Irische Literatur

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EINLEITUNG

Irische Literatur, Sammelbezeichnung für die in Gälisch (siehe keltische Sprachen) verfasste oder in englischer Sprache von irischstämmigen und in der irischen Kultur und Lebensweise verwurzelten Schriftstellern geschriebene Literatur. Zur Literatur von irischstämmigen Schriftstellern, die in erster Linie der englischen Literatur bzw. Kultur verbunden sind – Jonathan Swift, Oliver Goldsmith, Richard Brinsley Sheridan, George Bernard Shaw, Oscar Wilde, James Joyce etc. –, siehe englische Literatur. Die in Gälisch verfasste irische Literatur wird gesondert unter dem Stichwort gälische Literatur behandelt.

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18. UND 19. JAHRHUNDERT

Die Anfänge der irischen Literatur in englischer Sprache fallen mit dem Umstand zusammen, dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts der schriftliche und mündliche Gebrauch des Gälischen abnahm. Dabei lassen sich zwei Tendenzen unterscheiden. Zum einen schrieben anonyme Dichter eher heiter-humorvolle Prosa, Schäferdichtungen und patriotische Gedichte: Als Beispiele seien die in Irland sehr bekannten Werke The Wearin’ O’ the Green (1798), The Boyne Water und Irish Molly O genannt. Zum anderen wurde inhaltlich und formal anspruchsvollere Lyrik verfasst, etwa von Thomas Moore, der mit Irish Melodies (10 Tle., 1807-1834, Irische Melodien) und National Airs (1815) hervortrat. Weitere Dichter waren Gerald Griffin mit Aileen Aroon und Francis Sylvester Mahony mit Bells of Shandon. Hauptsächlich als Romanciers bekannt wurden Charles James Lever und Samuel Lover, von denen die Texte zu zwei sehr populären irischen Volksliedern – nämlich zu The Widow Malone und zu The Widow Machree – stammen.

Zwischen Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts entstanden im Bereich der irischen Literatur in englischer Sprache vor allem patriotische und lyrische Dichtungen. Teils ernste, teils komische Romane, in denen zumeist typisch irische Lebensweisen und Charakterzüge karikiert wurden, gehören ebenfalls zu den im 19. Jahrhundert populären Werken der irischen Literatur.

Das Hauptanliegen der Verfasser patriotischer Dichtungen bestand in der Förderung des Nationalbewusstseins des irischen Volkes; formale und ästhetische Gesichtspunkte spielten in diesen Werken eine eher untergeordnete Rolle. Zahlreiche patriotische Dichter veröffentlichten in der 1842 zur Förderung des irischen Nationalbewusstseins gegründeten Zeitschrift Nation. Zu ihnen gehören Thomas Osborne Davis, der das Gedicht Lament of Owen Roe O’Neill verfasste, der auch als Romancier bekannte Dichter Joseph Sheridan Le Fanu, Denis Florence MacCarthy mit seinem Werk The Bell-Founder (1857), Jane Francesca Elgee, die unter dem Pseudonym Speranza publizierende Lady Wilde sowie Thomas D’Arcy McGee. Die bedeutendsten lyrischen Dichter waren (in chronologischer Reihenfolge): Jeremiah Joseph Callanan, James Clarence Mangan mit Dark Rosaleen, Edward Walsh, Sir Samuel Ferguson mit Lays of the Western Gael (1865), Aubrey Thomas de Vere mit The Foray of Queen Maeve and Other Legends of Ireland’s Heroic Age (1882) sowie William Allingham, Herausgeber der Anthologie Irish Songs and Poems (1887).

