Spanische Literatur
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EINLEITUNG |
Spanische Literatur, die in kastilischer
bzw. spanischer Sprache verfasste Literatur Spaniens. Zu den in anderen
Sprachen innerhalb Spaniens verfassten Werken bzw. zu der außerhalb Spaniens in
kastilischer Sprache verfassten Literatur siehe baskische Sprache,
katalanische Literatur und lateinamerikanische Literatur.
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MITTELALTER |
In der spanischen Literatur
des Mittelalters herrschten christliche Themen vor, doch zeigen sich auch
islamische und jüdische Einflüsse. Als älteste literarische Zeugnisse in
kastilischer Sprache haben sich so genannte Chardschas erhalten, die um
die Mitte des 11. Jahrhunderts verfasst wurden. Dabei handelt es sich um
die Schlussstrophen umfangreicherer Sinngedichte arabischer oder hebräischer
Provenienz. Darüber hinaus entstanden Epen spanischer Spielleute (juglares),
die diese auf Marktplätzen und in Schlosshöfen vortrugen. Thematisch wurden
zumeist die kriegerischen Auseinandersetzungen der christlichen Kleinreiche auf
der Iberischen Halbinsel, der Widerstand gegen die Mauren und die Rivalitäten
zwischen kastilischen und anderen christlichen Herrscherhäusern behandelt. In
den spanischen Epentexten manifestierten sich germanische und arabische
Einflüsse, insbesondere aber solche der französischen Literatur: Dennoch
unterschieden sie sich von ihren Vorbildern, da sie vornehmlich Ereignisse aus
der jüngeren Vergangenheit darstellten. Als ältestes erhaltenes Beispiel einer
Spielmannsdichtung gilt das anonyme Heldenepos Poema del Cid oder Cantar
de mio Cid (um 1140, Das Gedicht vom Cid), welches das Schicksal des
Nationalhelden Rodrigo (Ruy) Diaz de Vivar, genannt El Cid, besingt.
Im 13. Jahrhundert übersetzten
und bearbeiteten Geistliche in Klöstern erstmals lateinische Heiligenviten und
erbauliche Legenden. Diese klerikale, didaktisch-narrative Dichtung wird als mester
de clerecía bezeichnet. Sie ist durch ihre Orientierung an strengen
metrischen Regeln gekennzeichnet und unterscheidet sich in dieser Hinsicht
gänzlich von den Dichtungen der juglares, der mester de juglaría.
Als Hauptvertreter der mester de clericía gilt Gonzalo de Berceo, der
mit seinen Heiligen- und Marienlegenden zugleich der erste namentlich bekannte
spanische Dichter ist. Wesentliche Impulse für die Entwicklung der spanischen
Prosaliteratur gingen von König Alfons X. von Kastilien und León aus, der
ein ganzes Heer von Rechtsgelehrten, Historikern und Übersetzern mit der
Aufgabe betraute, das gesamte Wissen der damaligen Zeit aus islamischen,
jüdischen und christlichen Quellen zusammenzutragen und schriftlich
niederzulegen. Im Zuge dieses Unternehmens wurden viele lateinische, hebräische
und arabische Texte ins Spanische übersetzt: Auf diesem Weg konnten Elemente
der orientalischen Kultur nach Westeuropa gelangen.
Die spanische Prosaliteratur
entwickelte sich früher als die meisten europäischen Prosaliteraturen. Während
der Regierungszeit Alfons’ X. wurde sie zu einem gängigen
Darstellungsmedium und wurde vor allem von Don Juan Manuel, einem Neffen des
Königs, weiterentwickelt, der eine Sammlung von Kurzprosatexten moralischen
Inhalts (El conde Lucanor, 1328-1335, Der Graf von Lucanor)
verfasste. Die erste spanische Ritterromanze– und damit eine Vorstufe des
Ritterromans– ist die Verserzählung El caballero Cifar, die um 1305
entstand. Die Werke von Juan Ruiz gehören zu den bedeutendsten Dichtungen der
spanischen Literatur. Sein Werk Libro de buen amor (1330, in
erweiterter Fassung 1343, Aus dem Buch der guten Liebe) ist ein teils
humoristischer Verstraktat über die Liebe in autobiographischer Form.
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15. JAHRHUNDERT |
Im Verlauf des 15. Jahrhunderts
nahm die Literaturproduktion in Spanien beträchtlich zu. Zu den herausragenden
Dichtern dieser Epoche gehören Íñigo López de Mendoza Santillana, Juan de Mena
und (insbesondere) Jorge Manrique mit seiner Elegie Coplas por la muerte de
su padre (Verse anlässlich des Todes seines Vaters). Das Vorwort zu Mendoza
Santillanas gesammelten Werken gilt zudem als erste poetologische Erörterung
innerhalb der spanischen Literatur. Etwa zur gleichen Zeit entwickelten sich
die spanischen Volksromanzen, die stofflich auf die Heldenepik zurückgriffen
und in umfangreichen Balladensammlungen, den so genannten romanceros,
zusammengestellt wurden. Vorgetragen wurden sie mit Instrumentenbegleitung.
Später bezogen die romanceros auch aktuelle Ereignisse mit ein.
