Portugiesische Literatur

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EINLEITUNG

Portugiesische Literatur, die in Portugal verfasste Literatur. Bis zum 14. Jahrhundert bildete die portugiesische Literatur nur eine regionale Variante der iberischen Literatur, die in galicisch-portugiesischer Sprache verfasst wurde. Noch im 17. Jahrhundert schrieben viele portugiesische Autoren auf Kastilisch. Eine klare Trennungslinie zwischen der spanischen und portugiesischen Literatur dieser Zeit zu ziehen, scheint daher kaum möglich. So zählen die Portugiesen auch die erste erhaltene Version des Amadís von Gaula von 1508, eines wahrscheinlich im 13. Jahrhundert in Galicien entstandenen Ritterromanes, zu ihrem literarischen Erbe. Seit dem 18. Jahrhundert besteht eine wechselseitige Beeinflussung von brasilianischer und portugiesischer Literatur. Ab dem zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts erfuhr die portugiesische Literatur durch Beiträge von Autoren aus den afrikanischen Kolonien Portugals eine Bereicherung.

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DAS ZEITALTER DER TROUBADOURE

Durch französische Ritter, die an der Reconquista, der christlichen Rückeroberung der von Mauren besetzten Iberischen Halbinsel, teilgenommen hatten, und die Pilgerfahrten westeuropäischer Christen nach dem galicischen Santiago de Compostela gelangten bereits im 12. Jahrhundert erstmals französische und provenzalische Troubadoure nach Nordspanien und Portugal. Die eigentliche höfische Troubadourdichtung setzte in Portugal im 13. Jahrhundert unter Alfonso III. ein und erreichte ihre Blütezeit unter der Regentschaft seines Sohnes Diniz, der selbst ein talentierter Dichter war. Die Lieder der Troubadoure werden allgemein in drei Gattungen eingeteilt: Cantigas de amor, sehnsuchtsvolle Liebeslieder; Cantigas de amigo, Lieder über Freier und untreue Geliebte aus der Perspektive von Frauen, die in der mündlichen Überlieferung des einfachen Volkes bis auf den heutigen Tag lebendig gehalten werden, sowie Cantigas de escarnho e de mal dizer, burleske Spottlieder. Mehr als 2 000 dieser Balladen sind in drei Cancioneiros (Liederbüchern) erhalten geblieben. In einem vierten Buch, das König Alfonso X. von León und Kastilien zugeschrieben wird, sind mehr als 400 Marienlieder dieser Zeit aufgezeichnet. Die überlieferte portugiesische Prosa des 13. und 14. Jahrhunderts beschränkt sich auf die Livros de linhagens, die Genealogien der Adelshäuser; auf Heiligenviten und andere belehrende Literatur aus dem Lateinischen sowie auf die Adaptionen eines Grals- und eines Trojaromans aus dem Französischen.

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DAS GOLDENE ZEITALTER

Im ausgehenden 15. Jahrhundert begann für die portugiesische Oberschicht eine Zeit des materiellen und kulturellen Reichtums, dem der Aufstieg Portugals zur Weltmacht und die damit verbundene Ausbeutung der Kolonien in Südamerika und Afrika zugrunde lag. Die Ausrichtung des menschlichen Wissensdranges auf das Wesen der Menschen selbst, die die Renaissance auszeichnet, führte zu einem Anwachsen der weltlichen Literatur, obwohl es weder einen radikalen Bruch mit der mittelalterlichen Kirchendoktrin noch mit der Tradition der Troubadoure gab. Italienische Einflüsse zeigen sich deutlich im Cancioneiro Geral (1516), dem allgemeinen Liederbuch, das von Garcia de Resende zusammengestellt wurde und einen Überblick über das Werk von mehr als 300 Dichtern gibt. Vier dieser Dichter fanden breite Anerkennung: Resede mit einem Versepos über den Mord an der Geliebten des Königs Inés de Castro; Gil Vicente, der Begründer des portugiesischen Theaters, der seine Stücke seit 1502 am Königshof aufführte; Bernardim Ribeiro, der Verfasser des melancholischen Livro dos saudades (1554-1557), eines empfindsamen Romans mit Anleihen aus der Welt des Ritterromans; und Francisco de Sá de Miranda, der die portugiesische Poesie nach einem Aufenthalt in Italien durch Einführung italienischer Versmaße erneuerte. Gil Vicente schuf Werke wie das geistliche Spiel Autos das Barcas (1516), das romantische Spiel Amadís de Gaula (um 1523) oder die Farce Auto da Índia (Uraufführung 1509, Der Indienfahrer). Die Protagonisten seiner Stücke, die er aus dem Blickwinkel eines christlichen Humanisten schildert, repräsentieren alle Stände der damaligen portugiesischen Gesellschaft.