Im 19 Jahrhundert entstanden zahlreiche herausragende Erzählungen und Romane irischer Schriftsteller, die in englischer Sprache publizierten. Mit nationalen Themen aus der Sicht der angloirischen Oberschicht bzw. des Landadels befassten sich die protestantischen Schriftsteller, während die katholischen Literaten – die zumeist keltischer Abstammung waren – sich in ihren Werken mit dem Leben der einfachen katholischen Landbevölkerung auseinander setzten. Zu den bedeutenden Vertretern der protestantischen Erzählliteratur gehört Maria Edgeworth, deren Roman Castle Rackrent (1800, Meine hochgeborene Herrschaft) zu den ersten in englischer Sprache erschienenen Romanen mit irischem Lokalkolorit zählt. In ihrem einfühlsam geschriebenen Werk zeichnete sie ein realistisches Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie bisweilen humorvoll-ironisch kommentierte. Zu den späteren Vertretern dieser Richtung gehören Lady Sydney Morgan (The Wild Irish Girl, 1806), William Hamilton Maxwell mit seinen Erzählungen über das Soldatendasein (Stories of Waterloo, 1834), Samuel Lover, dessen Erzählungen Rory O’Moore, a National Romance (1837) und Handy Andy (1842) im irischen Kleinbauernmilieu spielen, sowie Charles James Lever mit seinen Schelmenromanen The Confessions of Harry Lorrequer (1837) und Jack Hinton (1843).

Zu den katholischen Schriftstellern der irischen Literatur zählen die Brüder John Banim und Michael Banim, die vor allem mit ihren Schilderungen des Daseins der in ärmlichen Verhältnissen lebenden irischen Kleinbauern bekannt wurden (Tales of the O’Hara Family, 6 Bde., 1825-1826). Weitere katholische Schriftsteller von Rang waren Gerald Griffin, der mit The Collegians (1829) eine Erzählung über das Leben der irischen Mittelschicht verfasste, und William Carleton, Autor des Romans Fardorougha the Miser (1839). Zu den bedeutenden irischen Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts gehören auch Joseph Sheridan Le Fanu mit seinem dreibändigen Werk Uncle Silas (1864, Onkel Silas von Bartram-Haugh), Charles J. Kickham mit Sally Cavanagh (1869) und Emily Lawless mit Hurrish (1886).

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DIE ZEIT DER ERNEUERUNG

In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts begann eine Phase der Erneuerung der in Gälisch und Englisch verfassten irischen Literatur. Anders als in den früher entstandenen dichterischen und erzählerischen Werken lag der Schwerpunkt hier auf der bewussten Hinwendung zu spezifisch irischen Themen.

3.1

 

Jahrhundertwende

Die wichtigsten der in englischer Sprache publizierenden Vertreter jener als irisch-keltische Renaissance bezeichneten Literaturströmung waren die Dichter William Butler Yeats, der unter dem Pseudonym Æ schreibende George William Russell und Padraic Colum, die Dramatiker Lady Isabella Augusta Gregory, John Millington Synge und Sean O’Casey, der Romancier und Dramatiker George Moore sowie der Lyriker James Stephens. Lady Gregory trat ferner als Übersetzerin gälischer Dichtungen hervor, etwa bei Cuchulain of Muirthemne (1902) und Gods and Fighting Men (1904). Weitere wichtige Übersetzer waren Thomas William Rolleston (Myths and Legends of the Celtic Race, 1911) und Douglas Hyde mit Legends of Saints and Sinners from the Irish (1915).

Um die Jahrhundertwende traten auch andere Autoren mit Prosatexten auf, so Standish James O’Grady mit seinen historischen Erzählungen, James Owen Hannay, der unter dem Pseudonym George A. Birmingham u. a. die Romane The Seething Pot (1905) und Wild Justice (1930) veröffentlichte, sowie die Schriftstellerinnen Edith Anna Oenone Somerville und Violet Florence Martin; letztere publizierte unter dem Namen Martin Ross. Somerville und Martin waren Kusinen: Gemeinsam schrieben sie Reiseberichte, Kinderbücher, Romane und Erzählungen. Bekannt wurde vor allem ihr humoristisches Werk Some Experiences of an Irish R. M. (1899) über das irische Volksleben aus der Sicht eines in Irland lebenden Engländers sowie der Roman The Real Charlotte (1894, Die wahre Charlotte) über den Verfall der herrschenden Klasse im viktorianischen Irland.

