Italienische Literatur
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EINLEITUNG |
Italienische Literatur, die in italienischer
Sprache verfasste Literatur. Bedingt durch die Vorrangstellung der lateinischen
Sprache gegenüber den mannigfachen italienischen Dialekten bildete sich eine
eigenständige italienische Literatur im Vergleich zu den anderen romanischen
Literaraturen erst relativ spät heraus.
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DAS MITTELALTER |
Bis zum 13. Jahrhundert war
Latein die Literatursprache Italiens. In dieser Zeit wurden vor allem
Chroniken, Heldengedichte, Legenden, Heiligenviten (Hagiographien) und
religiöse Gedichte sowie didaktisch-erbauliche und wissenschaftliche Werke
verfasst. Daneben gab es einige frühitalienische Dichter, die in Französisch
oder Provenzalisch schrieben und die meisten ihrer literarischen Stoffe und
Darstellungsmittel aus ausländischen Quellen schöpften. Eine der bedeutendsten
Gedichtformen der Zeit war das provenzalische Kanzone. Literarische Themen
stellten etwa die Taten der Helden des Altertums, der Ritter der Tafelrunde (siehe
Artussage) sowie von Karl dem Großen und seinen Paladinen dar. Die Karlsgeste,
die dem französischen Chanson de Geste entlehnten Epen aus dem Karolingischen
Zyklus über Karl den Großen, erschienen zuerst in frankovenetischer Mundart und
wurden später in der Toskana ins Italienische übertragen, wobei das höfische
Element zugunsten eines mehr urban-intellektuellen zurückgenommen wurde (Berta
da li pe grandi, Karletto). Diese Erzählungen gelangten in Italien zu
andauernder Beliebtheit und boten zudem Themen für spätere italienische
Dichter. Erste Dokumente einer Verwendung italienischer Dialekte finden sich in
der Spielmannslyrik Ritmo laurenziano des Troubadours Raimbaut de
Vaqueiras aus dem späten 12. Jahrhundert (siehe Spielmannsdichtung).
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2.1 |
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Das 13. und beginnende 14. Jahrhundert |
Im 13. Jahrhundert avancierte
Sizilien zu einem der wichtigsten kulturellen Zentren Europas. Dementsprechend
waren die frühesten in italienischer Sprache verfassten Gedichte die der
sizilianischen Dichterschule, die mit dem Hof Kaiser Friedrichs II. und
seines Sohnes Manfred in Verbindung stand. Hierbei handelte es sich vor allem
um höfische Liebesgedichte, die sich stark an die provenzalischen Vorbilder
anlehnten. Die wichtigsten Dichter dieser Schule waren Giacomino Pugliese und
Rinaldo d’Aquino sowie Pier della Vigna und Giacomo da Lentini. Letzterer gilt
als Schöpfer des ersten Sonetts. Die sizilianische Dichterschule trug
wesentlich dazu bei, das Provenzalische als Literatursprache Italiens zu
etablieren, eine Entwicklung, die durch die Dichtungen Raimbauts de Vaqueiras’
und Sordellos in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bereits mit
vorbereitet worden war. Jedoch bevorzugten die mittelalterlichen Dichter auch
weiterhin das Lateinische und Altfranzösische, so etwa Brunetto Latini, der um
1265 im französischen Exil seine Enzyklopädie Li livres dou trésor für
den Laienstand fertig stellte.
Nach dem Niedergang des Hauses
der Hohenstaufer 1254 verlagerte sich das Zentrum italienischer Dichtkunst in
die Städte Arezzo, wo der Musiktheoretiker und Schriftsteller Guido von Arezzo
tätig war, und Bologna, wo Guido Guinizelli erneuernd wirkte. Guido von Arezzo
und seine Anhänger – darunter der Florentiner C. Davanzati – schufen wenig
eigenständige Dichtungen. Guinizelli hingegen war der Schöpfer des Dolce
stil nuovo, wie Dante Alighieri in seiner Göttlichen Komödie die
bereinigte Sprache beschrieb, die verwendet wurde, um über die ästhetisch
überhöhte Liebe zu schreiben. In diesem Stil überließ sich der Dichter nicht
der weltlich-profanen Art der Beschreibung, wie sie in der provenzalischen und
sizilianischen Liebeslyrik vorherrschte, sondern besang platonische
Liebesbeziehungen, in denen der Liebhaber durch die Schönheit und Reinheit der
angebeteten Frau vergeistigt wird und seine Seele sich zum Verständnis
göttlicher Schönheit erhebt. Der bedeutendste Dichter Italiens, Dante
Alighieri, der Guinizelli sehr schätzte, verfasste sein erstes Werk, La vita
nuova (entstanden zwischen 1292 und 1295, gedruckt 1576; Das neue Leben),
in diesem neuen Stil. In von lyrischen Passagen durchsetzter Prosa beschrieb er
in idealisiertem und idealisierendem Pathos die Liebe zu der von ihm
angebeteten Beatrice, die bereits frühzeitig verstorben war. Dante und weitere
Dichter, darunter Guido Cavalcanti, D. Frescobaldi und Cino de Pistoia,
machten den Dolce stil nuovo zu einem der bedeutendsten Ausdrucksmittel
italienischer Dichtkunst. Ironisiert wurde er zuerst von C. Angiolieri,
der sich damit teils höhnisch, teils satirisch von dem im Mittelalter beliebten
Ideal der hohen Minne abzusetzen suchte (siehe Minnesänger).
Zwischenzeitlich trat ein weiterer
einheimischer Originalstil in die italienische Literatur: Die umbrische
Laudendichtung (von Laudes: Lobgedicht) lehnte sich an Franz von Assisi
an, dessen Cantico delle creature bzw. Cantico di frate Sole (Sonnengesang)
die Liebe zur gesamten Schöpfung Gottes preist. Ähnlich geartet sind die Fioretti,
eine Legendensammlung in Versform, die auf der Vita des heiligen Franziskus
basieren. Im 13. Jahrhundert folgten weitere franziskanische Dichter,
darunter Iacopone da Todi, der Schöpfer von Kirchenliedern wie Maria, Du
Schmerzensreiche und Stabat Mater. Seine Dialoglyrik Laude
wurde 1490 herausgegeben. Aus den Dichtungen Todis gingen die geistlichen
Dramen des späten Mittelalters in Italien hervor.
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2.2 |
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Dante Alighieri |
Dante Alighieri ist eine der
herausragenden Gestalten der Weltliteratur. Seine fast ausnahmslos in
italienischer Volkssprache verfassten Werke zeichnen sich durch den lebendigen
Fluss der Verse und große schöpferische Imaginationskraft aus. Nach 1305
schrieb Dante die Abhandlung De Vulgari Eloquentia (gedruckt 1529, Über
die Ausdruckskraft der Volkssprache), in der er für das Italienische,
genauer das Toskanische, als Literatursprache eintrat. In bestimmten Fällen,
argumentierte der Dichter, stehe der Dialekt dem Lateinischen an Würde und
Schönheit nicht nach. Gleichzeitig legte De Vulgari Eloquentia die
Bedingungen für eine italienische Hochsprache fest. Dante beherrschte nahezu
das gesamte Wissen seiner Zeit und gilt als der bedeutendste Vermittler mittelalterlicher
Vorstellungen in Europa. Sein Werk Il Convivio (entstanden zwischen 1306
und 1308, gedruckt 1490; Das Gastmahl) ist als philosophische
Enzyklopädie zu sehen, die in Form von Kommentaren zu einzelnen Kanzonen
Einblick in die europäische Kultur gewährt. Seine politischen Überzeugungen,
für die er ins Exil gehen musste, legte er in seiner Abhandlung über die
Regierungskunst De Monarchia dar (entstanden zwischen 1310 und 1315,
gedruckt 1559; Über die Monarchie). Hier beschrieb er ein aufgeklärtes
Weltkaisertum als beste Herrschaftsform, wobei er von einer Trennung von Kirche
und Staat ausging. Dantes Hauptwerk ist das allegorisch-lehrhafte Gedicht La
divina commedia (Die göttliche Komödie). Mit der Niederschrift in
Volkssprache begann er vermutlich um 1311. Die Göttliche Komödie
schildert die imaginäre Reise des Dichters durch die drei Reiche des Jenseits:
die Hölle (L’inferno), das Fegefeuer (Il purgatorio) und das
Paradies (Il paradoiso). Geführt wird Dante von Beatrice, dem Objekt
seiner distanziert-keuschen Bewunderung und Symbol der göttlichen Gnade, sowie
vom römischen Dichter Vergil als allegorischer Verkörperung von Vernunft,
Wissenschaft und Philosophie.
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3 |
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TRECENTO (14. JAHRHUNDERT) |
Die Vorphase der italienischen
Renaissance war geprägt von einer Steigerung der wirtschaftlichen, politischen
und kulturellen Betriebsamkeit. Die Städte entwuchsen dem Feudalsystem und
wurden zu Handelszentren. Einige Stadtstaaten wie Venedig oder Genua
beherrschten ganze Reiche des Mittelmeerraumes. In dieser Zeit wurden alte
Manuskripte wieder entdeckt und die klassische Literatur neu bewertet, was zu
einer „Wiedergeburt” (renasciata) der Literatur, Kunst und Philosophie
aus dem Geist der Antike führte. Ausgehend von Italien breitete sich diese
Erneuerungstendenz nach und nach über ganz Europa aus. Viele der bedeutenden
Gestalten des Trecento waren Gelehrte, die sich mit den griechischen und
lateinischen Klassikern intensiv auseinander setzten. Als Humanisten mehr dem
Menschen als einer jenseitig-religiösen Ideenwelt zugewandt, unterschieden sie
sich deutlich von den Gelehrten und Denkern des Mittelalters. Viele Humanisten
bezogen sich wieder auf die Werke Platons, während im Mittelalter noch der
Einfluss von dessen Schüler Aristoteles vorherrschend war (im Bereich der
Poetik änderte sich dies im Verlauf der Renaissance zunehmend). In diesem
Rahmen wurde auch weiterhin die lateinische Sprache kultiviert, so etwa bei
A. Mussato, der seine erst 1636 herausgegebene und wohl Anfang des
14. Jahrhunderts geschriebene Tragödie Ecerinis in der Manier
Senecas des Jüngeren verfasste.
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3.1 |
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Petrarca und Boccaccio |
Einer der herausragenden Künstler
der Frührenaissance war der humanistische Gelehrte und Dichter Francesco
Petrarca. Mit ihm trat ein neues Lebensgefühl in die abendländische Kultur ein.
Im Unterschied zu Dante und anderen mittelalterlichen Denkern wie dem
italienischen Vertreter der Scholastik, Thomas von Aquin, und dem französischen
Philosophen Pierre Abélard, lag Petrarca weniger daran, die Texte der Klassiker
der Antike für seine eigenen Absichten zu verwenden, als vielmehr aus dem Geist
der Klassik heraus zu schreiben – und ethisch zu handeln. So trug Petrarca
maßgeblich dazu bei, das klassische Latein als Literatursprache und Medium der
Gelehrten wieder zu etablieren und das mittelalterliche Kirchenlatein, das als
übernationales Verständigungsmittel diente, zu verdrängen. Durch seine
Forschungen und seine umfangreichen Sammlungen antiker Handschriften legte er
den Grundstein der klassischen Philologie (siehe Altphilologie).