Satirische und historische
Schriften waren im 15. Jahrhundert weit verbreitet. Unter der gemeinsamen
Regentschaft Ferdinands II. und Isabellas I. zwischen 1474 und 1504
erlebten die Geisteswissenschaften einen Aufschwung. Der wichtigste Gelehrte
jener Zeit war der Lexikograph Elio Antonio Martinez de Jarava, der unter dem
Pseudonym Antonio de Nebrija (oder Lebrija) mit Gramática sobre la lengua
castellana (1492) eine Grammatik des Kastilischen herausbrachte. 1508
entstand der berühmteste spanische Ritterroman, Amadís de Gaula, in seiner
heute bekannten Form. Das von einem unbekannten Verfasser stammende Werk
inspirierte eine Vielzahl von Schriftstellern des 16. Jahrhunderts. Das
Lesedrama in Prosa Tragicomedia de Calisto y Melibea (1499, Ain
hipsche Tragedia von zwaien liebhabenden Mentschen) des Dichters Fernando
de Rojas, bekannt unter dem Titel La Celestina (Celestina), ist – nach
Miguel de Cervantes’ Don Quijote (siehe unten) – das bedeutendste Werk
der spanischen Literatur. In dialogischer Form behandelt La Celestina
vordergründig die tragische Geschichte zweier sich liebender Adeliger, gibt
aber tatsächlich ein desillusionierendes Sittengemälde der damaligen
Gesellschaft ab. Die stilistische Virtuosität der Celestina diente den
Autoren des so genannten goldenen Zeitalters in Spanien als Vorbild.
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RENAISSANCE UND GOLDENES ZEITALTER |
Während der Regentschaft König
Karls I. von 1516 bis 1556 entwickelte sich Spanien zur bedeutendsten
europäischen Macht mit zahlreichen Kolonien in Übersee. Bestimmend für das
Schaffen der spanischen Schriftsteller dieser Epoche waren die philosophischen
und künstlerischen Maßstäbe der Renaissance. Insbesondere die Ideen des
holländischen Humanisten Erasmus von Rotterdam prägten u. a. die Werke des
Philosophen Juan Luis Vives und des Theologen Juan de Valdés. Der
Franziskanermönch und Chronist Antonio de Guevara y de Norona verfasste
zahlreiche didaktische Schriften in Form des Dialogs. Die wichtigsten
Geschichtsschreiber der spanischen Renaissance und des goldenen Zeitalters
waren Diego Hurtado de Mendoza und der Jesuit Juan de Mariana.
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4.1 |
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Lyrik |
Während der Renaissance und des
goldenen Zeitalters erlebten die in Versen abgefassten Hirtenspiele als
dramatische Beispiele der Schäferdichtung eine erste Blüte. Orientiert an
italienischen Vorbildern wie Sonett, Kanzone, Terzine und Blankvers schuf etwa
Juan Boscán Almogaver Hirtendichtung im Stil der Idyllen. Garcilaso de la Vega
fand durch Abwandlung der italienischen Vorgaben zu einem eigenen Stil. Mitte
des 16. Jahrhunderts förderte die Gegenreformation in Spanien die
geistlich orientierte Literatur. Der erste Vertreter dieser neuen Richtung war
der Dichter, Gelehrte und Augustinermönch Fray Luis de León, der in seiner
Lyrik – nur 24 Beispiele sind erhalten– christliche Frömmigkeit neben
sensible Naturbetrachtungen stellte; zu seinen Prosatexten gehören die Traktate
De los nombres de Cristo (1583) und La perfecta casada (1583, Die
vollkommene Gattin). Die Werke des Karmelitermönchs Johannes vom Kreuz sind
stark von der Mystik geprägt. Zu seinen schönsten Gedichten gehören Cántico
espiritual (Göttliche Liebesflamme, auch: Das Lied der Liebe)
und Llama de amor viva (Lebendige Liebesflamme) sowie das
mystische Noche escura del alma (Die dunkle Nacht der Seele);
letzteres beschreibt die Sehnsucht der Seele nach der Vereinigung mit Gott, die
sie schließlich in einer Erfahrung erreicht, die eine Parallele zur Kreuzigung
und Auferstehung Jesu Christi darstellt. Ein weiterer bedeutender Dichter
dieser Epoche war Fernando de Herrera: Seine Werke charakterisiert ein
barock-opulenter Stil, der die folgende Phase der spanischen Literatur
nachhaltig prägte.
Die spanische Barockdichtung, die
im 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte, ist vor allem durch eine
kühne Metaphorik und eine bisweilen manieriert wirkende Sprachvirtuosität
gekennzeichnet. Eindrucksvolle Beispiele hierfür lieferte der von Francesco
Petrarca beeinflusste Luis de Góngora y Argote, der dem Schwulststil des Gongorismus
seinen Namen gab. Herreras Poetik Anotaciones a las obras de
Garcilaso de la Vega (1580) ist die bedeutendste spanische Dichtungstheorie
des 16. Jahrhunderts. Von eminenter Bedeutung für die Entwicklung der
spanischen Literatur ist auch der Satiriker Francisco Gómez de Quevedo y
Villegas. Er gilt als Hauptrepräsentant des so genannten Conceptismo,
der sich durch die Verwendung kühner Metaphern, Wortspiele und Paradoxa
auszeichnet.
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4.2 |
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Prosa |
Ab etwa 1530 entstanden
bemerkenswerte Prosatexte mystischer Provenienz, darunter die des
Dominikanermönchs Fray Luis de Granada. Als bedeutendste Vertreterin der
religiösen Prosa des 16. Jahrhunderts gilt die Karmeliterin Teresa von
Ávila, die u. a. die Unterweisungsschrift Camino de perfección (Wege
der Vollkommenheit, gedruckt 1583) und die mystisch-kontemplative
Beschreibung Castillo interior (1577, Die Seelenburg) verfasste.