In der Nachfolge Sá de Mirandas verfasste António Ferreira Ignez de Castro (1587), eine Verstragödie mit griechischem Chor, und Jorge Ferreira de Vasconcelos schrieb einige Sittenkomödien in Prosa, darunter Eufrósina (1555), ein moralisierendes Gegenstück zum spanischen Roman La Celestina. Die erzählende Prosa entwickelte sich kaum weiter. Ritterromane blieben weiterhin in Mode, darunter auch die Vers- und Prosaromanze Lusitania transformada (1595) von Fernão Álvares do Oriente. Im 16. Jahrhundert wurden zahlreiche moralische und religiöse Abhandlungen geschrieben, meistens in der Form eines Dialogs zwischen Lehrer und Schüler, wie etwa Imagem da vida cristã (1563). Eine Kritik am Gebaren der portugiesischen Kolonialherren verfasste Diogo do Couto mit Soldado práctico (1590).

Couto ist der bekannteste unter den vielen Chronisten, die den Aufstieg und Niedergang des portugiesischen Weltreiches dokumentierten. Als bedeutendster Chronist gilt João de Barros, der, nach dem klassischen Vorbild des römischen Historikers Livius, eine ehrgeizige Geschichte der überseeischen Eroberungen mit den Décadas da Ásia (1552-1615) begann. Couto setzte diese Chronik fort, in der eine umfassende Darstellung der Geschichte und der Geographie des 16. Jahrhunderts glückte. Ein weiterer Geschichtsschreiber war der kosmopolitische, humanistisch orientierte Damião de Góis, der die Herrschaftszeit von König Emanuel beschrieb. Gaspar Correia konnte als Sekretär von Afonso de Albuquerque, dem Eroberer von Goa und Malakka, Erfahrungen sammeln, die er detailliert in den Lendas da Índia (1858-1866) schilderte. Die Reiseberichte jener Zeit sind mit exotischen, dramatischen und pittoresken Szenen angereichert. Dokumentiert werden die portugiesischen Entdeckungen, wie die des Seeweges nach Indien in den Jahren 1497 bis 1498 (geschrieben von Álvaro Velho, 1838) oder die der brasilianischen Küste im Jahr 1500 (von Pero Vaz de Caminha, 1817). Eine Reihe von Erzählungen über Schiffbrüche, die im 18. Jahrhundert unter dem Titel Die tragische Historie des Meeres (1735-1736) erschienen. Seine Abenteuer als Händler, Pirat und Sklave im Mittleren Osten hielt Fernão Mendes Pinto in seinem posthum veröffentlichten Lebensbericht Peregrinação (1614, Abenteuerliche Reise) fest.

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CAMÕES UND DIE LUSÍADEN

Die Blütezeit und der Niedergang des goldenen Zeitalters in Portugal und der damit verbundenen männlichen Ideale vom Edelmann, Christen und Liebhaber finden ihren kunstvollsten Ausdruck in Leben und Werk von Luís de Camões, dem Dichter des portugiesischen Nationalepos Os Lusíadas (1572, Die Lusiaden), das als das beste aller Renaissanceepen gilt. Deutsche Philosophen wie Herder, Schlegel und Hegel legten mit ihren überschwänglichen Würdigungen des Werkes Cam˜es im frühen 19. Jahrhundert den Grundstein für die poetischen Übersetzungen der deutschen Frühromantiker Schlegel, Fichte und August von Platen. So galt das mehr als 200 Jahre alte Nationalepos der ältesten europäischen Nation den Literaten der „verspäteten” Nation Deutschland als einzigartiges Beispiel eines „ernsthaften Nationalheldengedichtes” (Schlegel).