Petrarcas Modernität liegt vor
allem in seiner für die Renaissance wichtigen Betonung der Bedeutung des
Individuellen, Schöpferischen. In seinen Schriften De Vita Solitaria
(entstanden 1346-1356, gedruckt 1473) und De Remediis Utriusque Fortunae
(1468, Von der Artzney bayder Glück - des guten und widerwertigen) fand
diese Haltung erstmals Ausdruck. Im Gegensatz zu dem Universalisten Dante, der
Italien als Teil eines großen Kaiserreiches (dem des Heiligen Römischen
Reiches) sah, sprach aus Petrarca ein neues italienisches Nationalgefühl. Dem
Dichter zufolge war Italien Erbe und Nachfolger des antiken Rom, dessen
geistige Größe und zivilisatorischen Auftrag er in seinem lateinischen Epos Africa
(entstanden zwischen 1338 und 1343, gedruckt 1496) verherrlichte. Gegenstand
der ursprünglich neun, später zwölf Bücher umfassenden Dichtung ist der Sieg
Roms über Karthago im 2. Punischen Krieg (siehe Punische Kriege).
So beeindruckend Petrarcas Beiträge zur klassischen Philologie auch sein mögen,
so beruht seine eigentliche Größe doch auf seinen in italienischer Sprache
verfassten Dichtungen. Das Canzoniere (entstanden nach 1327,
herausgegeben 1470; Italienische Gedichte, auch: Canzoniere), ein
über 300 Sonette, Kanzonen, Sestinen, Balladen und Madrigale umfassender
Zyklus, der sich an seine zur Idealfigur stilisierte Geliebte Laura richtet,
lässt den Pathos des Dolce stil nuovo weitgehend hinter sich. Hier
werden ein Reichtum und eine Innigkeit des Gefühls bzw. der Wahrnehmung
lebendig, wie sie in der europäischen Dichtung bis dahin unbekannt waren. Vor
allem mit seinen Sonetten wirkte Petrarca auf die gesamte europäische
Literaturtradition, was nicht zuletzt in einer eigenen Richtung der
Liebeslyrik, dem so genannten Petrarkismus, zum Ausdruck kommt.
Giovanni Boccaccio, der dritte
bedeutende italienische Dichter des 14. Jahrhunderts, war stark von
Petrarca beeinflusst. Dem erzählenden Gestus zugetan, verfasste er
Prosaromanzen wie Il Filocolo (entstanden zwischen 1336 und 1340,
gedruckt 1472) und Fiammetta (entstanden 1343, gedruckt 1472).
Boccaccios Hauptwerk, Il Decamerone (entstanden zwischen 1348 und 1353,
gedruckt 1470; Das Dekameron), ist eine Sammlung von 100 kurzen
Novellen, die in eine Rahmenerzählung eingebettet sind: Während der Zeit der
Pest erzählen sich einige Adelige im Rahmen eines Preisspiels Geschichten, um
sich zu unterhalten. Den Abschluss eines jeden Tages bildet eine von einem der
Erzähler vorgetragene Kanzone, ein Lied in Gedichtform. Vor allem in diesen
Liedern offenbart sich Boccaccios herausragendes Talent als Lyriker. Nachdem
die 100. Geschichte erzählt ist, kehrt die Gruppe in die Stadt zurück. Mit
dem Decamerone wirkte Boccaccio stilbildend auf die gesamte Gattung der
Novelle. Als Bewunderer Dantes verfasste er mit Vita di Dante
(entstanden 1630, gedruckt 1477; Das Leben Dantes) dessen Biographie und
hielt mehrere Vorträge zur Erläuterung der Göttlichen Komödie.
Boccaccios Schriften fanden ein internationales Publikum und dienten vielfach
als Handlungs- und Typenvorlage für Werke der Weltliteratur. Neben seinen
bekannteren Schriften verfasste er einige Romane (Il ninfale d’Ameto,
1341/42), Lebensbeschreibungen berühmter Persönlichkeiten mit moralisch-didaktischem
Impuls im Geist des Mittelalters, ein Kompentium der griechischen und römischen
Mythologie (De genealogis deorum gentilium, entstanden 1360-1362,
gedruckt 1473) und eine Realienkunde zur historischen Geographie (1348-1353).
Dante, Petrarca und Boccaccio
benutzten als erste italienische Schriftsteller den Dialekt der Toskana, der in
Florenz, Siena und anderen Städten in der Mitte Norditaliens gesprochen wurde,
und verschafften ihm allgemeine Anerkennung als Kultursprache. In ihrer
Tradition verfuhren zahlreiche andere Dichter und Schriftsteller des
14. Jahrhunderts, die allerdings über epigonales Schrifttum zumeist nicht
hinauskamen. Eine Ausnahme bildet sicher die Novellenliteratur
F. Sacchettis. Beispiele für die damals vorherrschende Lehrdichtung schuf
u. a. F. Degli Uberti. Mit D. Compagni, der eine Chronik der
Stadt Florenz vorlegte, beginnt die italienische Geschichtsschreibung.
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QUATTROCENTO (15. JAHRHUNDERT) |
Im 15. Jahrhundert setzte,
begleitet vom schwindenden Einfluss Petrarcas und Boccaccios, eine neuerliche
Rückbesinnung auf die Antike ein. Neben der Beschäftigung mit Handschriften
antiker römischer Autoren und deren Übersetzung ins Italienische (vorgenommen
etwa durch Gian Francesco Poggio Bracciolini, F. Filelfo und Leonardo
Bruni) befassten sich viele Gelehrte mit dem Studium der griechischen
Literatur: Nach dem Fall Konstantinopels 1453 gelangten zahlreiche griechische
Handschriften ins Land, was ein Studium erleichterte. Zugleich rückte das Lateinische,
einer Forderung von C. Salutati gemäß, wieder als anerkannte
Schriftsprache in den Vordergrund - neben historischen Schriften und Lyrik
erschienen u. a. die Schwänke Beccadellis in Latein. Die aufkommende Lehre
des Humanismus, die in zahlreichen Akademien in Rom (Pomponius Laetus) bzw.
Neapel (A. Degli Beccadelli, Giovanni Pontano) verbreitet wurde,
widersprach der mittelalterlichen Ansicht, die dem Menschen geringen Wert
beimaß, und setzte ihn im Gegenteil in den Mittelpunkt des Universums, wobei
das Irdische zu jenem Bereich wurde, in der die Seele vollen Ausdruck finden
könne. Im Verlauf des Quatrocento begann sich zudem die Volkssprache, das Volgare,
allmählich durchzusetzen, ein weiterer Beleg für die Beschäftigung der
Literatur bzw. Wissenschaft mit dem Alltagsleben. Die Renaissance brachte viele
Universalgenies hervor, die auf mehr als einem Gebiet Großes erreichten. Zu den
berühmtesten gehören der Architekt, Maler, Organist und Schriftsteller Leon
Battista Alberti, der als eigentlicher Begründer des italienischsprachigen
Humanismus (des so genannten Umanesimo volgare) gilt und sich u. a.
mit pädogogischen Schriften hervortat (Della famiglia, entstanden
1437-1441), sowie Leonardo da Vinci und Michelangelo (siehe Renaissancekunst).
Diese Universitalität des Geistes und des Talents findet sich auch bei den
Fürsten, die die italienischen Städte regierten. Unter ihnen ist besonders
Lorenzo de’ Medici zu nennen, ein Mitglied der Florentiner Fürstenfamilie der
Medici. Lorenzo war ein hervorragender Politiker und Verwalter, ein Förderer
der Künste, ein Dichter und angesehener Kritiker. Zudem forderte er die Dichter
des Landes auf, sich wieder ihrer eigenen Volkssprache zuzuwenden. Der Humanist
Angelo Poliziano gilt allgemein als einer der herausragenden Dichter dieser
Epoche der italienischen Literatur. Sein Versdrama Orfeo (entstanden
vermutlich 1478, gedruckt 1494, Orpheus) ist das erste weltliche
Schauspiel Italiens; seine Lyriksammlungen, die u. a. lateinische Elegien,
Stanzen und italienische Balladen (Ballate) enthalten, sind von hohem
literarischen Rang. Poliziano, der als Hofdichter Lorenzo de’ Medicis
fungierte, wurde zudem als hervorragender Kommentator und Übersetzer
griechischer Texte berühmt. So übertrug er griechische Schriften ins Lateinische,
darunter das Werk Enchiridion des Epiktet und Platons Charmides.
Auf philologischem Gebiet trat er als Begründer der Textkritik insbesondere mit
der Schrift Miscellaneorum centuria (1489) hervor, einer kritischen
Betrachtung der Werke von Autoren der Antike, die großen Einfluss auf spätere
Gelehrte ausübte. Mit seinem Bericht Pactianae coniurationis commentarium
(1478) über die Verschwörung der Pazzi gegen die Medici lieferte Poliziano ein
Werk humanistischer Geschichtsschreibung.
Auch im 15. Jahrhundert wurden
literarische Themen aus den karolingischen Gestes und dem idyllischen
Hirtengenre entlehnt. Dabei bereicherten die Dichter ihre Vorgaben immer wieder
durch burleske Elemente oder mischten sie mit landeseigenen Sagen. Letzteres
kommt besonders in Luigi Pulcis Il Morgante maggiore (1483) zum
Ausdruck. Zu den herausragenden Gestes der Zeit gehört der Orlando
innamorato (begonnen um 1476, vollständig gedruckt 1495, Der verliebte
Roland) von Matteo Maria Boiardo, ein unvollendetes Epos über die Liebesabenteuer
Rolands, des Helden des Sagenkreises um Karl den Großen. Mit ihm begründete
Boiardo das Ritterepos der Renaissance. Die besondere Leistung Boiardos für die
italienische Dichtung ist die Einführung des romantischen und ritterlichen
Geistes der Artussagen. Der Orlando innamorato zeichnet sich überdies
durch die bunte Darstellung seiner Charaktere und seine liebenswürdige Komik
aus. Das kunstvollste Werk im pastoralen Stil war der Roman Arcadia
(1504) von Iacopo Sannazaro, der mit diesem Buch den Grundstein der
europäischen Schäferdichtung legte. Sein teils autobiographisches, teils
allegorisches Werk besteht aus Abschnitten kurzer Erzählprosa verbunden mit
Versen in Dialog- und Monologform. Hauptthema dabei ist die idyllische Zuflucht
von den Mühen und Plagen des Alltags. Der Gedanke hielt sich mehrere
Jahrhunderte lang in der westlichen Literatur und wirkte z. B. auf die Arcadia
des spanischen Dichters Lope de Vega oder auf das Werk des englischen Dichters
Philip Sidney.