Der wichtigste Theologe des goldenen Zeitalters war der jesuitische Philosoph
Francisco Suárez, der mit seinen in lateinischer Sprache verfassten Werken als
wichtigster Vertreter der spanischen Barockscholastik gilt. Dazu gehören ein
fünfbändiger Kommentar zur Summa Theologica des Thomas von Aquin, der
zwischen 1590 und 1603 entstand, die Disputationes Metaphysicae (1597; Metaphysische
Disputationen), De Legibus (1612; Über das Recht) und De
Divina Gratia (posthum 1620; Über die göttliche Gnade). Von
außerordentlicher Bedeutung für die Entwicklung der spanischen Literatur war
auch Francisco Gómez de Quevedo y Villegas, der sich kritisch mit den
politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Missständen in Spanien
auseinander setzte. Zu seinen politischen Werken zählen Política de dios,
gobierno de Cristo y tiranía de Satanás (1635) und La vida de Marco
Bruto (1644). Ferner verfasste er philosophische Studien, Liebesgedichte,
Satiren und Burlesken, die eine idealisierte Vergangenheit heraufbeschwören und
den Sittenverfall der Gegenwart beklagen.
Auch die Essayistik war in der
spanischen Literatur des 17. Jahrhunderts von großer Bedeutung.
Herausragend hierbei sind die Empresas (1640) von Diego Saavedra y
Fajardo, eine Utopie über den idealen christlichen Herrscher, die berühmten
Satiren Los sueños (1627, Quevedos wunderliche Träume) von
Quevedo y Villegas, in denen dieser die Laster der Gesellschaft geißelte, sowie
die Romanallegorie El criticón (1651-1657, Criticon oder Über die
allgemeinen Laster des Menschen) von Baltasar Gracián y Morales. Diese
Werke sind allesamt im Stil des für die spanische Barockliteratur kennzeichnenden
Conceptismo abgefasst. Garcilaso de la Vega wurde mit seiner Geschichte
der Inkas und der spanischen Eroberung Perus, die Comentarios reales que
tratan del origen de los Incas (zwei Teile, 1609 und 1617; Geschichte
der Incas, Könige von Peru). Außerdem schrieb er die romanhaft
ausgearbeitete Chronik über die Expedition des spanischen Forschers Hernando de
Soto, La Florida del Inca o historia del adelantado Hernando de Soto
(1605, Geschichte der Eroberung von Florida). Zu Antonio de Guevaras bekanntesten
Schriften gehören der moralsatirische Traktat Menosprecio de corte y
alabanza de aldea (1539, Das vergnügte Land- und beschwerliche Hofleben)
und La década de Césares (1539). Zu seinen Lebzeiten waren diese Werke
weit verbreitet, heute haben sie in erster Linie historische Bedeutung.
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4.2.1 |
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Neue Erzählformen |
Um 1550 entwickelten sich
mehrere neue Romangattungen, darunter der Schäferroman, der Maurenroman und der
Schelmenroman. Der in einer idealisierten Hirtenidylle angesiedelte
Schäferroman kam aus Italien bzw. Portugal nach Spanien. Als bedeutendstes
spanisches Werk dieser Gattung gilt La Diana (um 1559, Diana) des
aus Portugal stammenden Literaten Jorge de Montemayor. Im Maurenroman, einer in
Spanien entstandenen Gattung, vereinigten sich die literarischen Ausprägungen
vorangegangener Jahrhunderte (darunter Ritter- bzw. Abenteuerroman) mit den im
16. Jahrhundert neu hinzugekommenen Stiltendenzen. Inhaltlich griffen
diese Romane unter christlicher Perspektive die Kämpfe mit den Mauren auf. Der
erste Maurenroman ist wohl der anonym veröffentlichte El Abencerraje
(1598). Die literarische Tradition des Schelmenromans, der der Idyllik von
Hirten- und Maurendichtung ein eher pessimistisches Weltbild entgegenstellte
und aus der Perspektive eines sozial Mindergestellten argumentierte, beginnt
mit Lazarillo de Tormes (1554). Ihm folgten zu Beginn des
17. Jahrhunderts zahlreiche weitere Werke, darunter Guzmán de Alfarache
(1599-1604, Das Leben des Guzmán von Alfarache) von Mateo Alemán oder Historia
de la vida del Buscón (1626, Der abenteuerliche Buscon) von
Francisco Gómez de Quevedo y Villegas. Der spanische Schelmenroman übte auf die
Entwicklung des europäischen Romans maßgeblichen Einfluss aus. Vicente Espinels
autobiographische Relaciones de la vida del Escudero Marcos de Obregón
(1618, Leben und Begebenheiten des Escudero Marcos de Obregon) etwa
verwendete der französische Schriftsteller Alain-René Lesage als Vorlage für
seinen Gil Blas (1747).
Als Satire auf die verzerrte
Welt der galanten Ritterromane konzipierte der spanische Schriftsteller Miguel
de Cervantes Saavedra den Roman El ingenioso hidalgo Don Quijote de La
Mancha (1605-1615, Der sinnreiche Junker Don Quijote von La Mancha),
dessen weltfremder, teils aber auch geistreich argumentierender Held sich aus
Liebe zu seiner Angebeteten Dulcinea mit seinem bodenständigen Diener Sancho
Pansa in zahlreiche – eingebildete – Abenteuer begibt. Darüber hinaus entwarf
Cervantes im Don Quijote ein erzähltechnisch innovatives, äußerst
facettenreiches Panorama der spanischen Gesellschaft. Weniger bekannt sind
Cervantes’ Novellensammlung Novelas ejemplares (1613, Exemplarische
Novellen) und sein phantastischer Abenteuerroman Los trabajos de
Persiles y Sigismunda (1617, Die Leiden des Persiles und der Sigismunda),
der zu den Meisterwerken der spanischen Barockprosa gehört.
