Russische Literatur
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EINLEITUNG |
Russische Literatur, die russische Nationalliteratur,
die ihren Ausgang in der in Kirchenslawisch verfassten ostslawischen Literatur
des Kiewer Reiches nahm. Erst seit dem Aufstieg Moskaus im 14. Jahrhundert
entwickelte sich eine eigene Literatur der Russen.
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2 |
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FRÜHZEIT |
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2.1 |
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Kiewer Reich (11. bis 13. Jahrhundert) |
Die Anfänge einer russischen
Literaturtradition gehen auf die Missionstätigkeit der Mönche Kyrillos und
Methodios im 10. Jahrhundert zurück, die das Altkirchenslawisch bzw.
Kirchenslawisch zur Schriftsprache der Ostslawen machten. Die erste große
Epoche der russischen Kultur begann 988 mit der Christianisierung des Kiewer
Reichs: Dadurch öffnete es sich dem Einfluss des byzantinischen Kulturerbes. In
der Folge entstanden Übersetzungen religiöser und weltlicher Schriften,
darunter das Ostromir-Evangelium (1056/57), Liturgien, Predigten,
Heiligenviten und Sammlungen von Verhaltensregeln. An weltlicher Literatur
wurden vorwiegend Versepen (Alexandreis) übertragen. Altkirchenslawisch
blieb über Jahrhunderte die beherrschende Literatursprache. Erste eigenständige
altkirchenslawische Schriften entstanden erst im 11. Jahrhundert. Dazu
gehört die Predigtsammlung des Metropoliten Ilarion, Slovo o zakone i
blagodati (zwischen 1037 und 1050), das erste Gesetzbuch Russlands, Russkaja
prawda (zwischen 1019 und 1054), sowie die so genannte Nestorchronik über
die Geschichte der Ostslawen bis zum Jahr 1110. Zu den herausragenden heute
noch greifbaren Schriften der Kiewer Periode gehört das zwischen 1185 und 1196
geschriebene Igorlied, ein anonymes Heldenepos über den Kampf Fürst Igor
Swajatoslawitschs gegen die Polowzer Nomaden (1185).
Anfang des 13. Jahrhunderts
wurde Kiew von den Tataren geplündert: das Reich zerfiel. Kiew verlor seinen
Status als literarisches Zentrum, der nun den Teilfürstentümern Nowgorod, Twer
und Wladimir-Susdal zufiel. Die dort entstandenen (meist religiösen) Werke
neigen zur manieristisch-ornamentalen Gebärde; inhaltlich stand die Gefährdung
des Christentums durch die Tataren im Mittelpunkt. Dies ist auch Thema der um
1300 entstandenen Lebensbeschreibung Alexander Newskijs sowie von Povest’ o
razorenii Batyem Rjazani (um 1240), einer Schilderung der Zerstörung
Rjazans (1237).
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2.2 |
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Moskauer Reich (Mitte 14. bis 17.
Jahrhundert) |
1240 war ein Großteil
Russlands von den Tataren erobert. Das 14. und 15. Jahrhundert wurden
bestimmt von der Suche nach kultureller Identität. Während der
Tatarenherrschaft stagnierte die russische Literaturproduktion. Allenfalls der
in lyrischer Prosa verfasste, in Rjazan entstandene Bericht des Geistlichen
Sofonij, Zadonščina (vor 1393), beweist eine gewisse Originalität:
Er beschreibt den Sieg des Moskauer Großfürsten Dmitrij Iwanowitsch Donskoj
über die Tataren auf dem Schnepfenfeld am Don (1380). Das 14. Jahrhundert
ist durch ein reiches religiöses Schrifttum gekennzeichnet. Herausragende
Autoren waren Nil Sorskij und Joseph von Wolokolamsk.
Im 15. Jahrhundert stieg
Moskau endgültig zur neuen Kulturmetropole auf. Nach der Eroberung von Byzanz
durch die Türken im Jahr 1453 konnte sich die Stadt als legitime Nachfolgerin
und Zentrum höchster Religiosität (als Drittes Rom) verstehen: Die in
Moskau entstandene Literatur versuchte dementsprechend, dieses Machtstreben
ideologisch zu untermauern. Epifanij Premudryjs schuf bedeutende
hagiographische Werke, und die Kompilation alter Chroniken erreichte ihren
Höhepunkt. Das zwischen 1560 und 1563 verfasste Stufenbuch versuchte
erstmals, die russische Geschichte systematisch darzustellen. Regeln des
gesellschaftlichen, kirchlichen, politischen und häuslichen Zusammenlebens
beschreibt die Schrift Domostroj des Protopopen Silwestr. Auch wurde im
16. Jahrhundert die erste kirchenslawische Übersetzung der gesamten Bibel
unternommen. In zahlreichen Publikationen setzen sich Autoren mit dem
Verhältnis von Kirche und Staat auseinander (allen voran Maksim Grek, der einen
autonomen politischen Standpunkt einnahm). 1575 verfasste Fürst
A. M. Kurbskij die Istorija o velikom knajaze Moskovskom, eine
geschichtliche Darstellung des Fürstentums Moskau. Das 17. Jahrhundert war
durch einen zeitweiligen Niedergang der politischen Stärke Moskaus
gekennzeichnet; auch spalteten sich die altgläubigen Raskolniki von der
Staatskirche ab. In das erstarrte altkirchenslawische Literatursystem drangen
russisch-umgangssprachliche Elemente ebenso wie europäische Erzählstoffe und
-traditionen. Hierfür war besonders die Vermittlertätigkeit der Kiewer
Geistlichen Akademie entscheidend. Eine eindringliche Schilderung dieser Epoche
gibt die Autobiographie des Raskolniki-Führers Awwakum: Auch sein Žitie
protopopa Avvakuma (1672-1675, Das Leben des Protopopen Awwakum) ist
von volkssprachlichem Realismus durchsetzt.