Bei ihrer Beschäftigung mit eher
weltlichen als religiösen Themen gingen die Renaissancedichter zumeist von den
christlichen Vorstellungen des Mittelalters aus. Einige Dichter aber erwähnten
christliche Autoren nur, um sie bloßzustellen. Zu ihnen gehörte der
einflussreiche Humanist Lorenzo Valla, der sich für den Vorbildcharakter
Ciceros aussprach und den die stolze Zurschaustellung Zweifel erweckender
päpstlicher Schriftstücke fast das Leben gekostet hätte. Dazu gehörte auch das
berühmte Pamphlet Declamatio (1440, Vortrag über die zu Unrecht
anerkannte, erlogene Konstantinische Schenkung), welches die Einmischung
der Kirche in weltliche Angelegenheiten in Frage stellte. Die Predigten und
polemischen Schriften des Reformers Girolamo Savonarola, die den Sittenverfall
und die Korruption der Kurie anzuprangern suchten, dienten dem Zweck, diese
Entwicklung eines immer stärkeren Liberalismus umzukehren. Wegen seiner Kritik
an Papst Alexander IV., dem bekannten Förderer nichtchristlicher Kultur,
wurde Savonarola hingerichtet. In dieser Zeit religiöser Neubestimmung erlebte
auch der Neuplatonismus um Marsilio Ficino und Giovanni Pico della Mirandola,
der die Ideenlehre Platons mit christlichen Vorstellungen zur Heilsgeschichte
zu verknüpfen suchte, eine neue Blüte. Ficino interpretierte denn auch Dantes
Schriften im Sinn seiner neuplatonistischen Auffassung. Cosimo de’ Medici
ermunterte ihn (insbesondere durch die Schenkung einer geeigneten Villa
außerhalb von Florenz) zudem zur Gründung der florentinischen Akademie.
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CINQUECENTO (16. JAHRHUNDERT) |
Im 16. Jahrhundert erreichte
die Renaissance ihren Höhepunkt. Das Italienische, das lange durch die Vorliebe
vieler Humanisten für Griechisch und Latein in den Hintergrund gedrängt worden
war, wurde erneut in den Stand einer ernst zu nehmenden Literatursprache
erhoben. Der in der ersten Jahrhunderthälfte äußerst einflussreiche Kritiker
Pietro Bembo trug zu dieser Entwicklung maßgeblich bei. In seinen Abhandlungen,
vor allem in Le prose della volgar lingua (1525), verlieh er der Sprache
Petrarcas Vorbildfunktion für die Lyrik und stellte Boccaccios Prosa als
richtungweisend heraus. Seine Werke bildeten die Grundlage für die
systematische Erfassung der italienischen Rechtschreibung und Grammatik und
ermöglichten so die Einführung einer Standardsprache. Mit seinen– die Verse
Petrarcas nachahmenden – Rime (1530) begründete er ausdrucksstark die
petrarkistische Bewegung, die, zum Teil auch unter Schriftstellerinnen, bald
innerhalb ganz Europas Verbreitung fand und schon bald in F. Berni ihren
ersten Parodisten provozierte. (In Italien pflegten u. a. A. Caro,
B. Tasso, Veronica Gambra, Vittoria Colonna und G. Della Casa den
Petrarkismus.) Unter den Lyrikern des Cinquecento stachen A. di Costanzo,
Girolamo Fracastoro, M. G. Vida und Luigi Tansillo heraus. Weitere
Schriftsteller dieser Zeit, die mit dem Erbe des Humanismus kreativ umzugehen
verstanden, waren der Politiker und Philosoph Niccolò Machiavelli und der
Dichter Ludovico Ariosto.
Durch seine Erfahrungen als
florentinischer Beamter und Diplomat sowie durch seine historischen Studien
gelangte Machiavelli zu jener Auffassung von Staatskunst, mit der sein Name bis
heute verbunden ist: den so genannten Machiavellismus. Diese Auffassung
fand ihren Ausdruck in Il principe (entstanden 1513, gedruckt 1532; Der
Fürst), einer Analyse der Struktur politischer Macht und ein Leitfaden für
deren Ausübung. Der zentrale Gedanke des Werkes ist die Erhaltung des Staates,
die Machiavelli zum obersten Gesetz erklärte, dem alle anderen Verpflichtungen
unterzuordnen seien. Sein idealer Fürst ist eine Vorwegnahme der späteren
Vertreter eines aufgeklärten Absolutismus, die die Staatsgewalt konsolidierten
und sie auf zwischenstaatliche Angelegenheiten richteten. Machiavellis
Ausführungen beginnen mit der mittelalterlichen Idee vom Gottesstaat und enden
in Vorhersagen zur modernen, wissenschaftlich betriebenen Politökonomie. Mit
dieser Machtphilosophie wirkte der Philosoph bis zu Friedrich Nietzsche und
dessen Konzeption des Übermenschen (bzw. „Renaissancemenschen”) nach. Zu Machiavellis
weiteren Werken gehören eine Abhandlung über die Kriegskunst, eine umfangreiche
Darstellung der Geschichte von Florenz (Istorie fiorentine, entstanden
1520-1525, gedruckt 1531) und eine Biographie des italienischen Soldaten und
Politikers Castruccio Castracani (1520) sowie Gedichte und einige Dramen. Sein
bekanntestes und bedeutendstes Schauspiel, die realistische Komödie La
Mandragola (1524, Mandragola), stellt eine scharfe, pessimistische
Darstellung menschlicher Instinkte dar.
Die Kunst Ludovico Ariostos,
des zentralen italienischen Dichters des 16. Jahrhunderts, findet ihren
vollendeten Ausdruck in dem Epos Orlando furioso (erschienen 1516-1521, Der
rasende Roland), einer kraftvollen Originalschöpfung in Weiterführung von
Boiardos Orlando innamorato. Ariostos Werk gestaltet den Kampf Karls des
Großen und seiner Paladine gegen die Sarazenen und ist darin dem deutschen
Rolandslied verwandt. Vor diesem verbindenden Hintergrund verknüpft das Epos
Abenteuer, Liebesaffären, Magie, Heldenmut, Schurkerei, Pathos, Sinnlichkeit
und zeitgenössische Wirklichkeit zu einer komplexen, sich fortlaufend
verändernden Fabel, die Witz und sanfte Ironie beleben. Das Gedicht ist im im
Versmaß der Ottaverime, einer Strophe aus acht elfsilbigen sich reimenden
Zeilen, verfasst; es gilt als Huldigung an Ariostos Herren, die Familie d’Este.
Sein tatsächlicher Held ist Ruggiero d’Este, der legendäre Gründer des
Adelsgeschlechts. Orlando Furioso zählt zu den schönsten Heldengedichten
überhaupt. Nach seiner Erstveröffentlichung 1516 wurde es sofort in ganz Europa
bekannt und wirkte nachhaltig auf die Literatur der Zeit. Der Ruhm des
florentinischen Historikers und Politikers Francesco Guicciardini beruht auf La
historia di Italia (posthum 1561-1564, Geschichte Italiens), ein
Werk, das durch Objektivität und scharfsinnige Berurteilung von Personen und
Ereignissen besticht und eines der bedeutendsten Historienwerke des
16. Jahrhunderts darstellt. Guicciardinis Ricordi (1857, Vom
politischen und bürgerlichen Leben. Ricordi) zeugen von einer genauen
Kenntnis des politischen Lebens in Florenz.
Das 16. Jahrhundert war die
Zeit allgemeiner Verfeinerung der Sitten; hiervon zeugen zwei beliebte
Abhandlungen über Umgangsformen. Das Traktat Il libro del cortegiano
(entstanden zwischen 1508 und 1516, gedruckt 1528, Das Buch vom Hofmann)
des Diplomaten Baldassare Castiglione behandelt die Etikette, gesellschaftliche
Fragen und die Vorteile intellektueller Geistesbeschäftigung. Auf eigenen
Beobachtungen und Erfahrungen basierend, entwarf das Werk das Idealbild eines
Höflings in Form des Dialogs und diente bald schon als Handbuch zur Ausbildung
der herrschaftlichen Gesellschaft in ganz Europa. Ein ähnlich geartetes Werk
über die Etikette verfasste der Humanist Giovanni della Casa mit der Schrift Il
Galateo (entstanden zwischen 1551 und 1555, gedruckt 1558, Der Galateo.
Traktat über die guten Sitten). Auf diese Tendenz höfischer Sittlichkeit,
auf die ritterliche Phantasiewelt der Rolandsepen und die Schäferlyrik der
Petrarkisten reagierten Parodien wie das komische Ritterepos Baldus
(vier Fassungen: 1517, 1521, 1539/40, posthum 1552) von Teofilo Folengo. Als
Meister einer Dichtungsform, die das Gelehrtenlatein durch die spielerische
Verschmelzung mit dem Italienischen verfremdete, gelang ihm eine Satire auf die
zeitgenössische Literatur und
Lebensart. Der französische Autor
François Rabelais fand im Baldus eine Quelle der Inspiration. Mit seinen
Schmähschriften und satirischen Komödien schuf Pietro Aretino ein Werk, das
durch skurrilen Humor besticht. Wegen der angeblichen Obszönität seiner Texte
mußte er zeitweilig Rom verlassen. In seinen Ragionamenti (1533-1536, Kurtisanengespräche)
und der sechsbändigen Ausgabe seines Briefwechsels mit berühmten
Persönlichkeiten (Lettere, 1537-1557) tritt dies am deutlichsten zu
Tage. Letzterer ist zudem ein beredtes Zeugnis für die humanistische Kunst der
Korrespondenz. Zu Aretinos weiteren Werken gehört L’Orazia (1546, Die
Horatier), eine Tragödie in Versform.
Auch die großen bildenden
Künstler Italiens trugen Bedeutendes zur Literatur des Cinquecento bei. Die
Sonnette Michelangelos etwa sind ein leidenschaftlicher Ausdruck seiner Gefühle
und religiösen Überzeugungen. Leonardo da Vincis Abhandlungen über Kunst und
Wissenschaft liegen Gedanken zugrunde, die die moderne Philosophie nachhaltig
beeinflussten. Die bemerkenswerte, von Johann Wolfgang von Goethe übersetzte
Autobiographie des Bildhauers Benvenuto Cellini (1538-1562) gehört zu den
bedeutendsten persönlichen Dokumenten der italienischen Literatur. Die
Lebensbeschreibungen berühmter Maler, Bildhauer und Architekten von Giorgio
Vasari bilden eine unschätzbare Quelle und eins der meistgelesenen Bücher der
Kunstgeschichte. Das Werk enthält seine persönlichen Beurteilungen dieser
Künstler sowie Diskussionen über den Zustand der Kunst. Die kurze Erzählprosa
des 16. Jahrhunderts fand in den 214 Novellen (4 Bde.,
1554-1573) des Matteo Bandello ihren Höhepunkt. Diese an Boccaccio angelehnten
Geschichten bildeten die Grundlage für viele bedeutende Werke der europäischen
Literatur. Neben vielen anderen bekannten Motiven verarbeitete Bandello die
Geschichte von Romeo und Julia und diente damit u. a. William Shakespeare
als Stofflieferant. In einer Zeit, da das Lateinische als Sprache der Literatur
vorherrschte, trug Bandello mit seinem Werk dazu bei, den Rang des
Italienischen neuerlich als Literatursprache zu festigen. Weitere Novellisten
des Cinquecento waren Agnolo Firenzuola und G. Straparola.