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4.3 |
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Drama |
Zu den besten spanischen
Dramen aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gehören die lyrischen
Spiele von Gil Vicente, der zugleich als Begründer des portugiesischen Dramas
gilt. Herausragend sind seine drei Moralitäten bzw. Auto sacramentales Auto
da barca do inferno (1516, Die Fahrt zur Hölle), Auto da barca do
purgatório (1518, Das Fegefeuer) und Auto da barca do glória
(1519, Die Erlösung). Unter den Dramatikern der Zeit traten auch Lope de
Rueda und Cervantes mit eigenen Stücken hervor. Zumeist waren diese Dramen im
Stil der italienischen Renaissancekomödie abgefasst. Juan de la Cueva de la
Garoza wählte für seine Theaterstücke zumeist ein Sujet des spanischen
Mittelalters oder der Antike, so für seine Komödie Comedia del infamador
(1581). Seine Poetik Exemplar poético o arte poética Espanola (1606)
hatte großen Einfluss auf das spanische Drama, vor allem auf die volkstümlichen
Komödien Lope de Vegas. Ein weiterer bedeutender Dramatiker des goldenen
Zeitalters war Guillén de Castro y Bellvis, der etwa 50 Theaterstücke
schrieb. Sein bekanntestes Bühnenwerk trägt den Titel Las mocedades del Cid
(1618, Der Cid); es diente Pierre Corneilles Meisterwerk Le Cid (Der
Cid) als Vorlage.
Die spanische Comedia, die
unter Lope de Vega zur Vollendung kam, war ein dreiaktiges Versdrama mit tragikomischen
Motiven. Sie variierte für gewöhnlich im Versmaß (siehe Verslehre) und
orientierte sich nicht an den Regeln der Poetik des Aristoteles. Lope de
Vega leitete die Geschichtsthematik seiner Theaterstücke zumeist von den alten romanceros
ab. Von seinen angeblich 1500 Comedias sind rund 500 erhalten,
darunter Fuenteovejuna (1612 bis etwa 1614, Das Dorf Fuente Ovejuna),
Peribáñez y el Comendador de Ocaña (1614 bis etwa 1616, Das Weib des
Andern) und El caballero de Olmedo (1620-1625, Der Ritter von Olmedo).
Weitere Beispiele der Comedia verfasste Tirso de Molina, darunter La
prudencia en la mujer (1633; Die Weisheit der Frauen) und Don Gil
de las calzas verdes (1635; Don Gil mit den grünen Hosen). El
burlador de Sevilla y convidado de piedra (1630, Don Juan, der Wüstling),
das erste literarische Werk, das den Stoff um Don Juan aufgriff, wurde
ebenfalls lange Zeit Tirso de Molina zugeschrieben. Heute gilt sein Zeitgenosse
Andrés de Claramonte (1580-1626) als Verfasser. Auch der ebenfalls Corneille
inspirierende Juan Ruiz de Alarcón Mendoza machte sich mit seinen im
städtischen Milieu spielenden Sittenkomödien wie Las paredes oyen (Die
Wände hören) und La verdad sospechosa (Die verdächtige Wahrheit)
um die Entwicklung der Comedia verdient.
Den Höhepunkt des Dramas im
goldenen Zeitalter bildet zweifellos das Schaffen Pedro Calderóns de la Barca.
Seine bühnenwirksamen, philosophischen Stücke sind von einer äußerst komplexen
Handlungskomposition charakterisiert. Dazu gehören La vida es sueño (um
1635, Das Leben ist Traum) und El alcalde de Zalamea (1642, Der
Richter von Zalamea). Nach 1650 widmete sich Calderón de la Barca
ausschließlich der Gattung der Auto sacramentales und damit der allegorischen
Darstellungen des christlichen Heilsgeschehens. Zwei Stücke dieser Gattung, El
gran teatro del mundo (1649, Das große Welttheater) und La cena
del rey Baltasar (um 1634, Das Nachtmahl des Königs Balthasar),
gehören zu den bedeutendsten Fronleichnamsspielen und werden noch heute in
Spanien aufgeführt. Calderón gilt sowohl wegen dieser geistlichen als auch
wegen seiner weltlichen Stücke als einer der größten spanischen Dramatiker.
Unter anderem Francisco de Rojas Zorrilla und Agustín Moreto y Cavana wurden
von Calderón beeinflusst.
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VON 1700 BIS ZUR GEGENWART |
Im Laufe des 17. Jahrhunderts
verlor Spanien an politischer und wirtschaftlicher Bedeutung. Diese Tendenz
setzte sich während des Spanischen Erbfolgekrieges von 1701 bis 1714 und unter
der Herrschaft der ersten Bourbonenkönige in Spanien zwischen 1700 und 1759
fort. Dementsprechend stagnierte die Entwicklung der spanischen Literatur. Als
Literat der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ragt allein der
Benediktinermönch Benito Jerónimo Feijoo y Montenegro heraus, der sich in
seinen Essays für die Ideale der Aufklärung stark machte und ein
naturwissenschaftlich-technisches Denken propagierte.