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KLASSIZISMUS UND SENTIMENTALISMUS (18.
JAHRHUNDERT) |
Mit der „Europäisierung“ Russlands
durch Peter den Großen fand die westliche Kulturtradition endgültig Eingang in
die Literatur des Landes. Russische Autoren orientierten sich an Autoren des
Klassizismus wie Nicolas Boileau-Despréaux, Johann Christian Günther und Martin
Opitz. Zentrale Figuren waren dabei die Satiriker A. D. Kantemir und
A. P. Sumarokow sowie der Theoretiker Wassilij Kirillowitsch
Trediakowskij. Nach deutschem Muster wurde das syllabische Versmaß durch das
syllabotonische ersetzt, das der Eigenart des Russischen eher entsprach. Die
Komödie erlebte einen Aufschwung: Katharina II., die selbst Dramen
schrieb, war ihre größte Förderin. Als bedeutendster Vertreter der
klassizistischen Komödie in Russland gilt Denis Fonwisin, der sich an Molière
orientierte, gleichzeitig aber originär russische Typen und Formen auf die
Bühne brachte, wie in Brigadir (1786) oder Nedorosl (1789). Der
Lyriker G. R. Derschawin lieferte wichtige Beiträge zur russischen
Variante der Ode.
Angeregt von den Ideen der
Aufklärung, normierte Michail Wassiljewitsch Lomonossow in seiner Theorie von
den drei Stilen (Razgovor o starom i novom pravopisanii, 1748) die
russische Literatursprache. Erst mit dieser Schrift begann sich das weltliche
Schrifttum gegenüber dem religiösen durchzusetzen. Darüber hinaus lieferte
Lomonossow wichtige Beiträge zur russischen Literaturtheorie, die er an eigenen
Werken (vornehmlich Oden) demonstrierte. Nach der Französischen Revolution gab
Katharina II. ihre Rolle als Mäzenin weitgehend auf.
N. I. Nowikow, ein Herausgeber satirischer Zeitschriften, wurde
verhaftet, der Satiriker A. N. Radischtschew, dessen Putešestvie
iz Peterburga v Moskvu (1790; Reise von Petersburg nach Moskau) die
Leibeigenschaft anprangerte, 1790 nach Sibirien verbannt. Allmählich begann
sich der so genannte Sentimentalismus durchzusetzen, der sich von der
westeuropäischen Literatur der Empfindsamkeit beeinflusst zeigte. Einer seiner
wichtigsten Vertreter war Nikolaj Michajlowitsch Karamsin, der vornehmlich
Erzählungen (Bednaja Liza, 1792) schrieb und auch durch seine Reisebeschreibung
Pis’ma russkogo putešestvennika (1799-1801) europäisches Gedankengut in
Russland bekannt machte. Indem er die russische Literatursprache endgültig von
kirchenslawischen Elementen zu befreien versuchte, machte er sich zum
Wortführer der so genannten Neuerer, die sich mit den Archaisten um
A. S. Schischkow hinsichtlich dieser Frage einen heftigen Disput
lieferten.
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4 |
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ROMANTIK UND REALISMUS (19. JAHRHUNDERT) |
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4.1 |
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Das Zeitalter Puschkins |
Mit den Werken Aleksandr
Sergejewitsch Puschkins beginnt die moderne russische Literatursprache. Sein
Werk war von großem Einfluss auf die gesamte russische Literatur des
19. Jahrhunderts. Nach klassizistischen Anfängen wurde er zu einem der
bedeutendsten Vertreter der russischen Romantik. Sein Spätwerk wiederum prägte
jenen Realismus, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die
russische Literatur bestimmend wurde. In allen Gattungen – in Epik, Lyrik und
Dramatik – erreichte Puschkin höchste Meisterschaft. Seine ausgefeilte Lyrik,
das Drama Boris Godonow (1831) und der Versroman Eugen Onegin
(1833) ragen aus einem Gesamtwerk heraus, das sich letztlich jeder
Epochenzuordnung entzieht. Deutlich markiert es den Übergang von der
Regelpoetik des 18. Jahrhunderts hin zu einer subjektiveren, am Offenen
und Fragmentarischen orientierten Konzeption. Neben sozialem Engagement ist
Puschkins Dichtung durch eine ironische Distanz bestimmt, die zuvor in der
russischen Literatur nur selten anzutreffen war.
