Clowns (1963)
Hubert Fichte (1935-1986), Das Waisenhaus (1965), Die Palette
(1968)
Günter Grass, Katz und Maus (1961), Die Hundejahre (1963),
Örtlich betäubt (1969)
Uwe Johnson, Das dritte Buch über Achim (1961)
Siegfried Lenz, Deutschstunde (1968)
Max von der Grün (*1926), Irrlicht und Feuer (1963)
Martin Walser, Halbzeit (1960), Das Einhorn (1966)
Günter Wallraff (*1942), 13 unerwünschte Reportagen
Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker (1962)
Rainer Werner Fassbinder (1946-1982), Katzelmacher (1968)
Max Frisch,
Andorra (1961)
Peter Handke (*1942), Publikumsbeschimpfung (1966), Kaspar (1968)
Rolf Hochhuth (*1931), Der Stellvertreter (1963)
Heinar Kipphardt, In der Sache J. Robert Oppenheimer (1964)
Martin Sperr (*1944), Jagdszenen aus Niederbayern (1966)
Martin Walser, Die Zimmerschlacht (1967)
Peter Weiss (1916-1982), Marat - de Sade (1964), Die Ermittlung (1965)
Franz Josef Degenhardt (*1931), Spiel nicht mit den Schmuddelkindern
(Liedtexte 1967 ff.)
Hans Magnus Enzensberger,
landessprache (1960), blindenschrift
(1964)
Erich Fried (1921-1988), und Vietnam und (1966)
Ernst Jandl (*1925), laut und luise (1966)
Die politische
Aufbruchsstimmung der 60er Jahre verfliegt rasch. Einerseits reagierte der
Staat in unerwarteter Härte auf die Angriffe (sog. Deutscher Herbst mit
dem Kampf gegen den Terrorismus), andererseits zersplitterte sich die
Opposition aus Frustration und ideologischer Uneinigkeit bald in kleine und
kleinste Grüppchen. Die Besinnung auf das eigene Ich zeugt von Ernüchterung
und Distanz zu öffentlicher politischer Aktion. ›Neue
Sensibilität‹ und ›Neue Innerlichkeit‹ sind die
Stichworte: Interesse an eigener und fremder Lebensgeschichte. Nach dem
Verzicht auf politische Aktion jetzt Suche nach dem persönlichem Herkommen,
den eigenen Wurzeln, resp. dem eigenen politischen Werdegang (Autobiografien).
Der Grund könnte eine gewisse Verunsicherung durch die vielen neuen
Freiheiten und die damit verloren gegangenen ›alten Strukturen‹
sein. man muss neue ›alte‹ Werte suchen. Einige machen sich auf den
›Gang durch die Institutionen‹.
Gleichzeitig entsteht
gegen Ende der 70er neu eine objektive Bedrohung durch die zunehmende
Konfrontation der Blöcke auf weltpolitischer Ebene (Atomwaffen etc.). Die
Leute politisieren konkreter, resp. bekämpfen konkrete Probleme:
Umweltverschmutzung (Grüne), Friedensbewegung. Feministisches Gedankengut
konkretisiert sich in der Frauenbewegung, die für die Frauenbefreiung
kämpft. Literarisch wird v.a. letztere wirksam, ›Frauenliteratur‹
wird zu einem Markenzeichen. Im Übrigen spricht man manchmal von sog.
Betroffenheitsliteratur, Texte, bei denen weniger die Form als der Inhalt
wichtig sind: Nachvollziehen von Erlebtem in Literatur.