3.2

 

20. Jahrhundert

Die Erneuerung der irischen Literatur setzte sich auch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts fort. Um 1940 hatte sich die Strömung zwar etwas abgeschwächt, doch entstanden weiterhin viele hervorragende Werke in ihrem Geist. Zu den bedeutenden Literaten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört der Dramatiker Sean O’Casey, der in seinen Theaterstücken – darunter Shadow of a Gunman (1923, Der Schatten eines Rebellen), Juno and the Paycock (1924, Juno und der Pfau) und The Plough and the Stars (1926, Der Pflug und die Sterne) – das Leben der Dubliner Unterschicht realistisch darstellte. Ferner schrieb er eine Autobiographie, die unter dem Titel Mirror in My House (2 Bde., 1956) veröffentlicht wurde. In deutscher Übersetzung erschien O’Caseys Lebensgeschichte, die auch von literaturgeschichtlicher Bedeutung ist, zwischen 1957 und 1969 in sechs Bänden (Ich klopfe an; Bilder in der Vorhalle; Irische Trommeln; Irland, leb wohl!; Rose und Krone und Dämmerung und Abendstern). Ihre Schilderung von Entwicklungen der irischen Literatur verknüpfte die Kritikerin und Erzählerin Mary Colum in Life and the Dream (1947) mit der Darstellung persönlicher Erlebnisse, ebenso wie Lennox Robinson, der Dramatiker und Leiter des Dubliner Abbey Theatre, in Ireland’s Abbey Theatre 1899-1950 (1951) und I Sometimes Think (1957).

3.2.1

 

Prosa

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts meldete sich auch eine neue Generation irischer Schriftsteller zu Wort, zu der etwa der Romancier Liam O’Flaherty mit The Informer (1925, Der Denunziant; später erfolgreich verfilmt) und Famine (1937, Zornige grüne Insel), Bücher über Themen der irischen Lebenswelt, gehörte. Auch Elizabeth Dorothea Cole Bowen zählte mit den Beziehungsromanen Death of the Heart (1939, Der Tod des Herzens) und Eva Trout (1968, Seine einzige Tochter) sowie mit ihren zahlreichen Erzählungen zu dieser Gruppe. Die Schriftstellerin Molly Keane genoss vor allem in den dreißiger Jahren große Popularität, vor allem aufgrund ihrer Romane über die angloirische Gesellschaft wie Mad Puppetstown (1931) und The Rising Tide (1937), die sie unter dem Pseudonym M. J. Farrell publizierte. Nachdem Keane über 30 Jahre keine Bücher mehr veröffentlicht hatte, trat sie erneut als Autorin an die Öffentlichkeit: Ihr sarkastisch-witziger Roman Good Behaviour erschien 1981, zwei Jahre später folgte Time after Time. Erfolgreich waren auch die Romane Edna O’Briens, die in der ländlich-katholischen Tradition schrieb. Dazu gehören The Country Girls (1960, Die Fünfzehnjährigen) und The Lonely Girl (1962, Das Mädchen mit den grünen Augen). Letzteres wurde 1965 verfilmt. Viele dieser Werke – wie auch die teilweise im New Yorker publizierten Erzählungen – handeln von jungen Frauen, die sich bei ihrer (erfolglosen) Suche nach einer eigenen Identität gegen Rollenzwänge auflehnen. Dabei flossen auch autobiographische Elemente in O’Briens Arbeit ein.

Erwähnenswert ist auch das literarische Werk des äußerst vielseitigen Schriftstellers Brian O’Nolan, der unter dem Pseudonym Myles nag Copaleen als Autor der wöchentlichen satirischen Kolumne Cruiskeen Lawn (Trost und Rat) in der Irish Times bekannt wurde: International machten ihn die brillant konstruierten, äußerst humorvollen und teils vom Surrealismus beeinflussten Romane At Swim-Two-Birds (1939, In Schwimmen-zwei-Vögel), The Dalkey Archive (1964, Aus Dalkeys Archiven) und The Third Policeman (1967, Der dritte Polizist) berühmt: Diese Bücher erschienen unter dem Pseudonym Flann O’Brien. Zu den bekanntesten irischen Verfassern von Erzählungen gehört Michael O’Donovan, der unter dem Pseudonym Frank O’Connor etwa Traveller’s Samples (1951) und Domestic Relations (1957) publizierte. Erzählungen schrieb auch William Trevor (eigentlich: William Trevor Cox): Er behandelt vorwiegend irische Themen und schildert die Einsamkeit und Desillusionierung exzentrischer Charaktere. Trevors Kurzgeschichten erschienen gesammelt unter den Titeln Angels at the Ritz and Other Stories (1976) bzw. Other People’s Worlds (1981). Ferner trat er als Dramatiker hervor. Ein weiterer Verfasser von Erzählungen ist Bernard MacLaverty mit seinem Band Secrets and Other Stories (1977) und der Novelle Lamb (1980), einer einfühlsam erzählten Schilderung der zum Scheitern verurteilten Freundschaft zwischen einem Geistlichen, der Irisch unterrichtet, und einem seiner Schüler. Seán O’Faoláin wurde als Verfasser von Biographien, literarischen Essays und Kurzgeschichten bekannt. Unter anderem schrieb er The Great O’Neill (1942), The Vanishing Hero (1957, Der entschwindende Held) und The Talking Trees (1971, deutsche Auswahl in Lügner und Liebhaber).