Zeitgenossen Puschkins waren der
bedeutendste russische Fabeldichter Iwan Andrejewitsch Krylow und der
Dramatiker Aleksandr Sergejewitsch Gribojedow, welcher mit seiner
Gesellschaftskomödie Verstand schafft Leiden (1833) als Wegbereiter der
Romantik gilt. Zu den russischen Romantikern zählen auch die Dichter
A. A. Delwig, Wilhelm Karlowitsch Küchelbecker,
N. M. Jasykow, J. A. Baratynskij und Wladimir Fjodorowitsch
Fürst Odojewskij, dessen formal und thematisch an
E. T. A. Hoffmanns Serapionsbrüdern (1819-1821)
orientierte Novellensammlung Russische Nächte (1844) zu einem der
populärsten Prosawerke der russischen Literatur avancierte. Demgegenüber trat
Odojewskijs Freund, der Dekabrist K. F. Rylejew, mit revolutionärer
Dichtung hervor. Die Ideenlyrik Fjodor Iwanowitsch Tjuttschews ist deutlich von
der idealistischen Philosophie Friedrich Wilhelm Joseph Schellings beeinflusst.
Die Gedichte Afanassij Afanassjewitsch Fets leiten bereits zum Symbolismus
über. Neben Puschkin gehört Michail Jurjewitsch Lermontow zu den herausragenden
Gestalten der russischen Literatur um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Wie
Puschkins Eugen Onegin, so bewirkte auch sein Roman Geroy našego
vremeni (1840, Ein Held unserer Zeit), bei vielen russischen Autoren
eine Hinwendung zur Prosaform und beeinflusste in der europäischen Literatur
nicht zuletzt James Joyce. In diesem Werk setzte er die Suche Puschkins nach
einem Protagonisten fort, der in sich die Widersprüche der russischen
Gesellschaft vereint.
Das 19. Jahrhundert stand
unter dem Vorzeichen einer radikalen Literaturkritik, deren einflussreiche
Theoretiker, wie Wissarion Grigorijewitsch Belinskij,
N. G. Tschernyschewskij und N. A. Dobroljubow, versuchten,
Autoren für die Utopie des gesellschaftlichen Wandels zu gewinnen, und die
Literaturproduktion ihrer Zeit vornehmlich im Hinblick auf ihre
sozialrevolutionären Impulse beurteilten. Zar Nikolaus I. belegte die
Publizistik mit starker Zensur, wodurch Belletristik und Literaturkritik
verstärkt die Funktion einer Art moralischen Instanz zufiel.
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4.2 |
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Nikolaj W. Gogol |
Die im 19. Jahrhundert
vollzogene Hinwendung zur Prosaform findet besonders im Werk Nikolaj
Wassiljewitsch Gogols ihren Ausdruck, in dem auch das für die weitere
Literaturentwicklung bestimmende Interesse an Alltagsthemen (und Alltagssprache)
bereits spürbar ist. Gogol löste sich vom Pathos der Romantik und fand in
seinen Erzählungen, Komödien und Satiren zu einem Stil, der die
gesellschaftskritische Darstellung menschlicher Entfremdung, Lasterhaftigkeit
und Absurdität bis ins Groteske überspitzte. Meisterhaft gelang ihm dies in der
Novelle Der Mantel (1842), der Komödie Der Revisor (1836) und dem
Roman Die toten Seelen (1842). In der zeitgenössischen Rezeption blieben
Gogols Verdienste um eine innovative Literaturform zunächst unbeachtet. So galt
er Belinskij als Vertreter einer sozialen Mitleidsprosa. Dieses Missverständnis
setzte sich in der so genannten Natürlichen Schule (Naturalnaja
schkola) fort, die sich bei ihren nach 1840 entstandenen detailverliebten
„physiologischen Skizzen“ über die russische Unterschicht ausdrücklich auf
Gogol berief. Hierzu sind auch die frühen Werke Nikolaj Aleksejewitsch
Nekrassows, Michail Jewgrafowitsch Saltykow-Schtschedrin, Iwan Turgenjews, Iwan
Aleksandrowitsch Gontscharows und Fjodor M. Dostojewskijs zu zählen. Ein
gewisser Hang zum Skizzenhaften machte bald einem verstärkten Interesse am
Roman Platz, der eine differenziertere Auseinandersetzung mit den aktuellen
Problemen der russischen Gesellschaft gestattete. Im Zentrum dieser Entwicklung
des Realismus hin zur Großform standen die Werke von Turgenjew,
Lew N. Tolstoj, Dostojewskij und Gontscharow.