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BAROCK

Camões Lusiaden wurden gerade zu Zeiten der kastilischen Herrschaft über Portugal (1580-1640) für die portugiesischen Oberschichten zum wichtigsten, alles überragenden literarischen Werk, fand in ihnen doch das nationale Selbstverständnis des Adels seinen deutlichsten Ausdruck. Gleichzeitig verhinderte die mit der Gegenreformation und Inquisition einsetzende Zensur eine Weiterentwicklung der weltlichen Literatur. Trotzdem gab es auch während des spanischen Interregiums herausragende Autoren. Der Lyriker Francisco Manuel de Melo erwies sich in seinen Gedichten und Briefen an Freunde sowie in seinen vier Apólogos dialogais (1721 posthum erschienen), seinen Dialogen über aktuelle Themen, als humorvoller Zeitkritiker. Der bekannteste Autor des Barock war der Jesuitenprediger António Vieira, dessen in 15 Bänden vorliegende Predigten als Höhepunkt der belehrenden religiösen Prosa gelten.

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AUFKLÄRUNG UND KLASSIZISMUS

Nachdem Portugal seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in immer stärkerem Maß politisch von England abhängig wurde, begannen portugiesische Autoren die engen Verbindungen zur spanischen Literatur zu lösen und sich der Literatur der französischen und englischen Aufklärung zuzuwenden. In arkadischen Gesellschaften wie der Arcádia Lusitana wurden klassizistische Dichtung und aufklärerische Satire als Gegenbewegung zum Barock gefördert. Barocke Stilelemente lebten jedoch besonders in der jungen Literatur Brasiliens fort. Die Verdadeiro método de estudar (1746) von Luís António Verney ist eine gegen die Scholastik und gegen die Jesuiten gerichtete, für die Aufklärung typische Abhandlung über Erziehung und Bildung.

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ROMANTIK

Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts besetzten napoleonische Truppen die Iberische Halbinsel. Gleichzeitig erwuchsen innerhalb des portugiesischen Bürgertums aus dem revolutionären Gedankengut der Französischen Revolution liberale Strömungen. Junge Intellektuelle der Mittelschicht wie João Baptista da Almeida Garrett und Alexandre Herculano hatten lange Jahre im französischen und englischen Exil verbracht. Nach seiner Rückkehr verfasste Almeida Garrett Geschichtsdramen wie Bruder Luiz de Sousa (1844), die seinen Ruf als Erneuerer des portugiesischen Theaters begründeten. Herculano wurde als Historiker, der sich mit dem mittelalterlichen Portugal befasste, bekannt, schrieb aber auch historische Romane wie Eurico, O monge de Cister (1844), in dem er sich mit dem Zölibat auseinander setzte.

Als die bedeutendsten Autoren der portugiesischen Romantik gelten der Lyriker António Feliciano de Castilho und sein Schüler Camilo Castelo Branco. Dieser beschrieb in Erzählungen und Sittenromanen ländliche und kleinstädtische Charaktere. Zu seinen bedeutenden Werken zählen Amor de perdiçáo (1862) und Contos do Minho (1875-1876).

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REALISMUS UND NATURALISMUS

Die Generation von Coimbra, hervorgegangen aus einem studentischen literarischen Zirkel, wurde ab etwa 1865 – in expliziter Gegnerschaft zu den Romantikern – bestimmend in der Literatur Portugals. Unter Berufung auf die zeitgenössische deutsche Philosophie, die frühen französischen Sozialisten und die Wissenschaftlichkeit nahmen sich die Mitglieder dieses Zirkels die Romane Balzacs, Flauberts und Zolas zum Vorbild. Der begabteste Lyriker unter diesen Autoren war Antero Tarquínio de Quental, der philosophische Sonette schrieb (Os sonetos completos, 1886). Zur Gruppe zählten ebenfalls Teófilo Braga, der erste portugiesische Literaturwissenschaftler im modernen Sinn; Joaquim Oliveira Martins, ein hervorragender Kulturhistoriker und Ökonom; Guerra Junqueiro, der führende sozialistische Dichter, und José Maria de Eça de Queirós, der bedeutendste Romancier Portugals.