Die zweite Hälfte des
16. Jahrhunderts stand ganz im Zeichen der Gegenreformation, die mit dem
Trienter Konzil, dem so genannten Tridentinum, im Jahr 1545 begann. In der
Folge setzte eine Entwicklung der italienischen Literatur hin zu Frömmigkeit
und Autoritätsergebenheit ein, die die freiheitlich-tolerante Weltsicht der
Humanisten und ihrer Nachfolger durch ein oberflächliches Moralverständnis und
eine Idee öffentlicher Wohlfahrt ersetzte. Die überschäumende Autonomie in
Ausdruck und lyrischer Form, die etwa noch das Werk Ariostos bestimmte, stieß
auf den Argwohn der Kirche; eine von Machiavelli vertretene Gedanken- und
Redefreiheit galt als gefährlich. In der Literatur schlug sich diese
Veränderung in Form eines neuen Klassizismus nieder, der sich auf die wieder
entdeckte Poetik des Aristoteles berief. 1548 wurde die normative
Schrift im Original mit lateinischer Übersetzung und einem Kommentar von
Francesco Robortelli veröffentlicht. Es folgten viele weitere Fassungen und
Abhandlungen über die Poetik, deren bedeutendste diejenigen von Julius
Caesar Scaliger (1561) und Lodovico Castelvetro (1570) waren. Im Bereich der
Prosa schuf Gian Giorgio Trissino mit La italia liberata da Gotthi
(1547/48) das erste streng nach antiken Normen gebaute Epos Italiens. Im
Bereich der Komödie setzte einmal mehr Ariosto durch sein aristotelisch
komponiertes, dennoch aber eigenständiges Drama La cassaria von 1508, im
Bereich der Tragödie knapp zwei Jahrzehnte später wiederum Trissino mit Sophonisbe
neue Maßstäbe.
Ungeachtet des andauernden Klimas
der Unterdrückung schrieb Torquato Tasso sein Meisterwerk La Gerusalemme
liberata (entstanden zwischen 1570 und 1575, gedruckt 1581, Das befreite
Jerusalem). Mit dieser epischen Gestaltung des ersten Kreuzzuges gelang dem
Dichter ein höfisch-heroisches und zugleich christliches Epos von immenser Wirkung.
Die 1593 nach geistlichen und poetologischen Gesichtspunkten überarbeitete
Neufassung (Di Gerusalemme conquistata) entbehrte jedoch der poetischen
Vitalität und erlangte nie die herausragende Bedeutung des Originals. 1590 kam
mit Giovanni Battista Guarinis Il pastor fido nach Tassos Aminata
(1573) ein weiteres meisterliches Schäferspiel auf die Bühne. Das Werk wurde in
viele Sprachen übersetzt und übte großen Einfluss auf die Entwicklung des
Schäferspieles aus. Mit Il pastor fido etablierte Guarini die
Tragikomödie in der italienischen Literatur. Seine antiaristotelische Poetik
legte er in seiner Abhandlung Compendio della poesi tragicomica (1601)
dar. Gegen Angriffe seiner Krititer verteidigte er sich mit den Schriften Il
Verato (1588) und Il Verato secondo (1593). Guarinis Werk galt bis
ins späte 18. Jahrhundert hinein als Musterbeispiel für kultivierte
ritterliche Dichtung. Der Philosoph Giordano Bruno schrieb Dialoge, die sich
scharf gegen Kleingeisterei und Autoritätsgläubigkeit wandten. Aufgrund nicht
kirchenkonformer Ansichten verbrannte man Bruno 1600 als Häretiker in Rom auf
dem Scheiterhaufen. 1582 wurde in Florenz die Accademia della Crusca
gegründet, die der Pflege der italienischen Grammatik und Sprache dienen und
neue Normen zur Reinigung des Italienischen aufstellen sollte. 1612 publizierte
die Accademia das erste Wörterbuch des Italienischen.
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6 |
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FRÜHMODERNE |
Das seit dem Ende des
15. Jahrhunderts durch Kriege mit Österreich, Frankreich und Spanien
gezeichnete Italien musste durch die Verlagerung des Handelszentrums vom
Mittelmeerraum an die Atlantikküste spürbare wirtschaftliche Verluste
hinnehmen. Die einst freigeistigen, weltoffenen Stadtstaaten boten der
Tyrannenherrschaft nunmehr wenig Widerstand und entwickelten sich zu provinzellen
Städten zurück. Im 17. und 18. Jahrhundert befand sich der größte Teil
Italiens unter spanischer oder österreichischer Herrschaft.
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6.1 |
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Seicento (17. Jahrhundert) |
Die im 17. Jahrhundert nicht
nur in der italienischen Literatur, sondern auch in der Kunst und der Musik
vorherrschenden Stile waren die des Barock und des Manierismus, und als solche
von überschwenglich-elegischen, zugleich aber oft auch düster-melancholischen
Bildwelten bestimmt. Dichtung und Schauspiel wurden im imaginativen Bereich
ausschweifend, im Ausdruck rhetorisch und stützten sich auf eine reiche
Metaphorik. In dieser Hinsicht ist die manieristische Dichtung Giambattista
Marinos, der mit seinem phantastischen, über 40 000 Zeilen umfassenden
Versepos Adone (1623, Adonis) über die Allgegenwart der Liebe ein
virtuoses Meisterwerk vorlegte, für die Literatur des Seicento beispielhaft. Adone,
das die Geschichte von Venus und Adonis erzählt, zog eine ganze Reihe
erfolgreicher, gleichwohl unbedeutender Marino-Epigonen nach sich, von denen
G. Chiabrera mit seiner wahnwitzigen Übersteigerung des Sensationellen
herausragt. Marinos metaphernreicher, überladener Stil initiierte die
literarische Bewegung des Marinismus. Überhaupt beruht ein Großteil der
Werke des Seicento auf einer morbiden und düstren Geisteshaltung.
Paradigmatisch kommt dies in den Tragödien des Federigo della Valle zum
Ausdruck, dessen La reina di Scotia (1628) von den Prozessen gegen Maria
Stuart handelt. Die Unzufriedenheit mit den Gesellschaftsstrukturen und
sozialen Verhältnissen seiner Zeit tritt im Werk des Dichters, Wissenschaftlers
und Philosophen Tommaso Campanella hervor, dessen provokanten Theorien ihm Haft
und schließlich Exilierung brachten. Campanellas bedeutendstes Werk ist die im
Gefängnis geschriebene Utopie La città del sole (1602, Der
Sonnenstaat), die 1612 unter dem lateinischen Titel Civitas solis
zweitpubliziert wurde. Darin beschreibt der Philosoph einen idealen Staat mit
gemäßigter Führung. Der Dialektdichtung folgender Jahrhunderte bahnte
Giambattista Basile mit seiner zwischen 1634 und 1636 herausgegebenen
Märchensammlung Lo cunto de li cunti (ab 1674 unter dem Titel Pentamerone)
den Weg. Hier finden sich Fassungen der bekannten Märchen Aschenbrödel, Der
gestiefelte Kater, Schneewittchen oder Die Schöne und das Biest. (Lo
cunto de li cunti diente als wichtige Quelle für spätere Sammler und
Verfasser von Kindermärchen, wie Charles Perrault, Clemens Brentano, Ludwig
Tieck und den Gebrüdern Grimm.) Darüber hinaus fand die komisch-heroische Epik
mit La secchia rapita (1622) von Alessandro Tassoni ihren Höhepunkt.
Durch seine Weigerung, seine Studien wie üblich in Latein zu verfassen,
demonstrierte Galileo Galilei Volksnähe; Giordano Bruno tat es ihm gleich. Als
neue, für die Kultur Gesamteuropas extrem folgenreiche Gattung etablierte sich
die italienische Oper.
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6.2 |
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Settecento (18. Jahrhundert) |
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts
bildete sich im Zuge des Rokoko innerhalb der italienischen Literatur eine
Bewegung aus, die den manieristisch überladenen Stil des Barock zu überwinden
suchte. Die bedeutendsten Vertreter dieser gegen die sprachliche„Barbarei” des
Seicento rebellierenden Strömung gehörten der Accademia dell’Arcadia an,
einer 1690 in Rom gegründeten Gesellschaft, die sich für stilistische
Schlichtheit aussprach. Die so genannten Arkadier nahmen Anleihen bei
Autoren der Antike, vor allem den griechischen Pastoraldichtern. Der bedeutendste
der arkadischen Rokokodichter war Pietro Metastasio. Als Hofdichter in Wien
trat er die Nachfolge des Literaturkritikers und Librettisten Apostolo Zeno an,
dem Mitbegründer des ersten kritischen Journals Italiens, des Giornale de’
letterati d’Italia (1710). Neben Kanzonetten und Liebeslyrik verfasste
Metastasio vorwiegend lyrisch-sentimentale Melodramen, Singspiele und
Opernlibretti nach klassischen Stoffen. Die grundlegende poetologische Schrift
der Arkadier lieferte G. V. Gravina 1708 mit Della ragion poetica.
Des Weiteren trat er als Förderer der ersten italienischen Literaturgeschichte
von G. M. Crescimbeni (1698) hervor. Die Dichtungstheorie der Accademia
dell’Arcadia wirkte u. a. in der Anakreontik von
C. I. Frugoni weiter.
Der Einfluss der Arkadier ist
auch in den Komödien Carlo Goldonis spürbar, der mit La locandiera
(1753, Die Gastwirtin), Il ventaglio (1765, Der Fächer)
und Le baruffe chiozzotte (gedruckt zwischen 1761 und 1764, Skandal
in Chioggia) das italienische Lustspiel erneuerte. Goldonis Dramen, von ihm
selbst als Comedia del carattere bezeichnet, sind vor allem wegen der
psychologischen Durchdringung ihrer Figuren und wegen der am Alltagsleben
orientierten Darstellung allgemein-menschlicher Verhaltensweisen bemerkenswert.
Goldoni bildete seinen Stil in Abgrenzung zur Commedia dell’arte aus, die vom
16. bis ins 18. Jahrhundert ihre Blütezeit erlebte und die als
Stegreifkomödie auf standardisierten Situationen und Figuren, den maschere
(Masken), basierte. (Den Grundstock hierzu hatten im Cinquecento die
Dialektstücke Andrea Calmos und Angelo Beolcos gelegt, der unter seinem
Pseudonym Ruzzante bekannt wurde.) Bei festgelegtem Handlungsverlauf und
vorgegebener Szenenfolge konnten die Schauspieler in den Dialogen
improvisieren, benutzten jedoch häufig ein von ihnen selbst entwickeltes
Repertoire an rhetorischen Figuren und Späßen, den so genannten lazzi.