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4.3 |
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Iwan Turgenjew |
Iwan Turgenjew war einer der
Ersten, der sich in seinen Romanen mit dem gesellschaftlichen Wandel Russlands
unter zentraleuropäischem Einfluss beschäftigten. Als so genannter Westler
trat er vehement für eine Europäisierung Russlands ein. Sein wohl bedeutendstes
Werk, der Roman Väter und Söhne (1862), konfrontiert die
idealistisch-humanitäre Weltsicht einer Vätergeneration mit dem rebellischen
Nihilismus ihrer Söhne und greift damit eine Problematik auf, die innerhalb der
russischen Intelligenzija gerade kontrovers diskutiert wurde. Es wirkte
u. a. auf Thomas Mann. Des Weiteren tat sich Turgenjew, der lange Zeit im
westlichen Ausland lebte, durch Liebesgeschichten und Beiträge zur
phantastischen Literatur hervor.
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4.4 |
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Lew N. Tolstoj |
Lew N. Tolstoj verschrieb sich
in seinem Romanwerk der Suche nach der Bedeutung menschlicher Existenz und nach
der Rolle des Individuums in der Gesellschaft. In seinem groß angelegten
geschichtsphilosophischen Roman Krieg und Frieden (1865-1869), der vor
dem Zeithintergrund der Napoleonischen Kriege angesiedelt ist, steht u. a.
die Frage nach den Möglichkeiten des Individuums im Mittelpunkt, den Lauf der
Geschichte zu beeinflussen. Auf seine eigene Epoche bezogen war Tolstojs
nächster Roman, Anna Karenina (1875-1877), der, ausgehend von der Idee
der „Familie“, auf eine für Tolstoj typische Art und Weise
gesellschaftskritisch ist. Vor allem die Rolle der Frau ist anhand der
tragischen Geschichte der Titelheldin sehr einfühlsam und innovativ
beschrieben. Richtungweisend für die moderne Literatur wurde auch Tolstojs
Verfahren, bestimmte soziale Phänomene durch ungewöhnliche Erzählperspektiven
kritisch zu verfremden; so schildert er in der Erzählung Der Leinwandmesser
von 1885 die „seltsame Tiergattung“ Mensch teilweise aus Sicht eines Pferdes.
Diese Art des Verfremdungseffekts beschrieb erstmals der russische Formalist
Wiktor Schlowskij.
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4.5 |
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Fjodor M. Dostojewskij |
Fjodor M. Dostojewskij bereicherte
die russische Romanliteratur durch eine subtile, sich auch dem Triebhaften
öffnende Psychologie und eine auf Mehrdeutigkeit angelegte Erzählweise – auf
diese „Polyphonie“ wies vor allem Michail Bachtin hin. Gleichzeitig stellen
Dostojewskijs Romane einen Mikrokosmos der russischen Gesellschaft dar. Steht
in Schuld und Sühne (1866) ein Protagonist im Mittelpunkt, der aus
philosophischen Erwägungen mordet, so entwirft Der Idiot (1868/69) einen
am Christusideal gestalteten positiven Helden, der am Materialismus seiner
Umgebung zerbricht. Die Dämonen (1871/72) wiederum kritisieren
u. a. den zerstörerischen Hochmut russischer Anarchisten. Auch Die
Brüder Karamasow (1880) zeichnen das Bild eines zwischen Tradition und
Europäisierung schwankenden Russlands – und überhöhen es sogleich wieder zum
Modell allgemein menschlicher Problematik. Mit seinem Werk nahm Dostojewskij
zahlreiche Tendenzen nicht nur der russischen Romanliteratur bis ins
20. Jahrhundert vorweg.
Auch Iwan A. Gontscharow
widmete sich in seinen Romanen den zeittypischen Themen wie Nihilismus und
Langeweile vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels. So zeigte er in Oblomow
(1857) den für die russische Literatur des 19. Jahrhunderts
charakteristischen Figurentypus des „überflüssigen Menschen“, der beim Übergang
von einer feudalen in eine bürgerliche Gesellschaft seine Funktion verloren
hat. Einer der bedeutendsten Satiriker der Zeit war Michail Jewgrafowitsch
Saltykow-Schtschedrin, der das Literaturideal der ländlichen Idyllendichtung
ein ums andere Mal karikierte und sich mit der sozialen Problematik aus
christlicher Sicht befasste. Mit seiner Familienchronik (1846-1856) über
das Leben russischer Gutsbesitzer wurde Sergej Timofewitsch Aksakow neben
Turgenjew zu einem der Begründer der realistischen Erzähltradition des Landes.
Auch Nikolaj Semjonowitsch Leskow gab durch eine „volksnahe“ Erzählperspektive
und seine im Milieu der Kleinbürger, Kaufleute und Bauern angesiedelten
Romanhandlungen der russischen Literatur wichtige Impulse. Der Dramatiker
Aleksandr Nikolajewitsch Ostrowskij bestimmte mit gesellschaftskritischen
Stücken wie Groza (1860) das Repertoire des zeitgenössischen russischen
Theaters. Die Spätphase des russischen Realismus markieren Autoren wie
W. M. Garschin, der zudem ansatzweise den inneren Monolog verwendete,
Gleb Iwanowitsch Uspenskij und Wladimir Galaktionowitsch Korolenko.