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5.1 |
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Klassizismus |
Während der Regentschaft des
aufgeklärten Monarchen Karl III., der von 1759 bis 1788 herrschte, geriet
die spanische Literatur unter den Einfluss des französischen Klassizismus.
Beispiele hierfür sind die Theaterstücke von Nicolás Fernández de Moratín und
die seines Sohnes Leandro Fernández de Moratín (El sí de las niñas,
1805). Der Dramatiker Ramón de la Cruz dagegen gestaltete seine Einakter nach
spanischer Tradition. Einen großen Einfluss auf den spanischen Klassizismus
hatte auch die Renaissancedramatik Ponce de Leóns. Weitere wichtige Vertreter
des spanischen Klassizismus waren Gaspar Melchor de Jovellanos y Ramírez und
Juan Meléndez Valdés. Zu seinen Gedichtbänden gehören Poesías (1785) und
Los besos de amor. Obras inéditas (posthum 1897). Als Lyriker machte
sich José de Cadalso y Vázquez einen Namen, der in seinen Essays
satirisch-kritisch zur spanischen Gesellschaft Stellung nahm (Cartas
marruecas, 1793). Napoleons Vordringen nach Spanien (1808) und die
absolutistische Herrschaft Ferdinands VII. bewirkten eine neuerliche
Stagnation der literarischen Aktivität während der ersten drei Jahrzehnte des
19. Jahrhunderts. Zu den herausragenden Dichtern jener Zeit gehört Manuel
José Quintana.
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5.2 |
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Romantik |
Obgleich das goldene Zeitalter
die europäische Romantik in anderen Ländern prägte, entstanden in Spanien
selbst erst ab den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts romantische Werke
von Bedeutung. Ángel de Rivas Saavedra schuf das entscheidende spanische Drama
der Romantik, Don Alvaro o la fuerza del sino (1835). An ihm orientierte
sich José Zorrilla y Moral, der überdies – wie auch Rivas – in seinen
Verserzählungen wie Cantos del trovador (3 Bde., 1840/41) und Granada
(1852) legendäre und historische Stoffe verarbeitete. Sein Don Juan Tenorio
(1844) kommt noch heute einmal jährlich zu Allerseelen in Madrid auf die Bühne
– erzählt es doch die Errettung des Verführers vor den Qualen der Hölle durch
die Liebe einer Frau. Ein weiteres bedeutendes Stück von ihm ist Traidor,
incofeso y mártir (1849). Den revolutionären Geist der Romantik verkörperte
der Dichter José Leonardo de Espronceda y Delgado, zu dessen Hauptwerken die
Verserzählung El estudiante de Salamanca (1840, Der Student von
Salamanca), ebenfalls eine Variation des Don-Juan-Motivs, sowie das
fragmentarische Versepos El diablo mundo (Der Weltteufel), eine Art Faustdichtung,
gehören. Unter den Lyrikern der Zeit ragt Gustavo Adolfo Bécquer heraus, der
die Romanzendichtung neu belebte. Sein bekanntestes erzählerisches Werk sind
die Leyendas (1871, Legenden), eine leichtfüßige, musikalische
Prosa von poetische Phantastik. Los ojos verdes (Die grünen Augen) ist
häufiger in Anthologien phantastischer Literatur anzutreffen.
Im Bereich der Prosa taten
sich die Kostumbristen (Costumbristas) mit ihrer teils
malerisch-verklärenden Schilderung regionaler Gesellschaften hervor. Des
Weiteren entstanden Satiren, so die von Mariano José de Larra, der vor allem
durch seine bissigen Zeitungs- und Zeitschriftenartikel bekannt wurde: seine
Alltagsskizzen Artículos de costumbres gaben dem Zeitungs- und
Zeitschriftengenre eine neue Stoßrichtung, indem Larra der wehmütigen Nostalgie
bisheriger Verfasser den beißenden Spott seiner Gesellschaftsporträts
entgegenstellte. Darüber hinaus verfasste er mehrere Dramen. Die Liebesthematik
seines Romans El doncel de Don Enrique el doliente (1834, Der Doncel)
und des Dramas Macías (1834) hingegen zeigen Larra in der Tradition der
Romantik. Daneben übersetzte er zahlreiche französische Dramen.
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5.3 |
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Realismus |
In der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts begann sich in Spanien – ebenso wie in anderen Ländern –
der Realismus innerhalb der Literatur durchzusetzen. Einen Höhepunkt dieser
Entwicklung stellt das Werk von Benito Pérez Galdós dar. Mit seinem 46-bändigen
Hauptwerk Episodios nacionales (1873-1879 und 1897-1912) zeichnete der
Autor einen fiktiven Abriss der spanischen Geschichte seines Jahrhunderts.
Darüber hinaus verfasste er Tendenzromane, die zu aktuellen religiösen,
sozialen und politischen Themen Stellung nahmen, darunter Doña Perfecta
(1876, über religiöse Intoleranz). Als sein Hauptwerk gilt Fortunata y
Jacinta (1886/87, Fortunata und Jacinta). Sein Roman Tristana
wurde 1970 von Luis Buñuel mit Cathérine Deneuve in der Hauptrolle verfilmt. Zu
den realistischen Regionalisten der spanischen Literatur zählen José María de
Pereda y Sanchez de Pourrúa (Santander), Pedro Antonio de Alarcón y Ariza und
Juan Valera y Alcalá Galiano (Andalusien) sowie Emilia Gräfin von Pardo Bazán
(Galicien). Pedro Antonio de Alarcón y Arizas Erzählung El sombrero de tres
picos (1874, Der Dreispitz) diente als Grundlage für das
gleichnamige Ballett von Manuel de Falla.