Ihre gelungenste Ausprägung fand diese Art der Komödie in den Werken des
Dramatikers Carlo Gozzi, der mit seinem Stil der Commedia del carattere
Goldonis diametral gegenüberstand. Gozzi bearbeitete einige beliebte Märchen
für das Theater und begründete so die neue Form des Märchenspiels; zwei seiner
Dramen dienten Sergej Prokofjew bzw. Giacomo Puccini als Vorlage für ihre Opern
Die Liebe zu den drei Orangen bzw. Turandot.
In philosophischer und
ethisch-didaktischer Hinsicht wurde die italienische Literatur des Settecento
von den Ideen René Descartes’ sowie den Vertretern der französischen Aufklärung
bestimmt. Das Hauptorgan des geistigen Lebens, dessen Zentrum Mailand bildete,
stellte die Zeitschrift Il Caffè (1764-1766) dar. Einer der
einflussreichsten Denker der italienischen Aufklärung war der Rechtsreformer
Cesare Bonesana Beccaria, der sich in seinem Werk Dei delitti e delle penne
(1764, Von den Verbrechen und Strafen) für eine humanere Behandlung von
Strafgefangenen und die Abschaffung der Todesstrafe einsetzte. (Beccaria war
einer der ersten, der Erziehung als Mittel zur Bekämpfung der Kriminalität
propagierte. Seine Schriften hatten Einfluss auf Strafrechtsreformen in Europa
und den USA.) Neben dem Juristen Beccaria fand die italienische Aufklärung in
dem Ökonomen und Theologen Abbé Ferdinando Galiani und den Gebrüdern Verri ihre
herausragenden Verfechter. Bedingt durch den Einfluss der französischen Kultur
drang eine Vielzahl von französischen Lehnwörtern und Ausdrücken ins
Italienische ein, das bereits durch die Arkadier mit Gräzismen und Latinismen
angereichert worden war. Die Rezeption englischer Literatur bildete ebenso wie
die Beschäftigung mit aus England stammenden Ideen eine wichtige Gegenströmung.
In Form von Literaturübersetzungen und informativen Artikeln fand sie durch die
von Guiseppe Baretti gegründete kritische Zeitschrift La frutta letteraria
(1763-1765) im Land weite Verbreitung. Weitere Foren der Aufklärung waren die Gazzetta
veneta (1760/61) und der Osservatore veneto (1761/62).
Die Dichter Giuseppe Parini
und Vittorio Alfieri wandten sich am stärksten und wirkungsvollsten gegen den
Anstieg ausländischer Einflüsse und versuchten, dieser Entwicklung mit Gedanken
zur nationalen Einheit zu begegnen. Parinis Ruhm basiert vor allem auf dem
gesellschaftskritischen Satire-Epos Il giorno (Der Tag), das in mehreren
Teilen zwischen 1763 und 1801 erschien, die Nutzlosigkeit und Amoralität des
Adels verspottete und im Gegenzug die reine Askese des gemeinen Arbeiters
verklärend pries. Alfieri war von der Idee der Freiheit fasziniert und wandte
sich in Abhandlungen wie der 1777 geschriebenen Della tirannide (1789, Von
der Tyrannei) sowie in kürzeren Gedichten und Tragödien mit Vorliebe gegen
die Fesseln der Gewaltherrschaft. Mit wenigen Ausnahmen setzten seine Stücke
einen stark politischen Akzent, der ihnen im Kampf um die Einigung des
italienischen Staates im 19. Jahrhundert zu großer Beliebtheit verhalf. Zu
Alfieris Tragödien gehören Agamemnon (1783), Filippo (1783, Philipp
der Zweite), Antigone (1783), Bruto primo (1787-1789, Brutus,
der Ältere) und Bruto secondo (1789, Brutus, der Jüngere).
Seine Autobiographie Vita (1806) gehört zu den wichtigsten
Selbstzeugnissen der italienischen Literatur. Weitere zentrale Schriftsteller
des Settecento waren der Archäologe und Schriftsteller Lodovico Antonio
Muratori und der Philosoph Giovanni Battista Vico, dessen Bedeutung mit dem
Werk seines Schülers Benedetto Croce im 20. Jahrhundert wieder zunahm. In
seinen Principi di una scienza nuova d’intorno alla comune natura delle
nazioni (1725, Grundzüge einer neuen Wissenschaft über die
gemeinschaftliche Natur der Völker) propagierte Vico eine zyklische
Geschichtsauffassung, die das Interesse der Romantik an der Historie
vorwegnahm. In der Moderne wirkte dieses historische Modell nicht zuletzt auf
das universalsprachliche Epos Finnegans Wake des irischen
Schriftstellers James Joyce.
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7 |
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OTTECENTO (19. JAHRHUNDERT) |
Die Hoffnung auf Befreiung und
Vereinigung Italiens bildete seit dem 13. Jahrhundert ein wichtiges Thema
der italienischen Literatur. Im Trecento manifestierte sich dieses erstarkende
Nationalbewußtsein u. a. in der Herausbildung einer italienischen Literatursprache. Die Hoffnungen verstärkten
sich durch die Französische Revolution,
die in ganz Europa eine Welle nationaler Strömungen nach sich zog. Vom Beginn
des 19. Jahrhunderts bis zum Jahr 1870, als mit dem Abzug der
französischen Truppen aus Rom die Fremdherrschaft auf italienischem Boden
beendet wurde, war der Nationalgedanke, in seiner spezifisch italienischen
Ausprägung Risorgimento genannt, von prägendem Einfluss auf die Literatur des
Landes. Eine weitere Eigenart der Literatur des Ottecento, die sich nicht aus
der Staatsidee speiste, stellt der weithin ausgeprägte Regionalismus dar, der
das Leben des betreffenden Gebiets realistisch zu erfassen suchte und sich zu
diesem Zweck häufig der örtlichen Mundart bediente.
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7.1 |
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Risorgimento und Romantik |
Neben nationalen Bewegungen war die
italienische Literatur des frühen 19. Jahrhunderts vom Geist des
Klassizismus und der Romantik geprägt, die Fragen der Geschichte und der
Überlieferung in den Mittelpunkt stellten. Die Auseinandersetzung mit der
Französischen Revolution und den Ereignissen um Napoleon wird u. a. in den
Werken Vincenzo Montis, Ugo Foscolos und Carlo Portas deutlich. Monti, zunächst
ein Gegner der revolutionären Umwälzungen, trat später für Frankreich ein und
rühmte Napoleon in einer Reihe von Gedichten. (Bekannt wurde er jedoch durch
seine Übersetzung von Homers Ilias.) Foscolo diente während der
französischen Besatzung Italiens als Soldat und wanderte nach dem Einmarsch
österreichischer Truppen nach England aus. Sein Ruhm gründet sich auf den
Briefroman Ultime lettere di Jacopo Ortis (1802, Die letzten Briefe
von Jacobo Ortis), der Goethes Die Leiden des jungen Werthers
nachgebildet ist. Später wandelte sich sein enthusiastischer Patriotismus in
ein resigniertes Grübeln über die vergangene Glanzzeit des geteilten Landes.
Aus dieser Stimmung heraus schrieb er sein düster-melancholisches Meisterwerk I
sepolcri (1807, Gedicht von den Gräbern), in dem er gegen einen der
Erlasse Napoleons protestierte. Carlo Porta machte das Leiden des einfachen
Volkes unter der napoleonischen Herrschaft zum Thema. Mit seinen Gedichten (Poesie
in dialetto milanese, posthum 1821) verhalf er dem Mailänder Dialekt in den
Rang der Literatursprache.
Einer der größten Lyriker des
Ottecento war Giacomo Leopardi. Als Autodidakt bildete er sich selbst zum
Universalgelehrten und trat dann, geschult durch seine Übersetzungen
griechischer und römischer Gedichte, als Autor an die Öffentlichkeit. Leopardis
frühe Gedichte waren patriotischen Inhalts; später prägte jedoch ein
pessimistischer Zug sein von Weltschmerz und Nihilismus bestimmtes Werk. Die
erste vollständige Ausgabe von Leopardis Gedichten erschien 1831 in der Sammlung
Canti (Gesänge). Seine Schwermut fand auch in Prosaschriften Ausdruck,
vor allem in Operette morali (1827, Gespräche), Zibaldone di
pensieri (7 Bde., 1898-1907, Das Gedankenbuch), sowie in seinen
meisterhaften Briefen. Leopardis Dichtung zeichnet sich durch die Verwendung
klassischer Formen, stilistische Klarheit sowie einen an der Klassik geschulten
Rationalismus aus. Der bedeutendste unter den politischen Autoren des
Risorgimento war zweifellos Giuseppe Mazzini, dessen politische Aktivitäten ihm
Gefängnis und Exilierung einbrachten. Wie der Politiker Camillo Benso di Cavour
und der Soldat Giuseppe Garibaldi zählt Mazzini zu den Vätern der italienischen
Unabhängigkeit. Seine leidenschaftlichen und formvollendeten politischen
Schriften sind immer noch von literaturgeschichtlichem und historischem
Interesse.
Der Streit um die weltliche
Macht des Papstes führte zu einem Konflikt zwischen den Literaten des
Risorgimento und der Kirche, der in der Literatur unterschiedliche Ausformungen
fand. Der bedeutendste christlich geprägte Schriftsteller dieser Zeit war
Alessandro Manzoni, der mit dem zwischen 1821 und 1823 entstandenen und 1825
überarbeiteten Roman I promessi sposi (1827, Die Verlobten) ein
nicht nur von Goethe gelobtes Meisterwerk romantischer Prosa schuf. I
promessi sposi erzählt die Geschichte zweier Liebender, die im spanisch
beherrschten Italien des 17. Jahrhunderts gegen Unterdrückung und ein
ihnen feindlich gesonnenes Schicksal aufbegehren. In historische Ferne
entrückt, konnte Manzoni gegen Fremdherrschaft allgemein angehen und diese der
Unmenschlichkeit anklagen, ohne dabei der Zensur anheimzufallen. Die
universelle Botschaft des Buches jedoch, die zusammen mit dem meisterhaften
Stil zu seinem Weltruhm beitrug, besteht im Vertrauen auf die göttliche Fügung
und im Glauben an den Sieg des Guten. Mit seiner Literatur wollte Manzoni die
(christliche) Wahrheit der Allgemeinheit nutzbar machen. Seine Bindung an
christliche Wertvorstellungen spricht vor allem aus den Inni sacri
(1815-1822, Heilige Hymnen). Manzonis Spätwerk dann wird verstärkt vom
Gedankengut des Pietismus durchzogen. Mit einer auf den Tod Napoleons
gedichteten Ode, die von Goethe ins Deutsche übersetzt wurde, kam der Autor zu
europaweiter Anerkennung. Als Dramatiker verfasste Manzoni die historischen
Trauerspiele Il conte di Carmagnola (1820, Der Graf von Carmagnola)
und Adelchi (1822, Adelgis). Im Verlauf der Jahrhunderte hatte
sich das ursprünglich toskanische Vokabular des Italienischen mit Entlehnungen
aus anderen Mundarten angereichert: Um diese Entwicklung aufzuhalten, setzte
sich Manzoni für die Rückkehr zum Florentinischen der gebildeten Stände als
gemeinitalienischer Schriftsprache ein.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts
entstand in Abkehr von Manzoni und den Romantikern ein neuer Klassizismus, der
sich mehr an rationalen Modellen denn am Mystizismus oder an katholischer
Frömmigkeit orientierte. Hauptvertreter dieser Richtung war der Dichter Giosuè
Carducci, der die ruhmhafte Vergangenheit Roms sowie die Hoffnung Italiens auf
ein neues Goldenes Zeitalter besang. Er befürwortete das Wiederaufleben
heidnischer Traditionen in der Religion und setzte sich für klassische Inhalte
und Formen in der Literatur ein. Auch gelang ihm als einem der ersten Dichter
die Nachgestaltung antiker Versformen in neuzeitlichen Gedichten. Zu den
wichtigsten Lyriksammlungen Carduccis gehören Levia gravia (1868), Rime
nuove (1887), Odi barbare (3 Teile, 1877-1889) und Rime e
ritmi (1899). 1906 erhielt er als erster Italiener den Nobelpreis für
Literatur.