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4.6 |
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Impressionismus und Symbolismus |
Der bis in die achtziger
Jahre hinein vorherrschende Realismus wurde gegen Ende des
19. Jahrhunderts von neuen Strömungen abgelöst. Zum literarischen
Impressionismus ist das Werk Anton P. Tschechows mit seinen teils humoristischen,
teils satirischen Charakter- und Milieustudien zu rechnen, die in ihrer
unbestechlichen Analyse menschlichen Verhaltens und sozialer Missstände zwar
noch in der Tradition des kritischen Realismus stehen, jedoch in ihrer subtilen
Darstellung seelischer Zustände und Stimmungen weit darüber hinausgehen. So
sind Banalität, Einsamkeit, Passivität und Lieblosigkeit zentrale Elemente
seiner Stimmungsdramen Die Möwe (1896), Onkel Wanja (1899), Drei
Schwestern (1901) oder Der Kirschgarten (1904).
Das von Fet, J. P. Polonskij
und A. K. Tolstoj in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
vertretene Programm einer reinen Kunst wurde zur Jahrhundertwende von
den russischen Symbolisten wieder aufgegriffen. Damit wandten sie sich von
gesellschaftskritischen Modellen des 19. Jahrhunderts ab und richteten ihr
Hauptaugenmerk auf eine Erneuerung der Form. Allen voran Walerij Jakowlewitsch
Brjussow ließ sich vom französischen Symbolismus Stéphane Mallarmés
inspirieren. Eine zweite, eher mystisch-philosophische Gruppe um Dmitrij
Sergejewitsch Mereschkowskij und Sinaida Hippius wurde von deutschen Vorbildern
geprägt. Trotz Anleihen entwickelte sich ein eigenständig russischer Stil.
Neben Andrej Belyj mit seinem wegweisenden Großstadtroman Petersburg
(1912) und Aleksandr Aleksandrowitsch Blok mit seiner
musikalisch-rhythmisierenden Lyrik – herausragend: das Revolutionsgedicht Die
Zwölf (1918) – gilt dies vor allem für Fjodor Sologub, dessen Hang zu einer
grotesk-phantastischen Schilderung des Dämonischen und Dunkel-Makabren etwa in
seiner Romantrilogie Totenzauber (1908-1913) oder in dem Roman Süßer
als Gift (1908) zum Ausdruck kommt. Insgesamt stand der Symbolismus unter
dem Einfluss von Wladimir Sergejewitsch Solowjow, dessen systematische Theorie
eine „All-Einheit” zwischen Natur, Mensch und Gott unterstellte. Weitere
Denkansätze erhielten sie von Okkultismus, Theosophie und Anthroposophie.
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5 |
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20. JAHRHUNDERT |
Nach 1910 wurde der Futurismus
um Wladimir Majakowskij, Welemir Chlebnikow und Aleksej Jelissejewitsch
Krutschonych in Russland zur tonangebenden Bewegung. Daneben versuchte der
zwischen 1910 und 1920 aktive Akmeismus um N. Gumilijow, Anna Achmatowa
und Ossip Mandelstam in einer klaren, präzisen Metaphorik den Gegenstand der
Dichtung nicht mehr mittelbar (als Symbol), sondern konkret zu erfassen,
während der Imagismus um Sergej Aleksandrowitsch Jessenin das lyrische Bild in
den Mittelpunkt stellte. All diesen Strömungen gemeinsam war der Versuch einer
sprachlichen Erneuerung, die selbst in die Prosa Lyrismen integrierte. Unabhängig
von den formalen Experimenten der Moderne orientierten sich auch im
20. Jahrhundert die russischen Schriftsteller weiterhin an der von
Puschkin, Gontscharow oder Turgenjew vorgegebenen Tradition, so etwa
L. N. Andrejew und Aleksandr Iwanowitsch Kuprin. Iwan Alexejewitsch
Bunin, der 1933 als erster russischer Autor den Nobelpreis für Literatur
erhielt, schilderte z. B. den Verfall der russischen Adelsgesellschaft und
die Rückständigkeit der ländlichen Gesellschaft mit differenzierter psychologischer
Beobachtungsgabe und – freilich ironisierter – Sentimentalität.
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5.1 |
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Maksim Gorkij |
Maksim Gorkij blieb einem
sozialkritischen Realismus treu. Nach Erfahrungen während seiner Jugendzeit als
Landstreicher und Gelegenheitsarbeiter in der Wolgaregion schrieb er zunächst
romantisierende Darstellungen des Wanderlebens, bevor er sich, nach einer
Begegnung mit Lenin im Jahr 1905, allmählich zum literarischen Wortführer des
sozialistischen Realismus entwickelte. Besonderes soziales Engagement verraten
u. a. sein Drama über gesellschaftliche Außenseiter Nachtasyl
(1903) oder der Roman Die Mutter (1907).