Emilia Gräfin von Pardo Bazán,
zu deren bedeutendsten Werken Pascual López (1879), La madre
naturaleza (1887), Cuentos de amor (1894), Misterio (1903)
und Cuentos de la tierra (1922) gehören, steht an der Schwelle zum
Naturalismus. Auch Leopoldo García de las Alas y Ureña ist dem Naturalismus
zuzurechnen: Seine Bücher La regenta (1884-1885, Die Präsidentin)
und Su único hijo (1890) gelten als die beiden größten spanischen
naturalistischen Romane des Jahrhunderts. Valera y Alcalá Galianos etablierte
eine von Charles Baudelaire adaptierte Ästhetik des Hässlichen in der
spanischen Literatur. International bekannt wurden Armando Palacio Valdés und
Vicente Blasco Ibáñez, zu dessen Werken die Romane Cañas y barro (1902),
La Catedral (1903), Sangre y arena (1908, Die blutige Arena)
und Los cuatro jinetes del Apocalipsis (1916, Die apokalyptischen
Reiter) gehören, letzteres eine Familiengeschichte zur Zeit des
1. Weltkrieges. Als maßgeblichem Kritiker und Literaturhistoriker im
Spanien des 19. Jahrhunderts kommt Marcelino Menéndez y Pelayo große
Bedeutung zu.
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5.4 |
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Die Generation von 98 |
Im letzten Jahrzehnt des
19. Jahrhunderts formierte sich die Generation von 98, zu der
u. a. der Philosoph Miguel de Unamuno y Jugo, der Romancier Ramón María
del Valle-Inclán, der Lyriker Antonio Machado y Ruíz, der Essayist José
Martínez Ruíz, der Schriftsteller Pío Baroja y Nessi und der Dramatiker Jacinto
Benavente y Martínez gehörten. Ziel der Gruppe war eine grundsätzliche
ästhetisch-stilistische Umorientierung. Impulse hatte dabei die Dichtung des
nicaraguanischen Lyrikers Rubén Darío, eines Hauptvertreters des Modernismo,
gegeben.
Innerhalb der Generation
von 98 vertrat Miguel de Unamuno y Jugo mit Werken wie Del sentimiento
trágico de la vida en los hombres y en los pueblos (1913, Das tragische
Lebensgefühl) oder L’agonie du christianisme (1925, Die Agonie
des Christentums, spanisch 1928) eine dem Existentialismus und dem
Solipsismus Max Stirners gleichermaßen verwandte Position. Valle-Incláns Werke
sind dem Ästhetizismus zuzurechnen: Gerade in den drei zum Spätwerk
überleitenden Comedias barbaras (1907-1923, Barbarische Komödien)
manifestierte sich dort ebenso wie in der von Valle-Inclán geschaffenen Form
der esperpentos (Schauerpossen) seine radikal antibürgerliche, politisch zum
Anarchismus tendierende Haltung. Der Lyriker Antonio Machado y Ruíz verschrieb
sich u. a. in seinem Meisterwerk Campos de Castilla (1912) der
Geschichte Kastiliens. Pío Baroja y Nessis Hauptwerk ist der 20-bändige
Romanzyklus Memorias de un hombre de acción (1913-1931), eine Reihe lose
miteinander verbundener Romane, in deren Mittelpunkt ein Titelheld steht, der
zur Zeit der spanischen Karlistenkriege im Baskenland lebte; Barojas Gesamtwerk
umfasst mehr als 100 Bände. Den Höhepunkt im Schaffen Jacinto Benaventes
stellt zweifellos das Drama Los intereses creados (1907, Der
tugendhafte Glücksritter oder Crispin als Meister seines Herrn) dar, für
das er 1922 den Literatur-Nobelpreis erhielt.
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5.5 |
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20. Jahrhundert |
Die von den Vertretern der
Generation von 98 zur Jahrhundertwende eingeleitete „Modernisierung” der
spanischen Literatur fand zur Zeit des Spanischen Bürgerkrieges (1936-1939) ein
Ende. Eine Vielzahl von Autoren wurde mit Schreibverbot belegt oder floh ins
Exil. Zu den herausragenden spanischen Lyrikern zu Beginn des
20. Jahrhunderts gehörte Juan Ramón Jiménez, der 1956 den
Literatur-Nobelpreis erhielt; eines seiner bedeutendsten Werke ist die
schwermütige, Phantastisches und Reales grandios verknüpfende Prosaelegie Platero
y yo (1917, Platero und ich) über einen Mann und seinen Esel. Der
Kulturphilosoph und Schriftsteller José Ortega y Gasset schrieb formvollendete
Prosa und wurde durch seine Analyse von Massenphänomenen international bekannt
(Der Aufstand der Massen, 1930). Zu den bedeutenden Prosaisten der
ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zählen auch der Schriftsteller
Ramón Pérez de Ayala und der Essayist Gabriel Miró Ferrer. Als führender
Vertreter des literarischen Expressionismus in Spanien profilierte sich Ramón
Gómez de la Serna mit Roman- und Bühnenwerken. Auch der Kritiker und Essayist
Eugenio d’Ors y Rovira, die Essayisten Salvador de Madariaga y Rojo und
Gregorio Marañón y Posadillo sowie der Kritiker Ramón Menéndez Pidal taten sich
im Bereich der Prosa hervor. Zu Madariagas herausragenden Romanen gehören El
corazón de piedra verde (1942, Das Herz von Jade) und Guerra en
la Sangre (1957, Krieg im Blut) über Themen der lateinamerikanischen
Geschichte.