Alfred Andersch, Winterspelt (1974)
Ingeborg Bachmann, Malina (1971)
Heinrich Böll, Gruppenbild mit Dame (1971), Die verlorene Ehre der Katharina Blum
(1974), Fürsorgliche Belagerung (1979)
Elias Canetti, Die gerettete Zunge (1977)
Peter O. Chotjewitz (*1934), Die Herren des Morgengrauens (1978)
Hubert Fichte, Versuch über die Pubertät. Ein Roman
(1974)
Max Frisch, Montauk (1975)
Günter Grass, Der Butt (1977)
Max von der Grün, Flächenbrand (1979)
Peter Handke, Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970),
Wunschloses Unglück (1972)
Elfriede Jelinek (*1946), wir sind lockvögel baby (1970)
Uwe Johnson, Jahrestage (1970-1983)
Wolfgang Koeppen, Jugend (1976)
Elisabeth Plessen (*1944), Mitteilung an den Adel (1976)
Karin Reschke (*1940), Verfolgte des Glücks. Findebuch der Henriette Vogel
(1982)
Brigitte Schwaiger (*1949), Wie kommt das Salz ins Meer? (1977)
Karin Struck (*1947), Klassenliebe
Uwe Timm (*1940), Heisser Sommer (1974)
Bernward Vesper (1938-1971), Die Reise. Ein Romanessay (1977)
Günter Wallraff, Der Mann, der bei BILD Hans Esser war (1977)
Martin Walser, Ein fliehendes Pferd (1978)
Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstandes (1975, 1978, 1981)
Dieter Wellershoff (*1925), Einladung an alle (1972)
Gabriele Wohmann (*1932), Ernste Absicht (1970)
Peter
Paul Zahl (*1944), Die Glücklichen (1979)
Hans Magnus Enzensberger, Das Verhör von Habana (1970)
Franz Xaver Kroetz (*1946), Wildwechsel (1970), Oberösterreich
(1972)
Botho Strauss (*1944), Trilogie des Wiedersehens (1976), Gross und
Klein (1978)
Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975), Gras. Gedichte (1970)
Hans Magnus Enzensberger, Der Untergang der Titanic. Komödie (1978)
Es ist - wie bei jeder
historischen Betrachtung - kaum möglich, Angaben zur aktuellsten Phase zu
machen. Da wir selber Mitbeteiligte sind, fehlt uns die nötige Distanz.
Wir sehen auch ›vor lauter Bäumen den Wald nicht‹. Ein
prägendes Ereignis in dieser Zeit ist natürlich das Ende der DDR
(1989) und die Aufarbeitung, resp. Verarbeitung der Wiedervereinigung
Deutschlands. Die 80er Jahre sind des Weiteren eine Zeit des ungezügelten
Konsums, Leitfigur ist der sog. Yuppie, der viel Geld verdient, sich viel
leistet und sich im Übrigen um Nichts und Niemanden kümmert. Was von
der Literaturkritik allgemein festgestellt wird, ist ein Mangel an Erzählungen,
die aktuelles Geschehen und Befindlichkeit verarbeiten.
Die moderne Literatur hat
wenig Leser, diese sind längst zu TV-Konsumenten (Privatfernsehen)
geworden. Lesen verliert gegenüber anderen Freizeitbeschäftigungen
zunehmend an Boden. Wenn gelesen wird, dann Bestseller oder Sachbücher.
Die deutsche Belletristik neigt zum Teil etwas zu selbstverliebtem,
hochstehenden Handwerk, weshalb die Leser mehr und mehr zu
angelsächsischer oder lateinamerikanischen Autoren greifen, die (noch)
Geschichten erzählen. Auch die politische Stossrichtung fehlt (fast)
völlig. Die Wiedervereinigung ist kaum ein Thema (Grass, Ein weites Feld),
wirtschaftliche Entwicklungen ebensowenig (Timm, Kopfgeldjäger). Die
Literatur hat viel von ihrer ehemaligen Funktion, Wegweiser in der Zeit zu sein,
verloren. Dabei wird diese durchaus als zunehmend unerklärbar und komplex
wahrgenommen. Der Rückzug ins Private hat sich noch verstärkt, resp.
durch die wirtschaftliche Krise sind die Leute wieder zunehmend mit andern
Dingen (Jobsuche, Soziale Sicherheit etc.) beschäftigt. Die heutige Zeit
wird als ›Postmoderne‹ bezeichnet, ein umstrittener Begriff, der
v.a. die Unverbindlichkeit resp. Undefiniertheit des modernen Kunstbegriffs
betont. ›Alles ist Kunst‹: durch die verschiedenen Entwicklungen,
die sich u.a. stark dem Alltag verpflichtet sehen (Pop-Art und Comics,
Minimalart, Graffiti und etablierte Kunst etc.), wird es für viele Laien
unverständlich, was alles Kunst sein soll.