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5.2 |
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Nachrevolutionäre Epoche (1922-1929) |
Nach Gründung der Sowjetunion
traten drei rivalisierende Gruppen in Erscheinung, die zunächst nebeneinander
existierten. Die Futuristen unter Wladimir Majakowskij plädierten in ihrer
Zeitschrift LEF für eine Verknüpfung von sprachlichen Experimenten und
sozialrevolutionären Inhalten. Der so genannte Proletkult um
A. A. Bogdanow dagegen machte sich für eine radikale kulturelle
Umgestaltung im Dienst der Arbeiterklasse stark. Sein Organ war Na postu.
Daneben versuchten die so genannten Poputschiki (Mitläufer) um
A. K. Woronskij, die russische Literaturtradition des
19. Jahrhunderts bei weitgehender Akzeptanz des neuen Systems
fortzuschreiben. Anhänger dieser Richtung waren u. a. Leonid Maksimowitsch
Leonow und N. S. Tichonow. Die sich auf
E. T. A. Hoffmann berufenden Serapionsbrüder von Petrograd waren
ein experimentierfreudiger Teil dieser Gruppe, der auf einer weit reichenden
Autonomie der Literaturproduktion von politischer Agitation bestand. Zu ihnen
gehörten u. a. Konstantin Fedin, Wsewolod Wjatscheslawowitsch Iwanow,
Weniamin Kawerin und Michail Michajlowitsch Soschtschenko.
Einer der herausragenden
Schriftsteller der Epoche war zweifellos der Lyriker und Romancier Boris
L. Pasternak, der neben Lyrik in der Tradition Rainer Maria Rilkes und
Puschkins den Roman Doktor Schiwago (1957) verfasste. Wie Pasternak, so
waren auch Achmatowa und Mandelstam erheblichen Diskriminierungen ausgesetzt
(so wurde Achmatowa 1946 aus dem sowjetischen Schriftstellerverband
ausgeschlossen, Mandelstam kam 1938 in einem sibirischen Straflager ums Leben).
Die Lyrikerin Marina Zwetajewa lebte von 1922 bis 1939 in der Emigration. Die
neben Achmatowa bedeutendste Vertreterin der russischen Moderne verknüpfte in
ihrer Lyrik Elemente der russischen Volkskultur und der deutschen Romantik mit
einer vom Symbolismus und vom Futurismus geprägten Bilderwelt. Zwetajewa nahm
sich 1941 das Leben.
Zahlreiche Romane aus den Anfängen
der Sowjetunion machten es sich zur Aufgabe, die Russische Revolution und den
darauf folgenden Bürgerkrieg zu beschreiben. Eines der populärsten Beispiele,
Dmitri Furmanows Tschapajew (1923), schildert die Ereignisse zwar
pathetisch, vermeidet allerdings noch die idealisierende Heldenverehrung des
sozialistischen Realismus. Radikaler verfuhr Isaak Babel, dessen Erzählzyklus Die
Reiterarmee (1926) ohne Idealisierung das Grauen und die blutige Absurdität
der Kämpfe darstellt. Das Werk ist außerdem ein eindringliches Beispiel der so
genannten ornamentalen Prosa. Zu den bedeutenden Romanen dieser Zeit
gehören auch Goroda i gody (1924) von Konstantin Fedin, Die Dachse
(1924) von Leonid Leonow und Die Neunzehn (1927) von Aleksandr
Aleksandrowitsch Fadejew.
Die Phase der so genannten
Neuen Ökonomischen Politik (NEP) in den zwanziger Jahren war von einer gewissen
Liberalität geprägt, die etwa dem Revolutionstheater Wsewolod Emiljewitsch
Mejercholds zu einer Blüte verhalf. Auch die Autorenvereinigung Oberiu
um Daniil Iwanowitsch Charms, A. I. Wwedenskij und
N. A. Sabolotzkij, die in sinnfreien Sprachspielen die Absurdität der
Wirklichkeit abzubilden suchte, wurde offiziell akzeptiert. Daneben entstanden
zahlreiche satirische Werke, die die unheilige Allianz zwischen revolutionärem
Eifer und skrupellosem Gewinnstreben karikierten, darunter
W. P. Katajews Die Hochstapler (1926), die beißenden
Geschichten Soschtschenkos sowie I. A. Ilfs Zwölf Stühle
(1928) bzw. Das goldene Kalb (1931). Leonid Leonows Roman Der Dieb
(1927) beschrieb die desillusionierende Entwicklung eines Soldaten der Roten
Armee vor dem Hintergrund der chaotischen zwanziger Jahre bis hin zur
Versöhnung mit Russland und der Revolution, die am Ende des Werkes steht.
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5.3 |
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Sozialistischer Realismus (1930-1953) |
Mit dem ersten Fünfjahresplan
von 1928 fand die Duldung der verschiedenen Literaturströmungen durch die
Staatsführung ein abruptes Ende. Einzelpersonen und Strömungen wie der
Formalismus wurden öffentlich gebrandmarkt. 1932 ging die Vielzahl der
literarischen Vereinigungen im sowjetischen Schriftstellerverband auf, ein
Ereignis, das durch die Gründung der Verbindung proletarischer Schriftsteller,
der RAPP, vorbereitet worden war. Bereits unter Oberaufsicht der RAPP
entstanden Romane mit parteilinienkonformer Tendenz, die zumeist auf eine
Idealisierung der Fabrikarbeit und des Arbeiters abzielten. Oftmals wurde auch
der Wandel einer anfangs skeptischen Dorfbevölkerung zu gläubigen Befürwortern
des Regimes geschildert. Selbst Leonow verfasste mit Sowjet-Fluss (1930)
und Professor Skutarewski (1932) zwei Romane nach der Doktrin der RAPP.