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SYMBOLISMUS UND SAUDOSISMO

Die Literatur der Jahrhundertwende wurde zwar nach wie vor stark von der Generation von Coimbra beeinflusst, daneben entstand aber auch eine symbolistische Strömung, die sich an französischen Vorbildern orientierte. Der in Macao lebende Camlio Pessanha mit Clepisdra (1922), Eugenio de Castro, der Verfasser des Oaristos (1890) und António Nobre gelten als deren einflussreichste Vertreter. Nobres Haupwerk (1892) stand für die Rückkehr zum sentimentalen Nationalismus eines Almeida Garrett, in dem das Volk romantisch verklärt worden war. Mit der Ausrufung der Republik 1910 entstand eine literarische Bewegung, deren Vertreter, formell an den Symbolismus anknüpfend, versuchten, Nation und Nationalcharakter neu zu bestimmen, eine Richtung die von ihrem Initiator Teixeira de Pascoais, dem Verfasser pantheistischer Lyrik, als Saudosismo bezeichnet wurde. Eng mit dieser Richtung verbunden waren der Dichter Nogueira de Seabra Pessoa und der Prosaautor José Régio. Dem bereits 1916 im Alter von 26 Jahren verstorbenen Mário de Sá Carneiro gelang es, die symbolistische Dichtung des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf höchstem Niveau neu zu beleben. Der bedeutendste Literat Portugals, Fernando Pessoa, dessen Werk weitgehend erst posthum erschien, wirkte ebenfalls in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Pessoa erstellte sein komplexes literarisches Gesamtwerk unter Verwendung zahlreicher Heteronyme, wobei er es verstand, sich in ganz unterschiedlichen literarischen Stilen meisterhaft auszudrücken. Zusammen mit James Joyce und Alfred Döblin gilt er als einer der ersten Autoren der literarischen Moderne.

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NEOREALISMUS

Nach einem Militärputsch 1926 gelangte der reaktionäre Wirtschaftsprofessor Àntonio de Oliveira Salazar an die Macht. Sein ständisches, am Klerus orientiertes Konzept des Estado Novo, des Neuen Staates, von 1933 war eng an die faschistische Staatsphilosophie angelehnt. Viele kritische Autoren verließen Portugal, so der Dichter Miguel Torga, der mit dem Diário (Tagebuch, seit 1941) einen einzigartigen Kommentar zum aktuellen Geschehen in Prosa und Versen schrieb, größtenteils aus dem brasilianischen Exil.

Da es unter den diktatorischen Verhältnissen nicht möglich war, direkte politische Kritik zu üben, begannen viele Autoren, sich von der Literatur der Innerlichkeit, die von José Régio und José Gaspar Simões, den Herausgebern der einflussreichen literarischen Zeitschrift Presença (Gegenwart, 1927-1940) in den Vordergrund gestellt worden war, abzuwenden und widmeten sich einer am brasilianischen Neorealismus orientierten Beschreibung sozialer Verhältnisse. Der portugiesische Neorealismo führte zu Experimenten mit neuen Erzählweisen, wie sie insbesondere vom Existentialisten Vergílio Ferreira, dem Verfasser der Romans Alegria breve (1965), und José Cardoso Pires, dem Autor von O hóspede de Job ( 1963), durchgeführt wurden.

Der Neorealismo Portugals und stärker noch der Brasiliens, das im Nordosten geographisch und gesellschaftlich starke Ähnlichkeiten mit den portugiesischen Kolonien in Afrika aufwies, trugen zur Entstehung einer eigenständigen lusoafrikanischen Literatur bei. Auf den Kapverdischen Inseln entstanden bereits in den dreißiger und vierziger Jahren die melancholischen Erzählungen und Romane von Autoren wie Baltasar Lopes und Manuel Lopes, in denen sie verschlüsselt Kritik an der Kolonialmacht übten. In Angola wurden die Rassenbeziehungen in Prosawerken wie Terra morta (1949, Senhor Americo kehrt nicht zurück) von Castro Soromenho thematisiert. Mit seinen Gedichten präsentierte sich Francisco José Tenreiro aus São Tomé als erster portugiesischer Schriftsteller stolz als Schwarzafrikaner.