Die Werke der beiden irischen Schriftsteller James Joyce und Samuel Beckett, deren Schaffen allerdings nicht in der Tradition der literarischen Erneuerung ihres Geburtslandes steht, zählen zur Weltliteratur. Joyce distanzierte sich bewusst von der irisch-keltischen Renaissance; er zählt sogar zu ihren strengsten Kritikern. Dennoch spielen alle seine Romane und auch sein einziges Bühnenstück Exiles (1918, Verbannte) in Dublin und sind u. a. als differenzierte Analyse der irischen Gesellschaft zu Anfang des Jahrhunderts angelegt. Wie Joyce, so verließ auch Beckett seine Heimat Irland und lebte nach einigen Jahren in London dauerhaft in Paris (allerdings kehrte er kurzzeitig nach Dublin zurück). Dennoch spielt ein Großteil seiner Romane in Irland und ist stark durch irische Sprachrhythmen und Dubliner Slang gekennzeichnet; auch sein wohl berühmtestes Drama Waiting for Godot (1952, Warten auf Godot) weist diese Charakteristika auf.

3.2.2

 

Lyrik

Als bedeutendster irischer Dichter des 20. Jahrhunderts gilt William Butler Yeats. Auch nach seinem Tod im Jahr 1939 beeinflusste sein Stil eine ganze Generation irischer (und nicht-irischer) Autoren. Die Gedichte des katholischen Dichters Austin Clarke erschienen gesammelt in den Bänden Collected Poems (1936) und Orphide and Other Poems (1971), der Dichter Thomas Kinsella wurde vor allem durch seine Gedichtbände Downstream (1962) und Nightwalker and Other Poems (1968) bekannt. Zum Kreis um Clarke und Kinsella gehörte auch Patrick Joseph Kavanagh, dessen in freien Rhythmen geschriebene Gedichte in dem Band Collected Poems (1964) erschienen. In den achtziger Jahren wurde dem Dichter Seamus Heaney internationale Aufmerksamkeit zuteil, der in stark metaphorisierten Gedichten die Landschaft und die Gegenwartsprobleme seiner Heimat Irland beschreibt. Die im ersten Jahrzehnt seines dichterischen Schaffens entstandenen Werke erschienen gesammelt unter dem Titel Poems: 1965-1975 (1980), längere Verszyklen sind die Bände Sweeney Astray (1983), der in Anlehnung an eine gälische Dichtung aus dem frühen Mittelalter entstand, und Station Island (1984). Preoccupations: Selected Prose, 1968-1978 (1980) zeigt Heaney u. a. als sensiblen Literaturkritiker.

3.2.3

 

Drama

Unter den Theaterstücken der irischen Literatur der zwanziger Jahre ragen die ironischen Dramen von Denis William Johnston, darunter The Old Lady Says „No”! (1929) und The Moon in the Yellow River (1931), klar heraus. Auch die Werke Brendan Behans stehen in dieser Tradition: Bekannt wurden vor allem The Quare Fellow (1956, Der Spassvogel) und The Hostage (1958, Die Geisel), letzteres über die Unterbringung einer politischen Geisel in einem Bordell. Behan verfasste außerdem das autobiographische Werk Borstal Boy (1958, Bekenntnisse eines irischen Rebellen). In neuester Zeit war insbesondere Brian Friel mit seinen Stücken Philadelphia, Here I Come! (1965, Ich komme, Philadelphia), Living Quarters (1978) und Translations (1981, Sprachstörungen) erfolgreich. In seinen Dramen und mehreren Kurzgeschichten befasst er sich mit dem in der irischen Literatur des 20. Jahrhunderts vorherrschenden Thema: den Hoffnungen und Enttäuschungen der irischen Bevölkerung.

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