Ein weiteres Beispiel – wenn auch mit kritischen Untertönen – ist Michail
Aleksandrowitsch Scholochows Roman Neuland unterm Pflug (1931) über die
Krise der russischen Landwirtschaft.
Auf dem ersten Kongress des
sowjetischen Schriftstellerverbandes 1934 proklamierte das Politbüromitglied
Andrej Aleksandrwitsch Zhdanow, Schwiegersohn Stalins, den sozialistischen
Realismus als Kunstdoktrin. Gefordert waren von nun an positive volkstümliche
Identifikationsfiguren und politisches Engagement im Sinne der Kommunistischen
Partei. Das Programm des sozialistischen Realismus führte zu einer starken
Schematisierung und thematische Eindimensionalität der russischen Literatur.
Autoren, die diesem Konzept nicht mehr entsprachen, blieben – wie
beispielsweise Michail A. Bulgakow – ungedruckt oder wurden im Zuge der stalinistischen
Säuberungen ermordet, wie Babel oder Mandelstam. Zwei Romane ragen über das
allgemeine Mittelmaß der Zeit zwischen 1934 und 1939 heraus: Leonows formal
komplexe Erzählung Weg zum Ozean (1935) über die Gedanken eines im
Sterben liegenden Parteikommissars und Scholochows vierbändiger Roman Der
stille Don (1928-1940) über einen Kosaken, der durch sein moralisches
Handeln ins politische Abseits gerät. Andere Autoren übersiedelten ins
westliche Ausland oder wählten die innere Emigration und beschränkten sich
beispielsweise auf das Verfassen von Biographien oder historischen Romanen. So
etwa Alexej Nikolajewitsch Tolstoj, der in einer Atmosphäre großen
staatlichen Drucks seinen Roman Peter der Große (1929-1945) schrieb.
Während des 2. Weltkrieges wurde
die offizielle Kulturpolitik vorübergehend liberaler. Es entstanden Werke, die
sich in teilweise kritischer Distanz mit dem Kriegsgeschehen auseinander
setzten. Beispiele hierfür sind K. Simonows Drama Russische Menschen
(1942) oder sein Roman Tage und Nächte (1944). Leonows Drama Invasion
(1942) schildert den Einfall deutscher Truppen in die UdSSR im Jahr zuvor. 1946
machte Zhdanow der künstlerischen Liberalität ein Ende und verengte die
Definition des sozialistischen Realismus weiter, indem er festlegte, dass die
Literatur künftig nur noch nach dem Kriterium der Partiinost beurteilt
werden sollte, d. h. nach ihrer Nützlichkeit für die Partei.
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5.4 |
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Von Stalins Tod bis zur Auflösung der UdSSR
(1953-1991) |
Nach dem Tod Stalins 1953
und der auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei 1956 von Nikita
S. Chruschtschow vollzogenen Abkehr vom Stalinismus profitierte auch die
Literatur von der darauf folgenden Liberalisierung des kulturellen Lebens.
Dennoch wurde weiterhin an der Doktrin des sozialistischen Realismus
festgehalten. Diese so genannte Tauwetter-Periode erhielt ihre Bezeichnung nach
dem 1954 erschienenen Roman Tauwetter von Ilja G. Ehrenburg. Ein
weiterer bedeutender Roman dieser Zeit ist W. D. Dudinzews Der
Mensch lebt nicht vom Brot allein (1956), der sich ebenfalls kritisch mit
der Periode des Stalinismus auseinander setzt. Wichtige Autoren der Epoche
waren auch D. A. Granin, J. M. Nagibin oder Wera Panowa. In
der Lyrik setzte sich vor allem Jewgenij Aleksandrowitsch Jewtuschenko mit der
jüngsten russischen Vergangenheit auseinander. Besonders
A. A. Wosnessenski, Bella Achmadulina und
R. I. Roschdestwenski suchten nach neuen Formen des lyrischen
Ausdrucks. Eine als Jeansprosa oder Junge Prosa bezeichnete
Literatur wandte sich verstärkt den Problemen Heranwachsender in der
sowjetischen Gesellschaft zu.
Bis zu der von Michail
Gorbatschow eingeleiteten Entspannungsphase der Perestroika in den späten
achtziger Jahren jedoch wurden die wichtigsten Werke der russischen Literatur
meist im Ausland verlegt. So erschien Pasternaks Roman Doktor Schiwago
zunächst in Italien (1957) und den USA (1958); erst 1987 wurde er auch in der
UdSSR publiziert. 1958 erhielt Pasternak den Nobelpreis für Literatur, musste
die Annahme jedoch nach schweren Anfeindungen von offizieller Seite ablehnen.