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7.2 |
|
Verismus und Symbolismus |
Angeregt vom französischen
Naturalismus in der Nachfolge Émile Zolas– und in Reaktion auf Klassizismus und
Romantik– bildete sich in der zweiten Hälfte des Ottecento eine Literatur
heraus, die sich verstärkt den sozialen Problemen der Gegenwart zuzuwenden
suchte. Die Anhänger des so genannten Verismo (von italienisch vero:
wahr) plädierten für die Verwendung der Alltagssprache, einen einfachen Stil
und eine Thematik, die sich den sichtbaren Gegebenheiten verschreiben sollte.
Somit gab der Verismus der mundartlichen Dichtung einen neuen Impuls. Zu den
bedeutendsten italienischen Dialektdichtern dieser Jahre avancierte Giuseppe
Gioacchino Belli: In über 2000 meist satirischen Sonetten in römischer Mundart
beschrieb er das Leben in Rom unter päpstlicher Verwaltung - und blieb dabei,
im Gegensatz zu Porta, gänzlich unpolitisch. Ein weiterer Mundartdichter des
Verismus war S. Di Giacomo.
Der bedeutendste veristische
Romancier war zweifellos Giovanni Verga, der sich in einer von Honoré de Balzac
inspirierten realistischen Bildsprache der Armut sizilianischer Bauern
zuwandte. Zu Vergas Hauptwerken gehören die Romane I malavoglia (1881, Sizilianische
Fischer) und Mastro-don Gesualdo (1889, Meister Motta). Hier wie
andernorts beschrieb der Autor in ausführlicher, dramatischer und realistischer
Weise das Leben und die Bräuche der einfachen Leute auf Sizilien. Seine
Novellen erschienen u. a. in den Bänden Vita dei campi (1880, Sizilianische
Bauernehre) und Novelle rusticane (1833, Sizilianische Novellen).
Darüber hinaus bearbeitete Verga einige seiner Novellen für die Bühne: Cavalleria
rusticana z. B. diente Pietro Mascagni als Vorlage für seine
gleichnamige Oper. Vergas Werk hatte großen Einfluss auf den Neorealismus nach
dem 2. Weltkrieg, etwa auf Luchino Visconti. Die veristischen Romane Luigi
Capuanas nahmen sich dezidiert das naturalistische Erzählen Zolas zum Vorbild.
Des Weiteren sind Grazia Deledda und, im Bereich der Lyrik mit ihrer Abwendung
vom gehobenen Stil hin zur Alltagssprache, Olindo Guerrini und Cesare
Pascarella dem Verismus zuzurechnen. In ihren zahlreichen Romanen und
Erzählungen schilderte Deledda das harte Leben der Menschen Sardiniens.
Schauplatz ihrer späteren Werke ist Italien, dennoch bleibt die Bindung an ihre
Heimat spürbar. Elias Portolú (1903) erzählt die Geschichte eines
ehemaligen Sträflings, der in seine Schwägerin verliebt ist. Ihr berühmtester
Roman, La Madre (1920, Die Mutter), schildert eindringlich das
Verhältnis zwischen einem Priester und seiner hingebungsvollen Mutter. Einer
jener Schriftsteller, die der Theorie der veristischen Richtung skeptisch
gegenüberstanden, gleichwohl jedoch unter ihrem Einfluss standen, war Giovanni
Pascoli (Canti di Castello vecchio, 1903). Seine Gedichte sind von einem
idyllischen Grundton geprägt; die Art, wie sie das Bauernleben evozieren,
erinnert an die Georgica Vergils. Stilistisch zeichnet sich Pascolis
Werk durch die Verwendung freier Verse und die Vermeidung rhetorischer Figuren
aus. Damit trug er maßgeblich zur Etablierung des freien Versmaßes in Italien
bei.
Am Übergang vom Realismus zum
Symbolismus steht das psychologische Erzählwerk Antonio Fogazzaros. Seine
Romane begreifen Literatur nicht zuletzt als ästhetischen Weg aus der
moralischen Krise, die durch die sozialen Umwälzungen und den
wissenschaftlichen Fortschritt entstanden sei. Fogazzaro schrieb u. a. die
Romane Malombra (1881), Il mistero del poeta (1888, Das
Geheimnis des Dichters) und Piccolo mondo antico (1895, Die
Kleinwelt unserer Väter). Vom französischen Symbolismus in der Tradition
Charles Baudelaires ließ sich die Autoren- und Malergruppe Scapigliatura
inspirieren, die sich zwischen 1860 und 1880 in Mailand und Piemont
konstituierte und ihren antibürgerlich-exzentrischen und ausschweifenden
Lebens- und Darstellungsstil in der Art der Boheme bereits im Namen (von
italienisch scapigliare: die Haare zerzausen) anklingen ließ. Deutlich
floss dabei in die Poetologie des Kreises um E. Praga, Arrigo Boito, Igino
Ugo Tarchetti, C. Dossi, Tranquillo Cremona und Giovanni Camerana auch der
Synästhesie-Gedanke der deutschen Romantik ein. Weitere Vorbilder der Scapigliatura
waren die deutschen Dichter Novalis, Friedrich Hölderlin, E. T. A.
Hoffmann und Heinrich Heine. Außerhalb der literarischen Moden jener Zeit
stehen Schriftsteller wie Edmondo De Amicis mit Journalistenromanen,
Reiseberichten und der sentimentalen Schulerzählung Cuore (1886, Herz,
ein Buch für die Jugend), des Weiteren der dem Risorgimento nahe stehende
Neoklassizist Giosuè Carducci (Odi barbare, 1877-1889, Barbarische
Oden) und Carlo Collodi mit dem berühmten Kinderbuch Le avventure di
Pinocchio (1883, Die Abenteuer des Pinocchio), einem Klassiker der
Kinder- und Jugendliteratur.
Als wichtigster Literaturkritiker
des Ottecento und Begründer der modernen italienischen Literaturwissenschaft
gilt Francesco de Sanctis. Seine vom Geist des Risorgimento geprägten Werke wie
Saggi critici (1866), La letteratura italiana nel secolo XIX
(1897) und besonders Storia della letteratura italiana (1870/71, Geschichte
der italienischen Literatur) übertragen soziologische und psychologische
Betrachtungsweisen auf die Praxis literarischer Bewertung.
|
8 |
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NOVECENTO (20. JAHRHUNDERT) |
Die italienische Literatur des 20. Jahrhunderts
weist einen großen Formen- und Themenkanon auf. Ein Großteil der
Veröffentlichungen der dreißiger und vierziger Jahre steht in Zusammenhang mit
den Erfahrungen zur Zeit des Faschismus. Nach dem 2. Weltkrieg dominierte
der sozial ausgerichtete Realismus, der dann introspektiver Dichtung und Prosa
Raum gab.
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8.1 |
|
Autoren des Übergangs |
Mit Gabriele D’Annunzio brachte die
italienische Literatur jenen Dichter des 19. Jahrhunderts hervor, dessen Schriften
am deutlichsten in das 20. Jahrhundert hineinwirkten. Er durchbrach die
von Romantik, Realismus und Klassizismus errichteten Beschränkungen und
richtete sein Bestreben darauf, eine von Friedrich Nietzsche geprägte moderne
Version des Universalmenschen der Renaissance darzustellen. In diesem Sinn
propagieren seine Gedichte, Romane, Theaterstücke und Opernlibretti einen
heidnischen Sinnen- und Schönheitskult. Einige seiner wichtigsten Schriften
sind die Gedichtsammlung Laudi del cielo, del mare, della terra e degli eroi
(5 Bde., 1903-1933), der Roman Trionfo della morte (1894, Der
Triumph des Todes) und das Drama La figlia di lorio (1904). Zudem
schrieb er politische Abhandlungen und patriotische Reden. Eine weitere
bedeutende Gestalt der Übergangszeit stellt Italo Svevo dar. Sein Werk war
vollkommen dem Vergessen anheimgefallen, bis es von dem französischen
Schriftsteller und Literaturkritiker Valéry Larbaud und dem Iren James Joyce
wieder entdeckt und ins Bewusstsein der italienischen Literaturwissenschaft
zurückgebracht wurde. Svevos Stärke liegt in der realistischen– und an der
Psychoanalyse Sigmund Freuds geschulten – Schilderung psychologischer
Beweggründe, die er in Romanen wie Una vita (1893, Ein Leben), Senilità
(1898, Ein Mann wird älter) und La coscienza di Zeno (1927, Zeno
Cosini) darzustellen verstand. Deutlich wird hier eine Skepsis gegenüber
der sprachlichen Durchdringung von Realität zum Ausdruck gebracht. Der
Philosoph Giovanni Gentile, ein Vertreter der vom deutschen Idealismus beeinflussten
neuidealistischen Strömung in Italien, schuf dem italienischen Faschismus mit
Schriften wie Origini e dotrina del fascismo (1929) und La filosofia
dell’arte (1931) ein theoretisches Fundament. Dem psychologischen Roman
verlieh Matilde Serao mit Il paese di cuccagna (1891, Das
Schlaraffenland) und La ballerina (2 Bde., 1899) neue Impulse.