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5.5.1 |
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Lyrik |
In der spanischen Lyrik der
zwanziger und dreißiger Jahre kommt der Generation von 1927 eine
zentrale Rolle zu. Als bedeutendster Vertreter dieser Gruppe gilt Federico
García Lorca: Wichtige Themen sind die Macht des Schicksals und die
Allgegenwart des Todes innerhalb literarischer Werke wie Lorcas Romancero
gitano (1928, Zigeunerromanzen), das in der Kultur Andalusiens
verwurzelt ist und Einflüsse sowohl der arabischen Kultur als auch der
Lebenswelt der Zigeuner aufweist; seine melodische und reine Sprache ist stark
lyrisch und zeichnet sich durch eine ungewöhnliche, bisweilen komplizierte
Metaphorik aus. Des Weiteren gehörten Jorge Guillén, Rafael Alberti und Vicente
Aleixandre y Merlo zur Gruppe. Guillén wurde mit seiner Lyriksammlung Cántico
(1928, überarbeitet 1936, 1945 bzw. 1950, Lobgesang) bekannt. In Clamor
(3 Bde., 1963, Klage) befasste er sich mit der politischen und
sozialen Situation des Landes. Als Gegner des Franco-Regimes wurde Guilléns
Grundton immer pessimistischer: 1939 ging er ins Exil. Als Albertis Meisterwerk
gilt Sobre los ángeles (1929, Über die Engel), eine Allegorie mit
Elementen des Surrealismus, in dem Engel die Mächte der wirklichen Welt
darstellen. Kennzeichnend für die Lyrik Aleixandre y Merlos, der 1977 den
Nobelpreis für Literatur erhielt, sind romantisch-visionäre, teils
surrealistische Elemente (Antología total, 1975), was bereits in seinem
ersten Gedichtband Ámbito (1928) deutlich wird.
Einem Kreis von Schriftstellern,
der als Generation von 1936 bezeichnet wird und deren Werke tief
religiös inspiriert waren, gehörten Germán Bleiberg, Carmen Conde, Luis Felipe
Vivanco Bergamín, Juan Panero, Leopoldo Panero, Luis Rosales Camacho, Dionisio
Ridruejo und Miguel Hernández: Letzterer wurde mit seinem Gedichtband El
rayo que no cesa (1936) einer großen Leserschaft bekannt. Der Generation
von 1936 folgte eine Dichtergruppe, die sich bewusst sozialkritisch gab.
Ihr gehörten Rafael Morales, Vicente Gaos, Carlos Bousoño, Blas de Otero,
Gabriel Celaya, Victoriano Crémer, José Hierro, Eugenio García González de Nora
und José Maria Valverde an. In den fünfziger Jahren dann entstanden in
Barcelona um Carlos Barral und Jaime Gil de Biedma sowie parallel hierzu in
Asturien (Angel Gonzáles, Carlos Bousoño), Gallizien (José Angel Valente),
Extremadura (Claudio Rodríguez) und Valencia (Francisco Brines) Bewegungen, die
eine weniger moralische, mehr auf ästhetische Modernität ausgerichtete Lyrik
propagierten. Auch die Dichtungen in Lorenzo Gomís’ Sammlung Poesía
1950-1975 (1978) sind in ihrem religiös-visionären Duktus wieder äußerst
subjektiv.
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5.5.2 |
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Prosa |
Der Roman entwickelte sich nach dem
2. Weltkrieg zur bevorzugten Gattung der spanischen Literatur. Ausgeprägte
pikareske Tendenzen zeichnen sich in den Werken des Schriftstellers Juan
Antonio de Zunzunegui y Loredo ab, so in La ulcera (1948) und La
quiebra (1957). Den Spanischen Bürgerkrieg verarbeitete Max Aub in La
verdadera historia de la muerte de Francisco Franco (1960). Auch in den
Werken des Schriftstellers und Soziologen Francisco Ayala ist der Bürgerkrieg
ein zentrales Thema, so in seinem von Pessimismus geprägten – besten– Roman Muertes
de perro (1958). Die Romane La familia de Pascual Duarte (1942, Pascual
Duartes Familie) von Camilo José Cela und Nada (1944) von Carmen
Laforet gehören zu den bekanntesten Werken jener realistisch-pessimistischen Strömung,
die als Tremendismo bezeichnet wird.
Ein eher traditioneller Realismus
kennzeichnet die Werke von Ignacio Agustí und José María Gironella, dessen
Hauptwerk die Romantrilogie Los cipreses creen en Dios (1953, Die
Zypressen glauben an Gott) darstellt; hier wird der Ausbruch des
Bürgerkrieges anhand einer politisch zerrissenen Familie aufgearbeitet. Miguel
Delibes verfasste neben Reiseberichten zumeist realistische Romane, darunter La
sombra del ciprés es alargada (1947) und Cinco horas con Mario
(1966, Fünf Stunden mit Mario). Zu den Hauptthemen der Schriftstellerin
Ana María Matute gehören Kinderschicksale und erste Identitätserfahrungen (Los
niños tontos, 1956, Seltsame Kinder; Primera memoria, 1959, Erste
Erinnerung). El jarama (1955, Am Jarama) ist ein rein
objektivistisch-präzis beschreibender Roman des Schriftstellers Rafael Sánchez
Ferlosio. Juan Goytisolo wiederum wandte sich einer existentiellen Problematik
zu, die er mit der Erstarrung der spanischen Gesellschaft in Verbindung brachte.