Auch die Autoren A. D. Sinjawski und J. M. Daniel konnten
nur im Ausland veröffentlichen: Beide wurden 1966 wegen Staatsverleumdung zu
Arbeitslager verurteilt. Vor allem Anfang der siebziger Jahre emigrierte eine
große Anzahl sowjetischer Schriftsteller ins Ausland, darunter Wladimir
Maksimow und Lew Kopelew. Am Werk Aleksandr Issajewitsch Solschenizyns zeigt
sich die Unberechenbarkeit der russischen Staatsmacht besonders deutlich. So
wurde sein Roman Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch über das Leben
in sowjetischen Straflagern 1963 mit ausdrücklicher Billigung Chruschtschows
veröffentlicht, die Publikation seiner beiden Romane Der erste Kreis der
Hölle (1968) und Krebsstation (1968/69) in der UdSSR jedoch
verboten. Auch die Verleihung des Nobelpreises für Literatur an den
Systemkritiker wurde von offizieller Seite stark kritisiert. Solschenizyns
Proteste gegen Zensurmaßnahmen, sein Ausschluss aus dem Schriftstellerverband
und die Einweisung von Dissidenten in die Psychiatrie führten 1974 zu seiner
Ausweisung. Erst 1994 kehrte er in die Sowjetunion zurück und versucht seitdem,
seine neokonservative Theorie einer Reinigung Russlands in die Tat umzusetzen.
Um die staatliche Zensur zu
umgehen, entstand in der Sowjetunion eine Samisdat-Literatur, die im
Selbstverlag vervielfältigt und danach im Untergrund verbreitet wurde. In
dieser Form erschienen auch die Werke Michail Bulgakows, dessen Romansatire Der
Meister und Margarita bereits um 1928 begonnen wurde. In der UdSSR konnte
der Roman jedoch erst 1967 (und auch dann nur in gekürzter Form) erscheinen.
Ebenfalls zur Samisdat-Literatur gehören die Dichtungen von Iossif Brodskij,
der 1972 aus der UdSSR ausgewiesen wurde. Der Dissident W. Tarsis wurde
1966 während einer Englandreise ausgebürgert. Zu seinen Satiren auf das
Sowjetregime gehören Romane wie Die blaue Fliege (1963), Botschaft
aus dem Irrenhaus (1965) und Kombinat der Genüsse (1967). Die
offizielle russische Literatur der siebziger Jahre war geprägt von den
Vertretern einer Dorfprosa, die das Land- bzw. Provinzleben thematisierten und
den Entfremdungen großstädtischen Lebens das Ideal der Dorfgemeinschaft
entgegenstellten (W. G. Rasputin, W. M. Schuschkin,
W. P. Astafjew, Wassilij J. Afonin etc.). Dagegen wandten
sich die so genannten Urbanisten um A. G. Bitow,
W. S. Makanin und Wladimir N. Krupin dezidiert der
Problematik der russischen Metropolen zu, ein Aspekt, dem besonders die
dunkel-pessimistischen Erzählungen von Ljudmila Petruschewskaja verpflichtet
sind.
Mitte der achtziger Jahre
begann unter Gorbatschow eine Erneuerungsphase der russischen Literatur.
Ausgewiesene Schriftsteller kehrten ins Land zurück, andere wurden wieder in
den sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen. Erstmals wurden die Autoren
in die Lage versetzt, die sowjetische Vergangenheit ohne ideologische
Verklärung aufzuarbeiten. 1987 entstand Anatolij Navmowitsch Rybakows
Roman Deti Arbata (Die Kinder des Arbat), der in bislang nicht
bekannter Radikalität mit dem Stalinismus abrechnete. Von den stalinistischen
Säuberungen handeln auch A. J. Pristawkins Nočevala
tučka zolotaja (1988) und zahlreiche der Dramen Michail Schatrows.
Gleichzeitig begannen zahlreiche russische Schriftsteller, sich von politischen
Themen ab-, und stattdessen sozialen Tabuthemen zuzuwenden. Dazu gehören
Tschingis Aitmatow mit seinem Drogenroman Placha (1987) und
W. P. Astajew mit Pečal’nyj detektiv (1987) über die
wachsende Gewaltkriminalität. In den achtziger Jahren wurden bisher
totgeschwiegene Exilautoren der zwanziger Jahre, wie Vladimir Nabokov oder
Aleksej Michajlowitsch Remisow, neu entdeckt oder Untergrundautoren wie
Wenedikt Jerofjew, Wiktor Jerofjew Jewgenij Popow und Tatjana Tolstaja (die
Enkelin Alexej Nikolajewitsch Tolstojs) erstmals einem internationalem Publikum
bekannt. Der koreanisch-russische Autor Anatolij Andrejewitsch Kim übte vor
allem auf die Entwicklung in den siebziger und achtziger Jahren großen Einfluss
aus. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 begann eine neue Ära der
russischen Literatur, die sich seitdem immer mehr den Stilidealen der
Postmoderne öffnet.
Verfasst von:
Thomas Köster
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