Der Dramatiker Sem Benelli gelangte als Verfasser von La cena delle beffe
(1909, Das Mahl der Spötter) und L’amorosa tragedia (1925) zu
Ansehen. Grazia Deledda wurde mit naturalistischen Romanen über die Bauern
Sardiniens bekannt, darunter Elias Portolú (1903) und La madre
(1920, Die Mutter). Mit seiner zwischen 1938 und 1940 publizierten
Trilogie Il mulino del Po entwarf R. Bacchelli ein imposantes
Panorama der italienischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert und belebte
damit die Gattung des historischen Romans, eine Tradition, die von den
Literaten nach 1945 (so von Ferruccio Ulivi, C. Cassola und Elio
Bartolini) wieder aufgegriffen wurde.
|
8.2 |
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Literatur vor dem 2. Weltkrieg |
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts
bildete die italienische Literatur verschiedene Strömungen aus, die die Poesie
von jeglicher Rhetorik und Lyrizismen zu befreien suchten. Die wirkungsvollste
und radikalste dieser Bewegungen, die für eine Zertrümmerung von Syntax und
Metrik eintrat und z. B. den deutschen Expressionismus beeinflusste, war
der Futurismus, dessen Begründer und führender Vertreter Filippo Tommaso
Marinetti eine der Dynamik der Großstadtwelt adäquate „elektrifizierte” Sprache
einklagte und eine Zerstörung individuell-psychologischer Erzählführung
propagierte (Poupées Electriques, 1909, Elektrische Sinnlichkeit).
In seinem afrikanischen Roman Mafarka le futuriste (1910) löste er diese
Forderung in explodierenden Bildfolgen ein. Demgegenüber produzierten die so
genannten Crepuscolari oder Poeti crepuscolari um
S. Corazzini, G. Gozzano, M. Moretti, A. Pallazzeschi und
G. Govini eine eher beschauliche Lyrik, die sich vom dekadent-urbanen
Ästhetizismus D’Annunzios und seiner Anhänger ab- und einer provinziellen
Thematik zuwandten. Eine Sonderstellung innerhalb der italienischen Lyrik nimmt
U. Saba ein, den mit den Crespuscolari allerdings der Hang zu
sprachlicher Schlichtheit verbindet.
Giuseppe Ungaretti, neben Eugenio
Montale und Salvatore Quasimodo einer der bedeutendsten italienischen Lyriker
des 20. Jahrhunderts, markierte mit seiner ersten Gedichtsammlung Il
porto sepolto 1916 den Beginn einer Wiederbelebung der italienischen Lyrik.
Seine Werke, unter denen besonders Allegria di naufragi (1919, Die
Heiterkeit), Sentimento del tempo (1933, Zeitgefühl), Il
dolore (1947, Der Schmerz) und La terra promessa (1950, Das
verheißene Land) herausstechen, wurden 1982 als Werkausgabe unter dem Titel
Vita d’un uomo. Tutte le poesie (Ein Menschenleben)
veröffentlicht. Sie sind durch eine extreme Sparsamkeit des Wortmaterials und
durch vom Symbolismus angeregte Ausdrucksformen geprägt. Betont wird hier die
Reinheit des lyrischen Ausdrucks (poesia pura). Montale, mit Ungaretti
der Begründer des Hermetismus (poesia ermetica), ist ein weiterer
wichtiger Wegbereiter der modernen italienischen Literatur. Sein poetisches
Hauptwerk besteht aus den drei Sammlungen Ossi di seppia (1925, Die
Knochen des Tintenfischs), Le occasioni (1939, Anlässe) und La
bufera e altro (1956, Stürme). Darin versammelte Montale Gedichte,
die oft stark komprimiert, intellektuell und schwer zugänglich erscheinen. Die
Dichtung von Salvatore Quasimodo, darunter Ed è subito sera (1942, Und
gleich ist es Abend), Giorno dopo giorno (1947, Tag um Tag), La
vita non è sogno (1949, Das Leben ist kein Traum) und Il falso e
vero verde (1953, Das falsche und das wahre Grün), demonstrieren
eine leidenschaftlich-poetische Sensibilität für die tragischen Momente des
modernen Daseins. Als weiterer Vertreter der poesia pura etablierte sich
A. Onofris.
Der wichtigste Denker im Italien
des frühen 20. Jahrhunderts war der Philosoph, Literaturwissenschaftler
und Historiker Benedetto Croce, der Gedanken von Francesco De Sanctis aus dem
19. Jahrhundert wieder aufgriff. Seine im zweimonatlichen Rhythmus
erscheinende Zeitschrift La Critica (1903-1944) und seine literarischen
und philosophischen Werke entwickelten die Vorstellungen von Giambattista Vico
aus dem Settecento weiter und betonten die Bedeutung künstlerischer Intuition
und Freiheit für die Entwicklung der Zivilisation. Croces dem deutschen
Idealismus nahe stehende Haltung stand in krassem Gegensatz zum damals
populären Positivismus. Seine Forderung nach politischem Engagement des
Intellektuellen im öffentlichen Leben setzte er mit einem Aufsehen erregenden
antifaschistischen Manifest in die Praxis um. In Croces vierbändigem
philosophischem Hauptwerk, Filosofia come scienza dello spirito
(1902-1917), befasste sich der Philosoph mit Ästhetik, Logik und Geschichte.
Seine 1918 erschienene Autobiographie gibt Aufschluss über ein bewegtes Leben.
Im Anschluss an Croce, dessen Gedanken er studiert und entworfen hatte, schuf
der in den vierziger Jahren einflussreiche Antonio Gramsci sein Konzept einer
marxistisch ausgerichteten Kulturtheorie (Il materialismo storico e la
filosofia di Benedetto Croce, 1948, Der historische Materialismus und
die Philosophie Benedetto Croces)
Neben La Critica gab es
Anfang des Novecento vier weitere Zeitschriften, die verschiedenen
italienischen Autorengruppen als Forum dienten. Die von Giuseppe Prezollini
herausgegebene La Voce (1908-1914), die seine Publikation Leonardo
(1903-1907) ablöste, trug wesentlich zur Erneuerung des kulturellen Lebens in
Italien bei und verbreitete wichtiges Gedankengut aus Frankreich, England und
Amerika. Zentrale Mitarbeiter Prezollinis waren der Maler und Schriftsteller
Ardegno Soffici und der Philosoph und Schriftsteller Giovanni Papini, der La
Voce mitgegründet und mit dem Roman Un uomo finito (1912) ein
herausragendes Beispiel autobiographischen Erzählens vorgelegt hatte.
Tatsächlich bevorzugte der Kreis um La Voce die Romangattung als
zentrales Medium zur Wirklichkeitsgestaltung, was sich etwa in den Kriegsbüchern
P. Jahiers und A. Panzinis niederschlug. Die Autoren der Zeitschrift La
Ronda (1919-1923) riefen zur Abkehr vom Stil D’Annunzios und zur
Rückbesinnung auf traditionelles Dichten auf. Dieser Zeitschrift standen
u. a. Antonio Baldini und Riccardo Bacchelli nahe. Darüber hinaus wirkte
die Zeitschrift Lacerba (1913-1915) stark auf den literarischen Diskurs
vor dem 1. Weltkrieg.
Die herausragende Dichterpersönlichkeit
der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts war zweifellos Luigi
Pirandello. In seinen Stücken verwendete er dramatische Verfahren, die einen
engeren Kontakt zwischen Schauspielern und Publikum herstellen sollten. Viele
der Dramen Pirandellos sind für die Bühne bearbeitete Versionen früherer
Prosatexte. Sie zeigen zumeist Figuren im Spannungsfeld psychischer
Extremzustände und zeichnen sich durch subtile psychologische Durchdringung der
Charaktere und einen feinsinnigen Humor der Darstellung aus. Zu seinen
bekanntesten Bühnenwerken gehören Sei personaggi in cerca d’autore
(1921, Sechs Personen suchen einen Autor), Enrico IV. (1922,
Heinrich IV.) und Come tu mi vuoi (1930, Wie du mich
willst). Sein Prosawerk umfasst u. a. Il fu Mattia Pascal
(1904, Mattia Pascal) und I vecchi e i giovani (1913). Neben
Pirandello zählt Ugo Betti mit seinen der Existenzphilosophie nahe stehenden
„rechtsmetaphysischen” Stücken zu den bedeutendsten Dramatikern einer
italienischen Moderne (Corruzione al Palazzo di Giustizia, 1944, Korruption
im Justizpalast). Eine Ausnahmeerscheinung innerhalb der italienischen
Literatur des 20. Jahrhunderts stellt zweifellos Aldo Palazzeschi dar, der
mit Il Codice di Perelà (1911, Das Gesetzbuch des Perelà) über
einen „Mann aus Rauch” als Futurist begann, sich mit Stampe dell’Ottocento
(1932, Am Fenster. Florentiner Veduten) dann zum burlesken Ironiker
entwickelte, um sich dann über realistische Meisterwerke wie Le Sorelle
Materassi (1934, Die Schwestern Materassi) und I fratelli Cuccoli
(1948, Die Brüder Cuccoli) zum großen Phantasten wandelte (Il doge,
1967, Der Doge).
Der Aufstieg des italienischen
Faschismus unter Benito Mussolini zog starke Repressionen auch für die
italienischen Literatur nach sich. Die Schriftsteller jener Zeit reagierten
unterschiedlich auf die eingeschränkte Produktionsfreiheit und die menschenverachtende
Politik des Regimes. Viele traten offen in den Widerstand, so auch der Autor
und Gelehrte Guiseppe Antonio Borghese mit seinem zunächst in englischer
Sprache verfassten Essay Goliath, The March of Fascism (1937, Der
Marsch des Faschismus). Internationalen Ruhm erlangte der Romancier Ignazio
Silone, der 1930 ins Schweizer Exil ging, mit politisch akzentuierten Romanen
wie Fontamara (1933) und Pane e vino (1937, Brot und Wein).
Der Journalist und Diplomat Kurt Erich Suckert, der unter dem Pseudonym Curzio
Malaparte bekannt wurde, befürwortete anfänglich die faschistische Ideologie,
wandte sich später jedoch strikt von ihr ab. Sein sprachlich kraftvollstes
Werk, der Antikriegsroman Kaputt (1944), zeigt die moralische und
kulturelle Rückentwicklung Europas im Faschismus auf und ist Beleg für den
Wandel seines Verfassers zum Pazifisten. Ansonsten verfiel die italienische
Literatur unter Mussolinis Herrschaft in einen regionalistisch-affirmativen
Provinzialismus.
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8.3 |
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Literatur nach dem 2. Weltkrieg |
Wenige Jahre nach dem Krieg
erlebte der italienische Film mit dem so genannten Neorealismo bzw. Neoverismo
einen ungeheueren Neuanfang. Zeitgleich entwickelte sich der italienischen
Neorealismus auch in der Literatur. Unter den führenden Vertretern befand sich
Carlo Levi, der die Nöte der süditalienischen Bauern in seinem Bestseller Cristo
si è fermato a Eboli (1946, Christus kam nur bis Eboli) festhielt,
sowie Elio Vittorini mit Conversazione in Sicilia (1941, Tränen im
Wein) und Vasco Pratolini mit Cronache di poveri amanti (1947, Chronik
armer Liebesleute). Weitere bedeutende Schriftsteller dieser Richtung, die
die Atmosphäre des Umbruchs und der damit verbundenen Nöte darzustellen
suchten, waren Mario Soldati (Lettere da Capri, 1954, Briefe aus
Capri) und Cesare Pavese mit Werken wie Tra donne sole (1949, Die
einsamen Frauen), Il diavolo sulle colline (1949, Der Teufel auf
den Hügeln) und La luna ei falò (1950, Junger Mond). In
Vitaliano Brancati fand die italienische Literatur einen scharfen und zugleich
sensiblen Kritiker der sizilianischen Gesellschaft und ihrer Normen (Il
bell’ Antonio, 1949, Schöner Antonio). Ein Werk von Weltrang, das
auch durch seine erfolgreiche Verfilmung internationale Resonanz erfuhr, war
der vor sizilianischem Hintergrund spielende Roman Il gattopardo (1958, Der
Leopard) von Giuseppe Tomasi di Lampedusa.