Dichter wie Jorge de Sena, der die Verbindung von Bildern und Vorstellungen sowohl in der Prosa (1960, Andanças do demónio) als auch in der Poesie (1963, Metamorfoses) meisterhaft beherrschte, experimentierten mit surrealistischer Literatur und konkreter Poesie. Die portugiesische Literatur der sechziger Jahre wurde nicht nur durch importierte Tendenzen, wie dem Existentialismus und dem Strukturalismus, belebt, sondern auch durch die fortschreitende Emanzipation der Frauen, die die Hälfte der lesekundigen Bevölkerung ausmachen. Zu den modernen, portugiesischen Autorinnen zählen neben Agustina Bessa-Luís, die die Kommunikationsunfähigkeit und psychologische Vielschichtigkeit von Frauen aus der Mittelschicht in Romanen wie A sibila (1953) beschrieb, auch Dichterinnen wie Sofia de Melo Breyner Andresen. 1972 verfassten Maria Isabel Barreno, Maria Teresa Horta und Maria Velho da Costa gemeinsam einen Band mit Essays, Kurzgeschichten und Gedichten (Novas cartas portuguesas). Dieses Werk wurde von einem Klassiker des 17. Jahrhunderts angeregt, den leidenschaftlichen Liebesbriefen, die der portugiesischen Nonne Marianna Alcoforado zugeschrieben werden. Diese Briefe, die 1669 erstmals auf Französisch veröffentlicht worden waren, waren 1819 auf Portugiesisch und dann auf Deutsch (unter dem Titel Portugiesische Briefe, 1913 in der Übersetzung von Rainer Maria Rilke) publiziert worden. Aufgrund des feministischen Inhalts und erotischer Passagen wurde das Buch der Drei Marias, wie sie bald genannt wurden, aus dem Handel gezogen und die Autorinnen unter weltweiten Protesten vor Gericht gestellt. Als 1974 die neue portugiesische Revolutionsregierung die Macht übernahm, wurden sie amnestiert und das Buch zur Veröffentlichung freigegeben. Die neue Liberalität nach mehr als 40 Jahren Zensur erlaubte es nun jungen Autoren, die unter der Salazar-Diktatur gemachten Erfahrungen offen literarisch zu verarbeiten. Lídia Jorge beschrieb mit dem Roman O Dia dos Prodígios (1978, Der Tag der Wunder) die im Aber- und Wunderglauben erstarrte Bevölkerung eines kleinen Dorfes, das exemplarisch für die portugiesische Gesellschaft vor der Nelkenrevolution 1974 steht. In dem 1988 erschienenen Roman A costa dos murmúrios setzt sie sich aus der Perspektive einer Frau mit dem Kolonialkrieg in Moçambique auseinander. Antonío Lobo Antunes, einer der profiliertesten Autoren der jüngeren Generation, entwarf 1979 in Os cus de Judas (Der Judaskuß) ein grauenvolles Bild vom Alltag des Kolonialkrieges in Angola. Der auch im deutschsprachigen Raum bekannteste portugiesische Autor ist Jóse Saramago, der es versteht, im ständigen Wechsel von Erzählperspektiven und Wirklichkeitsebenen, Elemente der lateinamerikanischen Literatur der Wunder mit linkem, politischem Engagement zu verbinden. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1982 mit dem historischen Roman Memorial do Convento (Das Memorial, auch: Das Kloster zu Mafra), in dem er sein, all seinen späteren Werken zugrunde liegendes Konzept einer emanzipatorischen Geschichtsschreibung erstmals voll entwickelt. 1991 erregte sein kirchenkritischer historischer Roman O evangelho segundo Jesu Cristo (Das Evangelium nach Jesus Christus) im katholischen Portugal großes Aufsehen.

Siehe auch brasilianische Literatur

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