Heinrich Böll, Frauen vor Flusslandschaft (1985)
Jurek Becker, Amanda herzlos (1992)
Alfred Endler (*1930), Tarzan am Prenzlauer Berg (1994)
Günter Grass, Die Rättin (1986), Unkenrufe (1992), Ein weites
Feld (1996)
Peter Handke, Versuch über den geglückten Tag (1991)
Wolfgang Hildesheimer (1916-1991), Marbot (1981)
Elfriede Jelinek, Die Klavierspielerin (1983), Lust (1989)
Hermann Kant, Kormoran (1994)
Monika Maron, Stille Zeile Sechs (1991), Animal triste (1996)
Herta Müller (*1953), Barfüssiger Februar. Prosa (1987),
Herztier. Roman (1994)
Christoph Ransmayr (*1954), Die Letzte Welt (1988), Morbus Kitahara (1995)
Patrick Süskind (*1949), Das Parfum (1985)
Uwe Timm, Kopfjäger (1991), Die Entdeckung der Currywurst
(1993)
Günter Wallraff, Ganz unten (1985)
Martin Walser, Brandung. Roman (1985), Verteidigung der Kindheit
(1991)
Christa Wolf, Was bleibt (1990)
Thomas Bernhard, Heldenplatz (1988)
Heiner Müller, Wolokolamsker Chaussee (1987)
Botho Strauss, Kalldewey. Farce (1981), Schlusschor. Drei Akte
(1991)
Hans Carl Artmann (*1921), gedichte von der wollust des dichtens in
worte gefasst (1989)
Durs Grünbein (*1962), Fallen und Falten. Gedichte (1994)
Sarah Kirsch, Erdreich (1982), Das simple Leben (1994)
Günter Kunert, Stilleben (1982)
Zu einem sehr grossen
Teil verläuft die Entwicklung der schweizerischen Literatur parallel zur
›deutschen‹ Literatur. Viele Literaturwissenschaftler sind sogar
der Meinung, dass es wenig Sinn mache, die deutsche Literatur nach Ländern
aufzuteilen.
Die einzigen
Besonderheiten, die die Schweiz für sich reklamieren kann, sind:
1)
Die Tatsache,
dass sie vom 2. Weltkrieg ›verschont‹ wurde
2)
Die Tatsache,
dass unsere Nationalliteratur aus 4 Literaturen besteht. Für die meisten Schriftsteller
dürfte es allerdings von noch grösserer Bedeutung sein, dass sie in
einer je andern Sprache reden und schreiben (Schweizerdeutsch -
Standarddeutsch)
3)
Die Tatsache,
dass unser Land eine ›Willensnation‹ ist, was bedeutet, dass es die
Schweiz v.a. deshalb (und solange) gibt, weil die Schweizer das wollen. Die
Schweiz gibt es nicht, weil z.B... lauter ›Gleichsprachige‹ in
einem Land zusammengefasst wurden
Unser Land wird also
nicht durch eine ›sprachliche‹ Klammer zusammengehalten,
andererseits unterscheidet sich die Deutschschweiz ›nur‹
sprachlich, aber nicht geistig vom übrigen deutschen Kulturraum.
Im Folgenden habe ich
eine alphabetische Liste ›wichtiger‹ oder aktueller Bücher
zusammengestellt, ohne dass ich dazu einen Kommentar gebe. Dieser Kommentar
(Hinweise zum Inhalt) findet sich grösstenteils im Text der
Literaturgeschichte. Ergänzt ist diese Liste noch mit einigen neuen
Büchern, die noch in keiner Literaturgeschichte zu finden sind. Es hat mit
Absicht viele Frauen in der Liste, weil diese in den ›offiziellen‹
Literaturgeschichten (noch) untervertreten sind. Die Liste ist nicht
abschliessend, bei vielen AutorInnen gäbe es auch noch andere Titel, in
der Liste sind meist ein sehr frühes und einige
›empfehlenswerte‹ Werke.
Guido Bachmann (* 1940), Gilgamesch (1966)
Peter Bichsel (*1935), Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen
(1964), Die Jahreszeiten (1967), Kindergeschichten (1969), Des Schweizers
Schweiz (1969)
Silvio Blatter (*1946), Schaltfehler (1972), Zunehmendes Heimweh (1978)
Hans Boesch (*1926), Der Kiosk (1970), Der Sog (1988), Der Bann
(1996), Der Kreis (1998), diese drei bilden eine Trilogie
Jakob Bosshart (1862-1924), Ein Rufer in der Wüste (1919)
Maja Beutler (*1936), Fuss fassen (1980), Das Bildnis der Dona Quichotte (1989)
Beat Brechbühl (*1939), Kneuss (1970)
Jakob Bührer (1888-1975), Aus Konrad Sulzers Tagebuch (1917)
Hermann Burger (1942-1989 Selbstmord), Schilten (1976), Diabelli
(1979), Die künstliche Mutter (1982), Brenner (1989)
Martin R. Dean (*1955), Die verborgenen Gärten (1982)
Walter Matthias Diggelmann (1927-1979), Die Hinterlassenschaft (1965)
Friedrich Dürrenmatt (1921-1990), Romulus der Grosse (1949), Der Tunnel (1952), Der Besuch
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