Der neben Pirandello bekannteste
italienische Schriftsteller der Moderne ist Alberto Moravia. Als bedeutendster
Vertreter des psychologischen Realismus in der italienischen Literatur war er
mit dem Roman Gli indifferenti (1929, Die Gleichgültigen) bereits
vor dem Krieg der eigentliche Begründer des Neorealismus. Moravia schrieb in
asketisch-präziser Prosa über Menschen, die in gesellschaftliche und emotionale
Konfliktsituationen geraten. Sein bekanntestes Werk ist La ciociara
(1957, Cesira), ein Roman über eine Mutter und ihre Tochter in den
italienischen Kriegswirren, der ebenfalls erfolgreich verfilmt wurde. Ein
anderer bekannter Film basiert auf dem beklemmenden Roman Il giardino dei
Finzi-Contini (1962, Die Gärten der Finzi-Contini) von Giorgio
Bassani über die Leiden einer während des Faschismus in Ferrara lebenden
jüdischen Familie. Einen psychologisch verfeinerten Realismus pflegte auch
Carlo Emilio Gadda. Zu jenen Autoren Italiens, die sich, zumeist unter
sozialistischer bzw. marxistischer Perspektive, nach 1945 dezidiert der
sozialen Problematik im Land zuwandten, gehörten Pier Paolo Pasolini, Ignazio
Silone und V. Pratolini. Überhaupt war die italienische Literatur nach dem
2. Weltkrieg zunächst stark linksliberal geprägt. Die in den fünfziger
Jahren ausgestrahlten populären Fernsehserien nach dem bereits 1948
erschienenen Roman Mondo piccolo: Don Camillo (Don Camillo und
Peppone), der die Entwicklung des Landes zwischen Katholizismus und
Marxismus beleuchtet, machten dessen Autor Giovanni Guareschi auch einem
internationalen Publikum bekannt.
Weitere bedeutende Romanciers der
Nachkriegszeit sind Dino Buzzati, zu dessen an Franz Kafka gemahnenden
allegorisch-parabolischen Werken der Roman Il deserto dei Tartari (1940,
Die Tatarenwüste) und das Drama Un caso clinico (1953, Das
Haus mit den sieben Stockwerken) zählen, und Elsa Morante mit ihren
episch-mythischen Büchern wie Menzogna e sortilegio (1948, Lüge und
Zauberei) und La storia (1974). La storia erzählt von einem
während der Kriegsjahre in Rom lebenden halbjüdischen Lehrer und wurde zu einem
der größten Publikums- und Kritikererfolge der siebziger Jahre. Natalia
Ginzburg erlangte Ruhm mit ihrer gefühlvollen Schilderung italienischer Kinder
und Frauen, die in der Familie isoliert sind (Le voci della sera, 1961, Die
Stimmen des Abends), und der Autobiographie Lessico famigliare
(1963, Mein Familienlexikon) mit Essays über die eigene Jugend in Turin.
Primo Levi verarbeitete in seinen autobiographischen Texten die traumatischen
Erfahrungen, die er während seiner Internierung im Konzentrationslager
Auschwitz machen musste (Se questo è un uomo, 1947, Ist das ein
Mensch? Erinnerungen an Auschwitz und La tregua, 1963, Atempause.
Eine Nachkriegsodyssee). Demgegenüber verband Umberto Eco in seinem
postmodernen Kriminalroman Il nome della rosa (1980, Der Name der
Rose) zeichenhafte Symbolik mit historischer Detailtreue und legte damit
eine Umsetzung seiner Semiotik vor. Das vielschichtige, in einem
mittelalterlichen Kloster spielende Buch wurde ein internationaler, später
(1985) auch verfilmter Bestseller. Italo Calvino, der Romane wie Il barone
rampante (1957, Der Baron auf den Bäumen) und Il cavaliere
inesistente (1959, Der Ritter, den es nicht gab) schrieb, wurde erst
mit seinem Spätwerk international bekannt, das die Romane Se una notte
d’inverno un viaggiatore (1979, Wenn ein Reisender in einer Winternacht)
und Palomar (1983, Herr Palomar) umfasst. Thema des
letztgenannten Romans ist die Darstellung der Nutzlosigkeit des Versuchs, die
Welt verstehen zu wollen. Sowohl Eco als auch Calvino begründeten die Tendenz
vieler Autoren der italienischen Gegenwartsliteratur, sich in historische
Bereiche zurückzuziehen: Dies gilt noch für Dacia Maraini (La lunga vita di
Marianna Ucria, 1990, Das lange Leben der Marianna Ucria) und
Raffaele Nigro (La Baronessa dell’Olivento, 1990, Die Baronin von
Olivento). Eine moderne Fassung von Voltaires Candide schrieb
Leonardo Sciascia mit Candido ovvero un sogno fatto in Sicilia (1977, Candido
oder ein Traum von Sizilien), einem pessimistischen Roman, in dem sich die
Probleme im heutigen Sizilien widerspiegeln. Neben historischen Romanen,
Kriminalromanen, Lyrik und Theaterstücken veröffentlichte Sciascia auch
literaturkritische Essays und war zudem als Herausgeber tätig. Ende der
fünfziger Jahre wandte sich dezidiert Carlo Emilio Gadda gegen die Vorgaben des
Neorealismus und propagierte ein auf literarische Imagination aufbauendes Schreiben
(La cognizione del dolore, 1938-1941, Die Erkenntnis des Schmerzes).
Im Bereich der zeitgenössischen
Avantgarde traten Autoren wie Edoardo Sanguineti und Elio Pagliarini hervor,
führende Vertreter der so genannten Gruppo 63, einer losen
Vereinigung von Schriftstellern und Kritikern (Luciano Anceschi, Umberto Eco)
nach dem Vorbild der französischen Tel Quel und der deutschen Gruppe 47.
Dieser Kreis machte sich für eine experimentelle Dichtung stark und suchte die
Sprachauffassung des Hermetismus zu überwinden. So propagierte die Gruppo 63,
der u. a. Nanni Balestrini, Giuseppe Gugliemi, Alfredo Giuliani und
Antonio Porta angehörten, ein avanciert innovatives, geläufige Vorstellungs-
und Handlungsmuster zersplitterndes Erzählen in der Tradition des französischen
Nouveau roman; herausragendes Beispiel hierfür sind die Prosawerke Germano
Lombardis und Luigi Malerbas (Il serpente, 1966, Die Schlange).
Alfredo Guiliani legte mit Povera Juliet (Arme Julie) 1965 eine
an die klassische Avantgarde erinnerden Romancollage vor. Im Bereich der Lyrik
versuchte Vittorio Sereni, ebenso wie Sanguineti und Pagliarini, die von
Giuseppe Ungaretti bestimmte Linie einer stark individualisierten, um das
lyrische Ich zentrierten Dichtkunst zugunsten einer am Strukturalismus orientierten
Methode zu unterwandern. Werke der Arbeiter- bzw. Industrieliteratur (letteratura
industriale) schufen in der Nachfolge Nanni Ballestrinis (Vogliamo
tutto, 1971, Wir wollen alles; Prendiamo tutto, 1972, Wir
nehmen alles) und Ottiero Ottieris auch Saverio Strati und P. Volponi,
und hoben damit die strukturellen Bemühungen der Neoavanguardia der
sechziger Jahre zugunsten eines engagierten Erzählens auf. Dezidiert
zeitkritisch gaben sich Sebastiano Vasalli, Andrea de Carlo und Pier Vittorio
Tondelli, der den Drogenroman Altri libertini (1980, Andere
Freiheiten) verfasste. Andrea de Carlo beschäftigte sich vorwiegend mit
Sein und Schein der Medienwelt. Einen modernen Briefroman in der Tradition des
18. Jahrhunderts schrieb Natalia Ginzburg mit Caro Michele (1973, Lieber
Michele).
Das zeitgenössische Theater blieb
weitgehend dem Provinziellen verhaftet (Francesco Leonetti, Edoardo Sanguineti,
Nanni Balestrini) und trotz ihrer Humoristik eher rührselig (Eduardo De
Filippo). Eine Ausnahme bilden die dem Volksstück verpflichteten burlesken
Satiren Dario Fos. In den achtziger Jahren wurden zudem die Schriftsteller
Daniele del Giudice und Antonio Tabucchi (Notturno indiano, 1984, Indisches
Nachtstück; Il filo dell’ orizzonte, 1986, Der Rand des Horizonts)
einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. In seinem von Italo Calvino hoch
gelobten Buch Narratori delle pianure (1985, Erzähler der Ebenen)
knüpfte Gianni Celati an die resignativ-absurde Komik Samuel Becketts an. Den
Medienroman Andrea de Carlos radikalisierte Mario Fortunato in den virtuellen
Wirklichkeiten einer Erzählsammlung mit dem ironischen Titel Luoghi naturali
(1988, Natürlicher Ort). Mit einer Verwischung von fiktiven und realen
Ebenen spielte zudem Paola Capriolo (Il nocchiero, 1989, Der
Steuermann). Zu den Lyrikern der Zeit, die sich zum Teil einem
sprachspielerischen Eklektizismus hingaben, gehörten u. a. Gabrielle Sica
und Roberto Mussapi sowie die Neoromantikerin Patrizia Valduga und der
Neomanierist Roberto Pazzi. Eine herausragende Stellung innerhalb des
zeitgenössischen Literaturbetriebs in Italien nimmt die literarische Kritik ein
(neben Umbert Eco namentlich vor allem Cesare Segre, Maria Corti und Gianfranco
Contini). Während der neunziger Jahre öffnete sich die italienische Literatur
dann verstärkt auch einer spielerischen Poetologie im Sinn der
Intertextualitätskonzeption Julia Kristevas. Zu den herausragenden
Publikationen dieser Zeit gehört etwa Pier Vittorio Tondellis Jugendroman Camere
separate (1990, Getrennte Zimmer), Luigi Malerbas Il fuoco greco
(1990, Das griechische Feuer) und Sebastino Vassallis La chimera
(1990, Die Chimäre). Mit ihrem Bestseller Geh, wohin dein Herz dich
trägt, avancierte Sussana Tamaro 1995 zur erfolgreichsten italienischen
Schriftstellerin der Gegenwart (Anima mundi, 1997)
Verfasst von:
Thomas Köster
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