Zu seinen bekanntesten Romanen gehören Juegos de manos (1952, Der
Falschspieler), Duelo en el paraíso (1955, Trauer im Paradies),
Las virtudes del pájaro solitario (1988, Die Tugenden des einsamen
Vogels) und El sito de los sitios (1995, Der Ort der Belagerungen).
Als bedeutendster spanischer Romanschriftsteller seiner Generation gilt Ramón
José Sender, der während des Spanischen Bürgerkrieges aufseiten der
Republikaner kämpfte und einige Zeit im mexikanischen Exil lebte (Mr. Witt
en el cantón, 1935; Crónica del alba, 1942; Requiem por un
campesino Español, 1962, Requiem für einen spanischen Landmann). In
den siebziger Jahren brillierte Francisco Umbral mit seinen
sozialgeschichtlichen Romanen Las ninfas (1976) und La noche que
llegue al Café Gijón (1977).
Julián Ríos versuchte sich in den
achtziger Jahren mit seinem sprachmächtig-experimentellen Roman Larva.
Babel, una noche de San Juan (1983, Larva. Babel, eine Johannisnacht)
in der Nachfolger von James Joyce; in den neunziger Jahren entstanden Los
sombreros de Alícia (1992, Hüte für Alicia) und Amores que
atan / Belles Lettres (1995, Bindende Liebschaften / Belles
Lettres). Ein weiterer herausragender Vertreter der spanischen
Prosaliteratur ist zweifellos der Schriftsteller und Ingenieur Juan Benet mit seinen
Meisterwerken Herrumbrosas Ianzas (1983ff., Rostige Lanzen) und En
la penumbre (1982, Im Halbschatten). Eduardo Mendoza legte mit
seinem dritten Roman La ciudad de los prodigos (1986, Die Stadt der
Wunder) ein Buch vor, das auch international zum Bestseller avancierte. In
den achtziger Jahren erschienen auch Julio Llamazares’ schmale Prosapoesien Luna
de lobos (1985) und La lluvia amarilla (1988, Der gelbe Regen).
1989 bekam Camelio José Cela den Nobelpreis für Literatur zugesprochen; als
sein bester Roman gilt gemeinhin La colmena (1951, Der Bienenkorb),
mit dem er die Entwicklung der Gattung innerhalb der spanischen Literatur
voranbrachte. Miguel Delibes brillierte 1991 mit seiner Liebesgeschichte Señora
de rojo sobre fondo gris (Frau in rot auf grauem Grund); im gleichen Jahr
erschien Enrique Vila-Matas’ mit viel schwarzem Humor durchsetzter Erzählband Suicidos
ejemplares (Vorbildliche Selbstmorde). 1993 erhielt Delibes mit dem
Cervantes-Preis den bedeutendsten Literaturpreis der spanischsprachigen Welt.
Ein weiterer bedeutender spanischer Schriftsteller ist Jorge Semprun, der 1994
den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt.
Auf dem Gebiet der Essayistik
traten insbesondere Julián Marías, ein Schüler Ortega y Gassets, sowie José
Gaos, Pedro Lain Entralgo, José Ferrater Mora, María Zambrano (Ortega y Gassets
Lieblingsschülerin), José Luis Aranguren, Francisco Ayala, Guillermo Díaz
Plaja, Ricardo Gullón und Guillermo de Torre hervor. Einflussreiche
literaturkritische Schriften verfassten Américo Castro, Dámaso Alonso und
Joaquín Casalduero.
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5.5.3 |
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Drama |
Unter den Dramen der spanischen
Gegenwartsliteratur ragen die düster symbolhaften Tragödien García Lorcas klar
heraus; dazu zählen seine symbolische Tragödie Bodas de sangre (1933, Bluthochzeit),
die auf eine wahre Begebenheit zurückgeht und Eifersucht und den Tod zweier
Rivalen im Kampf um eine Frau zum Inhalt hat– sie leitete eine neue Phase in
der Entwicklung des modernen poetischen Theaters ein –, Yerma (1934), La
casa de Bernarda Alba (aufgeführt 1945, Bernarda Albas Haus) sowie
die Tragikomödie Doña Rosita la soltera (1935, Doña Rosita bleibt
ledig oder Die Sprache der Blumen). Daneben gehören Alejandro Casona
(Los árboles mueren de pie, 1949, Bäume sterben aufrecht) und
Antonio Buero Vallejomit mit seinen existentialistisch zugespitzten
Theaterstücken (Historia de una escalera, 1949; Geschichte einer
Leiter) zu den Dramatikern von Rang. Wichtige Theaterdichter der fünfziger
Jahre waren Alfonso Sastre (Escuadra hacia la muerte, 1953) und Alfonso
Paso (Juicio contra un sinvergüenza, 1959). Auch Carlos Arniches y
Barrera, Jacinto Grau Delago, Lauro Olmo und Antonio Gala traten mit wichtigen
Theaterstücken hervor. Herausragend sind die am absurden Theater wie auch an
Antonin Artauds Theater der Grausamkeit geschulten Dramen Fernando Arrabals.
Verfasst von:
Thomas Köster
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